Rezension: Roter Fluss

Fantasy-Romane sind heute keine Seltenheit, ebenso historische Romane. Historische Fantasy-Romane hingegen schon eher, was einmal mehr die Tiefe der Spielwelt des Schwarzen Auges aufzeigt. „Roter Fluss“ von Daniela Knor ist ein historischer Fantasy-Roman.


Ort der Handlung ist Phexcaer im Jahr 597 BF, das zu diesem Zeitpunkt noch Myrburg heißt. Myrburg ist die größte menschliche Ansiedlung im oberen Bodirtal. Früher gehörte dieses Land den Orks, doch die Thorwaler drängten diese bis weit in die Steppe zurück. Myrburg soll durch seine Garnison sowie seine dicken Mauern die Sicherheit der Menschen in dieser verlassenen Gegend garantieren. Dies ändert sich, als der kriegerischste aller Orkstämme, die Zholochai, sich in seiner Ehre gedemütigt sieht und beschließt, die Menschen im oberen Bodirtal wieder zu verdrängen. Es kommt, wie es kommen muss. Die Orks brandschatzen ein Wehrdorf nach dem anderen, bis zuletzt nur noch Myrburg übrigbleibt. Am Ende kommt es schließlich zum Showdown in der Schlacht um Myrburg.


Protagonist ist Hjalgar Herjulfsson, ein unter der „Walwut“ leidender Thorwaler. Hjalgar ist nicht in der Lage, seine Kräfte zu kontrollieren. Wenn er in einen Rausch gerät, schlägt er mit gewaltiger Kraft um sich, ohne dabei zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Er gilt deshalb als von Swafnir, der Schutzgottheit der Thorwaler, auserwählt, wird jedoch von seiner Sippe verstoßen, da diese sich vor ihm schützen möchte. Neben Hjalgar treten über 30 weitere Figuren auf. Dies hört sich zunächst einmal komplex und verwirrend an. Der Autorin gelingt es jedoch meines Erachtens sehr gut, diese vielen Charaktere miteinander zu verknüpfen und somit durch viele Sub- und Nebenplots die Handlung fesselnd zu gestalten. Gleichwohl bleibt das Ende absehbar, was aber für einen historischen Roman plausibel ist.


Darüber hinaus gewährt „Roter Fluss“ einen Einblick in die Lebenswelt von Thorwalern und Orks. Für mich stellen gerade diese beiden Kulturen etwas Besonderes dar. Schon früh gab es Regionalspielhilfen (damals noch in den von mir geliebten alten Boxen) zu Thorwal und dem Orkland. Außerdem kennt man die beiden Rivalen von dem PC-Klassiker „Die Schicksalsklinge“. Mit der Schilderung von Alltagsszenen bei Thorwalern und Orks haucht Daniela Knor diesen Kulturen Leben ein, wie ich es zuvor selten erlebt habe. Vor allem mein Bild der Thorwaler hat sich durch „Roter Fluss“ geändert: Weg von den klischeehaft zechenden Wir-tun-keiner-Fliege-was-zuleide-Romantik-Wikingern mit Rettet-die-Wale-Faible, hin zu einer eingeschworenen Truppe, die bereit ist, für ihren Platz an Swafnirs Seite zu kämpfen. Das 13. Kapitel stellt dabei für mich einen atmosphärischen Höhepunkt dar. Einen Ausschnitt möchte ich zitieren:


„Einer der aus dicken, angespitzten Pfählen gezimmerten Torflügel wurde geöffnet, sodass er den Blick auf drei Rekkar freigab […]. Alle drei trugen die dicht mit Nieten beschlagenen Lederwämser, die wir Krötenhaut nennen, und mit geflochtenen Ornamenten bemalte Rundschilde. Von ihren Helmen reichte der Nasenschutz mit Aussparungen für die Augen herunter, sodass ihre Gesichter verfremdet waren. Aber zumindest anhand der Bärte konnte ich erkennen, dass ich zwei Männer und eine Frau vor mir hatte. Da sie Äxte in den Händen hielten, blieb ich in gebührendem Abstand stehen“ (Roter Fluss, S.128).


Die Schilderung des Lebens bei den Orks ist ebenfalls beeindruckend. Allerdings hätte ich mir hier noch ein wenig mehr Differenzierung gewünscht. So ist konsequent von „den Truanzhai“, „den Orichai“ oder „den Zholochai“ die Rede. Diese Orkstämme teilen sich jedoch ebenso wie die Thorwaler in mehrere Sippen auf. So erfährt man, dass der Protagonist der „Gjalsvidra-Sippe“ entstammt. Dies fehlt mir für die Orks.


Eine der größten Stärken des Romans stellen ferner die historischen Kenntnisse der Autorin über mittelalterliche Militärtechniken dar. So wird beispielsweise geschildert, wie der Winkel beim Anlehnen von Leitern an die Stadtmauer zu wählen ist (vgl. S.308), eine Balliste eingestellt werden soll (vgl. S.310) oder die Stadt mit Flößen attackiert wird (vgl. S.317ff.). Allerdings erweist sich diese Stärke in meinen Augen auch gleichzeitig als Schwäche, weil es sich eben bei DSA nicht um die reale Welt handelt und somit fantastische Elemente meiner Meinung nach stärker berücksichtigt werden müssten. Dies möchte ich exemplarisch an einer Stelle veranschaulichen: Nachdem die Verteidiger Myrburgs ihre letzten Pfeile verschossen haben, kommt es zum Kampf auf den Mauern (vgl. S.313ff.). So etwas mag in der realen Welt im Mittelalter die Verteidiger in ernste Nöte gebracht haben. Allerdings setzt hier jetzt der Fantasy-Faktor ein. Orks haben meines Wissens keine hohe Magieresistenz. Wenn es in ganz Myrburg nur eine Magierien, Elfe oder einen Druiden gibt, der/die Bannbaladin oder Böser Blick beherrscht, dann ändern sich die Kräfteverhältnisse schnell. Nicht auszudenken, wenn es vielleicht gleich drei magiebegabte Personen in Myrburg gäbe und die vielleicht noch alle mit drei Zaubertränken ausgestattet wären…


Zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass mich die finale Schlacht sehr an die Schlacht um Minas Tirith aus Herr der Ringe erinnert. Zu sehr. Hier gibt es meiner Meinung nach zu viele Klischees, die sich mit dem Film decken.

Hier hätte ich mir gewünscht, dass sich der Roman mehr von dem Klassiker einer Belagerung in einer Fantasywelt unterscheidet.


Fazit: „Roter Fluss“ ist ein spannend geschriebener historischer Fantasyroman, der kurzweilig die Belagerung von Myrburg schildert. Dabei weiß die Autorin meines Erachtens vor allem durch atmosphärische Gestaltung der orkischen und Thorwaler Kultur zu überzeugen. Der Roman zieht einen zunehmend in seinen Bann, Längen habe ich keine ausgemacht. Einzig zu kurz kommt mir das fantastische Element in der letzten Schlacht. Nichtsdestotrotz sehe ich „Roter Fluss“ als einen herausragenden DSA-Roman an.



Bewertung: Note 1