Mädchen, Magier, Menschenfresser (Teil II)

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Die sich dem Finsterkamm entgegenneigende Praiosscheibe tauchte den Westhimmel in warme Farben, als Morasch und seine Gefährten die hölzernen Palisaden Düsterrodes erreichten. Mit gefurchter Stirn schaute der Angroscho von dem geschlossenen Tor zum von Fackelschein erleuchteten Wachturm hinauf. Ein grün-weißer Wimpel hing schlaff hinab und der klagende Schrei eines Nachtvogels gellte vom Waldrand herüber.

»Ist noch nicht mal richtig dunkel. Hier muss was vorgefallen sein, wenn die Tore schon geschlossen sind. Bei meinem Bart!«

Winlanjor warf ihm einen skeptischen Blick zu. »Oder die Dörfler wollen Reisenden die Ungastlichkeit vorführen, die hier Sitte ist.«

»Morasch hat recht«, sagte der Geweihte und trat vor das Tor. Sein weißer Wappenrock stach aus dem schmutzigen Braun der übrigen Gefährten deutlich hervor. »Heda, Turmwächter!«, rief er den Wehrbau hinauf. »Oromé Rondrasturm von Donnerbach, Knappe der göttlichen Leuin, verlangt eingelassen zu werden!«

Eine Frau, deren Hakennase tiefe Schatten im Licht der Fackel warf, tauchte im Turm auf. »Rondra zum Gruße! Euch schicken wahrlich die Götter! Ich eile, Euer Gnaden.«

»Schau an ...« Morasch fuhr sich zufrieden durch den Bart und warf Winlanjor einen vielsagenden Blick zu. Dem Spitzohr fehlte einfach der analytische Verstand, der den Angroschim zu eigen war.

Kurz darauf wurde einer der Torflügel aufgezogen. Die Wachfrau hatte eine für Großlinge ansehnliche Statur, wie Morasch mit einem Blick auf den kräftigen und wohlgerundeten Körper erkannte.

Etwas außer Atem verbeugte sie sich und gab den Weg ins Innere des Palisadenwalls frei. »Verzeiht mir, Euer Gnaden, dass wir die Tore geschlossen halten. Seit ein paar Tagen streunt ein garstiger Menschenfresser durch die Gegend. Der Oger hat sich gar den Ettel geholt. Der Schulze hat auch bereits den Vogt verständigt, damit man uns Soldaten schickt, die dem Unhold den Garaus machen. Ein gewaltiges Vieh ist’s, dass unser Heim und Vieh bedroht und Schlimmeres, bei Mütterchen Travia!«

»Ein Oger? Bei Rondra, er wird meine Klinge zu spüren bekommen!«

»Sag, Bruderschwester, hast du diesen Oger mit eigenen Augen gesehen? War er alleine?«

»Nein, ich habe die Bestie nicht zu Gesicht bekommen, aber der Tannfried hat seine Spuren entdeckt. Und Fenia hat ihn zwischen den Bäumen umherschleichen sehen, als sie vor zwei Tagen Wacht hielt! Sie ist ...«

»Wo finden wir die beiden?«, unterbrach Winlanjor den Redefluss.

Verdutzt hielt die Wachfrau inne, musterte den Halbelfen kurz und wandte sich dann Oromé zu. »Vermutlich in der Waldschänke. Dort ...«

»Gehen wir! Ihr solltet die Umgebung im Auge behalten.« Winlanjor deutete mit einem Kopfnicken zum Wachturm hinauf.

Seufzend schloss die Wächterin das Tor und legte einen schweren Balken vor, während Winlanjor zur Schänke voranging. Ferdijin folgte ihm ein Lied pfeifend auf dem Fuß.

Morasch sah den Geweihten an, der noch keine Anstalten machte, zur Schenke aufzubrechen, sondern beinahe träumerisch ins Leere starrte. »Auf dem Hintern sitzend und mit einem Humpen Bier vor der Nase lässt es sich besser Pläne schmieden, Junge. Hören wir uns lieber an, was dieser Tannfried berichtet. Du musst wissen, vor einiger Zeit hat unser Halbelf nordwestlich von hier Ogerspuren gefunden.« Diese Worte brachten Oromés Gedanken wieder zurück in die Wirklichkeit, wie Morasch zufrieden feststellte. »Er war der Meinung, es wären mindestens zwei Menschenfresser gewesen und die Spuren hätten in Richtung Düsterrode geführt.«

»Hm, interessant ... zwei der Bestien.« Endlich setzte sich auch der Rondrianer in Bewegung. »Welch rondragefällige Tat wird es sein, sie zur Strecke zu bringen!«


Noch auf dem Dorfplatz war das Lärmen der Dörfler im Inneren der Waldschänke gut vernehmbar. Warmes Licht fiel durch die mit Tierhäuten bespannten Fenster des Fachwerkbaus und als Ferdijin die Tür aufstieß, stieg Morasch der Geruch von billigem Bier und deftigem Eintopf in die Nase.

»Preiset die Schönheit, Bruderschwestern, wir sind zurückgekehrt!«

Schlagartig wurde es Still in der Schankstube, in der jeder Sitzplatz belegt war.

