Erwachen

  • (Der Anfang einer Geschichte, die ich vor langer Zeit schrieb....)



    Erwachen…





    Ein rundes Zimmer hoch oben über einer Burg – auf einer Insel tief im Süden des großen Meeres. Der volle Mond wirft sein silbernes Licht durch die acht Fenster auf den symbolverzierten Steinboden. Aufsteigende Nebelschwaden über stillem Wasser. Kein Windhauch ist zu spüren, seltsam substanzlos umfließen Meereswellen die dunklen Mauern. Stille – die Stille eines lang verlassenen Hauses…..


    Nebel verdichtet sich – eine Veränderung. Weiße Wirbel treffen sich in der Mitte des Kreises. An den Wänden glühen Bilder. Das Schwert. Der Stab. Der Kelch. Der Stein.

    Aus weißen Wolken schält sich ein schimmerndes Tor. An den Wänden werden die Schatten der Wächter lebendig. Aus der Tiefe herauf steigen silbrig schimmernde Lichtstränge, die sich wie Fesseln um das Portal winden. Ein Sausen von Wind ist zu hören, substanzlose Schwerter klirren vor Erwartung.

    Im Tor steht jetzt die Gestalt einer schlanken Frau, hochgewachsen, wohl so um die 175 cm, weiß und blau gewandet. Von wilder Magie gebleichtes schulterlanges graues Haar, von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht, Augen sturmwolkengrau. Ein Blick scharf wie ein Schwert, grau wie Stahl. Und das Schwert? Und der Stab? Und….?


    Sie lächelt! Ein Lächeln wie Licht, leicht von Spott umringt, und eine Bewegung wie fließendes Wasser – die Fesseln verschwinden. Die Wächter zögern, da erfüllt Zaubergesang in uralter Sprache den seit Jahren stillen Raum. Enttäuschung – kein Eindringling – kein Kampf.

    Und dann… Freude! Sie ist zurück gekehrt. Endlich! Sie, die Herrin der Burg, die Herrin von Licht und Dunkelheit.


    Mondlicht fließt über Mauern wie Wasser, dringt tief ein in magischen Stein aus den Wurzeln der Erde. Feuerwärme erfüllt jetzt uralte Zimmer, die Kälte und Stille zieht sich tief in die Keller zurück. Die Burg ist wieder erwacht.

    Der Vollmond sieht sie durch die Räume wandern, die Feuer entzünden und ein Lichtschein zeigt sich hinter dicken Mauern.



    Wort und Gesang begrüßen substanzlose, alte Präsenzen, alte Freunde und Weggefährten. Erinnerungen erwachen, berühren einander und vergehen wieder.

    Tief in Gedanken kehrt sie zurück in den Turm. Feuerrot glühen Tor und Kelch und das Schwert. Silbrig schimmert das Wasser im Mondlicht und verschwimmt vor ihren Augen. Bilder erscheinen – Schwertgeklirr, brennende Burgen und Schiffe. Sterbende Monster und sterbende Menschen. Freude, Trauer und….. eine, nein – zwei dunkle Präsenzen! DAS nicht hier!





    Ihr Gesicht verhärtet sich und für die Dauer eines Wimpernschlages scheint die Zeit still zu stehen. Sie erhebt sich und ein Ritual beginnt.

    Zaubergesang erfüllt die uralte Burg, tief im Süden des großen Meeres. Tief in der Erde, unten, wo die Wurzeln noch stark sind und unverbraucht, bewegt sich Magie nach ihrem Willen. Mondlicht und Erd-Dunkelheit erwachen, kommen zum Leben, werden miteinander verwoben. Ein Lächeln umspielt ihre Lippen – Ihr werdet mir helfen. Andre mögen die Erde zwingen – doch sie ist ihre Freundin. Ihrer Bitte werden Mondlicht und Erd-Dunkelheit folgen. Und Sonnenfeuer und Meereswesen zu ihrer Zeit.

    Dies ist der erste Ort, der nach langer Zeit erwacht – der letzte wird es nicht sein.




    (An einem Ort, fern von hier, wartet eine Präsenz auf ihre Ankunft. Dort, wo viele Linien sich treffen und die Ströme stark fließen, erkennt ein zaghaft ausgestreckter Finger die Signatur der Verwandten. Freude durchfließt sie, denn lange hat sie geschlafen im dunklen Fels, tief unter der Erde und unerkannt über Jahrhunderte. Jetzt wird sie endlich wieder erwachen, und geheilt nach so vielen Äonen der Trennung. Eine durchscheinende Hand ergreift ungeformte Materie und formt sie zu einem Boten, leicht wie der Wind und flatternd wie eine aus Licht und Schatten gewobene Fledermaus. Leise Worte dringen in das Ohr des Boten, sie weiter zu geben, wenn das Ziel erreicht ist. „Du bist willkommen!“, heißt es. „Wir haben gewartet und wir freuen uns – Verwandte – Freundin!“ „Du bist willkommen….“



    Der Bote flattert davon, fliegt durch milchig weiße Konturen, pfeilschnell seinem Ziel entgegen, und erreicht es nur wenig später. Aus den Schleiern löst es sich und verschmilzt mit ihr in dem Turm über dem Meer. Ekstatische Freude! Das Willkommen formt sich in ihrem Bewußtsein. Jetzt ist sie wirklich heimgekehrt – und der Kampf kann beginnen….)



    (Wenn sie Leser findet, stelle ich die Fortsetzungen weiter hier ein....)

    Seien wir realistisch. Versuchen wir das Unmögliche. (Ernesto Guevara)

    Edited once, last by Barishan ().

  • (Dann schauen wir doch mal zurück, wie alles begann .....)


    Wie alles begann.



    Blutroter Himmel über einer verwüsteten Landschaft – Kampf, dieses Wort nimmt mein ganzen Denken und Fühlen ein - es zuckt zusammen – endlich - ich muß also getroffen haben – wird das Wesen etwa schwächer, oder bilde ich mir das ein - nur wieso steht es noch - wer ist das dort unter der Kapuze? „Schwester, wo bist Du?“



    Aufgeschreckt vom eigenen Schrei, rieb sie sich die Augen und wußte nicht, wo sie war. Was war nur geschehen, jede Bewegung tat ihr weh. Ich muß es wissen, muß fragen, was geschehen ist. Doch kaum versuchte sie sich aufzurichten, warf sie der Schmerz wieder zurück auf ihr Lager und der ganze Körper krampfte sich zusammen.



    Schatten, nichts als Schatten um sie herum und Dunkelheit. Angst, Angst und so viel Schmerz!



    „Immer langsam junge Frau“, vernahm sie eine Stimme aus dem Dunkel des … Zeltes? Wieso ein Zelt? Wo war sie hier? „Ihr könnt so nicht aufstehen, Eure Wunden würden sich wieder auftun“, sprach die Stimme zu ihr. „Ich kann mir selber helfen“, kam es gepresst zurück. „Du kannst gar nichts. Trink das und danach wird es Dir besser gehen.“ Widerstrebend trank sie aus dem Gefäß, das an ihre Lippen gehalten wurde. Es schmeckte seltsam bitter, aber zugleich auch irgendwie süß. Fast sofort verspürte sie eine große Müdigkeit über sich kommen.

    Während sie langsam hinüberglitt hörte sie die Stimmen noch sagen: „Das ist sie also? Sie sollte doch aber jünger sein und braune Haare haben.“ „Ja, das ist sie. Wer sonst hätte DAS überleben können. Naja, ich hoffe zumindest, dass sie es überlebt.“ „Das wird sie schon, wenn Du ihr hilfst.“ Danach war nur noch Schweigen.



    Wieder ist da dieses Wesen, ist es ein Mensch. Ich kann es nicht erkennen, ich muß näher heran. Doch wie über die Leichenberge kommen? Dieser Gestank raubt mir noch den Atem. Aber ich kann mich gar nicht bewegen, versinke im Morast aus Blut und Schlamm. Mir ist übel.



    Es mußte schon weit nach der Mittagsstunde sein, denn die Sonne stand schon tief am Firnament, als sie endlich aus tiefem Schlummer erwachte. Tatsächlich fühlte sie ihre Verletzungen nicht mehr ganz so intensiv wie vorher und konnte, wenn auch langsam, aufstehen. Neugierig sah sie sich in ihrer Behausung um. Sie befand sich tatsächlich in einem einfach ausgestatteten Zelt. Nur warum? Wo war ihr Stab, das Schwert? Ja gut, alles schien noch vorhanden zu sein, Kleidung, Rucksack, auch in Ordnung.


    Nachdem sie sich vorsichtig angezogen und ihre Sachen verstaut hatte, trat sie langsam aus dem Zelt heraus in die Helligkeit des vergehenden Tages. Und sofort spürte sie wieder die Magie durch ihre Adern fließen, das Kribbeln durchströmte ihren ganzen Körper von den Füßen bis zu den Haarwurzeln und löste sich in einem Funkenregen vor ihren Augen auf. Eigenartig, wieso konnte sie in dem Zelt die Magie nicht spüren? Doch der Gedanke verschwand sofort wieder. Die Worte formten sich ohne ihr Zutun in ihren Gedanken: “Maih ih bashinaya er….“ „Halt! Was fällt Euch ein, so unsere Gastfreundschaft vergelten zu wollen!“ Starke Arme umschlangen sie und hinderten sie an weiteren Worten. „Ihr werdet lernen müssen, eure Gabe richtig zu gebrauchen.“ „Ihr seid eine Tochter der Elemente. Seid Euch dessen bewußt und lernt damit umzugehen, sonst wird es Euch töten.“ Durch ihre Glieder fuhr ein heftiger Schmerz! Was…? Nun, ICH werde lernen!

    Widerstrebend ging sie zurück in das Zelt, gefolgt von einer weißhaarigen Frau in einem schlichten grauen Gewand, welches von einem einfachen Ledergürtel in der Taille zusammen gehalten wurde. Die weißen Haare waren zu zwei Zöpfen geflochten, die ihr bis auf die Brust fielen und ihre Füße schienen, soweit es sich unter dem Gewand erkennen ließ, in leichten Lederstiefeln zu stecken. Einziger sichtbarer Schmuck war die Schnalle ihres Gürtels, welche aus Silber zu sein schien und drei ineinander verschlungene Drachen darstellte.


    „Wo bin ich hier überhaupt und wer seid Ihr? Ich kann mich nicht mehr allzu gut an das Geschehene erinnern“, damit setzte sie sich wieder zurück auf ihr Lager. „Ich dachte schon, Ihr wolltet nie mehr fragen. An was erinnert Ihr Euch denn überhaupt noch? Aber esst, während Ihr nachdenkt“, und damit reichte ihr die Alte eine Holzschüssel voll dampfendem Eintopf und einen Holzlöffel dazu. Augenblicklich machte sich ihr Magen bemerkbar, daher nahm sie den Eintopf dankbar an. So etwas Leckeres hatte sie schon länger nicht mehr zu essen bekommen.

    „Man nennt mich Maéra“, sprach die Alte in die nun auftretende Stille hinein, „die Weise vom Wald. Meine Leute fanden Euch vor etwas über zwei Wochen halbtot nach dem Kampf auf dem Schlachtfeld, Magierin.“

    Schnell schluckte sie den Bissen in ihrem Mund hinunter: „Woher wißt Ihr…? Nein verzeiht. Mein Name ist Shiéllah.“ Und fast unhörbar fügte sie hinzu: „Ich konnte sie nicht retten. Sie sind alle tot.“ Bei der bloßen Erinnerung daran kämpfte Shiéllah schnell die aufsteigenden Tränen hinunter. Dass sie es aussprach machte es nur noch schlimmer, aber jetzt war nicht die Zeit zu trauern.

    „Sie retten? Das, meine Liebe, hätte in dieser Situation wohl nur ein halbes Dutzend Leute auf Dere gekonnt, wenn überhaupt. Ihr müßt lernen, die Elemente richtig zu beherrschen und Euch nicht von Euren Gefühlen leiten zu lassen. Es war dumm, sich so unvorbereitet in ein solches Wagnis zu stürzen! Das hättet Ihr besser wissen müßen. Nun ja, zu Eurer Kampftechnik mit dem Schwert gäbe es auch noch so einiges zu sagen. Aber vor allem, Rache wird am besten kalt serviert. Ihr müßt jetzt erst einmal wieder zu Kräften kommen, also esst und danach sehen wir weiter.“ Mit diesen Worten verließ die Alte das Zelt und Shiéllah war allein mit ihren Gedanken.




