Schwesternlos

Orkenspalter Downloads - Rezensionswettbewerb
Derzeit läuft ein Rezensionswettbewerb bis Ende Mai. Zu gewinnen gibt es eine Hardcover-Vollfarb-Variante des "Großen Orkenspalter Kochbuchs Band II". Details gibt es hier. Wer nicht weiß, was er bewerten soll: im Download-Bereich sind rechts Infoboxen, was zuletzt bewertet wurde, aber auch wo noch Rezensionen fehlen!
  • Es ist Anfang Ingerimm und hier, an der südlichen Spitze Maraskans, in einer versteckten Bucht einer von den Mittelreichern seit Götterläufen nicht entdeckten kleinen Insel, heiß. Vom Dschungel, wie die Tulamiden den Urwald bezeichnen, kommt feuchte Luft, doch am Strand mit der frischen Seebrise ist es ganz angenehm, so man sich nicht an der Hitze stört.
    Messana nimmt die Hitze kaum wahr, außerdem ist es hier in dem Raum etwas kühler. Sie sitzt auf einem Kissen, eine Teetasse in Händen haltend, aber bestenfalls einmal nur ihre Lippen damit benetzt habend. Bereits in Boran hat sie Hemd und Hose mit abgeschnittenen Ärmeln und Beinen aus ihrem Rucksack geholt und angezogen und seit sie an Bord des Freibeuters ging, der sie hierher brachte, geht sie auch barfuß. An ihrem Gürtel befindet sich nur ihr Jagdmesser und auf ihrem linken Oberarm trägt sie den breiten Messingreifen. Ihr Gepäck - praller Rucksack, daran befestigter Helm, Köcher mit Pfeil und Bogen, die beiden Säbel mit ihrem Gehänge, der Anderthalbhänder, Schild, ihre Stiefel und die eingewickelte Brünne - liegt neben ihr.


    Zu ihrer größten Dankbarkeit ist Shansujin hier und nicht auf See, um mit seinem Schiff und seiner Mannschaft gegen die Mittelreicher zu kämpfen. Die Mittelreicher nennen ihn Piraten und Freibeuter, für Messana ist er ein höchst ehrenhafter Mann, mit ähnlichen Prinzipien und Grundsätzen wie sie selber, den sie vor fast drei Götterläufen kennen- und schätzen lernte und den sie vor etwa zwei Götterläufen für einige Madamalläufe besucht hatte und ihn gebeten hatte, ihr Lehrmeister zu sein im Umgang mit den Säbeln.
    Zugleich hatte er ihr aber nicht nur noch einige Rafinessen gezeigt, sondern ihr in vielen und langen Gesprächen und Meditationsübungen geholfen, den Verlust Jacarandas zu überwinden und daran nicht endgültig zu zerbrechen.


    Seine ruhige Art, seine Philosophie, sein Ernst und einfach seine Betrachtungsweise, Dinge und andere Seiten einer Münze zu erkennen und ihr begreiflich zu machen, machten ihn zu ihrer ersten Wahl, noch davor, zu einem Traviatempel, bevorzugt dem in Thorwal-Stadt, wo sie zu Schwester Shaya großes Vertrauen hat, zu gehen.
    Der ehrenwerte Shansujin versucht erst gar nicht, ihr über oder mittels göttlichem lenken zu helfen, für ihn sind die Zwölfe die Diener von Rur und Gror und damit bestenfalls sekundär.


    Obwohl sie eine lange Reise aufsich genommen hatte, um hierher zu gelangen, hat es sie einige Überwindung gekostet, doch als sie erst einmal sprach, waren die Worte nur so aus hier herausgesprudelt, soviele Dinge, die sie beschäftigen und quälen und stechen, allem voran die Ereignisse in Kurkum, im Eis, Feuermals Tod durch ihre Hand und die 'Prophezeiungen' des Fuhrmann-Dämones.


    Doch Messana wehrt sich gegen das, was er sagt, zu sehr haben sich Sichtweisen und Überzeugungen bereits eingefressen und festgesetzt, zu sehr ist sie ausgebrannt und innerlich berits zerbrochen, zu tief noch sitzt der Zorn in ihr, der noch immer mal wieder heftig aufflackert und verzehrend ist.

  • Shansujin schweigt eine Weile, ehe er wieder das Wort ergreift. “Alles Leben ist ein Kreislauf und auch die Welt wird irgendwann wieder an ihrem Anfang ankommen. In einem Gespräch jedoch ist das nichts, was hilfreich ist. Wir beide müssen nachdenken. … Du kannst deine Lagerstatt im Gästehaus errichten. Ich werde Sorge tragen, dass Reis und Gemüse bereitet wird. …Ausgemergelt und schwach siehst du aus. Du musst wieder zu Kräften kommen. Egal wie du dein Leben weiter leben willst.“

  • In der Tat hat Messana sich körperlich von jenen Strapazen im Nivesenland nicht erholt. Sie schläft seit vielen Siebenspannen kaum noch, dennsie fürchtet den Schlaf, in dem finstere Alpträume sie quälen, die keine Erholung zulassen und sie oft genug aufschreiend wach werden lassen. Sie ißt nur das Nötigste, denn rechten Appetit hat sie keinen und den Magen zu füllen erscheint ihr oft genug als Übel, dem sie wenig Bedeutung beimißt.
    Es ist zu sehen, daß sie eigentlich eine große, kräftige Frau ist, aber im Moment ist sie sichtlich abgemagert und ein Schatten ihrer früheren Präsenz, mit dunklenRingen unter den Augen und ohne Kraft und Schwung in den Bewegungen.


    "Ich danke dir", sagt sie und erhebt sich aus dem Schneidersitz, dabei eine Hand nutzend, während sie früher immer in einer fließenden Bewegung aufgestanden ist aus dieser Haltung.
    Sie lädt sich ihre nicht unbeträchtliche Ausrüstung auf und schwankt kurz mit vollen Händen unter dem Gewicht, bevor sie hinaus und durch den heißen Sand auf eine der Bambushütten zugeht.
    Drinnen läßt sie das Gepäck nahe des Einganges fallen und bleibt einen Moment stehen, den Schatten nach der Sonne draußen auf sich einwirken lassend.
    Dann geht sie zu der Bettstatt hinüber und streckt sich darauf aus, an die Decke blickend und der Leere und dem Schmerz und den Zweifeln in ihrem Innern nachtastend.

  • Shansujin nickt nach Messana Worten blickt mit Sorge der ausgemergelten Gestalt hinterher, die da die Kammer verlässt, in der er sich zum Tee niedergelassen hatte.


    Nachdem Messana endgültig den Raum verlassen hat, erhebt auch er sich und geht hinaus, jemandem aufzutragen, Essen zuzubereiten. Er selbst geht an die östliche Felsenküste der kleinen, glücklicherweise noch immer geheimen Insel des maraskanischen Widerstandes und blickt auf das Meer.


    Eine Stunde vergeht, ehe jemand die Tür in Messanas Zimmer an die Seite schiebt. Eine junge Frau, die sie nur vom Sehen her kennt. “Der Admiral erwartet euch zum Essen“, sagt sie.

  • Messana wendet lediglich den Kopf, als die Tür geöffnet wird.
    "Danke", sagt sie und steht langsam auf. Weiterhin barfuß geht sie hinaus, das Gepäck, das noch immer bei der Tür auf einen Haufen liegt, nicht mit einem Blick streifend.
    Sie geht zu Shansujins Behausung hinüber und pocht kurz an die Tür, um höflich ihre Ankunft anzukündigen.

  • “Komm herein“, hört sie Shansujins Stimme aus dem Inneren. So sie die mit Ölhaut verkleidete Tür zur Seite schiebt, kann sie dort den Admiral am traditionell beinlosen Tisch im Schneidersitz am Kopfende hocken sehen. Es ist für zwei gedeckt, eine Schüssel enthält dampfenden Reis, eine weitere Gemüse. Schalen und Stäbchen stehen bereit.

  • Messana tritt ein. Angesichts des gedeckten Tisches verbeugt sie sich kurz vor ihm, bevor sie hinüber geht und sich im Schneidersitz vor dem anderen Gedeck niederläßt.
    Den Geruch des Essens nimmt sie wahr, aber es löst keine nennenswerten Hungergefühle in ihr aus.


    "Ich danke dir für die Zeit, die du dir für mich nimmst und für die Unterkunft, die du mir gewährst."

  • Shansujin verneigt sich ebenfalls, als Messana es tut, so wie die Etikette es verlangt. “Du weißt, dass es mir immer eine Ehre ist, dich hier zu empfangen, Messana. Wenige noch sind den alten Traditionen und Werten so wie du und ich verpflichtet. Immer lauter werden die Stimmen, die ein anderes Vorgehen gegen die Mittelreicher fordern. … Ehre deinen Feind und erfreue dich an seinen Erfolgen. Ein Grundsatz, der unbequem geworden ist … auch in diesen Krieg.“

  • Deshalb respektiert und sie Shansujin über die Maßen, mehr als jeden anderen Mann, mehr noch, wenn auch anders, als Viburn von Nostria. Stets ehrenhaft, in Worten wie Taten, auch dann, wenn der Gegner seklber so nicht handelt.
    Der Kampf gegen die Mittelreicher ist nicht der ihre, ebenso wenig, wie der Versuch der Mittelreicher, Maraskan völlig unter ihre Knute zu bringen, nicht der ihre Kampf ist.
    Die Vorgehensweise von Codnas Han und den anderen Freischärlern ist nichts, das sie annehmen würde, die Mittelreicher, die Shansujin in einem Käfig über die Bordwand hingen, um auf diese Art das Freibeuterschiff zur Aufgabe zu zwingen, verabscheut sie jedoch.


    Ein guter Kampf ist der, in dem beide Kontrahentinnen zeigen können, was sie können, ein ehrenhafter Kampf ist der, in dem zumindest frau selber sich ehrenhaft verhält.


    Doch Shansujins Worte beschämen sie nur zutiefst. Sie schaut auf ihre Hände,die auf ihren Oberschenkeln liegen.
    "Ich bin nicht so ehrenhaft, wie ich dachte und wie ich sein möchte", sagt sie leise. Wieder sieht sie Feuermals so überraschten, hilf- und wehrlosen Blick, als ihr Säbel so tief in seinen Leib fuhr, daß die Spitze aus der anderen Seite wieder herauskam.
    Oder als sie an der Tür vor Galottas Laboratorium standen und sie den Kompositbogen bereit machte und Herzschläge später ihr Pfeil ohne Warnung Galotta von hinten durchbohrte, der erst dann ihrer aller Gegenwart gewahr wurde - und noch heute kann Messana nich verstehen, warum sie dann auf einmal das Gefühl hatte, und bis heute noch hat, daß es gut, daß es richtig war.

  • Shansujin blickt Messana schweigend und mit Verwunderung an. Auch wenn er nichts sagt, liegt doch im Blick alleine schon die Aufforderung zu erklären, was der letzte Satz zu bedeuten hätte.

  • "Der Magier, den ich vorhin erwähnte, der die Nivesen entführen ließ und von einem Dämon unter Bann stehen ließ, damit sie für ihn Erz abbauen. Er saß in seinem Zimmer, mit dem Rücken zur Tür, als wir uns leise näherten.
    Er war ein Paktierer, der mit einem Dämonen einen Pakt geschlossen hatte, um sein verdarbtes Leben zu verlängern. Paktierer sind böse, sie müssen wie Dämonen vernichtet werden, egal wie ... so lernte ich, so dachte ich. Dennoch fand ich, daß es nicht richtig war, aber sein müßte, denn wenn er seine Wächter gerufen hätte, hätten wir keine Chance mehr gehabt.
    Ich rannte los und er bemerkte mich erst, als ich schon in vollem Lauf war ..."
    Messana schaut wieder auf ihre Hände, nachdem sie die Augen gehoben und Shansujins auffordernden Blick bemerkt hatte.
    "Sein Blick, als der Säbel ihn durchbohrte ... Es war nicht richtig, ohne Warnung loszulaufen und ihn von hinten zu töten! Er war ein Paktierer und mit Dämonen im Bunde, aber es war nicht richtig. Vorher ahnte ich es, doch erst hinterher wußte ich, aber da war es zu spät."
    Sie schluckt einmal.
    "Schon einmal davor habe ich etwas ähnliches getan.
    Ein böser Magier, der im Begriff war, fast 1000 Oger, die er kontrollierte und die bereits eine Stadt zerstört hatte, auf Gareth zu lenken. Tausende weitere von Menschen wären getötet worden, Kinder und Alte, Heimstätten. Die Armee sammelte sich, den Ogern zu begegnen, aber sie wäre diesen Monstern unterlegen gewesen.
    Meine Gefährtinnen und ich fanden sein Versteck. Wir wußten, daß bereits die Schlacht im Gange war und daß die Oger unaufhaltsam vorstürmten und daß, wenn wir ihn nicht möglichst schnell aufhielten, die Schlacht verloren wäre und damit auch all die Städte und Dörfer auf dem Weg der Oger.
    Vor der Tür war ich mir bewußt, daß es nicht richtig war, aber einem höheren Ziel diente, daß viele Menschen gerettet werden würde. Meine Ehre war dem gegenüber ein kleines Opfer. Ich legte also den Pfeil auf, die Tür wurde geöffnet und ich schoß vom Eingang aus ... und in dem Moment wußte ich einfach, daß es gut und richtig war. Ich verstehe nicht wieso, denn vorher dachte ich, daß es ein notwendiges Übel wäre. Und noch heute fühle ich, daß es die richtige Handlung war.
    Doch bei Feuermal - das war falsch. Es war außerordentlich unehrenhaft und nicht gemäß meinen Überzeugungen, die ich bis dahin immer vertreten habe."

  • “Und jetzt vertrittst du diese Überzeugungen nicht mehr?“, fragt Shansujin. “Das kann ich nicht glauben, Messana.“

  • "Natürlich vertrete ich sie noch!" fährt Messana, vergleichsweise schwach, aber doch mit erkennbarem Feuer, auf.
    "Deshalb sage ich doch, daß es falsch und unehrenhaft von mir war! Würde ich nicht so denken, würde ich es mit einem Schulterzucken abtun, aber das kann ich nicht.
    Ich habe mich immer an diesen Prinzipien orientiert, bin ihnen gefolgt und wollte auch, daß andere sich daran halten, wenn es auch die wenigsten tun. Aber nun ..." sie räuspert sich, "habe ich es nicht getan und das war nicht richtig. Er war auf nichts vorbereitet und völlig überrascht und ich tötete ihn ehrlos von hinten, ohne jeglichwe Warnung."

  • “Es ist gut, dass du das erkannt hast, Messana“, entgegnet Shansujin. “Ehre ist nicht etwas, dass sich über andere definiert, sondern allein aus sich selbst heraus existiert sie. Geben wir sie auf, dann geben wir einen Teil von uns selbst auf.“

  • "Natürlich kommt Ehre aus einer selber", erwidert Messana im Brustton absoluter Überzeugung, aber auch mit einer Beimengung eines Untertons, der eine andere Emotion andeutet, nämlich die großen Zorns.
    "Ehrenhaftigkeit kommt nicht aus Klinge und Stand, sondern aus dem Herzen." Es klingt, als würde sie etwas rezitieren und ohne es zu merken, dreht sie an dem silbernen Ring, den sie an ihrem Finger trägt.
    "Niemand sonst ist dazu notwendig, als nur eine selber, ihr Denken und Handeln!"
    Diesmal ist der grollende, haßerfüllte Tonfall unüberhörbar.

  • Da war wieder der Zorn und die Unbeherrschtheit, die durchbrachen. Auch wenn Messana es niemals laut ausgesprochen hatte, hatte Shansujin durchaus mehr als nur eine Ahnung, auf wen sich dieser Hass bezog. Seltsam jedoch, dass sie seine Worte jetzt darauf bezieht, denn eigentlich meinte er, dass man selbst dem erbittertsten und ehrlosesten Feind Ehre entgegenzubringen hatte, da die Ehre an sich schon einen Wert darstellte. Gab man sie unter noch so gutem Vorwand auf, dann wandelte man auf einem sehr gefährlichen Pfad, der einen letztlich sogar von sich selbst entfernen konnte. Shansujin schweigt. Dies war ein Zug an Messana, in der er sie nicht bestärken wollte. Er hatte immer gesagt, sie müsse ihre Gefühle unter Kontrolle halten. Hass gebiert niemals etwas gutes.

  • Shansujin schweigt und nach einigen Herzschlägen schaut Messana ihn an, langsam den Ring loslassend.


    "Deshalb erachte ich meine Kämpfe auch als ehrenhaft, egal, wie sich meine Gegnerinnen und Gegner verhielten. Aber nun habe ich nicht ehrenhaft gehandelt und zwar in einem Moment, als es nicht galt, meine Ehre für etwas Höheres zu opfern, sondern als ich ihn Gelegenheit hätte gebe sollen, sich vorzubereiten", sagt sie nach etwa zwei Herzschlägen.

  • “Das kannst du nun nicht mehr ändern, Messana. Aber du kannst daraus lernen für die Zukunft.“ Er atmet einmal tief ein und nimmt sich dann vom Reis und vom Gemüse.

  • "Das ist es ja eben ... Ich kann es nicht ändern." Und das ist es ja, was Messana auch so sehr beschäftigt, daß es sie bis in ihre Träume verfolgt.
    "Obwohl es richtig hätte sein müssen. Ein Paktierer, der Dämonen zu seiner Unterstützung herbei ruft, der gegen die göttliche Ordnung verstößt. Aber bisher habe ich selbst gegen Dämonen ehrenhaft gekämpft. Ich hätte nicht gedacht, daß es sich so anfühlt zu tun, was ich gelernt habe, nämlich, daß solche Kreaturen mit allen Mitteln vernicht werden müssen."

  • “Deine Ehre ist nichts, was sich über andere definiert“, wiederholt Shansujin seine Worte von gerade in der Hoffnung, dass es nun Messana klarer werden könnte, was er meint.