Mädchen, Magier, Menschenfresser (Teil III)

13. Phex 1040 BF


Glockenläuten und eine Vielzahl an Stimmen drangen gedämpft an Ferdijins Ohren, wurden lauter und rissen ihn aus einem traumlosen Schlaf. Seine Zunge fühlte sich dick und pelzig an und ein Stechen hinter der Stirn zeigte, dass er besser den letzten Schnaps ausgelassen hätte. Während sich der viel zu früh angebrochene Tag unerbittlich in sein Bewusstsein drängte, riss jemand die Tür zur Scheune auf, in der sie die Nacht verbracht hatten.

»Linje?«, rief eine sich überschlagende Stimme, dann entfernte sich der Rufer.

Auch auf dem Dorfplatz musste sich ein vielstimmiger Chor von Schreihälsen versammelt haben. Selbst wenn er die Worte nicht verstand, blieb die Aufregung der Rufenden ihm nicht verborgen.

»Wach endlich auf, Junge! Oromé und Winlanjor sind schon draußen. Scheinbar ist jemand verschwunden.«

Schmatzend richtete sich Ferdijin auf und griff die Hose, die neben ihm lag. Der Geruch muffigen Strohs und der Gestank des eigenen Atems vermengten sich in seiner Nase zu einem widerlichen Odem, der den Wunsch nach frischer Morgenluft drängend werden ließ. Rasch schlüpfte er in die Beinkleider, packte den Waffengurt und wandte diesen im hinausschreiten um die Taille.

Der Morgen war gerade erst angebrochen und doch liefen die Dörfler in hektischer Eile umher. Die Schmiedin rief einen Namen den Brunnenschacht hinunter. Wieder Linje. Wer war das? Auch der Ka’Shîk schrie nach dieser Linje. Furcht schwang in seiner Stimme mit. Oromé stand vor einer weinenden Vierzigjährigen mit schwarzen Zöpfen, die noch das Nachtgewand trug. Von Winlanjor fand sich keine Spur.

Da Morasch auf den Ka’Shîk zusteuerte, beschloss Ferdijin sein Glück bei Oromé und der Weinenden zu versuchen.

»Das ist Mirnhilde, die Frau des Dorfschulzen«, rief ihm Oromé entgegen, wobei er mit einer Kopfbewegung in Richtung des Ka’Shîk deutete. »Ihre Tochter Linje ist verschwunden. Es muss irgendwann heute Nacht passiert sein.«

Die Mutter schniefte und wischte die Tränen aus den Augen. »Sie muss sich aus ihrem Zimmer geschlichen haben. Bitte helft, meine kleine Linje zu finden.«

»Wo ist dein Hause, Bruderschwester? Vielleicht lassen sich dort Spuren entdecken.«

Ferdijin folgte ihrem ausgestreckten Finger in Richtung eines weißgetünchten Fachwerkbaus, dessen Front von einem Krämerladen eingenommen wurde. Gerade als er durch die offenstehende Tür eintreten wollte, wurden Rufe aus Nähe des Tores laut. Winlanjor! Er hatte etwas entdeckt. Im Laufschritt eilte Ferdijin in die Richtung des Halbelfen.

Der kauerte an der Palisade in unmittelbarer Nähe des Wachturms und deutete auf einen schmalen Spalt, der zwischen den Pfählen klaffte. »Da sind Leinenfasern und ein Fußabdruck!«

Wenn Linje ein schlankes Mädchen war, mochte sie durchaus dort hindurchgeschlüpft sein. Einem Erwachsenen bot der Spalt nicht genug Platz und einem Oger erst recht nicht.