    *****


    Wie viel Trauer und Wut konnte ein einzelner Mensch ertragen? Wie viel wollte sie noch ertragen? Ihre Gedanken gingen zurück bis zu jenem verhängnisvollen Tag. Doch wenn sie es genau bedachte, hatte es eigentlich schon viel früher begonnen. Schlecht geschlafen hatte sie nächtelang und auch die bösen Träume verfolgten sie manchmal schon tagsüber, bevor die Nachricht des Überfalls auf ihre Heimatprovinz sie erreichte. Natürlich hatte sie ihren Lehrmeister sofort ersucht, sie nach Hause zu entlassen. Auf einmal war die Sorge um ihre Sippe übermächtig geworden, obwohl es dort schon einige ganz fähige Kämpfer gab. Schutzlos waren sie auf keinen Fall, doch spürte sie damals eine innere Unruhe, die sie nicht zu ignorieren vermochte. Ein trauriges Lächeln umspielte Shiéllahs Mund, so richtig gefragt hatte sie eigentlich nicht, nur gesagt, dass sie nach Hause müsste und dann hatte sie ihre paar Habseligkeiten gepackt und war losgezogen. Hm, ob sie sich dort wohl noch mal blicken lassen konnte? Das würde sie auch noch klären müssen – später.


    Die Erinnerung an jenen schicksalhaften Abend, an dem ein Bote müde und auf schweißnassem Pferd bei ihrem Lehrmeister aufgetaucht war, war wieder lebendig. Der Bote hatte eigentlich weiter in die Hauptstadt gewollt, um Hilfe zu holen, aber das schon seit Tagen unbeständige Wetter mit Stürmen und Gewitter zwang ihn, nicht weiter zu reiten. Fast konnte sie die Schwüle und das Grollen des bevorstehenden Gewitters wieder hören. So hörten sie dann beim Abendessen seine Geschichte von Tod, Schrecken und Verderbnis, die sich die letzten Wochen an den Grenzen der Provinz, von denen nicht weit entfernt sich auch Shiéllahs Heimatdorf befand, abspielte. Söldner, Monster, die sie nur aus Geschichten kannte und etwas, dessen Namen niemand götterfürchtiges auch nur im Traum auszusprechen wagte, zogen über die Grenzen und verheerten ganze Landstriche. Bei Hesinde, nicht einmal die Magier konnten dem genug entgegen setzten. Als Shiéllah das alles hörte, drehte sich ihr Magen um, so schnell sie konnte rannte sie raus und übergab sich auf dem Hof. ‚Das kann nicht sein, das darf nicht sein‘ ihre Gedanken rasten im Kreis, ‚ich muß nach Haus, muß helfen.‘ Nachdem sie sich wieder einigermaßen gefaßt hatte, ging sie zurück ins Haus, entschuldigte sich ob der Unhöflichkeit und begab sich unter einem Vorwand in ihre Kammer. Nach einiger Zeit klopfte es an ihrer Tür, nach einem gemurmelten „Herein“ stand Meister Askarion auch schon kopfschüttelnd im Zimmer.

    „So willst Du mich also verlassen, Deine Ausbildung abbrechen“, es war keine Frage, sondern eine Feststellung. „Ja, ich muß nach Hause, nachdem, was ich heute Abend erfahren habe, aber ich komme wieder zurück“, erwiderte Shiéllah erregt, ohne beim Packen ihres Rucksacks inne zu halten und stürmte schließlich an ihm vorbei in die Nacht hinaus. „Was für ein dummes Mädchen. Es wird lange dauern, bis wir uns wiedersehen.“


    Es war stürmisch, als sie los ritt und es türmten sich gewaltige Wolkenberge auf, die nur darauf warteten, den Regen loszuwerden und die Schwüle in der Luft, ließ einem die Kleidung am Leibe kleben. Sie war froh, eines der Pferde genommen zu haben, denn zu Fuß wäre sie niemals so schnell so weit gekommen, auch machte es nicht den Anschein, als wollte sich das Wetter in absehbarer Zeit zum Besseren verändern.


    Nach Tagen des Reitens, in denen nur selten Leute ihren Weg kreuzten, sie in Scheunen und einfachen Katen übernachtete, wurde der Himmel auch über Tag nicht mehr richtig hell und alles war in ein seltsames Zwielicht getaucht. Inzwischen schmerzte ihr vom ständigen Reiten der gesamte Körper, solange Zeit im Sattel ohne Pause, war sie nicht gewöhnt.

    Wenn sie geahnt hätte, daß das schon die Vorboten der folgenden Ereignisse waren, hätte sie es sich vielleicht überlegt alleine zu reisen. Inzwischen hatte auch der Himmel seine Schleusen geöffnet und nicht wieder geschlossen, seit Tagen regnete es ununterbrochen. Die Wege wurden schlammig und binnen kurzer Zeit war sie bis auf die Haut durchnässt. Der Sturm wehte sie fast vom Pferd, und so suchte sie schließlich in einer Höhle am Waldrand Schutz. Sie ließ das Pferd frei, denn sehr weit war der Weg jetzt nicht mehr und reiten bei dieser Witterung war einfach unmöglich geworden.


    Die Idee mit dieser Höhle hatte nicht nur sie alleine gehabt, wie sie mit Schrecken feststellen mußte, doch durch das Dröhnen des Sturmes hörte man sie nicht kommen. Im Inneren der Höhle bemerkte sie drei Gestalten um ein kleines knisterndes Feuer herum. Leise schlich sie sich näher heran, bis zu einem Felsvorsprung in der Nähe der Drei, hinter dem sie in Deckung ging und fast den Atem anhielt, um dem Gespräch folgen zu können.

    Jetzt aus der Nähe vermeinte Shiéllah auch die drei Personen zu erkennen – waren die beiden links am Feuer nicht alte Bekannte aus ihrem Dorf? Irgendwo hatte sie den dritten dort auch schon gesehen, auch wenn sie ihn im Moment nicht recht einordnen konnte. Man konnte unter der Kapuze allerdings auch nicht allzu viel erkennen.

    Schon wollte sie erleichtert hinter dem Fels hervor treten, als plötzlich Satzfetzen an ihr Ohr drangen, die sie sofort innehalten ließen: „…. da haben wir ja noch mal Glück gehabt, … keiner unser Verschwinden bemerkt … das hätte auch ganz anders ausgehen … ja, sie waren nicht darauf vorbereitet …..“ Während sie sich auf die leiser werden Stimmen konzentrierte und heraus zu bekommen versuchte, wer wohl die dritte, ihr merkwürdig bekannt vorkommende Person sein könnte, nahm sie eine kaum sichtbare Bewegung hinter den Dreien am Feuer war.

    Sie spürte die Magie sich verdichten kurz bevor der Zauber losbrach und im selben Moment spürte sie auch die Abwehr erfolgen. Wer auch immer dort mit am Feuer saß, diese Macht war gewaltig, das konnte nicht gut gehen und schon hörte sie den erstickten Schrei von jenseits des Feuers.

    Das Entsetzen war Shiéllah im Gesicht anzusehen, als sie ganz leise den Rückzug antrat. Doch hatte sie das Gefühl, die Signatur der Magie zu erkennen, nur woher, das fiel ihr im Moment nicht ein. ‚Nur weg von hier, alleine kann ich da nichts ausrichten‘. Selbst der Sturm, der draußen wütete schien nicht so schlimm zu sein, wie die Macht in der Höhle. So hoffte sie nur, daß niemand sie bemerken würde. Nach endlos erscheinenden Minuten, erreichte sie schleichend den Ausgang, wo inzwischen sogar der Sturm etwas nachgelassen hatte und Shiéllah machte sich sofort auf den Weg weiter in ihr Dorf, immer getrieben von der Sorge zu spät zu kommen.


    Nach einem anstrengenden Weg zu Fuß durch den, den Göttern sei Dank, stetig weniger werdenden Regen und durch eine Landschaft in trübes Zwielicht gehüllt, die nichts mehr mit der ihr bekannten Landschaft gemein zu haben schien, erreichte sie die Ausläufer des Wäldchens, an das ihr Dorf grenzte und gönnte sich eine kurze Rast.


    Doch nach kurzer Zeit vernahm sie das mächtige Rauschen des wieder aufflammenden Sturmes, Schwertgeklirr und Schreie, so machte sich Shiéllah wieder auf den Weg. Minuten später sah sie brennende Hütten, sterbende Monster und sterbende Menschen - Freunde, Verwandte, Trauer, Wut und …... eine, nein – zwei dunkle Präsenzen, die sie von Ferne nicht näher bestimmen konnte. Nur ihre magische Aura war erkennbar sehr stark. Was bei allen Göttern war hier geschehen? Wer hatte gewagt so etwas zu rufen? Sie kam zu spät, konnte nicht mehr warnen, es hatte bereits begonnen. „Nein verdammt!“ Tränen schossen ihr in die Augen - innerhalb eines Augenblicks wurde ihr heiß und kalt zugleich, die langen dunklen Haare fielen ihr wie ein Cape über die Schultern, die grauen Augen wurden fast undurchdringlich schwarz und dann kroch diese Wut in ihr hoch – Wut, die aus den Tiefen der Erde zu kommen schien und ihr eine Kraft verlieh, wie sie sie bisher nicht gekannt hatte. Noch im Laufen wirkte Shiéllah den Schutz, zog das Schwert und den Stab und stürzte sich ohne weiter nachzudenken auf den nächsten erreichbaren Gegner. Und geriet mitten in die Niederhöllen!


    Bevor sie irgendetwas anderes realisierte spürte sie den Schmerz der ihr vertrauten Personen, als wäre es ihr eigener. Im Bruchteil einer Sekunde hatte sie das Gefühl, sämtlicher Lebenskraft beraubt zu sein - sie stoppte aus vollem Lauf, als wäre sie gegen eine Wand gelaufen, konnte sich gerade noch abfangen und unter dem ihr entgegen geschleuderten Flammenstrahl hinweg tauchen. Mit der Gewissheit, keine andere Wahl mehr zu haben, rammte sie den Stab in den Boden und ihre Gedanken flossen unwillkürlich zu etwas, daß älter war, als die Götter, die sie kannte. Uralte Magie baute sich auf, die Worte und Gesten kamen automatisch, verbunden mit allem Lebendigen um sie herum und zusammen mit etwas unbekannt-bekanntem, daß sie nicht einordnen konnte, wirkte Shiéllah den Zauber, dessen Namen sie nicht kannte. Es war, als hätte sie es schon immer gewußt, wie ein „nach Hause kommen“. Doch es war zu stark, es verbrannte sie, von innen heraus, - oder waren die Flammen außen? - in welcher Hölle war sie gelandet?


    Nach erbittertem Kampf, der Tage zu dauern schien, in Wirklichkeit für sie aber kaum eine halbe Stunde währte, hatte sie gemeinsam – ja mit wem eigentlich – eine der dunklen Präsenzen besiegt. Die Erkenntnis flammte in ihr auf, sie hatte alle, die sie liebte verloren und nun war sie am Ende ihrer Kräfte und auch wenn sie es sich nur ungern eingestand, das war das Ende. Sie roch noch das verbrannte Fleisch bevor sie hintenüber kippte und wie tot liegen blieb.

    Da gellte ein überirdischer Schrei durch Raum und Zeit! Rief uralte Mächte an: „Sie ist gefallen! Ihr müßt helfen, sonst ist alles vorbei!“


    (Fortsetzung folgt?....)