»Allerdings ohne gute Nachrichten«, ergänzte Winlanjor. »Wir haben die Spur des Räuberpacks im Nebelmoor verloren. Der Vorsprung, den sie durch ihre Pferde hatten, war nicht wettzumachen.«

»Manche sagen, ...« Ferdijin drehte sich kurz zu Morasch, bevor er den Dörflern wieder seine Aufmerksamkeit widmete. »... Drachenwerk wäre im Spiel gewesen. Doch euch plagen derzeit andere Probleme, wie wir hörten.«

»Bier, Rübenschnaps und Eintopf – für mich und meine Gefährten!«, rief Morasch den Wirtsleuten ins Gedächtnis, dass ihre Aufgabe nicht im Geschichtenerzählen bestand.

Unter Segenswünschen und Götterdank machten die Dörfler Stühle frei, um ihren vermuteten Rettern Gastfreundschaft zu gewähren und vielleicht auch den Preis für das Erschlagen des Ogers zu drücken. Doch so leicht ließ sich Morasch nicht erweichen. Gutes Gold für gutes Werk, bei Angrosch!

In der Zwischenzeit hatte sich auch Oromé vorgestellt und die Wirtin hatte Holzkrüge mit kaum schäumendem Bier vor die Gefährten gestellt. Morasch nahm einen tiefen Schluck und knallte den leeren Krug auf den Tisch. »Noch eines! Und wer hier ist Tannfried?«

Alle Blicke im Raum richteten sich auf einen Schwarzbart in Lederkleidung.

»Du hast die Spuren des Ogers gefunden, sagt man.«

Mit einem zögerlichen Lächeln nickte der Angesprochene. »Vor einer Woche.« Sein Gesicht nahm ernste Züge an. »Im Wald, knapp zwei Meilen vom Dorf. Und dann vor drei Tagen, am Waldrand. Da, wo wir Ettels Überreste gefunden haben.« Der Waidmann schlug das Boronsrad vor der Brust. Die übrigen Dörfler taten es ihm mit bedrückten Mienen gleich und für einen Moment herrschte Schweigen im Raum.

»War es einer oder zwei?«, hakte Winlanjor nach.

»Den Spuren nach, war es einer und auch Fenia hat nur einen gesehen.«

Eine Rotblonde, deren muskelbepackte Arme von ihrer Weste unbedeckt blieben, erhob sich. Erfreut erblickte Morasch ein Hautbild auf dem Oberarm, das Hammer und Amboss zeigte. Ein Prachtweib, für die Verhältnisse von Großlingen.

»Stimmt schon«, sagte die Schmiedin. »Eine einzelne Bestie. Riesengroß. Hatte eine gewaltige Keule dabei. ’Ne Kupferscheibe hing ihm vor dem Fettwanst und breite lederne Bänder hatte er um die Arme gewunden.«

»Bedenkt«, meinte ein ehrwürdiges Mütterchen im grünen Ornat der Perainekirche, »dass die Schwarzpelze sich mit Menschenfressern umgeben.«

»Aber solche Spuren habe ich nicht gefunden!«

»Jeder Orkschamane hat ’nen Oger« rief jemand von weiter hinten.

Ein untersetzter Mann mit Halbglatze – der Dorfschulze, wie sich Morasch erinnerte – breitete die Hände aus, um für Ruhe im aufkeimendem Gemurmel zu sorgen. »Wenn’s die Schwarzpelze hierher verschlagen hätt’, dann würden’s wohl angreifen.« Der Schulze schaute eindringlich zu Oromé. »Unsre Sorge gilt dem Menschenfresser. Nicht nur den Ettel hat er getötet. Vor zwei Tagen is’ hier ein reisender Magier durchgekomm’n. Zwei Waffenknechte zum Schutz hat er gehabt. Gestern is’ dann sein Maultier wieder ins Dorf getrabt. Alleine und mit Blut beschmiert.«

Der Rondrianer richtete sich auf. »Verzagt nicht, gutes Volk! Ich werde den Oger erschlagen, für Rondras Ehr! Euer Dank soll mir genug sein. Die Götter mit uns!«

Hochrufe wurden laut, während Morasch mit offenem Mund den Geweihten anstarrte. Dieser einfältige Jungspund! Wie konnte er sich anmaßen, über sie mitzubestimmen. Nun blieb ihnen nur die Wahl, den Knaben ins sichere Verderben rennen zu lassen oder ihn zu begleiten – unbezahlt! Der Rondrianer konnte sich glücklich schätzen, dass die Angroschim nicht nur tapfer, sondern auch pflichtbewusst waren. Den verwehrten Lohn würde er sich aber ein andermal wiederholen. Wenn diesem Oromé nichts an Gold lag, würde es ihm auch nicht schwerfallen, bei nächster Gelegenheit auf Sold zu verzichten. Aber dann würden die Münzen nicht im feisten Säckel eines Schulzen verschwinden, sondern Moraschs eigenen Beutel füllen.

»Gräm dich nicht!«, flüsterte Ferdijin ihm zu. »Uns bleibt noch die Beute, die wir beim Oger machen!«

»Das hieß es auch schon bei der Entführung Eldoras!«

»Und diese Zweiheit sollte dir Hoffnung geben, Bruderschwester! Lass uns noch ein paar Schnäpse heben und morgen mit frischem Mut den Oger fangen!«

"Die Kinder des 23. Ingerimm"

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