Mirnhilde erreichte die Stelle und hob einen der dort hängenden Fäden vor ihr Gesicht. »Das ist von ihrem Nachthemd!«, schluchzte sie. »Warum in Travias Namen hat sie nur das Dorf verlassen? Sie wusste doch von dem Oger.«

Ohne die weinende Mutter anzusehen, lief Winlanjor in Richtung des Tores. »Ich suche vor der Palisade nach weiteren Spuren. Packt euer Zeug!«


***


Ferdijin folgte dem vorauseilenden Winlanjor gen Nordwesten. Mittlerweile trug er wieder die Lederrüstung und auch der Schnapsnebel, der seinen Geist noch vor kurzem umwölkt hatte, war verflogen. Morasch und Oromé – ebenfalls gerüstet, schienen eine Diskussion über die Armbrust des Zwerges zu führen, doch Ferdijin achtete nicht auf ihre Worte. Sein Blick suchte die Umgebung ab, seit sie in den Tannicht eingetaucht waren. Das Lärmen der Düsterrodijis, von denen mehr als ein Dutzend ihnen folgten, hatte die Tiere des Waldes verstummen lassen. Gerade wollte er sich an die Krachmachjanzigsterer wenden, als Winlanjor die Hand hob und in die Hocke ging.

»Hier sind weitere Spuren!«, rief der Halbelf, was zumindest den Streit zwischen Morasch und dem Diener der stürmischen Schwester unterbrach. Die Dörfler hingegen wurden sogar noch lauter und wären wohl über die Hinweise getrampelt, wenn Oromé sich ihnen nicht mit erhobenen Händen in den Weg gestellt hätte.

»Der Oger ... hier hat er ihren Weg gekreuzt.«

Ein spitzer Schrei Mirnhildes untermalte die Ausführung. Ihre Beine gaben nach, sodass Der Ka’Shîk sie stützen musste.

»Kein Blut! Aber die frischen Spuren des Mädchens enden hier. Der Oger muss sie verschleppt haben.«

»Bei Rondra, wir folgen ihm!« Oromé legte Linjes Eltern die Hände auf die Schultern. »Wir finden sie und bringen sie wohlbehalten zurück!«

»Aber die Bruderschwestern sollten in ihr Dorf zurückkehren. So kommen wir schneller und ungesehener voran.«

Mit Tränen in den Augen nickte der Ka’Shîk. »Habt Dank, bei allen Zwölfen! Wir beten dafür, dass ihr wohlbehalten mit unserer kleinen Linje zurückkehrt!«

Während Morasch und Oromé den Düsterrodijis Mut machten und sie von den Spuren wegführten, ging Ferdijin zu Winlanjor. Der Halbelf hatte sich noch ein Stück weiter in nordwestliche Richtung entfernt. Die Fußabdrücke des Ogers wiesen jedoch eindeutig gen Westen.

»Was ist los, Bruderschwester?«

»Eine ältere Fährte. Das Mädel muss in den vergangenen Tagen mehrmals diesen Weg gegangen sein.« Er richtete sich auf und strich eine Strähne seines blauschwarzen Haares hinter die spitzen Ohren. »Frage mich, was sie dort wollte.«

Indes kehrten Morasch und Oromé zurück.

»Wo geht’s lang, Spitzohr?«, wollte der Zwerg wissen. Sein Miene zeigte echte Besorgnis. Der ausbleibende Sold schien vergessen. »Schlagt keine Wurzeln!«

»Ich folge der alten Spur!«, sagte Winlanjor an Ferdijin gewandt. »Vielleicht finde ich etwas Nützliches heraus. Führe du die anderen dem Oger hinterher. Ich hole euch ein. Es kann nicht weit sein, wenn ihre heimlichen Ausflüge bislang unbemerkt geblieben sind.« Damit verschwand der Halbelf zwischen den Baumstämmen.

»Ihr habt unseren Schönen gehört, Bruderschwestern! Mir nach!«


Ferdijin folgte mühelos den tiefen Abdrücken der Ogerfüße im weichen Waldboden. Sie waren keine halbe Stunde unterwegs, da fand Winlanjor wieder zu ihnen. Sein Atem ging schnell und sein ebenmäßiges Gesicht wies eine leichte Rötung auf.