    Seien wir realistisch. Versuchen wir das Unmögliche. (Ernesto Guevara)

  • *****


    Langsam, ganz langsam nahm Shiéllah ihre Umgebung wieder wahr, das Lager, das Zelt in dem sie saß – was mache ich hier eigentlich? - unwillig schüttelte sie den Kopf. Plötzlich wurde ihr wieder so heiß und das bekannte Gefühl kehrte zurück, dass dort noch etwas mehr oder etwas anderes sei, was sie im Moment noch nicht zu fassen vermochte. Etwas rief nach Ihr, das hatte sie schon öfter gespürt. „Junges Menschlein, lerne“, wisperte plötzlich eine Stimme in ihrem Kopf, „wir werden euch brauchen. Alleine kann es keine von uns schaffen.“ „Au, verdammt ist das heiß“, fluchte Shiéllah, denn vor Schreck hatte sie die Schüssel mit den Resten des heißen Eintopfs fallen lassen und noch genügend davon abbekommen. Wie aus einem Traum erwacht vermeinte sie ein leises Kichern vernommen zu haben, doch wahrscheinlich war es nur mal wieder ihre blühende Phantasie gewesen.


    Ja damit hatte man sie schon früher aufgezogen, dass sie Dinge hörte oder sah, die kein anderer ihrer Sippe hörte oder sah. So war sie ja schließlich auch auf einer dieser Akademien gelandet und hatte wirklich zaubern gelernt. Nur hatte sie es da nicht sehr lange ausgehalten. Die strengen Regeln der Gemeinschaft waren nichts für einen unabhängigen Geist wie sie und so war sie immer wieder angeeckt. Nach mehreren ernsten Gesprächen hatte man ihr nahegelegt, sich vielleicht einen privaten Lehrmeister zu suchen, zumindest mußte sie die Akademie verlassen. Was sie auch mit nicht wirklich großen Bedauern tat, etwas nur vermißte sie doch wenn sie ehrlich war: die große Bibliothek mit all diesen interessanten alten Folianten, in der sie sich stundenlang aufgehalten hatte. Naja, und dann waren da noch Andra und Tarson.

    Was für einen Spaß hatten sie doch gehabt beim nächtelangen Diskutieren über verschiedene Zauberformeln und natürlich auch beim heimlichen Ausprobieren. Mit einer leichten Verärgerung schüttelte Shiéllah den Kopf, darüber wollte sie jetzt nicht mehr nachdenken. Das war Jahre her, seitdem hatte sie von keinem mehr etwas gehört – als wären sie tot. Manches sollte man besser für immer ruhen lassen! Hatte sie nicht gespürt, daß alles zu Ende war?


    „Nun, hast Du fertig gegessen?“, mit dieser Frage viel plötzlich das Licht der untergehenden Sonne in das Zelt und im Eingang sah Shiéllah eine junge Frau stehen, „Maéra möchte Dich sehen.“ Bevor sie antworten konnte, war sie wieder alleine. „Also gut, dann wollen wir doch mal sehen“, damit stand sie auf, schnappte sich ihren Stab und trat vor das Zelt. Was war nur in dem Eintopf gewesen, daß sie sich jetzt deutlich besser fühlte? Verwirrt schüttelte Shiéllah den Kopf, oder war auch das Einbildung? Geschäftiges Treiben war um sie herum, wie an einem ganz normalen Tag in den Wäldern, völlig unnatürlich erschien es ihr, nachdem, was sie erlebt hatte.


    „Na endlich. Bist Du immer so langsam? Folge mir“, da war wieder diese Frauenstimme, die ihr allmählich auf die Nerven ging. Ob der herablassenden Art regte sich Verärgerung bei Shiéllah und …“Ach da sind ja endlich meine beiden Schülerinnen!“ tönte es hinter ihnen, aber bevor sie sich umdrehen konnten, lagen sie beide auf dem Boden. „Lerne das Unerwartete zu erwarten! Hat man Dir auf Deiner Akademie eigentlich keine Praxis beigebracht?“ „Von Dir, Ilvani, hätte ich aber schon Besseres erwartet.“


    Meckerndes Lachen ringsherum ertönte, Shiéllah wurde heiß vor Verlegenheit und ein Blick zur Seite zeigte ihr, das es ihrer Leidensgenossin Ilvani ähnlich erging. Ein Blick in grüne Augen und zurück in graue, eine kurzes Nicken, eine stumme Verständigung, zugleich sprangen sie auf, formten sich Gesten und Worte, Rücken an Rücken und …. sie fielen in die Dunkelheit.


    „Verflucht noch mal! Bei allen Göttern was war denn das jetzt? Ist die Alte verrückt geworden?“ alle Vorsicht fahren lassend regte sich Shiéllah fürchterlich auf. „Könntest Du wohl leiser fluchen“, erklang es neben ihr „und nimm sofort Dein Bein aus meinem Kreuz!“ Wie auf Verabredung erschienen im selben Moment zwei Lichtkugeln, eine violett und die zweite rotgolden, schwebend im Raum. „Da haben wir wohl den gleichen Gedanken gehabt. Ich bin übrigens Ilvani, wie du ja schon weißt.“ Und eine schlanke junge Frau mit langen blonden Haaren und grünen Augen nickte Shiéllah zu, während sie heraus zu finden versuchte, wo sie sich gerade befanden.


    „Oh, ich glaube, ich weiß, wo wir sind“, erklang es hinter Shiéllah und die rotgoldene Lichtkugel schwebte von ihr weg. „Ich kann uns hier rausbringen. Wir sind in einem alten Höhlensystem tief unter der Erde. Das ist leicht für mich.“ Doch Shiéllah ignorierte sie völlig und als Ilvani sich umwandte sah sie gerade noch die violette Lichtkugel durch einen Gang entschwinden. “Mist, verfl…! Muß ich jetzt auch noch Kindermädchen für alles spielen was Maéra so aufsammelt.“ Schon rannte Ilvani hinter ihr her. Grob packte sie Shiéllah an der Schulter, eine Zornesfalte auf ihrer Stirn, „sag mal, wo willst Du denn hin? Da geht es nicht nach draußen.“ Verständnislos starrte Shiéllah sie an, „du hast doch aber auch die Stimme gehört, dass wir hier weiter gehen müssen, oder nicht?“ „Wer soll denn hier geredet haben?“ verächtlich zog Ilvani die Augenbrauen hoch, „ich weiß nicht, wie oft wir schon hier unten waren, aber geredet hat da keiner außer uns.“ „Ja verflucht, spürst Du denn nicht mal die Magie, uralte Magie, die uns hier unten überall umgibt?“ so langsam wurde auch Shiéllah zornig, „das könnte ja jedes Kind merken. Ach lass mich in Ruhe!“


    Jetzt war deutlich ein leises Kichern zu vernehmen und im Schein der beiden Lichtkugeln glitzerten die Wände wie von Edelsteinen übersät, während dessen wich die Dunkelheit des Ganges einem grünlich phosphoreszierendem Leuchten. „Moment mal, jetzt habe ich auch etwas gehört“, ließ sich Ilvani einigermaßen überrascht vernehmen, „ich weiß gar nicht, wie oft ich schon hier unten war, aber derartiges ist mir noch nicht passiert. Mal sehen, wo uns das hinführt.“ Neugierig geworden machten sie sich auf den Weg.

    Während sie dem Gang weiter in die Tiefe folgten, wurde es seltsamerweise immer heller, so daß sie ihre Lichtkugeln schon bald nicht mehr brauchten. Nachdem sie eine Weile gegangen waren, wie lange konnte man hier unten nicht gut einschätzen, prallten sie hinter der nächsten Kurve gegen eine Wand aus purer Magie, so stark, daß es sie von den Füßen warf. Aufstehen schien unmöglich zu sein, irgendeine Macht hielt sie am Boden fest und eine Stimme ertönte in ihren Köpfen: „Habt ihr uns doch noch gefunden. Das wurde ja auch langsam Zeit. Wie viele Jahrhunderte wir schon auf euch gewartet haben, das mußte ja mal ein Ende haben.“


    Auf einmal wurde es stockfinster um sie herum, das Atmen fiel ihnen immer schwerer und bevor sie in der Schwärze versanken hörten sie noch ganz leise wispern: „Wir sehen uns bald wieder.“


    Der nächste Gedanke war – Luuuuft.

    Hustend kam Shiéllah wieder auf die Füße, nach einem kurzen Seitenblick zu ihrer Rechten, sah sie Ilvani neben sich ziemlich wütend auf dem Boden kauern. „Das war ja ganz klasse! Passiert Dir so etwas eigentlich öfter? Bevor Du hier aufgetaucht bist, gab es eigentlich keine nennenswerten Probleme.“ „Ach ja. Wie würdest Du denn diese Schlacht nennen, in die ich rein geraten bin?“ schnaubte Shiéllah empört, „wieso unterhalte ich mich eigentlich noch mit Dir? Fahr zur Hölle!“

    Kampfbereit und mit blitzenden Augen standen sich, ihre Umgebung nicht beachtend, die zwei ungleichen Frauen gegenüber, graue Augen tief wie die Nacht gegen das unergründliche Grün des Waldes, in der Dunkelheit der heraufziehenden Weltendämmerung.

    „Jetzt habe ich aber endgültig genug von dieser Kinderei!“ Wie ein Gewitter fegten diese Worte zwischen sie und holten sie in die Wirklichkeit des Augenblicks zurück.


    Ilvani fasste sich als erste, „ was war denn das?“ Verwundert blickte sie sich um, „Shiéllah, alles in Ordnung?“ „Ja, den Göttern sei Dank. Wir sind ja nicht mehr in den Gängen! Dann sollten wir zum Lager zurückgehen.“ Ilvani orientierte sich kurz, „wir sind ganz schön weit weg von unserem Lager, vielleicht sollten wir bei dieser Dunkelheit lieber hier im Wald rasten und morgen Früh im Hellen weiter gehen.“ „Naja, Du kennst Dich hier besser aus, als ich. Dann lagern wir also hier. Aber wir sollten besser Wache halten“, verstohlen beobachtete sie Ilvani von der Seite und wurde nicht so recht schlau aus ihr. Eine seltsame Person, die Magie etwas ungeschliffen und was treibt sie hier in der Wildnis? Nicht zu wissen, woran sie war, gefiel ihr gar nicht. Im Moment habe ich wohl keine andere Wahl, als das Beste daraus zu machen – unwillig schüttelte Shiéllah den Kopf.


    Nachdem das geklärt war, sammelten sie etwas trockenes Holz für ein kleines Feuer, welches sie in einer kleinen Senke entzündeten. Da sie immer noch nicht ganz von ihren Verletzungen genesen war, machten sich bei Shiéllah mit der Erschöpfung auch die Schmerzen wieder bemerkbar und sie war froh, nicht die erste Wache zu haben. Während sie sitzend an einen Baum gelehnt versuchte etwas Schlaf zu finden kreisten ihre Gedanken immer wieder um die Ereignisse in den Gängen. Schließlich gewann doch die Erschöpfung die Oberhand und so fiel sie in einen unruhigen Schlaf.



    Schwarzer Rauch nimmt ihr den Atem, unter Husten versucht sie zu fliehen, wohin kann sie nicht mehr erkennen. Weg, nur weg von hier! Sie spürt nur noch die Hitze der unheiligen Flammen hinter sich, hört die vielen Schreie der Sterbenden und spürt plötzlich die Schmerzen in ihrem Bein. Humpelnd versucht sie von dem Geschehen weg zu kommen, doch wohin nur, wenn nichts mehr zu sehen ist und die Umgebung sich in einem Inferno aufzulösen scheint? Aber da haben sie die Flammen auch schon eingeholt.



    Schweißgebadet und mit schmerzenden Gliedern wachte Shiéllah auf. Die Haare klebten ihr wirr am Kopf und im ersten Moment wußte sie nicht recht, wo sie sich befand. Doch dann fiel ihr alles wieder ein: die Gänge, das Lager, Ilvani. Sie sah hinüber zu den Resten des kleinen Feuers, suchte Ilvani um für sie die Wache zu übernehmen. Doch dort wo sie hätte sein sollen war nichts.


    Seien wir realistisch. Versuchen wir das Unmögliche. (Ernesto Guevara)

  • Tarson


    Shiéllah schüttelte verblüfft den Kopf, wieso war Ilvani weg? Da das Feuer aber noch nicht ausgegangen war, konnte sie noch nicht allzu lange fort sein. So tat sie noch etwas Holz darauf, um ein ausgehen zu verhindern und auch, um etwas mehr Licht zu haben. Während sie angestrengt nachdachte, was jetzt am besten zu tun sei, hörte sie hinter sich im Wald ein Knacken, das sich eindeutig von den anderen Waldgeräuschen unterschied. „Du bist ja schon wach. Ich dachte, ich hätte im Wald etwas gehört und war kurz nachsehen“, mit diesen Worten trat Ilvani in den Feuerschein. „Hast Du mich erschreckt“, langsam entspannte sich Shiéllah wieder, „und war da was?“ „Nein, ich habe nichts feststellen können.“ „Dann leg Dich für den Rest der Nacht schlafen, während ich Wache halte“, damit drehte sich Shiéllah um und lehnte sich an einen Baum.

    Während sie auf die langsam gleichmäßiger werdenden Atemzüge Ilvanis lauschte, hatte sie genügend Zeit sich, ihre immer noch wirren Gedanken zu ordnen. Die Wärme des Feuers tat ihren schmerzenden Gliedern gut, das Knistern der Holzscheite, der Funkenflug ließen ihre Gedanken unbeabsichtigt auf Reisen gehen. Sie versuchte sich an die Zeit zu erinnern, bevor sie in diesem Lager aufgewacht war. Der größte Teil der Erinnerungen war noch immer wie ausgelöscht oder seltsam verschwommen. Es schien Jahre her zu sein, seit sie in dieser stürmischen Nacht los geritten war. Vieles hatte sich seitdem verändert und das betraf nicht nur ihr Aussehen, aber das auch. Fast mußte sie grinsen, als sie sich an den Schreck erin-nerte, der sie zurückweichen ließ, als sie im Lager das erste Mal ihr Spiegelbild in einer Wasserschale anschaute. Inzwischen hatte sich Shiéllah an ihre grau gewordenen Haare gewöhnt. Nur was genau war davor geschehen? Die Brandverletzungen würden heilen, das spürte sie, denn unter den Verbänden fing es schon an zu jucken.

    Völlig vertieft in diese Betrachtungen merkte sie erst spät auf – es war still, sehr still. Das Feuer brannte noch, aber es war kein Ton mehr zu hören. Auch das Gefühl der alles umge-benden Magie war fort. Sie fühlte sich für einen Moment hilflos und wie abgeschnitten von allem Lebendigen.

    Schon wollte sie aufspringen und Ilvani wecken, da hörte sie wieder dieses Kichern, das sie allmählich mehr als wütend machte, nur sehen konnte sie den Ursprung mal wieder nicht. So formte Shiéllah in ihrem Geist die Fragen, die sie schon so lange beschäftigten: „Wer bist Du? Was willst Du von mir?“ Nach einer Zeit des Schweigens, in der sie schon dachte, sich geirrt zu haben, bohrte sich die Antwort wie ein glühender Pfeil in ihren Kopf: „Suche die Türme, dann wirst Du uns finden. Vertraue nicht denen, denen Du vertrauen möchtest. Glaube nur, was Du geprüft hast. Erkenne Dich selbst, oder ihr werdet untergehen.“ „Halt, was meinst Du damit? Verdammt, das ist doch keine Antwort, das ist ein Rätsel.“ „Geh zurück zum Lager.“ Plötzlich waren wieder Geräusche zu hören und am Horizont dämmerte der Morgen herauf.

    „Komm Ilvani, wach auf. Es dämmert bereits. Wir sollten sehen, daß wir los kommen“, damit stupste Shiéllah die andere vorsichtig an und machte sich daran die Reste des Feuers zu löschen. „Ich habe das Gefühl, überhaupt nicht geschlafen zu haben“, kam es unwirsch zurück. „Ich habe so einen Schwachsinn geträumt!“ Nachdem Ilvani sich wieder einiger-maßen sortiert hatte, folgte sie Shiéllahs Aufforderung und die beiden machten sich auf den Rückweg.


    Endlos zog sich der Weg durch den Wald, doch Ilvani schien genau zu wissen, welchen, für Shiéllah unsichtbaren Pfaden sie zu folgen hatte. So erreichten sie nach gut einem halben Tag strammer Wanderung, kurz nach der Mittagsstunde, lichteres Terrain, auf dem es auch Shiéllah möglich war, sich zu orientieren. Auf einer kleinen Anhöhe stehend, schaute sie im hellen Sonnenschein, umweht von einem leichten noch warmen Herbstwind, über den Wald und die angrenzende Ebene. Die halblangen grauen Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden, während ihr Blick in die Ferne ging, waren ihre grauen Augen von einem seltsamen Schleier getrübt, von weitem sah es so aus, als sei ihre ganze hochgewachsene schlanke Erscheinung von einem Flimmern umgeben. ‚Was geht da vor?‘ Ilvani war sich nicht sicher, richtig gesehen zu haben, denn kaum daß sie sich Shiéllah näherte schien alles wie immer zu sein. „Was siehst Du?“ und für einen Bruchteil einer Sekunde war es, als zuckte Shiéllah unmerklich zusammen. „Nun, wenn ich mich recht erinnere, müßte das Lager in dieser Richtung zu finden sein“, mit ihrer ausgestreckten Hand wies sie in Richtung der grasbewachsenen Ebene. Ilvani kniff die Augen ein wenig zusammen, folgte mit ihrem Blick der gewiesenen Richtung: „Ja, Du hast Recht. Allerdings werden wir dort heute wohl nicht mehr ankommen. Vielleicht sollten wir jetzt erst einmal was zu essen suchen, denn mein Magen macht sich schon bemerkbar.“ Da es Shiéllah nicht anders erging, setzten sie den Vorschlag sofort in die Tat um. Es war zwar kein Festmahl, das sie aus Beeren, Wurzeln, Pilzen und Kräutern zu sich nahmen, aber es erfüllte seinen Zweck. Nachdem sie sich gestärkt hatten, machten sie sich wieder auf den Weg hinunter in den Wald.


    Nach einiger Zeit änderte sich allmählich die Vegetation, sie ließen den dichten Baumbestand hinter sich und man konnte die leichte Wärme der untergehenden Sonne durch das lichte Blätterdach auf der Haut spüren. So hing jede ihren eigenen Gedanken nach während sich die Dämmerung in den Wald senkte.

    „Hoppla!“ Shiéllah fuhr auf, war sie doch gerade über einen Ast gestolpert, „wir sollten so langsam mal ein Lager aufschlagen, bevor wir gar nichts mehr sehen können.“ Noch während sie das aussprach, „riechst Du das auch? Da irgendwo weiter vorne scheint ein Feuer zu sein.“ Vorsichtig gingen sie weiter und konnten schon bald zwischen den Bäumen den Schein eines kleinen Lagerfeuers ausmachen. Sofort blieben beide wie auf ein Zeichen hin stehen und schauten sich an. Ein Blick, ein Nicken, dann schlichen sie sich getrennt von einander näher heran. An dem Feuer schien nur eine Person zu sitzen, leicht vorn übergebeugt, wie schlafend, auch war ein leises Schnarchen zu vernehmen.


    „Ach schau doch mal, was mir da Hübsches vor die Klinge gehüpft ist“, Ilvani spürte plötzlich einen gefährlichen Druck in ihrem Rücken. Wie versteinert blieb sie stehen, als sie hinter sich ein Zischen hörte, dann war der Druck weg. Sofort fuhr sie herum, den Stab kampfbereit in der Hand, doch da war nichts. Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung am Feuer wahr, gleichzeitig tauchte ein Blitz die Szenerie in ein gleißendes Licht. Sie sah Shiéllah neben der Gestalt am Feuer stehen und sie … lachte, daß ihr die Tränen herunter liefen.

    „Du kannst heraus kommen!“ rief sie in die Dunkelheit „den Trick hast Du von mir gelernt und ich kann ihn immer noch besser! Los zier Dich nicht so!“

    Kurz darauf trat eine Gestalt auf die Lichtung, während die am Feuer verschwunden war. „Ilvani komm, es ist alles in Ordnung. Ich kenne dieses verrückte Huhn“, japste Shiéllah zwischen zwei Lachern.

    War sie jetzt völlig durchgedreht? Erstaunt und immer noch vorsichtig trat Ilvani zu den Beiden ans Feuer. „Nun es scheint wohl, als müßte ich mich selber vorstellen. Ich bin Tarson.“ damit hielt er ihr die Hand hin. Ilvani war unfähig sich zu rühren, die Stimme ging ihr durch Mark und Bein. „Siehst Du, was Du da wieder angerichtet hast, ‚Bruder‘“, Shiéllah hatte sich wieder beruhigt und knuffte ihn freundschaftlich in die Seite. „Los jetzt setzt euch doch endlich. Tarson, erzähl, wie kommst Du denn hier her? Mit Dir hätte ich ja gar nicht gerechnet. Ist Andra auch hier?“ die Fragen sprudelten nur so aus Shiéllah heraus, das gab Ilvani Gelegenheit sich wieder zu fassen.

    „Jaja schon gut. Setzt Euch. Habt ihr Hunger, dann esst, während ich erzähle“, Tarson setzte sich, reichte ihnen Brot und Käse und schürte das Feuer neu. Seine schwarzen Augen blickten durch das Feuer hindurch in weite Ferne, die dunkelbraunen Haare trug er zu einem strengen Pferdeschwanz gebunden, nur eine kleine vorwitzige Strähne fiel ihm ins Gesicht als er zu erzählen an hub mit einer Stimme wie dunkler Samt: „Eigentlich ist die Geschichte eine ganz kurze. Natürlich erreichte die Kunde von den Vorkommnissen im Osten auch unsere Akademie. Als klar war, daß es sich um Deine Heimatprovinz handelte, war Andra nicht mehr zu halten, Du kennst sie ja.“ er zuckte entschuldigend mit den Schultern, „da meine Ausbildung längst abgeschlossen war, habe ich sie begleitet. Was hätte ich auch sonst tun sollen. Sie wäre auf alle Fälle aus Sorge um Dich gegangen. Leider kamen wir nicht so schnell voran wie geplant und so war schon alles vorbei, als wir ankamen. Nun ja, wir hatten da so einige kleinere Schwierigkeiten. Davon vielleicht später mehr. Aber wir fanden jemand, der uns erzählen konnte, was aus Dir geworden war und so fanden wir letztendlich hierher.“


    „Wo ist denn Andra jetzt aber?“ „Sie ist bei dieser seltsamen alten Frau in dem Lager nicht weit von hier geblieben. Die meinte, wir bräuchten uns keine Sorgen zu machen, ihr kommt schon alleine zu Recht. Andra schien ihr zu vertrauen und wollte mit ihr Kräuter suchen gehen. Wir werden sie ja morgen treffen. Aber ich wollte nicht tatenlos rumsitzen, so dachte ich, vielleicht mache ich mir einen Spaß und überrasche Dich.“ Na, das ist Dir auf alle Fälle gelungen“, grinste Shiéllah ihn an.

    Die beiden waren so in ihr Gespräch vertieft, daß sie Ilvani total vergessen zu haben schienen. Die lauschte dem Gespräch verwundert, es klang logisch, aber irgendwas störte sie trotzdem daran. Sie zog sich etwas zurück - aber nein, Magie konnte sie hier nicht feststellen – hatte sie sich also doch getäuscht. Sie gähnte: „Shiéllah.“ „Hm.“ „Wir sollten Wachen aufstellen und dann schlafen.“ Jetzt bemerkte auch Shiéllah ihre Müdigkeit und auch die Schmerzen kamen wieder, „ja, Du hast Recht.“ Tarson lenkte sofort ein, „ich bin ausgeruht. Ich kann ruhig die erste Wache übernehmen.“ „Schlaf aber nicht wieder dabei ein wie früher“, murmelte Shiéllah schon halb im Schlaf. Kaum das Ilvani sich hingelegt hatte, war auch sie sogleich eingeschlafen.


    ******

    Eine Höhle, schwarzer Rauch nimmt mir den Atem, drei Leute am Feuer, leise Stimmen, „…das hätte auch ganz anders ausgehen … ja, sie waren nicht darauf vorbereitet …“ Wer sind die? Diese Stimmen, diese Magie – ich kenne sie irgendwoher. Irgendwas ist falsch an diesem Bild, nur was? Dunkelheit und Schmerzen – ich kann nicht weglaufen. Ich muß doch aber weg. Panik – ich falle!


    ******


    Unruhig stöhnend warf sich Shiéllah auf ihrem Lager umher. „Schschsch, kleine Schwester. Was hast Du denn?“ wie durch einen Nebel drang die leise Stimme in ihre Gedanken. „Immer dieser Traum, immer dieser gleiche schreckliche Traum.“, zitternd wickelte sie sich enger in ihre Decke. Vorsichtig zog er ihren Kopf in seinen Schoß und strich ihr beruhigend über die Haare, „es war doch nur ein Traum, kleine Schwester.“ „Du sollst mich doch nicht immer so nennen.“, aber richtig bestimmt war der Protest nicht.

    „Was ist Dir nur geschehen, seid wir uns das letzte Mal sahen? Wo sind Deine schönen braunen Haare hin? Ich hätte Dich vorhin fast nicht erkannt.“, aber Shiéllah war vor Er-schöpfung in seinen Armen wieder eingeschlafen. Als sie einige Stunden später aufwachte, lag sie noch immer so wie sie eingeschlafen war, nur das Tarson jetzt auch schlief, während Ilvani gerade noch etwas Holz auf das Feuer legte. Ganz vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, setzte sie sich auf und betrachtete ihn von der Seite. Älter sah er aus, älter als er eigentlich sein dürfte, nun hager war er schon immer gewesen und mit seinen 185 gute 10 cm größer als sie, aber der weiche Zug um seinen Mund herum war verschwunden. Die einfache Lederkleidung war anscheinend nicht mehr ganz neu, aber gut gepflegt – ob er wohl das Amulett noch besaß? Unwillkürlich fuhr ihre Hand zu dem dünnen Lederband an ihrem Hals, es hatte den Kampf und das Feuer unbeschadet überstanden. ‚Ach was zerbreche ich mir da den Kopf, es gibt wahrlich wichtigere Dinge im Moment.‘ So stand sie langsam auf und bedeutete Ilvani sich für den Rest der Nacht schlafen zu legen.


    Nach einem nicht gerade üppigen Mal am nächsten Morgen machten sie sich zusammen auf den Weg zum Lager, wie Ilvani es nannte, wobei es Shiéllah eher wie eine Zeltstadt vorgekommen war. Die Wiedersehensfreude des letzten Abends war einer Schweigsamkeit gewichen, die Ilvani sich nicht erklären konnte. So hing jeder seinen Gedanken nach, bis sie endlich die ersten Zelte gegen späten Vormittag erreichten.

    „Kommt, wir schauen mal, wo eure Freundin ist.“, Ilvani war froh, wieder zu Hause zu sein. Nachdem sie mit einigen Leuten gesprochen hatte, deutete sie auf ein Zelt etwas am rechten Rand gelegen: „Das ist euer Zelt, dort könnt ihr erst einmal bleiben. Andra wird mit Maéra erst heute Abend oder morgen Früh zurück erwartet. Ich werde Shiéllah jetzt noch schnell zum Heiler bringen, damit das vor dem Mittag erledigt ist. Wir treffen uns dann am Zelt wieder.“ Damit drehte sie sich um, schnappte Shiéllah am Arm und ließ Tarson stehen.

    „Was sollte das denn jetzt?“, Shiéllah versuchte Ilvanis Hand loszuwerden, „zieh doch nicht so. Tarson so stehen zu lassen war gar nicht nett, findest Du nicht?“ „Ach hab Dich nicht so. Der findet sich schon alleine zurecht“, schnellen Schrittes ging sie weiter. Abrupt blieb Shiéllah stehen: „Was fällt Dir eigentlich ein, Dich so zu benehmen! Das wirst Du mir erklären müßen“, dabei wurde ihre Stimme gefährlich leise. Dann drehte sie sich um und verschwand allein in Richtung des Heilers.

    Seien wir realistisch. Versuchen wir das Unmögliche. (Ernesto Guevara)

  • Es war wohl schon einige Zeit nach der Mittagsstunde, als Shiéllah nachdenklich das Zelt des Heilers verlies. Zwar würde sie zu ihren grauen Haaren auch einige kleinere Brandnarben zurück behalten, aber sonst war sie soweit wieder gesund. Die Ereignisse der letzten Tage ließen ihr keine Ruhe, so organisierte sie sich etwas zu essen und ließ sich damit etwas abseits des Lagers an einem kleinen Bachlauf nieder.

    Es war ein schöner Tag geworden, die Sonne schien, die Vögel zwitscherten und nichts erinnerte an die Schrecken, die sie durchlebt hatte. So friedlich war es lange nicht gewesen, doch sie ahnte, daß es nur die Ruhe vor dem Sturm war, der folgen würde.

    Ganz in Gedanken bemerkte sie erst spät den Schatten, der die Sonne hinter ihr verdunkelte und sah hoch.

    „Es sieht aus, als hätte sich nichts geändert. Du scheinst immer noch lieber alleine zu sein.“ Tarsons schlanke Gestalt setzte sich zu ihr und lies die Sonne wieder scheinen. „Sieh an, Du hast das Anschleichen inzwischen geübt“, murmelte Shiéllah mit vollem Mund. „Was ist denn eigentlich mit Dir geschehen?“ er strich ihr vorsichtig eine graue Strähne aus dem Gesicht „keiner wollte uns hier darüber so recht Auskunft geben.“

    Nachdenklich blickte Shiéllah ihn an, zögerte einen Moment: „Nichts.“, dann stand sie auf und ging zum Lager zurück.


    *****


    Wie sollte sie etwas erklären, daß sie selbst nicht verstand? Dass sie nicht einmal vollständig erinnerte? Sollte sie vielleicht sagen, ‚Ich war zu spät, ich habe sie alle sterben lassen?‘ Nein das konnte sie nicht. Wütend schüttelte sie den Kopf. So ging das nicht weiter, sie würde herauskriegen müssen, wer dafür verantwortlich war.


    *****


    „Halt, so kommst Du mir nicht davon“, Tarson packte sie an der Schulter „Rede gefälligst mit mir.“

    Noch während sie nach einer Antwort suchte, tauchte wie aus heiterem Himmel Ilvani bei ihnen auf, „Laß sie in Ruhe!“ „Was bildest Du Dir eigentlich ein! Halt Dich daraus, das ist nicht Deine Angelegenheit!“ „Und ob mich das etwas angeht! …“ Verblüfft sah Shiéllah von einem zum anderen, das passte ja prächtig, beide waren zu beschäftigt um auf sie zu achten und im selben Moment war sie auch schon verschwunden.

    So schnell es ohne aufzufallen ging, suchte sie im Lager etwas Proviant, sowie ihre Sachen zusammen und fand auch ein Pferd, das ganz zutraulich war. Damit machte sie sich rasch auf den Weg zurück – ja wohin eigentlich? – nach Hause, das es ja nicht mehr gab. Sie hoffte, dort irgendwelche Spuren zu finden, die ihr einen Anhaltspunkt lieferten, wer das getan haben könnte


    Nachdem sie eine Weile unterwegs war, bemerkte sie, daß es langsam zu dämmern begann, so suchte sie sich einen geschützten Schlafplatz für die Nacht in einer Senke am Waldesrand und entzündete ein kleines Feuer. Alleine zu reisen, war in diesen Zeiten und dieser Gegend gelinde gesagt – keine gute Idee. Nun ja, das ließ sich jetzt nicht mehr ändern.

    „Klasse, da hast Du ja mal wieder total überstürzt gehandelt. Schon mal was von Denken gehört?“ „Aber ich habe doch…“

    Moment mal, mit wem rede ich hier eigentlich? Schlagartig schreckte Shiéllah hoch. „Das ist doch unglaublich, machen manche Leute doch zweimal denselben Fehler! Auf der Wache einschlafen, wäre ja eigentlich mein Part gewesen.“ Diese Stimme - kam ihr bekannt vor.

    „Tarson? Wieso bist Du hier?" „Dachtest Du, Du könntest Dich so einfach wieder wegschleichen, nachdem wir so lange gebraucht haben, um Dich zu finden?" „Das hier ist meine Angelegenheit, nicht Deine. Hast Du ernsthaft geglaubt, ich würde nicht nach Hause zurück kehren, um nach Spuren zu suchen und den zu finden, der dafür verantwortlich ist?" wütend sah Shiéllah ihn an. „Jetzt beruhige Dich doch. Du warst doch früher nicht so. Was ist denn bloß geschehen?" „Nichts, ich bin jetzt müde." „Schon verstanden, dann halte ich wohl besser mal Wache. Schlaf' Du nur", damit legte Tarson noch etwas Holz auf das Feuer. Es dauerte auch nicht lange, da war Shiéllah tatsächlich eingeschlafen.



    Dunkelheit , Lärm, Schreie und ein Dröhnen in der Luft. Ihr tat der Kopf weh. Was ist das? Was willst Du von mir? Da war wieder diese Person mit der schwarzen Kapuze und einer gewaltigen magischen Aura. Jetzt war sie sich auf einmal sicher, dass es sich um einen Menschen handelte. Ich muss weg! Nur wie? Doch so sehr sie sich auch bemühte, konnte sie sich keinen Millimeter bewegen. Und wieder kroch die Angst in ihr hoch – das Feuer kam unaufhaltsam näher. Ich bin zu spät gekommen, schoß es ihr durch den Kopf.




    Unruhig, leise unverständliches Zeug vor sich hin murmelnd, warf sich Shiéllah auf ihrem Lager umher. Vorsichtig rückte Tarson näher heran, zog sie in seine Arme und strich ihr behutsam über die zerzausten Haare. Es schien, als bemerkte sie es kaum, auch wurde sie nicht richtig wach. Einigermaßen beunruhigt untersuchte Tarson sie, konnte aber, außer das Shiéllahs Körper wie gefroren erschien, obwohl er förmlich glühte, keine Verletzungen oder Ähnliches feststellen. Der Zauber, den er sprach brachte zumindest ein wenig Beruhigung und ihr Körper war nicht mehr ganz so angespannt. Was flüsterte sie da immer wieder? Aber so sehr er sich auch bemühte, konnte er die Worte doch nicht verstehen. Worte in einer fremden Sprache umhüllt von dunkler Magie, das konnte er spüren. Er wünschte, Andra wäre hier, denn was das Heilen betraf hatte sie mehr Erfahrung und vielleicht konnte sie Shiéllah überreden, endlich zu erzählen, was eigentlich geschehen war. Ohne dieses Wissen, würde er nicht richtig helfen können, soviel war ihm inzwischen klar geworden.


    *****


    „Du darfst sie nicht gehen lassen! Sie wird noch gebraucht!“, die Stimme in seinem Kopf war mehr als deutlich zu verstehen. Tarson fuhr herum. Vorsichtig ließ er Shiéllah wieder auf ihr Lager gleiten und stand auf, den Stab kampfbereit in der Hand. „Das weiß ich selber. Du wagst es, so mit mir zu reden! Zeig Dich gefälligst!“, auch Tarson hatte nicht ein Wort laut ausgesprochen. „Sieh an, ein Mensch, der unsere Sprache spricht! Das ist interessant.“ „Das ist bei weitem nicht alles.“, seine Hände zeichneten die uralten Gesten in die Luft, die Dunkelheit verschwand.

    Kein Laut war zu hören, kein Blatt bewegte sich, nicht einmal das Knistern des Feuers hörte man. Die Luft war plötzlich erfüllt von einem überirdischen Flirren, wie an einem heißen Sommertag in der Wüste - weiße kleine Nebelfetzen zogen sich am Rande der Senke zusammen, wurden immer dichter, als wollten sie alles um sich herum verschlucken. Eine Kälte breitete sich aus, die nicht zu dieser Jahreszeit passte. Sie kroch langsam unter den Nebeln heran und legte sich wie ein Leichentuch über alles vorhandene Leben. Das Flirren wurde intensiver, dehnte sich aus, versuchte die Nebel zu verscheuchen, brachte etwas von der Wärme wieder zurück. Es war ein zähes Ringen – vor und wieder zurück.

    „Versuchst Du wirklich, Deine Kräfte mit den unseren zu messen?“ es klang erstaunt. „Das ist sehr dumm.“ Doch Tarson stand wie zuvor und bis auf eine kleine Falte auf seiner Stirn sah man ihm keinerlei Anstrengung an, vielmehr schien alles um ihn herum zu leuchten und die Nacht war fast taghell.

    „Ich bin der ‚Wolf von Erador‘. Ihr kennt mich, also wißt ihr auch, daß es nicht gut wäre, sich mit mir anlegen zu wollen. Fragt euren Bruder.“ Urplötzlich brach die Stille und das einzige Geräusch, das jetzt zu hören war, war ein gewaltiges Rauschen in der Luft, wie von riesigen Schwingen. Dann…


    *****


    „Tarson?“ kaum hörbar kam es von Shiéllahs Lager, „Wo…?“ Zitternd versuchte sie sich aufzurichten. Schlagartig war die Stille vorbei und bis auf das Feuer war die Umgebung in tiefstes Dunkel getaucht. Vorsichtig ließ sich Tarson an Shiéllahs Seite nieder: „Du glühst ja förmlich. Wir sollten am Morgen zurück ins Lager aufbrechen. Dort können sie Dir helfen.“ „Mir ist so kalt, aber ich muß weiter. Versuch Du es. Früher warst Du ganz gut im Heilen, wenn ich mich recht erinnere.“, kam es zähneklappernd zurück, „Ich vertraue Dir. Ich kann jetzt nicht umkehren.“ „Meinetwegen, aber das ist total unvernünftig. Du läßt ja doch nicht mit Dir reden, oder? Stur wie immer! Dann sei jetzt ruhig und halte still.“

    Nach einer halben Stunde lehnte sich Tarson erschöpft zurück. Shiéllahs Atem ging ruhiger und das Zittern hatte aufgehört. „Ich finde es immer noch nicht richtig, wenn wir nicht sofort zurück gehen. Ich habe mein Bestes getan, aber ich weiß nicht, ob es reichen wird.“ „Das Risiko gehe ich ein. Je mehr Zeit verstreicht, desto weniger Spuren werde ich finden. Du mußt ja nicht mitkommen.“, Shiéllah setzte sich auf und sah Tarson über das Feuer hinweg an. Er kam herüber, „Ja, Dein Körper ist nicht mehr so unnatürlich heiß wie zuvor.“, Tarson nickte bestätigend. Shiéllah lehnte sich an seine Schulter: „Warum seid ihr gerade jetzt aufgetaucht? Ich hätte euch früher gebrauchen können.“, fügte sie leise hinzu. „Schwester, was ist nur geschehen?“, er zog sie in seine Arme und küßte sie sanft auf die Stirn. Sie schmiegte sich an ihn und seufzte unwillkürlich: „Frag mich das nicht.“

    - Frag mich das doch nicht immer! Ich kann Dir das nicht erzählen. Was sollte ich auch sagen? Ich war zu spät? Ich konnte nichts mehr tun? Aber ich habe etwas gesehen und das suche ich jetzt? -


    „Ist ja gut. Du mußt mir nichts erklären, wenn Du nicht willst.“, dabei suchte sein Mund den ihren und fand keinen Widerstand. Ihre Hände suchten seinen Körper, vorsichtig half er ihr aus ihrer Kleidung und zog sie zu sich ans Feuer. ‚Oh Rahja, was tust Du mir da an? Das kann ich jetzt gar nicht gebrauchen.‘ schoß es ihr durch den Kopf, bevor sie sich in der Umarmung und Tarsons warmen Körper verlor.

    Als sie endlich wieder klar denken konnte, sah man am Horizont schon den Morgen heraufziehen. „Vielleicht sollten wir uns doch noch etwas ausruhen bevor es ganz hell wird“, murmelte Shiéllah während sie ihre verstreute Kleidung zusammen suchte. „Glaubst Du, ich könnte mich so ausruhen?“ dabei sah Tarson an sich herunter und grinste. Jetzt mußte auch Shiéllah grinsen: „dagegen müßen wir allerdings etwas unternehmen.“ Seine Hände scheinen überall zu sein, „Weißt Du jetzt, warum auch ich Dich unbedingt suchen mußte?“, flüsterte ihr diese dunkle Stimme, die sie früher schon verrückt gemacht hatte, ins Ohr.


    Als der neue Tag endgültig angebrochen war, machten sie sich, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend, auf die Weiterreise.

    „Sag mal, warum ist Andra eigentlich nicht mitgekommen?“ „Sie und diese Alte waren noch nicht wieder im Lager, aber ich habe Ilvani eine Nachricht hinterlassen.“ „DU hast Ilvani eine Nachricht hinterlassen? Das letzte, was ich von euch hörte war ein Streit.“ Shiéllah zog die Augenbrauen hoch. „Naja, mir soll’s recht sein. Ich hatte sowieso vor, wenn ich dies hier erledigt habe, noch einmal in das Lager zurück zu kehren.“


    Nach zwei Tagen ereignisloser Reise erreichten sie den Rand des Wäldchens hinter dem Shiéllahs Heimatdorf lag. Shiéllah erinnerte sich, daß es irgendwo in diesem Wäldchen eine kleine Köhlerhütte geben mußte, die gut als Nachtlager und Stall für die Pferde dienen konnte. Sie hatte sich nicht getäuscht, kurz vor Sonnenuntergang erreichten sie die verlassene Hütte und richteten sich für die Nacht dort ein. Hier war wohl schon seit Wochen niemand mehr gewesen, aber wenigstens war es gut geschützt und die Pferde konnten sie für ihre weiteren Erkundigungen hier lassen.

    „Du bist so still seit der Nacht vor zwei Tagen“, an dem einfachen Holztisch sitzend blickte Tarson Shiéllah an. „Ich frage Dich das zum wiederholten Male und möchte endlich eine Antwort. Was ist eigentlich los mit Dir? Wir haben uns doch früher auch immer vertraut.“ Sie schaute ihn an und schluckte den Rest ihres einfachen Mahles hinunter, „Das stimmt, aber ich kann es Dir nicht erzählen. Wenn wir bei mir zu Hause waren, weiß ich mehr, vielleicht dann.“ Enttäuscht wandte sich Tarson ab, „Ich werde im Stall mal nach den Pferden sehen.“, damit verließ er die Hütte. Nachdenklich räumte Shiéllah den Tisch ab, sie wußte selbst nicht so genau, warum sie nicht darüber sprechen wollte. Sie war erschöpft und ihr war kalt – wieso war ihr so kalt? Schnell legte sie noch einen Holzscheit auf die kleine Feuerstelle in der Hütte und setzte sich direkt davor. Als sie nach einer Weile wieder aufblickte, war Tarson noch nicht wieder zurück – wie lange kann man nur im Stall brauchen?


    Fröstelnd zog Shiéllah ihren Umhang enger und verließ die Hütte in Richtung Stall. Draußen war es stockdunkel und noch um einiges kälter, oder kam es ihr nur so vor? Sie konnte sich nicht erinnern, dass es Anfang Herbst jemals so kalt gewesen war.

    Der Himmel war Wolkenverhangen und nur das spärliche violette Glühen ihrer Lichtkugel durchbrach die Schwärze der Nacht und erlaubte ein wenig Orientierung. Eine sonderbare Stille hatte sich über die Landschaft gelegt. Kaum war sie ein paar Schritte gegangen fühlte sie ein Kribbeln am ganzen Körper, so als würden ihr sämtliche Haare zu Berge stehen. Augenblicklich blieb sie stehen, die Lichtkugel verschwand und sie lauschte angestrengt in die Dunkelheit. Totenstille - nicht einmal der Wind in den Bäumen war zu hören, nur dort wo der Stall lag, war ein merkwürdiges Licht zu sehen. Vorsichtig schlich Shiéllah näher im Schutz der Dunkelheit an den Stall heran. Je weiter sie voran kam, desto stärker wurde die Kälte und es fiel ihr immer schwerer sich zu bewegen und zu atmen oder einen klaren Gedanken zu fassen. Aus dem Leuchten heraus sah sie silbrig-weiße Lichtstränge auf sich zukommen, die wie Hände nach ihr zu greifen schienen. Gleichzeitig hörte sie eine fremde Stimme in ihrem Kopf: „Sieh an, wir haben ungebetenen Besuch vor der Tür.“, dabei wurde die magische Aura vor ihr so stark, dass sie in die Knie ging und nach Luft schnappte. Kurz bevor sie ohnmächtig wurde, vermeinte sie in gleicher Weise ein Flüstern in ihrem Kopf zu vernehmen: „Laß sie in Ruhe!“, danach wurde alles dunkel.

    Als sie wieder erwachte, saß ihr der Schreck noch in den Gliedern. „Du machst ja vielleicht Sachen. Bei dieser Kälte kannst Du doch in Deinem Zustand nicht allein vor die Tür gehen.“ Tarson blickte sie besorgt an. „Du hast Glück, daß ich Dich gleich gefunden habe. Was wolltest Du eigentlich draußen?“ „Du – ich …“, Shiéllah schüttelte verwirrt den Kopf, „Was meinst Du damit? Du warst so lange fort, daß ich mir Sorgen gemacht habe.“ Tarson legte noch etwas Holz auf das Feuer und setzte sich zu ihr auf das einfache Lager in der Köhlerhütte, „Sieh doch, Du zitterst ja immer noch. Das war wirklich dumm von Dir. Ich habe doch nur die Pferde versorgt. Du siehst auch überall Gespenster.“ „Hm, mag sein“, jetzt in der warmen Hütte war sie sich nicht mehr sicher, ob da nicht doch ihre Nerven ihr einen Streich gespielt hatten. Erschöpft lehnte sie sich an seinen warmen Körper. „Hast Du Deine Pläne für morgen geändert?“Shiéllah schüttelte bestimmt den Kopf. „Dann laß uns jetzt endlich schlafen“, er zog sie in seine Arme und breitete die Decke über sie beide.

    Es war kurz nach Sonnenaufgang, als Shiéllah erwachte. Vorsichtig, um den neben ihr noch schlafenden Tarson nicht zu wecken befreite sie sich aus seiner Umarmung und stand leise auf. Sie zog ihre Stiefel und den Umhang über und verließ die Hütte Richtung Stall. Die Kälte von gestern Nacht war nicht mehr zu spüren, alles lag ruhig und friedlich vor ihr. Den Pferden ging es gut, auch konnte sie keine Spuren des Lichtes, oder was auch immer dort gestern geschehen war, entdecken. Fast kam es ihr wie einer ihrer seltsamen Träume vor.

    Nachdenklich ging sie schließlich zur Hütte zurück, in der inzwischen das Feuer wieder brannte und etwas zu Essen stand auch schon bereit. Als sie eintrat, drehte sich Tarson um, nahm sie in die Arme und küßte sie, „Na, wo warst Du denn schon wieder? Hättest mich aber ruhig wecken können. Geht es Dir besser heute früh?“ „Hach, was bist Du denn so besorgt? Mir geht es gut. Ich wollte bloß die Pferde versorgen. Was sollte dabei schon passieren?“, sie befreite sich eilig aus der Umarmung, setzte sich an den Tisch und fing an zu essen.


    Nachdem sie beide fertig waren löschten sie das Feuer, sahen noch einmal nach den Pferden und machten sich zu Fuß auf den Weg. Es war ein schöner Herbsttag, wolkenloser Himmel, die Sonne wärmte wie im Sommer und über allem lag ein Hauch von Frieden.

    Nach kurzer Zeit verließen sie das Wäldchen und Shiéllah wurde jäh in die Wirklichkeit zurück geholt. Dort wo ihr Dorf gestanden hatte gab es nur noch Trümmer, verkohlte Reste von Leben, Ruinen und Trauer. Es war, als wäre sie in einem ihrer Träume gefangen – sie sah die Bilder vor sich aufsteigen, hörte das Rufen, die Schreie, roch das Feuer und war wieder mittendrin. Unbemerkt liefen ihr Tränen übers Gesicht. Sie packte den Stab fester mit beiden Händen, so daß ihre Fingerknöchel weiß hervortraten, ihr Körper straffte sich und der Blick glitt in weite Ferne – „Was ist los?“, Tarson faßte sie behutsam an der Schulter. Erst jetzt bemerkte sie wieder, wo sie sich befand. „Ich war wieder dort“, flüsterte sie noch ganz gefangen von dem eben Erlebten. Bei der Erinnerung an das Vergangene schluckte sie schwer, „Ich … ich war dabei, konnte aber nicht viel ausrichten.“, leise war ihre Stimme, doch dann wurde sie fester: „Laß uns nach Spuren suchen.“ und ging los. „Wie, Du warst wieder dort? Du warst dabei?“ Entsetzen überzog Tarsons Gesicht, doch Shiéllah war so in Gedanken, daß sie es nicht bemerkte und gleich darauf hatte er sich wieder in der Gewalt. Für den Bruchteil einer Sekunde zögerte er, die Hand an seinem Stab, „Du weißt, was das bedeutet!“ hörte er die Worte in seinem Kopf, „Nein!“ es war keine Bitte, sondern ein Befehl, den er aussandte, bevor er Shiéllah dann schnell folgte.



    Seien wir realistisch. Versuchen wir das Unmögliche. (Ernesto Guevara)

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    Nach einem halben Tag vergeblicher Suche in Asche und Trümmern kehrten sie zu der Hütte zurück, aßen eine Kleinigkeit und Tarson drängte darauf, endlich ins Lager zurück zu kehren.

    Unter dem Eindruck des Vergangenen war Shiéllah nur allzu bereit, Tarson zu folgen und so machten sie sich mit ihren Pferden auf den Weg zurück.

    Das Wetter hielt, was der Morgen versprochen hatte, sie kamen gut voran und hatten bei Einbruch der Dunkelheit eine große Strecke des Weges geschafft, so dass sie für die Nacht ein kleines Lager aufschlugen. „Wenn wir weiter so schnell sind, sollten wir eigentlich in zwei Tagen da sein.“ „Das wäre auch besser, Du siehst nicht gesund aus. Hast Du diese Träume jede Nacht?“ fragte Tarson besorgt während er sich um das Feuer kümmerte. „Nein, nicht jede Nacht. Ich habe auch schon versucht, heraus zu finden, warum ich sie manchmal habe und manchmal nicht. Es ist, als würde mir irgendjemand damit etwas sagen wollen.“ „Jetzt sag nicht, Du hörst auch noch Stimmen.“ meinte Tarson grinsend. Shiéllah zuckte zurück, als hätte sie sich die Finger verbrannt. „Du hörst doch keine, oder?“ meinte er jetzt ernst. „Wie kommst Du denn auf so einen Schwachsinn! Ich habe einfach nur Alpträume.“, meinte sie empört und wandte sich ab, damit er nicht das Erschrecken in ihren Augen sehen konnte. - Wie kam er denn jetzt darauf? Konnte er es auch hören? Was wußte er und woher? Ihre Gedanken schwirrten wie in einem Bienenstock. – „Na, der Scherz ging wohl daneben.“ meinte Tarson versöhnlich, „Laß uns ein wenig schlafen. Ich übernehme die erste Wache.“ Dieses Mal dauerte es lange, bis sie einschlafen konnte, so war sie, als er sie zu ihrer Wache weckte, völlig gerädert.


    Nachdenklich starrte Shiéllah in das Feuer, die Begebenheiten der letzten Tage gingen ihr durch den Kopf. Hatte sie wirklich erwartet, in den Trümmern noch irgendwelche Hinweise zu finden? Es ging ihr auch nicht besser, eher war das Gegenteil der Fall. So bemerkte sie den Angriff auch erst, als der Pfeil haarscharf an ihrem Kopf vorbei zischte. Sie wurde gepackt und nach hinten gerissen – „Träumst Du jetzt schon mit offenen Augen?“, hörte sie Tarsons Stimme an ihrem Ohr, während sie bemerkte, wie Magie sich aufbaute. Ein Blitz schlug ein und es wurde taghell. Endlich konnte auch sie den Gegner ausmachen – es schienen ihrer drei zu sein und dem Flammenstrahl nach, dem Tarson gerade noch ausgewichen war, war einer davon ein Magier. Fast konnte sie Tarson grinsen hören, als er meinte: „Das ist ja fast wie in alten Zeiten. Fehlt eigentlich nur noch Andra, dann wären wir komplett.“ Augenscheinlich hatte er Spaß daran und nach kürzester Zeit hatte er zwei der Gegner ausgeschaltet, während sie mit ihrem deutlich mehr Probleme hatte.

    Nachdem auch er ausgeschaltet war, durchsuchte Shiéllah die Toten, bevor sie sich, zu keinem Schritt mehr fähig, ans Feuer setzte. Währenddessen suchte Tarson die Umgebung nach Spuren ab. Als er zum Lager zurück kehrte, saß sie immer noch völlig unbeweglich da und starrte in die Flammen. „Die Pferde habe ich wieder einfangen können. Es sieht so aus, als wären sie uns schon eine Weile gefolgt. Hast Du bei den Leichen etwas entdecken können?“ Langsam, wie in Zeitlupe schüttelte sie den Kopf. „Es dämmert schon – ich helfe Dir auf’s Pferd – laß uns reiten. Du brauchst kundige Hilfe.“, er löschte das Feuer und zog sie hoch, dann ritten sie los.

    Während des restlichen Weges zum Lager sprach Shiéllah kein Wort. Sämtliche Versuche eines Gespräches scheiterten, sie beobachtete ihn nur aus ihren, jetzt fast schwarzen, Augen. Die Pferde legten ein zügiges Tempo vor und so erreichten sie schon nach einem Tag ohne weitere Zwischenfälle, das Lager der Alten.

    Aufgeregt kamen ihnen Ilvani und Andra entgegen: „Wir hatten euch früher erwartet. Ihr seht ja mitgenommen aus. Was ist denn nur geschehen?“ „Warum seid ihr denn so spät?“ „Verdammt, geht aus dem Weg und laßt uns erst einmal absteigen!“, Tarson wurde wütend. Er schob die beiden Frauen zur Seite, half Shiéllah vom Pferd und machte sich mit ihr auf den Weg zum Heiler. Beunruhigt folgten die Beiden ihnen. „Shiéllah?“, keine Antwort, „Wie lange geht das schon so, Tarson?“ fragte Andra entsetzt. Doch da kam schon das Zelt des Heilers in Sicht und so ersparte er sich die Antwort.

    Am Zelt angekommen machte sich Shiéllah plötzlich von Tarson los, sah ihm in die Augen und verschwand im Inneren. Abrupt blieb er stehen und hinderte auch Andra und Ilvani daran, ihr in das Zelt zu folgen, „Kommt mit mir mit, aber laßt sie jetzt in Ruhe. Ich erzähle euch die ganze Geschichte. Aber geht da jetzt nicht hinein.“ „Was…?“, ungläubig sah Andra ihn an, als er sie am Arm packte und mit sich zog. „Ilvani, geh und schick Maéra zum Heiler. Sie werden sie brauchen.“ Der Ernst in seiner Stimme ließ Ilvani ohne Widerspruch sofort loslaufen.

    „Jetzt sag doch endlich, was los ist! Es muß doch irgendwas vorgefallen sein.“ „Laß uns einen anderen Platz zum Reden suchen, hier hören mir zu viele Ohren mit. Wir hatten da draußen ein paar unvorhergesehene Schwierigkeiten.“ „Das mußte ja so kommen. Warum seid ihr denn auch alleine losgezogen? Wenigstens Ilvani hättet ihr doch mitnehmen können.“ „Du solltest doch wirklich wissen wie Shiéllah ist – sie hat sich einfach ganz alleine auf den Weg gemacht. Ich hatte Glück, daß ich sie noch rechtzeitig gefunden habe.“ „Wie konnte sie Dir denn entwischen? Du wolltest doch auf sie aufpassen!“

    „Vertraust Du mir?“, Tarson blieb stehen und sah Andra direkt an. „Natürlich! Was für eine dumme Frage!“, meinte sie entrüstet und faßte nach seiner Hand. „Dann hör auf zu fragen und komm endlich mit.“ Schweigend folgte Andra ihm an den Zelten vorbei auf eine kleine Anhöhe etwas außerhalb des Lagers, auf der er vor ein paar Tagen Shiéllah gefunden hatte.


    *****


    Als Shiéllah merkte, daß ihr keiner in das Zelt folgte und sich die Stimmen der anderen zu entfernen schienen, setzte sie sich mit zitternden Knien auf die einfache Liegestatt. „Mädchen, was ist Dir denn geschehen? Du glühst ja förmlich.“, besorgt wandte sich der ältere Mann zu ihr um, „Laß mich Dich untersuchen.“ Kurz darauf eilte auch schon Maéra herbei, „Was ist geschehen?“ „Ich wollte gerade anfangen, sie zu untersuchen.“ „Iiihr kkkönnt mmmich rrruhig ssselbst fffragen.“, kam es leise, zähneklappernd von dem Bett zurück. Erstaunt wirbelte Maéra herum, „Ich dachte, Du sprichst nicht mehr!“ „Ich habe keine Ahnung, warum es mir so schlecht geht, aber diese Träume, sie kommen inzwischen auch schon manchmal tagsüber. Ich vermute, daß es damit irgendetwas zu tun hat.“, erschöpft sank sie zurück. „Wenn es sich um Magie und dann auch noch um solch gefährliche handelt, kann ich leider nicht viel machen.“, bedauernd schaute er die beiden Frauen an. „Aber Petric, irgendetwas mußt Du doch tun können.“, Maéra wirkte leicht verstimmt.

    „Ja, ich kann vielleicht dafür sorgen, sie wieder besser schlafen kann und natürlich kümmere ich mich um letzten Auswirkungen der Verbrennungen. Aber für das magische Problem werdet ihr so bald wie möglich jemand anders finden müßen. Ich habe von solchen Fällen schon gehört, ich kann die Zeit zwar etwas verlängern, aber ich gebe euch damit vielleicht noch einen Monat.“ Shiéllah sah die beiden eindringlich an und meinte: „Gut. Ich möchte nicht, daß irgendetwas von dem Gesagten dieses Zelt verläßt. Das müßt ihr Versprechen – egal wer euch fragt.“ Petric schüttelte den Kopf, „Unter einer Bedingung – ich kenne einen fähigen Magier fünf Tagesreisen von hier. Wenn ihr versprecht, ihn noch in diesem Mond aufzusuchen, werde ich euch sogar noch ein Empfehlungsschreiben mitgeben. Also?“, seine eisblauen Augen sahen direkt in ihre Seele und sie nickte. „ Da ist noch etwas: Ihr dürft auf keinen Fall Magie anwenden, bevor Ihr wieder völlig geheilt seid. Das würde den Prozeß beschleunigen. Habt Ihr das verstanden?“ Shiéllah nickte.


    „Aber das war ja noch nicht alles, nicht wahr? Ich lasse euch beide dann mal alleine. Schickt nach mir, wenn ihr fertig seid, dann kümmere ich mich um Deine Gesundheit, Mädchen. Zuvor trink das.“, er reichte ihr ein kleines Gefäß mit einer dunklen Flüßigkeit und verließ das Zelt. Shiéllah schnupperte an dem Gebräu und nippte vorsichtig daran. Es schmeckte nicht schlecht, und so trank sie den Rest auf einmal aus. Maéra hatte sie während der ganzen Zeit nicht aus den Augen gelassen. „Was hat Petric damit gemeint: daß das noch nicht alles war?“, fragte sie jetzt und setzte sich Shiéllah gegenüber. „Euer Heiler sieht mehr, als er zugeben möchte. Hm, das mit den Träumen wißt Ihr, das hat erst kurz vor der Schlacht angefangen, nach der Ihr mich gefunden habt.“, nachdenklich zwirbelte Shiéllah eine Haarsträhne zwischen ihren Fingern herum, „Das andere begleitet mich schon einen Gutteil meines Lebens, so daß ich mich schon fasst daran gewöhnt habe immer wieder diese Stimme zu hören. Die Ratschläge waren bislang ja auch ganz brauchbar, allerdings – hm – das letzte Mal klang es mehr nach einem Rätsel, als nach einem Ratschlag.“, gedankenvoll runzelte Shiéllah die Stirn, „Doch ich glaube, unten in der Höhle, in der Ilvani und ich waren, hörte sie auch eine Stimme. Aber fragt sie da doch am besten selbst.“ „Stimmen!“, Maéra hatte es nur für sich selbst gesprochen.

    Plötzlich sprang sie auf, wie man es ihr in ihrem Alter nicht zutrauen würde, „Petric!“, dann drehte sie sich zu Shiéllah um, „Laß Dich von ihm versorgen, dann komm alleine in mein Zelt. Ich werde jemand schicken, der Dich führt.“ und schon war sie verschwunden. Völlig entgeistert starrte ihr Shiéllah hinterher. Als hätte er direkt vor dem Eingang gestanden, tauchte Petric in Sekundenschnelle im Zelt auf. Nach einer Viertelstunde war er schließlich zufrieden und entließ sie in Maéra‘ s Obhut. „Komm bevor Du das Lager verläßt noch einmal bei mir vorbei. Ich werde Dir außer dem versprochenen Schreiben noch zwei Tränke mitgeben, die, wenn Du sie gut einteilst, reichen sollten, bis Du meinen Bekannten erreichst.“ Wie versprochen wartete vor dem Zelt ein kleines Mädchen, daß sie ungesehen zu Maéra brachte.


    „Ich hoffe, Dir geht es jetzt besser.“ Neugierig sah sich Shiéllah um, aber es gab hier nichts Besonderes zu sehen. „Ich habe Dir etwas zu essen bringen lassen.“ Sie reichte Shiéllah eine Holzschüssel, deren Inhalt verführerisch duftete. „Mittag ist ja schon längst vorbei, also iß erst einmal.“ Das ließ sie sich nicht zweimal sagen und langte ordentlich zu. „Wie ich sehe hat Petric dir helfen können. Geht es wieder?“ Shiéllah nickte bedächtig und zwischen zwei Bissen meinte sie: „Es wird eine Weile gehen.“ „Gut, dann erzähl mir genau, was es mit der Stimme auf sich hat, die Du immer wieder hörst. Seit wann geht das schon so?“

    Seien wir realistisch. Versuchen wir das Unmögliche. (Ernesto Guevara)

  • „Angefangen hat das Ganze schon vor ein paar Jahren …“ und Shiéllah erzählte ihr die Geschichte bis zu diesem letzten Rätsel. „Was genau hat Dir die Stimme da gesagt? Versuche Dich zu erinnern, das ist wichtig.“ „Oh, das weiß ich noch wortwörtlich.“, meinte Shiéllah „Suche die Türme, dann wirst Du uns finden. Vertraue nicht denen, denen Du vertrauen möchtest. Glaube nur, was Du geprüft hast. Erkenne Dich selbst, oder ihr werdet untergehen.“ „Das habe ich mir fast gedacht. Ich hatte also recht.“, murmelte Maéra während sie in einer ihrer Truhen nach etwas suchte. „Du sagtest Ilvani hat auch etwas gehört in dieser Höhle?“ „Ja. Wieso?“ „Weißt Du von noch jemand, der Stimmen hört?“, fragte die Alte ohne auf Shiéllahs erstaunten Blick zu achten. „Ich weiß nicht – nein – aber … hm.“ Shiéllah legte die Stirn in Falten, konnte sie der Alten wirklich vertrauen? „An was denkst Du?“ Maéra blickte sie aufmerksam an. Ich werde es wohl riskieren müßen, dachte sie, „ Nun an jenem Abend vor dem Stall, bevor ich ohnmächtig wurde, meinte ich eine fremde Stimme zu hören und jemand der antwortete. Aber die Erinnerung ist sehr verschwommen, viel weiß ich von dem Abend nicht mehr. Jetzt möchte ich aber doch wissen, was diese ganzen Fragen sollen. Worum geht es hier eigentlich?“ „Ach immer diese Hektik der Jugend. Obwohl, dieses Mal sollten wir uns wirklich beeilen. Ah, da ist es ja!“, zufrieden drehte Maéra sich um, „jetzt setz Dich und hör‘ mir zu.“


    Maéra zog sich einen Schemel heran, während sie zu erzählen anfing: „Es gibt da eine alte Legende, sie wird bei uns von Generation zu Generation weitergegeben. Vor hunderten von Jahren brach eines der Siegel, die das Böse von Dere fernhielten, durch schwarze Magie. Es gab viele Schlachten und viele tapfere Menschen mußten ihr Leben lassen, bevor es schließlich fünf Magiern und ihren Verbündeten in einer letzten großen Schlacht gelang, das Böse zu verbannen und das Siegel wieder herzustellen.“ „Was hat das mit meiner Stimme zu tun?“ „Nun warte es doch ab, darauf komme ich ja noch. Es gibt nur einiges, das Du vorher verstehen mußt. Kennst Du dieses Symbol?“ damit schob ihr die Alte ein vergilbtes Pergament zu. Vorsichtig faltete Shiéllah es auseinander und erstarrte. Das konnte nicht sein! Sie sprang schreckensbleich auf und faßte sich unwillkürlich an die Brust. „Du kennst es also? Wieso erschreckt es Dich so sehr?“ Mit zitternden Fingern holte Shiéllah den kleinen silbernen Anhänger hervor, der an einem dünnen Lederband um ihren Hals hing. „Ja, so etwas Ähnliches hatte ich schon vermutet, nachdem Du mir von der Stimme erzählt hast. Setz Dich wieder hin.“ Maéra sprach nachdenklich weiter: „Man erzählt, das jeder der fünf Magier damals ein solches Amulett mit dem Symbol seines Verbündeten hatte. So konnten sie besser miteinander in Verbindung treten und wußten immer, wo sich der andere befand.“ „Aber …“ „Es geht noch weiter – jeder der Magier hatte einen eigenen Turm unter dem sein Verbündeter lebte.“ „Die Türme – wo sind sie?“, kam es leise von Shiéllah. „Das weiß keiner zu sagen. Manche behaupten, sie seien damals einfach verschwunden, genau wie die Magier auch. Andere wieder sagen, es hätte sie nie gegeben.“ „Drachen“, flüsterte Shiéllah, während sie ihren Anhänger betrachtete, „als Verbündete? Wie soll das gehen?“ „Ein Anfang wäre schon mal gemacht, wenn Du das Element Deines Drachen beherrschen lernen würdest. Und ja, finden solltest Du ihn natürlich auch noch.“ Maéra zwinkerte ihr belustigt zu, bevor sie wieder ernst wurde. „Element? Welches Element?“ fragend blickte Shiéllah sie an, während sie den Anhänger durch ihre Finger gleiten ließ. „Das kannst nur Du wissen.“ „Au verflixt!“, sie ließ den Anhänger los, als hätte sie sich verbrannt - gleichzeitig vernahm sie ein leises Kichern.


    Feuer – das war ja fast schon komisch, nach allem was sie in letzter Zeit erlebt hatte – bei dem Gedanken umspielte ein trauriges Lächeln ihren Mund. „Du scheinst es heraus gefunden zu haben.“, grinste Maéra sie an. „Ja, Feuer.“ „Nun das ist in Deinem Zusammenhang interessant. Ein paar Grundbegriffe werde ich Dich wohl lehren können, doch um die uralten Gesten zu lernen und auch beherrschen zu können, bin ich die Falsche. Allerdings kenne ich jemand, der Dir da weiterhelfen kann.“ „Entschuldigt, ich muß jetzt erst einmal alleine nachdenken.“, meinte Shiéllah und stand auf. „Auch wenn ich das gut verstehe, Du weißt, was Petric gesagt hat. Du hast nicht allzu viel Zeit. Schick Ilvani zu mir, wenn Du sie siehst.“ „Ja danke, ich weiß. Ich werde es nicht vergessen.“, damit verließ Shiéllah das Zelt und entfernte sich nachdenklich vom Lager in Richtung der kleinen Anhöhe.


    *****


    „Nun sag schon, warum konnten wir die Sachen nicht im Lager besprechen und was ist mit Shiéllah geschehen?“ Andra hielt Tarson am Ärmel fest. „Ja schon gut. Ich weiß nicht, wem wir hier trauen können, deshalb wollte ich das Ganze mit Dir alleine besprechen.“, Tarson setzte sich unter einen der Bäume. Nachdenklich blickte er in die Ferne während sich Andra neben ihm niederließ. „Was ist los?“, behutsam berührte sie ihn am Arm, „so habe ich Dich ja noch nie gesehen?“ Sie lehnte sich an ihn, ihre Hand suchte die seine. Er lehnte den Kopf an den Baumstamm hinter ihm und sah sie versonnen an, seine Hand lag auf der ihren, dann zog er sie weg.

    Sein Gesicht nahm einen seltsamen Ausdruck an, als er anfing zu erzählen, die Luft um ihn herum veränderte sich und seine Augen bekamen einen Ausdruck von Zeitlosigkeit. Vorsichtig rückte Andra von ihm weg, bemüht kein Geräusch zu machen.

    „Wir hatten vor zwei Tagen einen kleinen Zusammenstoß mit ein paar unerfreulichen Gestalten. Sie wußten anscheinend sehr genau, wer wir waren und welches unser Weg sein würde. Aber wir haben uns ganz gut geschlagen. Es hätte allerdings mehr Spaß gemacht, wenn Du auch dabei gewesen wärst, so wie früher. Hm, ich frage mich nur, woher sie so viel wußten“, das Lächeln, das seinen Mund umspielte, erreichte seine Augen nicht. Nach einer langen Zeit, als sie sich schon fragte, ob er noch weiterreden würde, „Shiéllah war bei dem Angriff auf ihr Dorf dabei, Andra. Wie es aussieht hat sie alles mitbekommen, auch wenn sie sich wohl momentan nicht mehr an Einzelheiten erinnern kann.“ Danach schwieg er wieder und Andra hatte Mühe, das Gehörte zu verdauen.

    „Sie war dabei? Und sie hat das überlebt?“, Andra stand fassungslos auf, „kein Wunder, wenn sie sich seltsam benimmt. Komm wir müssen zu ihr.“ Aber Tarson reagierte nicht. Verwundert drehte sie sich zu ihm um, faßte ihn an der Schulter und zog ihn hoch, „Tarson? Warum kommst Du nicht?“

    Seine Hände umfaßten urplötzlich ihr Gesicht, er zog sie zu sich heran und küßte sie hart und fordernd, dann ließ er sie genau so plötzlich los und sah ihr direkt in die Augen. „Tarson, warum?“ flüsterte sie. „Das wolltest Du doch seit langem schon. Gib es zu.“, der Blick, der sie dabei traf, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren und gefährlich leise und nur für sie hörbar, fügte er hinzu: „Mehr wirst Du niemals von mir bekommen.“


    „Das ist ja sehr interessant!“ mit blitzenden Augen trat Ilvani hinter einem Baum hervor, „Vielleicht hätte ich doch noch etwas länger warten und zuhören sollen. Ihr seid ja alle richtig gute Freunde!“, sie spuckte ihnen die Wörter förmlich entgegen.

    Andra und Tarson fuhren auseinander, seine Hand suchte seinen Stab. „Ha, das wagst selbst Du nicht, mir hier zu drohen.“ Ilvanis Lachen war ohne Freude. „Gibt es noch mehr, das niemand wissen darf? Ich hatte also doch Recht, euch nicht zu trauen.“ Keiner der Drei bemerkte dabei das leise Rascheln am Rande der Lichtung.

    Leise stahl sich Shiéllah davon, hoffend, daß keiner sie bemerken würde, denn ihre Gefühle waren so aufgewühlt, daß sie bezweifelte, sie unter Kontrolle halten zu können. Ihr einziger Gedanke war – nur weg von hier. So lief sie eine Weile ohne wirklich auf den Weg zu achten. Was hatten die Drei dort getan? Was hatte ihre beste Freundin mit Tarson zu schaffen? Erschöpft ließ sie sich auf einen Stein nieder und bemerkte erst jetzt, dass sie nicht den Weg zum Lager zurück genommen hatte. Ganz in Gedanken spielte sie mit dem Anhänger um ihren Hals. Oh Rahja, ich hätte mich nicht auf ihn einlassen sollen. Bis zu jener Nacht waren wir nur gute Freunde.

    „Du hast doch jetzt ganz andere Sorgen, Menschlein.“. Erschreckt sah sie sich um, aber niemand war zu sehen. „Ich dachte, