Salz und Tinte

  • Gläser klirrten und wurden klackernd aneinander geschlagen. Murmeln aus vielen Kehlen drang durch die Scheibe der Taverne auf die Straße. Kleine Füße huschten durch den Dreck am Straßenrand, als lange Schritte an ihnen vorübergingen. Die Wolken hingen schwer am Himmel, doch die salzige Brise vom Meer der Sieben Winde blies sie beständig weiter. Kein Mondschimmer zeigte sich. Es war Neumond. Heute Nacht würde es trocken und finster bleiben.


    Sie ließ die Gasse mit den Spelunken der Seeleute hinter sich. Die Lichtstreifen wurden schmaler, als sie die Blenden hochklappte, dann war die Laterne in ihrer Hand dunkel. Der Wind fuhr unter ihre Kapuze, die er wie ein Segel blähte. Er wehte ihr salzige Tropfen ins Gesicht und den Geruch nach Algen und Morast, als sie sich dem Meer näherte. Vorbei am ersten, zweiten, dritten Pier. Unter ihrem Mantel drückte sich bei jedem zweiten Schritt die Ledermappe gegen ihre Seite. Schützend klemmte sie ihren Arm fester dagegen.

    Innerlich verfluchte sie den Wind, da sie außer seinem Pfeifen in ihren Ohren kaum etwas anderes hören konnte. Wurde sie beobachtet? Oder gar verfolgt? Sie widerstand dem Drang, sich alle paar Schritte umzublicken und dadurch verdächtig zu machen. Es wird schon gut gehen, beruhigte sie sich. Es war bislang noch jedesmal gut gegangen. Und die Unsicherheit war ja genau das, was diese Sache so aufregend und einzigartig machte, jedes Mal aufs Neue. Wahrscheinlich, so argwöhnte sie, würde sie sich niemals daran gewöhnen. Und wollte das auch nicht.


    Ein Zeitungsjunge hatte ihr diesmal die Stelle gewiesen. Diese Informationen nahmen Wege, die genauso verschlungen waren wie die Gassen, die sie durch die Altstadt hierher geführt hatten. Bekannte von Freunden flüsterten es ihren Nachbarn, die es wiederum an eine bestimmte Fischbraterin weitersagten… Die Bohlen der Piers unter ihren Füßen hatte sie hinter sich gelassen. Sie folgte nun einem festgetretenen Weg durch den Sand. Unheilvoll erahnte sie die Stelle, wo die verfluchte Unterstadt lag. Doch dies war nicht ihr Ziel.

    Dort drüben musste es sein. Ein Berg an schweren Holzkisten, eingerolltem Segeltuch und großen Fässern hob sich tintenschwarz vor dem morastigen Strand ab. Schwere Ketten waren um die losen Teile gewickelt, um sie vor langen Fingern zu schützen.

    Sie kauerte sich hinter den Stapel. Sofort wurde der Wind leiser und sie strich ihre Kapuze in den Nacken. Den Blick gen Norden gerichtet, hob sie ihre Laterne und schickte ihr Signal in die Nacht: ein kurzes Blinken, gefolgt von zwei längeren Lichtstrahlen und noch einmal ein kurzes Aufblitzen. In den Dünen blieb es dunkel und still. Nur die Wellen waren laut heute Nacht. Mit pochendem Herzen warf sie lange Blicke zu den Weg, dem sie hierher gefolgt war. Immerhin blieb auch dort vor den Lichtern des Hafenviertels alles reglos. Ein zweites Mal sandte ihr sie ihr Signal, hielt Ausschau und wiederholte das Zeichen dann noch einmal. Dann endlich blinkte ein rotes Licht auf. Kurz, lang, zweimal kurz. Er war es! Erleichterung durchströmte sie und der Wind stahl ihr ein Seufzen von den Lippen. Die Entfernung konnte sie nicht einschätzen, das Licht bewegte sich nach links und rechts und verschwand manchmal. Aber sie wusste, dass er zu ihr kam.


    Ein dunkler Umriss hob sich zwischen dem Dünengras und den Wolken ab. Obwohl er noch nicht als menschliche Silhouette zu erkennen war, griff sie unter ihren Mantel und holte die Mappe hervor.

    “Schön dich zu sehen”, begrüßte sie ihn. „Stürmische Nacht heute, was?“ Sie grinste, weil sie wusste, dass er Plaudereien über solche Nichtigkeiten wie das Wetter, insbesondere das offenkundige, derzeitige Wetter, nicht gut leiden konnte. Doch mittlerweile kannten sie sich gut genug, um sich solche Sticheleien zu verzeihen.

    “Bist das letzte Mal heute hier, nicht wahr.“ Es war eine Feststellung, keine Frage. Und es war seine Art, ihr die Neckerei heimzuzahlen. Schließlich hatte sie schon vor zwei Aufträgen gesagt, dass sie nicht mehr kommen würde. Dass sie sich fortan nur noch der Kirche und dem Studieren widmen würde. Doch wenn sie in der Schreibstube stand, konnte sie es nicht ausblenden: Die großartigen Möglichkeiten, die sich ihr dort für ihre wunderbaren Dokumente boten. Sie musste nur die Hand ausstrecken, Pergament auf das Schreibpult legen, die Feder eintunken... und wieder hätte sie ihren Freunden ihre Arbeit ermöglicht und dass sie sich und ihre Familien einen weiteren Abend, einen weiteren Siebenspann ernähren konnten. Natürlich war ihr dabei bewusst, dass den größten Teil des Geldes diejenigen einsackten, die sich nicht die Finger schmutzig machten. Aber so war das eben. Und der Stolz, den sie empfand, wenn ihr der richtige Bettler an der richtigen Straßenecke zuflüsterte, dass sich die Reichen an diesem Abend in besonders teure Gewänder kleideten und er mit seinen Lumpen zufrieden sein musste – und sie wusste, was es bedeutete: dass eine Ladung teurer Seide aus dem Süden eintreffen würde und eine Zollbescheinigung brauchte, die ihre eigene Hand und nicht die hochnäsigen Beamten des Zollbüros ausgestellt hatten. Die diebische Freude, wenn sie sich von dem Geld, dass die Schmuggler ihr zahlten, eine neue, feine Schreibfeder oder eben diese schöne Ledermappe kaufte, die jetzt auf der sandigen Seekiste lag.


    “Genau. Ist mein letzter Auftrag heute. Machen wir es also kurz, ich hasse Abschiede”, erwiderte sie ihm mit einem schiefen Grinsen. Sie wussten beide, dass sie sich wiedersehen würden, irgendwann und irgendwo in der Nacht.

    Auf dem Rückweg pochte ihr Herzschlag laut in ihren Ohren. Ihr Blick war geschärft und sie fühlte sich, als könne sie jede verborgene Gestalt erkennen, als wäre sie persönlich vom Grauen Gott dazu bestimmt, hier und jetzt über den windigen Sand zurück in die Stadt zu laufen.

    Ihre Finger in den Manteltaschen schlossen sich um die schweren Münzen. Sie hatte wieder bei diesem gefährlichen Spiel mitgespielt und dabei mehr riskiert als eine einfache Bürgerin. Sie hatte höhere Ambitionen, wollte einen Rang in der Kirche Hesindes bekleiden. Sich endlich den Büchern und dem Wissen widmen! Ihre Vergangenheit hinter sich lassen - tja, erst einmal ihre Gegenwart zu einer Vergangenheit machen! Es hinter sich lassen... Doch dieses berauschende Gefühl bewog sie dazu, immer wieder ein letztes Mal einem Treffen zuzusagen. Sie wusste, dass es ein Ende haben musste.

    Doch wann war endlich das letzte Mal gekommen?