Posts by Affenvogel Sul

    Kapitel 1


    Die aus der Ferne hominid wirkende Gestalt stützte sich auf ihren Stecken und ließ sich den Wind um die Nase wehen. Der Aufstieg hatte viel Zeit und die Vorräte gekostet. Dafür war das Ziel in greifbare Nähe gerückt. Denn auch wenn unten viele das Vorhaben belächelten - mit Blick von hier oben war es all die Strapazen wert. Verübeln konnte die Wanderin den Leute ihre Skepsis freilich nicht, immerhin folgte sie unter Einsatz ihres Lebens und ihrer Gesundheit einem Hirngespinst, das sie selbst lange für eine bloße Legende gehalten hatte. Das Ziel lag am Fuße des Hügels, auf dem sie nun stand. Hier oben klärte sich ihr Blick, war ihr Atem freier, und sie sah es vor sich ganz deutlich: Den Eingang in ein verzweigtes Höhlensystem, auf dessen Grund ein unterirdischer Fluss vermutet wurde, dem sie würde folgen müssen. Doch zwischen ihr und dem Fluss lag nun, nach dem beschwerlichen Aufstieg auf den Berg, der Abstieg in das finstere und kalte Höhlensystem vor ihr. Nun gab es kein Zurück mehr, und so suchte sie sich den Weg den Hügel hinunter, entschlossen und jeden ihrer Schritte mit Bedacht setzend.

    "Je mehr Jahre vergehen, desto häufiger freut man sich, einen Stecken dabei zu haben“, dachte sie sich, während ihre Knie bei jedem Schritt hügelabwärts von stechenden Schmerzen durchzuckt wurden.

    Vor Ihr klaffte der Höhleneingang als Zugang zu den Gebeinen dieser Welt. Ein merkwürdiger Geruch ging von dort aus. Hoffentlich kein Höhlendrache, dachte sie, wobei die Geschichten von weit schlimmeren Monstren sprachen.

    Bevor sie die Höhle betrat, hielt sie inne, um eine Fackel aus ihrem Gepäck zu holen und zu entzünden. Sie holte tief Luft und setzte einen Fuß in den nachtschwarzen Schatten, den die Felsen über dem Höhleneingang warfen.

    Würde sie finden, wovon die Verheißung sprach, das Wasser, das Wasser des Lebens, oder vielmehr einen grausamen Tod?

    Nach vielen Stunden gelangte sie endlich an die erste Verzeigung. Wohin nun, nach links oder rechts, oder doch geradeaus?

    Sie schloss die Augen, atmete durch und fasste mit sehniger Hand nach ihrem Amulett, das sie einer Gebetskette gleich durch ihre sechs Finger gleiten ließ. Das Amulett ihres schon lange verstorbenen Grat’N’Kaah beschützte sie nun schon so viele Jahre und gab ihr immer noch Zuversicht. Und die brauchte sie auch, denn was ihre Leute im Tal nicht ahnten, war, dass sie die Reise nicht aus eigensüchtigen Motiven unternahm oder weil sie aus schierer Abenteuerlust einer unwahrscheinlichen Legende nachjagte.

    Mit den geschlossenen Augen spürte sie dem Amulett und ihrer Frage nach ... geradeaus, das Amulett ihres Grat'N'Kaah schickte sie geradeaus, sie war sich sicher. Sie zweifelte nicht länger, dass sie das Wasser des Lebens finden und Mithra retten würde.

    Fackel und Stecken voran betrat sie den schmaler werdenden Gang vor ihr. Aber wieso kam genau aus dieser Richtung der merkwürdige Geruch, den sie schon am Höhleneingang wahrgenommen hat?

    Stunde um Stunde ging sie weiter, bis sich plötzlich hinter einer Biegung zu dem merkwürdigen Geruch ein Leuchten hinzugesellte, ein Schimmer. Der Geruch wurde von Schritt zu Schritt stärker, und das Herz klopfte ihr bis zum Hals.

    "Lang hast du gebraucht, hier herab zu steigen", knarzte unvermittelt eine alterslose Stimme, die sie beinahe eher fühlte als dass sie sie hörte.

    Die Wanderin war verwirrt, nicht nur, weil sie hier unten kein intelligentes Leben vorzufinden vermutet hatte, sondern auch, weil dieses sie erwartet zu haben schien.

    "Seit deinem ersten Schritt, den du hier herein getappt bist, nehme ich dich wahr, und", fuhr die Stimme fort, als lägen der Wanderin Gedanken offen, "du weißt wohl, was du suchst, aber nicht, wohin du willst ..."

    Von Angst gelähmt konnte sie nur dastehen und keinen klaren Gedanken fassen.

    Das Schimmern, das um sie herum die Höhlenwände überzog, verstärkte sich zu einem Glimmen und änderte die Farbe zu einem grünlich glänzenden Gold.

    Ihre Hand tastete nach dem Amulett, um Trost und Stärke aus der Berührung zu ziehen. Es gelang, und ihr Geist beruhigte sich, trotzdem lachte sie auf, denn die Ironie, dass sie als Angehörige einer fremden Spezies dies alles für eine Menschenfrau auf sich nahm, drängte sich mit Macht in ihr Bewusstsein.

    "Ich bin zu dir gekommen um vom Wasser des Lebens zu nehmen!" sprach sie.

    "So", sprach die Stimme, "wie alle anderen also auch, was macht dich denn anders als die anderen, dass du dies verdienen magst?"

    "Vielleicht die Tatsache, dass die anderen es begehren, um selbst Unsterblichkeit zu erlangen, während es mir allein darum geht, eine Freundin zu retten", schlug die Wanderin vor und blickte auf ihre schuppige Haut, die allein diese Freundschaft extrem unwahrscheinlich machte, immerhin war ihre Freundin eine Glatthäutige.

    "SELBSTLOSIGKEIT", keckerte die Stimme, während das Glimmen zu einem orangen-rotgoldenen pulsierendem Glosen wechselte, "Selbstlosigkeit von einer aus Deinem Volk - wie ernst mag das wohl sein- fühlst Du etwa?"