»Ein Wolf«, keuchte er. »Das Mädel hat einen verletzten Wolf gepflegt. Reste von Wirselkraut und Wurst.«

»Ein Wolf? Was denken sich diese Menschenkinder nur. Für ein flohverseuchtes Raubtier sein Leben aufs Spiel zu setzen ... bei Angroschs Bart, das ist töricht!«

»Alles Geschaffene ist schön! Linje hat das verstanden, Bruderschwester. Tun wir unser Bestes, dass sie diese Erkenntnis den Düsterrodijis vermitteln kann. Solche Einsicht ist bei den Garethjas derart selten, dass ich keine Hoffnung habe, dass sie nach ihrer Wiedergeburt erneut zu solcher Weisheit finden wird.«

»Ein ernstes Wörtchen werde ich mit ihr reden. Und du setz ihr ja keine Flausen in den Kopf, Junge. Ein Spinner in meiner Nähe reicht mir!«

Ferdijin grinste ihn an. »Zwei sind immer besser, das solltest du mittlerweile wissen.«


Bruder Praios hatte seine Sonnenscheibe beinahe an den höchsten Stand geführt, als Winlanjor den Gefährten das Zeichen zum Halten gab. In einem Erdloch, das von der Wurzel einer mächtigen Esche überspannt wurde, fand sich eine kleine Schlinge.

»Orkische Machart«, erklärte der Halbelf, während er bereits den Boden absuchte. »Und hier sind auch Spuren. Mehrere Schwarzpelze haben hier den Weg gekreuzt. Genaueres kann ich nicht sagen, hier ist alles zertreten und verwischt. Aber sie führen in südliche Richtung.«

Auch Ferdijin beteiligte sich an der Suche. »Die Ogerspuren weisen weiterhin nach Westen, aber ... ich glaube, er ist hier im Kreis gelaufen, bevor er seinen Weg fortgesetzt hat.«

Oromé wirkte unentschlossen. »Möglicherweise hat die Bestie das Mädchen an die verfluchten Schwarzpelze übergeben.«

»Selbst wenn nicht, Bruderschwester, will ich die Orks nicht in meinem Rücken haben. Wir sollten zunächst ihrer Fährte folgen. Wenn wir auf den Oger treffen und der Kampflärm sie zu uns führt, wird der schweigsame Bruder sich mit uns befassen müssen. Ich lege Wert darauf, ihm kein unnötiges Mühsal zu bereiten.«

Auch Winlanjor nickte und setzte sich in Bewegung.


Nach fast einer Stunde, die sie, ohne ein Wort zu sprechen, durch den düstren Tannicht geschlichen waren, fand Ferdijin einen schartigen Krummsäbel mit gewellter Klinge.

»Ein Arbach«, kommentierte Morasch den Fund. »Die Orken schmieden solche Waffen.«

Vorsichtig und mit blankem Stahl in den Händen setzten sie ihren Weg fort. Ein süßlicher, metallischer Duft kündete von Tod. Winlanjor und Ferdijin schlichen voran, um die Lage auszukundschaften. Im Schutz immergrüner Wacholder- und Stechpalmensträucher näherten sie sich der Quelle des Geruchs, zu dem sich der Gestank ranzigen Fetts gesellte. Das Kolken eines Raben durchbrach die angespannte Stille.

Winlanjor deutete zur Linken. Abgeknickte Äste und gewaltige Fußspuren zeigten, dass hier ein Oger durchs Gehölz gebrochen war. Irritiert stellte Ferdijin fest, dass dieser jedoch barfüßig gewesen sein musste.

»Ein anderer Oger«, flüsterte Winlanjor.

Ferdijin nickte und folgte der Ogerspur, die auf eine Lichtung führte. Der Tod hatte hier reiche Ernte gehalten.

"Die Kinder des 23. Ingerimm"

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