Spannend: wenn man sich die magische Entwicklung in Aventurien anschaut (z.B.
WdZ
, S. 252ff), sieht man, dass die Magie in früheren Zeiten wesentlich mächtiger gewesen sein muss, als sie es heute ist. Zu den verhüllten Meistern heißt es (
WdZ
, S. 257): "All jene Zauberwirker, die Satinav über ihr gewöhnliches Lebensalter hinaus trotzen un die das Wissen aus jener Vergangeheit bewahren, als Madas Gabe noch jünger und reiner war, nennt man Verhüllte Meister. Sie haben meist die Fesseln traditioneller Magie abgelegt und verfügen über immense arkane Macht".
Was sagt uns das? Die Magie war früher "jünger und reiner" und jenseits der "Fesseln traditioneller Magie" existiert "immense arkane Macht". Woher kommt diese Macht? Wie legt man die Fesseln traditioneller Magie ab? Vielleicht ist die moderne Spruchzauberei einfach der Versuch, möglichst effizient mit der begrenzten Ressource Magie umzugehen, quasi aus der Not heraus geboren, weil die Fähigkeit, es besser zu machen, verloren gegangen ist?
Nein, es ist wohl eher so das Aventurien so "gross" geworden ist das die Übersicht verloren geht
Genau. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir als Spieler über einen Überblick über die aventurische Magie verfügen, die keinem einzigen aventurischen Magieanwender zur Verfügung steht. Wahrscheinlich gibt es für jeden Gildenmagier Dutzende oder Hunderte von Zaubersprüchen, Ritualen, Formeln, etc., von denen er nie auch nur gehört hat. Kein einziger aventurischer Magieanwender kennt das Liber Cantiones. Magische Forschung ist anstrengend, gebunden an knappe Ressourcen und auf wenige hundert oder vielleicht tausend (Gilden)Magier verteilt. Ich glaube kaum, dass Hofzauberer viel Zeit dafür haben, neben ihren üblichen Diensten auch noch magische Forschung zu betreiben, von umherziehenden Abenteurern ganz zu schweigen. Allein, dass Gildenmagier in der Lage sind, Zaubersprüche aus Büchern zu lernen, ist doch schon ein riesiger Vorteil gegenüber den Traditionen, die auf die mündliche Überlieferung angewiesen sind. Und dann sind immer noch viele Bücher verschollen, wurden über die Generationen verändert und das Wissen muss mühsam, über Jahre hinweg, rekonstruiert werden. Auch wenn Aventurien uns modern erscheint (weil viele moderne Elemente darin verbaut sind), gibt es für den gesamten Kontinent gerade einmal zwei Universitäten. Da ist die Möglichkeit zur magischen Forschung einfach begrenzt. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass viele Forschungen sich entweder mit grundlegender Analyse beschäftigen (also Grundlagenforschung, die vielleicht in ein bis zwei Generationen praktikable Anwendungen liefert) oder persönliche Herzensprojekte der forschenden Magier betreffen, finde ich es schon eine Großtat, wie schnell es gelang, z.B. die borbaradianischen Formeln von ihrer Anrufungskomponente zu befreien.
Wenn man dann noch den Zwist der Gilden (bzw. einzelner Magier) untereinander berücksichtigt, die Versuche, Wissen aktiv geheim zu halten (oder zu stehlen), Forschung zu hintertreiben, mangelnde Mittel, die Gefahren bestimmter Forschungszweige (da gerät ein führender Limbologe mal in einen Zeitstrudel, zack! 40 Jahre Forschung ausgelöscht), dann kann man schon sehen, dass die Entwicklung nur schleppend vorangeht. UNSER Aventurien ist gross, das der einzelnen Magier dagegen wird sich auf eine handvoll Standardwerke und ein paar Fachdispute in magischen Periodika beschränken. Und schön, dass Punin über die größte magische Bibliothek des Kontinents verfügt, aber was hilft das, wenn da gerade mal vielleicht 10-20 dauerhaft forschende Magier am Werk sind? Und ein Teil der Forschung sich auf neue Erkenntnisse der Schlafkunde oder magisch bedeutsame Sternenkonstellationen bezieht?
Wissen geht verloren, bei mündlich überliefertem Wissen mitunter innerhalb einer einzigen Generation. Und nur, weil Wissen in Büchern steht, heißt das noch lange nicht, dass es auch bekannt und nutzbar ist. Was würde denn passieren, wenn auf Ithasos mal eine Generation lang keine magische begabten Kinder auf die Welt kommen? Wenn der letzte ausgebildete Magier stirbt, bevor er eine Nachfolgerin unterrichten konnte? Würde das Wissen wieder (intern) rekonstruiert werden können? Oder könnten die magiebegabten Kinder gerade einmal darauf hoffen, zu Scharlatanen und Magiedilettanten zu werden? Das Wissen über Zaubertänze oder Zauberlieder wäre wahrscheinlich unrettbar verloren, wenn es keine aktiven Praktizierenden mehr gibt.
Coole Idee, aber warum keine Kajubo-Knospen? Ein Golemtauchanzug ergibt dann Sinn, wenn a) die Möglichkeit besteht, ihn herzustellen, b) ein Bedürfnis besteht, ihn herzustellen (was auch ein "wäre es nicht cool, wenn wir einen Golemtauchanzug hätten?" sein kann) und c) das Bedürfnis nicht anderweitig einfacher und günstiger befriedet werden kann. Was passiert, wenn der Tauchanzug (oder sonst ein magisches Werk) kaputt geht? Oder die Zaubermatrix schwächer wird? Wer kann nach 250 Jahren die Magie wieder flicken, wenn das damals ein einmaliges Projekt war? Dinge, die immer schon da waren und immer schon funktioniert haben, werden irgendwann langweilig, werden für selbstverständlich genommen, bis sie mal kaputt gehen. Und dann einen Experten auftreiben, der sich auf 250 Jahre alte Golemidentechnologie versteht? Schwierig.
WdZ
, S. 256 (zur Neuzeit): "Die Illusionsmagie etabliert sich dank der Einzelleistung der Methelessae als ernstgenommene Zauberei [...]." Was sagt uns das? Früher gehörte die Illusionsmagie wohl nicht zum Kanon der "ernstgenommenen" Zauberei, Magier, die etwas auf sich halten, haben sich nicht wirklich damit beschäftigt, es wurde zu dem Thema weder viel geforscht noch gelehrt. Auch eine spannende Entwicklung, dass die moderne aventurische Zauberforschung die Illusionsmagie aus ihrem Nischendasein geholt hat. Nicht, dass es sie früher nicht gegeben hat, aber sie wird wohl kaum das Mittel der Wahl gewesen sein, um als Abwehrmaßnahme zu dienen. Stattdessen vielleicht eher Elementarbeschwörung, die Untiefen und spitze Steine aus dem Boden hebt, um eine Insel vor Feinden zu schützen?