    "Ich ich haben deinen Ritus befolgt, der Aufstieg, das Amulett, der Grund IST selbstlos, das Wasser steht mir zu und", ihre sechs Finger schlossen sich fester um ihre Fackel, "und ich weiß, dass Du meine Gedanken und Gefühle lesen kannst." Das ist sooooooo typisch für solche Wächtergestalten, dachte sie, wähnen sich allmächtig und allwissend, aber ergehen sich in kleinkarierte Prüfungen.

    "Du entscheidest, dass es dir zusteht?", grollte die Stimme, während das Glosen zunahm.

    "MITNICHTEN", ergänzte die Stimme in drohendem Tonfall, während die Wanderin im glosenden Schein der Wände realisierte, dass sich die Höhlenkammer schnell mit Wasser füllte,"- schöpfe und sei nicht säumig, der Weg hinein ist nicht der Weg zurück..."

    "Ich bin wegen des Wassers des Lebens hier und habe gewiss nicht vor, hier unten durch Wasser zu Tode zu kommen", knurrte die Wanderin sarkastisch, der aber ja von Beginn an klar gewesen war, dass diese erste Station nicht das Ziel ihrer Reise sein konnte und sie vielmehr dem Verlauf des unterirdischen Flusses würde folgen müssen, nur von ihm mitreißen lassen wollte sie sich nicht.

    'Schon allein deshalb nicht, weil dies eine weitere Prüfung ist und mein Ziel die Quelle und nicht die Mündung ist', dachte sie als sie das Wasser bereits vom Höhlenboden anhob und das Glosen wieder zu einem kalten blauen Glimmen wurde. Zugegeben, ertrinken wollte sie auch nicht.

    Das Wasser lief in ihre Kalebasse hinein und füllte sie schnell: Die große Hoffnung für ihre Freundin. Jedenfalls malte sie sich das in ihrer Phantasie so aus, während sie fieberhaft nach einem Ausweg suchte, der sie vor dem sicheren Tod bewahrte und weiter zur Quelle führte, wie die besagte Prüfung es von ihr verlangte.

    Als das Wasser sie ganz umschloss, umfing sie eine fast befreiende Schwerelosigkeit - und erst jetzt verspürte sie, wie aus einer einzelnen Spalte in der Höhlenwand das Wasser hineinströmte. Sie ließ sich von der Strömung mitreißen und erreichte, dem ertrinken nahe, das Tageslicht.


    Kapitel 2


    Es musste schon der nächste Tag sein, die Gelbscheibe war noch nicht vollends über die Berggipfel gestiegen. Die Echsenfrau wunderte sich, wie sie hierhergekommen war, hätte sie sich nicht weiter zur Quelle des unterirdischen Flusses vorarbeiten sollen? Fieberhaft suchte sie nach einem Hinweis auf die Quelle und erspähte weit oben einen kleinen Wasserfall, der hoffentlich ein höher gelegener Abschnitt des Baches war, der sie aus der Höhle gespült hatte. Dabei bemerkte sie ihren Stecken, der es ebenfalls hierher geschafft hat und den sie nun wieder an sich nahm.

    Violette Wolken hingen schwer am Himmel, an dem drei geflügelte Kreaturen über dem Tal kreisten. Sie duckte sich vor den Kreaturen, schließlich könnten es Echsenadler sein. Oder Beutegeier, wie sie sich in Räuberbanden fanden, im Handelsgewerbe oder unter den Steuereintreibern.

    Während sie so über die beutegierigen aus dem Volk der Harpeniden signierte, gewann sie in der für ihresgleichen angenehmen, ja anregenden warmen Schwüle leichtfüßig an Höhe. In regelmäßigen Abständen schüttelte sie die in der Höhle gefüllte Kalebasse, um die Harpeniden mit dem Geräusch geschüttelten Wassers auf Abstand zu halten.

    Knapp unter dem schleierartig sprühenendem, kleinem Wasserfall erreichte sie einen in einer Felsspalte halb verborgenen, duftenden Feigenbaum, reife Früchte an und überreife bereits unter sich. Auch hier, dank der einsetzenden Dämmerung, war ein Glimmen wie in der Höhle zu erkennen, dass allmählich die Farbe änderte zu einem grünlich glänzenden Gold.

    Neugierig trat sie der Spalte näher, nur langsam rann die Erkenntnis über die Natur des Wesens aus der Höhle in ihr Bewusstsein. Es soll weder gut noch böse sein. Schlagartig fiel die Temperatur in der Spalte derart ab, dass ihre Glieder schwer wurden, und ein süßlich-metallischer Geruch breitete sich aus. Instinktiv wollte sie vor der lähmenden Kälte zurückweichen.

    Kommt ran, ihr Orkis, ihr ahnt es wohl schon

    Wir singen die Saga vom Orkenspalterson.

    +

    Im Sommer zweizwanzich hatte er es gehört:

    Die Sonne hatte sie alle schon gedört

    (Dass Thorwal sich an einem Ungeheuer stört.)

    +

    Es ging fort, hinauf aufs Meer,

    weil es dort angeblich viel kühler wär,

    +

    gelobt sei Swafnir, das wohl,

    Die Otta war mit seinen Leuten randvoll

    +

    Es segelte mit ihm ein lustiger Haufen

    Da gab es immer was zu saufen.

    +

    Sie trotzten Wind und Wogen,

    An Bord wurde niemals gelogen.

    +

    Es blähten sich die Segel

    Weg flog erst Kind, dann Kegel.

    +

    Orkenspalterson ist ein wahrer Held

    der niemals pflügte ein Feld.

    +

    Es wurde gerudert ganz schnell.

    Doch die Ruderer waren nicht gerade hell.

    +

    So fanden sie statt dem Swafnirland

    Leider auch nur der Goldküste Strand.

    +

    Dort fragten sie Angler "Wo sind wir denn hier?

    Es gibt hier nur Wein und gar kein Bier."

    +

    Doch echte Thorwaler können gar nicht verzagen,

    nur werden sie sicher nicht noch einmal fragen.

    +

    Stattdessen wandten sie sich an Orkenspalterson

    "Bekommen wir jetzt hier unseren Lohn?"

    +

    Da antwortete der Kapitän:

    „Lasst mich denken, ihr werdet sehn,

    +

    Euer Lohn wird riesig sein.

    Doch vorher machen wir uns rein-

    +

    Denn auf der Otta müffelt's sehr.

    Da muss Seife und Salzwasser her."

    +

    Sie fingen an zu murren laut,

    "Nein! Seife kommt uns nicht an die Haut!"

    +

    "Na gut", sagte da der Kapitän,

    "Dann nur mit Wasser, das wird schon geh'n."

    +

    Da hörten sie vom Landesinnern

    - wers hörte kann sich gut erinnern

    +

    Wie einer an dem Seile Reißte

    "Kommt, da müss mer Hilfe leiste",

    +

    die dünne Hulda rief geschwind,

    "Dort, die Nase in den Wind!"

    +

    Ist das nicht ein kleiner Ork?

    Der hefig winkt mit einem Schild aus Kork?

    +

    Was hat er darauf geschrieben?

    Oder etwas draufgerieben?

    +

    Ein gar hässlich' Fratzengesicht

    So schrecklich, dass sogar Hulda bricht.

    +

    "Hier gehen wir tapferen Thorwaler bestimmt von Bord

    und rufen nach Feuer, Brand und Mord!"

    +

    Sie sprangen in kalte, schäumende Nass

    Und schritten unerschrocken fürbass.

    +

    Mit 'hussa!' voran, Axt zwischen die Zähn'

    Hauten sie alles zu Spän

    +

    Alsbald sprach der Hetmann:

    "Was hat das wohl getan.

    +

    Lasst uns mal schauen,

    und dann saufen wir bis zum Morgengrauen!"

    +

    Sie machten da große Augen

    - würden hier ihre Waffen taugen?

    +

    Ihnen entgegen starrt' n Buckel hörnerreich

    höher gar jeder Deich,

    +

    mit Augen groß und rund

    Überstehet die Ottajasko dies wohl gesund?

    +

    Sie standen dicht beisammen,

    zum Glück, und nicht in Flammen.

    +

    Da nahm das Unheil seinen Lauf,

    denn wie in einem großen Hauf'

    +

    kam gar geschwind herbei

    ein veritabler Riesenhai.

    +

    Auch das noch, lallte Orkenspalterson,

    Gar fürcht‘lich Monster hier wohn‘.

    +

    Da rief die Schiffsmagierin:

    "So hat das alles keinen Sinn!"

    +

    Ihre Astralkraft war verbraucht,

    aber der Hai, da kam er schon angetaucht.

    +

    Eine formidable Idee muss her!

    Hal Svenson packte seinen Speer.

    +

    Und rief: "Das wäre doch gelacht!"

    Doch die Rechnung hatte er ohne den Wirt gemacht.

    +

    Schon nahm der Hai ihn auf die Hörner,

    und seine Innereien flogen wie Körner.

    +

    Das war klar nicht klug genug!

    Spalterson witterte Betrug

    +

    und schimpfte launisch mit den Göttern.

    Doch der Hai mit seinen Höckern

    +

    nahm Kurs auf Orkenspalterson

    Der sprach: "Ich geb mich nich verlorn!"

    +

    Die riesge Faust rauscht herab auf die Nas

    die zerbrach wie eine Vas'.

    +

    Der Hai, der schaute ganz verwirrt,

    Weils in seinem Oberstübchen nun laut sirrt.

    +

    "Stirb, Du Biest, bei Swafnir, Tass voll!"

    Doch da wurde es richtig toll,

    +

    denn nun erhoben sich, welch Graus,

    des Untiers Zähne hoch hinaus!

    +

    Ein größeres Vieh kam angeschwommen,

    Auch mit dem wird man nicht übereinkommen.

    +

    Zwei garstig Tiere schwimmen um die Recken,

    wo mag das dritte sich verstecken?

    +

    Orkenspalterson rief: "Da hilft nur eins!

    Die große Tat sei meins!"

    +

    Er nahm den großen Schluck vom Premer Feuer,

    Und band ganz fest der Otta Steuer.

    +

    Und stieß mit lautem Kampfgeschrei

    in den Monsterrachen das Senkblei.

    +

    Der Hai, der schluckt ganz überrascht,

    Weil er noch nie Senkblei genascht.

    +

    Die schwere Last zieht ihn zum Grund,

    so dass nun nahte seine letzte Stund'.

    +

    Doch allein er war nicht hier,

    Denn das größere Vieh kam, voller Gier

    +

    Und auch das Versteck des unbekannten Dritten

    Entließ diesen hier zur Mitten

    +

    So schwammen beide hier und Orkspalterson dort,

    doch waren sie noch nicht mal fort,

    +

    als Orks herangestürmt nun kamen,

    und so es schritten fort die Dramen.

    +

    "O nein", er rief, "das sind die Schlimmsten!"

    Und obwohl sie natürlich nicht simsten,

    +

    kreisten sie und der Hai die Thorwaler ein,

    das gab für die Thorwaler eine große Pein.

    +

    Die Haie schnappten hier und dort,

    die Orks, es gierte sie nach Mord.

    +

    Da kam der Götter Fingerzeig:

    Niemand darf nun bleiben feig',

    +

    erhoben werden muss die Kraft, der Mut!

    Doch Thorwaler können Eines gut:

    +

    An die Riemen, ob Frau ob Mann,

    kommt alle heran!

    +

    Steuert das Boot über sie hinweg,

    Von Den Haien blieb nur ein fett'ger Fleck.

    +

    Und auch wenn die Orken brüllten wacker,

    Für Orkenspalterson war's nur müdes Gegacker.

    +

    "Schnauze da drüben, sonst wird gleich gespalten!

    Immer feste druff halten!"

    +

    Die Orks, die mussten weichen,

    Denn wie Orkenspalterson keinen kannten sie dergleichen.

    +

    Und Angst gelähmt waren sie noch dazu

    Die Schiffsbesatzung machten sie zu Thorwaler Ragout.

    +

    Die Orken besiegt, die Haie nur noch Flecken,

    - es war an der Zeit, den Metvorrat zu checken.

    +

    Erwartungsvoll öffnete Arantan ein Fass

    und nahm bereit die große Tass.

    +

    Er sprach zu den großen Recken:

    Bei Swafnir, das lassen wir uns schmecken!

    +

    Schon war auch Schattenkatze ran und das auch noch durstig,

    doch fand sie Met eher wurstig.

    +

    "Voran", sie sprach, "möge der nächste heran!"

    - Und schließlich allen was durch die Kehlen rann.

    +

    Auch für die Metwurstigfinder wurde reichlich gesorgt,

    herum die Hörner gingen, und seien's geborgt.

    +

    Besiegt die Orks und die Haie,

    Ihr Gesang war voller Schreie

    +

    Sodann wollten sie segeln nach Hause

    Als sie aber feststellten mit Grause

    +

    Dass sie noch entscheidendes hatten überseh'n,

    und konnten noch nicht gehen.

    +

    Denn Orkenspalterson ging über Bord!

    Fiel über die Reling und platsch, war er fort!

    +

    "Oh nein!" ging ein Schrei, "der Hetmann säuft ab!

    Hier geht's zu wie in 'nem FAB!"

    +

    Ein Seil über Bord geworfen wurd'

    Und Orkspalterson band sichs um wie einen Gurt.

    +

    Das ging grad nochmal gut, jetzt aber vor!

    Das wurd' gefeiert wie ein Immantor.

    +

    Es waren schließlich alle blau,

    mit dem Steuern nahm's keiner mehr allzu genau.

    +

    "Was soll's, unser Schiff wird Swafnir schon lenken!

    So war das allgemeine Denken.

    +

    Das Boot, es segelte dahin,

    und Orkenspalterson kratzte sich sein Kinn

    +

    Verrückt bis jetzt- doch was kommt nun?

    Was bleibt noch zu tun?

    +

    Bis wir wieder sind im Heimathafen.

    Wir singen davon, wen wir so alles trafen

    +

    Und freuen uns noch lange

    Kapitel 1


    Die aus der Ferne hominid wirkende Gestalt stützte sich auf ihren Stecken und ließ sich den Wind um die Nase wehen. Der Aufstieg hatte viel Zeit und die Vorräte gekostet. Dafür war das Ziel in greifbare Nähe gerückt. Denn auch wenn unten viele das Vorhaben belächelten - mit Blick von hier oben war es all die Strapazen wert. Verübeln konnte die Wanderin den Leute ihre Skepsis freilich nicht, immerhin folgte sie unter Einsatz ihres Lebens und ihrer Gesundheit einem Hirngespinst, das sie selbst lange für eine bloße Legende gehalten hatte. Das Ziel lag am Fuße des Hügels, auf dem sie nun stand. Hier oben klärte sich ihr Blick, war ihr Atem freier, und sie sah es vor sich ganz deutlich: Den Eingang in ein verzweigtes Höhlensystem, auf dessen Grund ein unterirdischer Fluss vermutet wurde, dem sie würde folgen müssen. Doch zwischen ihr und dem Fluss lag nun, nach dem beschwerlichen Aufstieg auf den Berg, der Abstieg in das finstere und kalte Höhlensystem vor ihr. Nun gab es kein Zurück mehr, und so suchte sie sich den Weg den Hügel hinunter, entschlossen und jeden ihrer Schritte mit Bedacht setzend.

    "Je mehr Jahre vergehen, desto häufiger freut man sich, einen Stecken dabei zu haben“, dachte sie sich, während ihre Knie bei jedem Schritt hügelabwärts von stechenden Schmerzen durchzuckt wurden.

    Vor Ihr klaffte der Höhleneingang als Zugang zu den Gebeinen dieser Welt. Ein merkwürdiger Geruch ging von dort aus. Hoffentlich kein Höhlendrache, dachte sie, wobei die Geschichten von weit schlimmeren Monstren sprachen.

    Bevor sie die Höhle betrat, hielt sie inne, um eine Fackel aus ihrem Gepäck zu holen und zu entzünden. Sie holte tief Luft und setzte einen Fuß in den nachtschwarzen Schatten, den die Felsen über dem Höhleneingang warfen.

    Würde sie finden, wovon die Verheißung sprach, das Wasser, das Wasser des Lebens, oder vielmehr einen grausamen Tod?

    Nach vielen Stunden gelangte sie endlich an die erste Verzeigung. Wohin nun, nach links oder rechts, oder doch geradeaus?

    Sie schloss die Augen, atmete durch und fasste mit sehniger Hand nach ihrem Amulett, das sie einer Gebetskette gleich durch ihre sechs Finger gleiten ließ. Das Amulett ihres schon lange verstorbenen Grat’N’Kaah beschützte sie nun schon so viele Jahre und gab ihr immer noch Zuversicht. Und die brauchte sie auch, denn was ihre Leute im Tal nicht ahnten, war, dass sie die Reise nicht aus eigensüchtigen Motiven unternahm oder weil sie aus schierer Abenteuerlust einer unwahrscheinlichen Legende nachjagte.

    Mit den geschlossenen Augen spürte sie dem Amulett und ihrer Frage nach ... geradeaus, das Amulett ihres Grat'N'Kaah schickte sie geradeaus, sie war sich sicher. Sie zweifelte nicht länger, dass sie das Wasser des Lebens finden und Mithra retten würde.

    Fackel und Stecken voran betrat sie den schmaler werdenden Gang vor ihr. Aber wieso kam genau aus dieser Richtung der merkwürdige Geruch, den sie schon am Höhleneingang wahrgenommen hat?

    Stunde um Stunde ging sie weiter, bis sich plötzlich hinter einer Biegung zu dem merkwürdigen Geruch ein Leuchten hinzugesellte, ein Schimmer. Der Geruch wurde von Schritt zu Schritt stärker, und das Herz klopfte ihr bis zum Hals.

    "Lang hast du gebraucht, hier herab zu steigen", knarzte unvermittelt eine alterslose Stimme, die sie beinahe eher fühlte als dass sie sie hörte.

    Die Wanderin war verwirrt, nicht nur, weil sie hier unten kein intelligentes Leben vorzufinden vermutet hatte, sondern auch, weil dieses sie erwartet zu haben schien.

    "Seit deinem ersten Schritt, den du hier herein getappt bist, nehme ich dich wahr, und", fuhr die Stimme fort, als lägen der Wanderin Gedanken offen, "du weißt wohl, was du suchst, aber nicht, wohin du willst ..."

    Von Angst gelähmt konnte sie nur dastehen und keinen klaren Gedanken fassen.

    Das Schimmern, das um sie herum die Höhlenwände überzog, verstärkte sich zu einem Glimmen und änderte die Farbe zu einem grünlich glänzenden Gold.

    Ihre Hand tastete nach dem Amulett, um Trost und Stärke aus der Berührung zu ziehen. Es gelang, und ihr Geist beruhigte sich, trotzdem lachte sie auf, denn die Ironie, dass sie als Angehörige einer fremden Spezies dies alles für eine Menschenfrau auf sich nahm, drängte sich mit Macht in ihr Bewusstsein.

    "Ich bin zu dir gekommen um vom Wasser des Lebens zu nehmen!" sprach sie.

    "So", sprach die Stimme, "wie alle anderen also auch, was macht dich denn anders als die anderen, dass du dies verdienen magst?"

    "Vielleicht die Tatsache, dass die anderen es begehren, um selbst Unsterblichkeit zu erlangen, während es mir allein darum geht, eine Freundin zu retten", schlug die Wanderin vor und blickte auf ihre schuppige Haut, die allein diese Freundschaft extrem unwahrscheinlich machte, immerhin war ihre Freundin eine Glatthäutige.

    "SELBSTLOSIGKEIT", keckerte die Stimme, während das Glimmen zu einem orangen-rotgoldenen pulsierendem Glosen wechselte, "Selbstlosigkeit von einer aus Deinem Volk - wie ernst mag das wohl sein- fühlst Du etwa?"

    "Ich ich haben deinen Ritus befolgt, der Aufstieg, das Amulett, der Grund IST selbstlos, das Wasser steht mir zu und", ihre sechs Finger schlossen sich fester um ihre Fackel, "und ich weiß, dass Du meine Gedanken und Gefühle lesen kannst." Das ist sooooooo typisch für solche Wächtergestalten, dachte sie, wähnen sich allmächtig und allwissend, aber ergehen sich in kleinkarierte Prüfungen.

    "Du entscheidest, dass es dir zusteht?", grollte die Stimme, während das Glosen zunahm.

    "MITNICHTEN", ergänzte die Stimme in drohendem Tonfall, während die Wanderin im glosenden Schein der Wände realisierte, dass sich die Höhlenkammer schnell mit Wasser füllte,"- schöpfe und sei nicht säumig, der Weg hinein ist nicht der Weg zurück..."

    "Ich bin wegen des Wassers des Lebens hier und habe gewiss nicht vor, hier unten durch Wasser zu Tode zu kommen", knurrte die Wanderin sarkastisch, der aber ja von Beginn an klar gewesen war, dass diese erste Station nicht das Ziel ihrer Reise sein konnte und sie vielmehr dem Verlauf des unterirdischen Flusses würde folgen müssen, nur von ihm mitreißen lassen wollte sie sich nicht.

    'Schon allein deshalb nicht, weil dies eine weitere Prüfung ist und mein Ziel die Quelle und nicht die Mündung ist', dachte sie als sie das Wasser bereits vom Höhlenboden anhob und das Glosen wieder zu einem kalten blauen Glimmen wurde. Zugegeben, ertrinken wollte sie auch nicht.

    Das Wasser lief in ihre Kalebasse hinein und füllte sie schnell: Die große Hoffnung für ihre Freundin. Jedenfalls malte sie sich das in ihrer Phantasie so aus, während sie fieberhaft nach einem Ausweg suchte, der sie vor dem sicheren Tod bewahrte und weiter zur Quelle führte, wie die besagte Prüfung es von ihr verlangte.

    Als das Wasser sie ganz umschloss, umfing sie eine fast befreiende Schwerelosigkeit - und erst jetzt verspürte sie, wie aus einer einzelnen Spalte in der Höhlenwand das Wasser hineinströmte. Sie ließ sich von der Strömung mitreißen und erreichte, dem ertrinken nahe, das Tageslicht.


    Kapitel 2


    Es musste schon der nächste Tag sein, die Gelbscheibe war noch nicht vollends über die Berggipfel gestiegen. Die Echsenfrau wunderte sich, wie sie hierhergekommen war, hätte sie sich nicht weiter zur Quelle des unterirdischen Flusses vorarbeiten sollen? Fieberhaft suchte sie nach einem Hinweis auf die Quelle und erspähte weit oben einen kleinen Wasserfall, der hoffentlich ein höher gelegener Abschnitt des Baches war, der sie aus der Höhle gespült hatte. Dabei bemerkte sie ihren Stecken, der es ebenfalls hierher geschafft hat und den sie nun wieder an sich nahm.

    Violette Wolken hingen schwer am Himmel, an dem drei geflügelte Kreaturen über dem Tal kreisten. Sie duckte sich vor den Kreaturen, schließlich könnten es Echsenadler sein. Oder Beutegeier, wie sie sich in Räuberbanden fanden, im Handelsgewerbe oder unter den Steuereintreibern.

    Während sie so über die beutegierigen aus dem Volk der Harpeniden signierte, gewann sie in der für ihresgleichen angenehmen, ja anregenden warmen Schwüle leichtfüßig an Höhe. In regelmäßigen Abständen schüttelte sie die in der Höhle gefüllte Kalebasse, um die Harpeniden mit dem Geräusch geschüttelten Wassers auf Abstand zu halten.

    Knapp unter dem schleierartig sprühenendem, kleinem Wasserfall erreichte sie einen in einer Felsspalte halb verborgenen, duftenden Feigenbaum, reife Früchte an und überreife bereits unter sich. Auch hier, dank der einsetzenden Dämmerung, war ein Glimmen wie in der Höhle zu erkennen, dass allmählich die Farbe änderte zu einem grünlich glänzenden Gold.

    Neugierig trat sie der Spalte näher, nur langsam rann die Erkenntnis über die Natur des Wesens aus der Höhle in ihr Bewusstsein. Es soll weder gut noch böse sein.

    Kommt ran, ihr Orkis, ihr ahnt es wohl schon

    Wir singen die Saga vom Orkenspalterson.

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    Im Sommer zweizwanzich hatte er es gehört:

    Die Sonne hatte sie alle schon gedört

    (Dass Thorwal sich an einem Ungeheuer stört.)

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    Es ging fort, hinauf aufs Meer,

    weil es dort angeblich viel kühler wär,

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    gelobt sei Swafnir, das wohl,

    Die Otta war mit seinen Leuten randvoll

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    Es segelte mit ihm ein lustiger Haufen

    Da gab es immer was zu saufen.

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    Sie trotzten Wind und Wogen,

    An Bord wurde niemals gelogen.

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    Es blähten sich die Segel

    Weg flog erst Kind, dann Kegel.

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    Orkenspalterson ist ein wahrer Held

    der niemals pflügte ein Feld.

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    Es wurde gerudert ganz schnell.

    Doch die Ruderer waren nicht gerade hell.

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    So fanden sie statt dem Swafnirland

    Leider auch nur der Goldküste Strand.

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    Dort fragten sie Angler "Wo sind wir denn hier?

    Es gibt hier nur Wein und gar kein Bier."

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    Doch echte Thorwaler können gar nicht verzagen,

    nur werden sie sicher nicht noch einmal fragen.

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    Stattdessen wandten sie sich an Orkenspalterson

    "Bekommen wir jetzt hier unseren Lohn?"

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    Da antwortete der Kapitän:

    „Lasst mich denken, ihr werdet sehn,

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    Euer Lohn wird riesig sein.

    Doch vorher machen wir uns rein-

    +

    Denn auf der Otta müffelt's sehr.

    Da muss Seife und Salzwasser her."

    +

    Sie fingen an zu murren laut,

    "Nein! Seife kommt uns nicht an die Haut!"

    +

    "Na gut", sagte da der Kapitän,

    "Dann nur mit Wasser, das wird schon geh'n."

    +

    Da hörten sie vom Landesinnern

    - wers hörte kann sich gut erinnern

    +

    Wie einer an dem Seile Reißte

    "Kommt, da müss mer Hilfe leiste",

    +

    die dünne Hulda rief geschwind,

    "Dort, die Nase in den Wind!"

    +

    Ist das nicht ein kleiner Ork?

    Der hefig winkt mit einem Schild aus Kork?

    +

    Was hat er darauf geschrieben?

    Oder etwas draufgerieben?

    +

    Ein gar hässlich' Fratzengesicht

    So schrecklich, dass sogar Hulda bricht.

    +

    "Hier gehen wir tapferen Thorwaler bestimmt von Bord

    und rufen nach Feuer, Brand und Mord!"

    +

    Sie sprangen in kalte, schäumende Nass

    Und schritten unerschrocken fürbass.

    +

    Mit 'hussa!' voran, Axt zwischen die Zähn'

    Hauten sie alles zu Spän

    +

    Alsbald sprach der Hetmann:

    "Was hat das wohl getan.

    +

    Lasst uns mal schauen,

    und dann saufen wir bis zum Morgengrauen!"

    +

    Sie machten da große Augen

    - würden hier ihre Waffen taugen?

    +

    Ihnen entgegen starrt' n Buckel hörnerreich

    höher gar jeder Deich,

    +

    mit Augen groß und rund

    Überstehet die Ottajasko dies wohl gesund?

    +

    Sie standen dicht beisammen,

    zum Glück, und nicht in Flammen.

    +

    Da nahm das Unheil seinen Lauf,

    denn wie in einem großen Hauf'

    +

    kam gar geschwind herbei

    ein veritabler Riesenhai.

    +

    Auch das noch, lallte Orkenspalterson,

    Gar fürcht‘lich Monster hier wohn‘.

    +

    Da rief die Schiffsmagierin:

    "So hat das alles keinen Sinn!"

    +

    Ihre Astralkraft war verbraucht,

    aber der Hai, da kam er schon angetaucht.

    +

    Eine formidable Idee muss her!

    Hal Svenson packte seinen Speer.

    +

    Und rief: "Das wäre doch gelacht!"

    Doch die Rechnung hatte er ohne den Wirt gemacht.

    +

    Schon nahm der Hai ihn auf die Hörner,

    und seine Innereien flogen wie Körner.

    +

    Das war klar nicht klug genug!

    Spalterson witterte Betrug

    +

    und schimpfte launisch mit den Göttern.

    Doch der Hai mit seinen Höckern

    +

    nahm Kurs auf Orkenspalterson

    Der sprach: "Ich geb mich nich verlorn!"

    +

    Die riesge Faust rauscht herab auf die Nas

    die zerbrach wie eine Vas'.

    +

    Der Hai, der schaute ganz verwirrt,

    Weils in seinem Oberstübchen nun laut sirrt.

    +

    "Stirb, Du Biest, bei Swafnir, Tass voll!"

    Doch da wurde es richtig toll,

    +

    denn nun erhoben sich, welch Graus,

    des Untiers Zähne hoch hinaus!

    +

    Ein größeres Vieh kam angeschwommen,

    Auch mit dem wird man nicht übereinkommen.

    +

    Zwei garstig Tiere schwimmen um die Recken,

    wo mag das dritte sich verstecken?

    +

    Orkenspalterson rief: "Da hilft nur eins!

    Die große Tat sei meins!"

    +

    Er nahm den großen Schluck vom Premer Feuer,

    Und band ganz fest der Otta Steuer.

    +

    Und stieß mit lautem Kampfgeschrei

    in den Monsterrachen das Senkblei.

    +

    Der Hai, der schluckt ganz überrascht,

    Weil er noch nie Senkblei genascht.

    +

    Die schwere Last zieht ihn zum Grund,

    so dass nun nahte seine letzte Stund'.

    +

    Doch allein er war nicht hier,

    Denn das größere Vieh kam, voller Gier

    +

    Und auch das Versteck des unbekannten Dritten

    Entließ diesen hier zur Mitten

    +

    So schwammen beide hier und Orkspalterson dort,

    doch waren sie noch nicht mal fort,

    +

    als Orks herangestürmt nun kamen,

    und so es schritten fort die Dramen.

    +

    "O nein", er rief, "das sind die Schlimmsten!"

    Und obwohl sie natürlich nicht simsten,

    +

    kreisten sie und der Hai die Thorwaler ein,

    das gab für die Thorwaler eine große Pein.

    +

    Die Haie schnappten hier und dort,

    die Orks, es gierte sie nach Mord.

    +

    Da kam der Götter Fingerzeig:

    Niemand darf nun bleiben feig',

    +

    erhoben werden muss die Kraft, der Mut!

    Doch Thorwaler können Eines gut:

    +

    An die Riemen, ob Frau ob Mann,

    kommt alle heran!

    +

    Steuert das Boot über sie hinweg,

    Von Den Haien blieb nur ein fett'ger Fleck.

    +

    Und auch wenn die Orken brüllten wacker,

    Für Orkenspalterson war's nur müdes Gegacker.

    +

    "Schnauze da drüben, sonst wird gleich gespalten!

    Immer feste druff halten!"

    +

    Die Orks, die mussten weichen,

    Denn wie Orkenspalterson keinen kannten sie dergleichen.

    +

    Und Angst gelähmt waren sie noch dazu

    Die Schiffsbesatzung machten sie zu Thorwaler Ragout.

    +

    Die Orken besiegt, die Haie nur noch Flecken,

    - es war an der Zeit, den Metvorrat zu checken.

    +

    Erwartungsvoll öffnete Arantan ein Fass

    und nahm bereit die große Tass.

    +

    Er sprach zu den großen Recken:

    Bei Swafnir, das lassen wir uns schmecken!

    +

    Schon war auch Schattenkatze ran und das auch noch durstig,

    doch fand sie Met eher wurstig.

    +

    "Voran", sie sprach, "möge der nächste heran!"

    - Und schließlich allen was durch die Kehlen rann.

    +

    Auch für die Metwurstigfinder wurde reichlich gesorgt,

    herum die Hörner gingen, und seien's geborgt.

    +

    Besiegt die Orks und die Haie,

    Ihr Gesang war voller Schreie

    +

    Sodann wollten sie segeln nach Hause

    Kapitel 1


    Die aus der Ferne hominid wirkende Gestalt stützte sich auf ihren Stecken und ließ sich den Wind um die Nase wehen. Der Aufstieg hatte viel Zeit und die Vorräte gekostet. Dafür war das Ziel in greifbare Nähe gerückt. Denn auch wenn unten viele das Vorhaben belächelten - mit Blick von hier oben war es all die Strapazen wert. Verübeln konnte die Wanderin den Leute ihre Skepsis freilich nicht, immerhin folgte sie unter Einsatz ihres Lebens und ihrer Gesundheit einem Hirngespinst, das sie selbst lange für eine bloße Legende gehalten hatte. Das Ziel lag am Fuße des Hügels, auf dem sie nun stand. Hier oben klärte sich ihr Blick, war ihr Atem freier, und sie sah es vor sich ganz deutlich: Den Eingang in ein verzweigtes Höhlensystem, auf dessen Grund ein unterirdischer Fluss vermutet wurde, dem sie würde folgen müssen. Doch zwischen ihr und dem Fluss lag nun, nach dem beschwerlichen Aufstieg auf den Berg, der Abstieg in das finstere und kalte Höhlensystem vor ihr. Nun gab es kein Zurück mehr, und so suchte sie sich den Weg den Hügel hinunter, entschlossen und jeden ihrer Schritte mit Bedacht setzend.

    "Je mehr Jahre vergehen, desto häufiger freut man sich, einen Stecken dabei zu haben“, dachte sie sich, während ihre Knie bei jedem Schritt hügelabwärts von stechenden Schmerzen durchzuckt wurden.

    Vor Ihr klaffte der Höhleneingang als Zugang zu den Gebeinen dieser Welt. Ein merkwürdiger Geruch ging von dort aus. Hoffentlich kein Höhlendrache, dachte sie, wobei die Geschichten von weit schlimmeren Monstren sprachen.

    Bevor sie die Höhle betrat, hielt sie inne, um eine Fackel aus ihrem Gepäck zu holen und zu entzünden. Sie holte tief Luft und setzte einen Fuß in den nachtschwarzen Schatten, den die Felsen über dem Höhleneingang warfen.

    Würde sie finden, wovon die Verheißung sprach, das Wasser, das Wasser des Lebens, oder vielmehr einen grausamen Tod?

    Nach vielen Stunden gelangte sie endlich an die erste Verzeigung. Wohin nun, nach links oder rechts, oder doch geradeaus?

    Sie schloss die Augen, atmete durch und fasste mit sehniger Hand nach ihrem Amulett, das sie einer Gebetskette gleich durch ihre sechs Finger gleiten ließ. Das Amulett ihres schon lange verstorbenen Grat’N’Kaah beschützte sie nun schon so viele Jahre und gab ihr immer noch Zuversicht. Und die brauchte sie auch, denn was ihre Leute im Tal nicht ahnten, war, dass sie die Reise nicht aus eigensüchtigen Motiven unternahm oder weil sie aus schierer Abenteuerlust einer unwahrscheinlichen Legende nachjagte.

    Mit den geschlossenen Augen spürte sie dem Amulett und ihrer Frage nach ... geradeaus, das Amulett ihres Grat'N'Kaah schickte sie geradeaus, sie war sich sicher. Sie zweifelte nicht länger, dass sie das Wasser des Lebens finden und Mithra retten würde.

    Fackel und Stecken voran betrat sie den schmaler werdenden Gang vor ihr. Aber wieso kam genau aus dieser Richtung der merkwürdige Geruch, den sie schon am Höhleneingang wahrgenommen hat?

    Stunde um Stunde ging sie weiter, bis sich plötzlich hinter einer Biegung zu dem merkwürdigen Geruch ein Leuchten hinzugesellte, ein Schimmer. Der Geruch wurde von Schritt zu Schritt stärker, und das Herz klopfte ihr bis zum Hals.

    "Lang hast du gebraucht, hier herab zu steigen", knarzte unvermittelt eine alterslose Stimme, die sie beinahe eher fühlte als dass sie sie hörte.

    Die Wanderin war verwirrt, nicht nur, weil sie hier unten kein intelligentes Leben vorzufinden vermutet hatte, sondern auch, weil dieses sie erwartet zu haben schien.

    "Seit deinem ersten Schritt, den du hier herein getappt bist, nehme ich dich wahr, und", fuhr die Stimme fort, als lägen der Wanderin Gedanken offen, "du weißt wohl, was du suchst, aber nicht, wohin du willst ..."

    Von Angst gelähmt konnte sie nur dastehen und keinen klaren Gedanken fassen.

    Das Schimmern, das um sie herum die Höhlenwände überzog, verstärkte sich zu einem Glimmen und änderte die Farbe zu einem grünlich glänzenden Gold.

    Ihre Hand tastete nach dem Amulett, um Trost und Stärke aus der Berührung zu ziehen. Es gelang, und ihr Geist beruhigte sich, trotzdem lachte sie auf, denn die Ironie, dass sie als Angehörige einer fremden Spezies dies alles für eine Menschenfrau auf sich nahm, drängte sich mit Macht in ihr Bewusstsein.

    "Ich bin zu dir gekommen um vom Wasser des Lebens zu nehmen!" sprach sie.

    "So", sprach die Stimme, "wie alle anderen also auch, was macht dich denn anders als die anderen, dass du dies verdienen magst?"

    "Vielleicht die Tatsache, dass die anderen es begehren, um selbst Unsterblichkeit zu erlangen, während es mir allein darum geht, eine Freundin zu retten", schlug die Wanderin vor und blickte auf ihre schuppige Haut, die allein diese Freundschaft extrem unwahrscheinlich machte, immerhin war ihre Freundin eine Glatthäutige.

    "SELBSTLOSIGKEIT", keckerte die Stimme, während das Glimmen zu einem orangen-rotgoldenen pulsierendem Glosen wechselte, "Selbstlosigkeit von einer aus Deinem Volk - wie ernst mag das wohl sein- fühlst Du etwa?"

    "Ich ich haben deinen Ritus befolgt, der Aufstieg, das Amulett, der Grund IST selbstlos, das Wasser steht mir zu und", ihre sechs Finger schlossen sich fester um ihre Fackel, "und ich weiß, dass Du meine Gedanken und Gefühle lesen kannst." Das ist sooooooo typisch für solche Wächtergestalten, dachte sie, wähnen sich allmächtig und allwissend, aber ergehen sich in kleinkarierte Prüfungen.

    "Du entscheidest, dass es dir zusteht?", grollte die Stimme, während das Glosen zunahm.

    "MITNICHTEN", ergänzte die Stimme in drohendem Tonfall, während die Wanderin im glosenden Schein der Wände realisierte, dass sich die Höhlenkammer schnell mit Wasser füllte,"- schöpfe und sei nicht säumig, der Weg hinein ist nicht der Weg zurück..."

    "Ich bin wegen des Wassers des Lebens hier und habe gewiss nicht vor, hier unten durch Wasser zu Tode zu kommen", knurrte die Wanderin sarkastisch, der aber ja von Beginn an klar gewesen war, dass diese erste Station nicht das Ziel ihrer Reise sein konnte und sie vielmehr dem Verlauf des unterirdischen Flusses würde folgen müssen, nur von ihm mitreißen lassen wollte sie sich nicht.

    'Schon allein deshalb nicht, weil dies eine weitere Prüfung ist und mein Ziel die Quelle und nicht die Mündung ist', dachte sie als sie das Wasser bereits vom Höhlenboden anhob und das Glosen wieder zu einem kalten blauen Glimmen wurde. Zugegeben, ertrinken wollte sie auch nicht.

    Das Wasser lief in ihre Kalebasse hinein und füllte sie schnell: Die große Hoffnung für ihre Freundin. Jedenfalls malte sie sich das in ihrer Phantasie so aus, während sie fieberhaft nach einem Ausweg suchte, der sie vor dem sicheren Tod bewahrte und weiter zur Quelle führte, wie die besagte Prüfung es von ihr verlangte.

    Als das Wasser sie ganz umschloss, umfing sie eine fast befreiende Schwerelosigkeit - und erst jetzt verspürte sie, wie aus einer einzelnen Spalte in der Höhlenwand das Wasser hineinströmte. Sie ließ sich von der Strömung mitreißen und erreichte, dem ertrinken nahe, das Tageslicht.


    Kapitel 2


    Es musste schon der nächste Tag sein, die Gelbscheibe war noch nicht vollends über die Berggipfel gestiegen. Die Echsenfrau wunderte sich, wie sie hierhergekommen war, hätte sie sich nicht weiter zur Quelle des unterirdischen Flusses vorarbeiten sollen? Fieberhaft suchte sie nach einem Hinweis auf die Quelle und erspähte weit oben einen kleinen Wasserfall, der hoffentlich ein höher gelegener Abschnitt des Baches war, der sie aus der Höhle gespült hatte. Dabei bemerkte sie ihren Stecken, der es ebenfalls hierher geschafft hat und den sie nun wieder an sich nahm.

    Violette Wolken hingen schwer am Himmel, an dem drei geflügelte Kreaturen über dem Tal kreisten. Sie duckte sich vor den Kreaturen, schließlich könnten es Echsenadler sein. Oder Beutegeier, wie sie sich in Räuberbanden fanden, im Handelsgewerbe oder unter den Steuereintreibern.

    Während sie so über die beutegierigen aus dem Volk der Harpeniden signierte, gewann sie in der für ihresgleichen angenehmen, ja anregenden warmen Schwüle leichtfüßig an Höhe. In regelmäßigen Abständen schüttelte sie die in der Höhle gefüllte Kalebasse, um die Harpeniden mit dem Geräusch geschüttelten Wassers auf Abstand zu halten.

    Knapp unter dem schleierartig sprührnendem, kleinem Wasserfall erreichte sie einen in einer Felsspalte halb verborgenen, duftenden Feigenbaum, reife Früchte an und überreife bereits unter sich. Auch hier, dank der einsetzenden Dämmerung, ein Glimmen wie in der Höhle zu erkennen, dass allmählich die Farbe änderte zu einem grünlich glänzenden Gold.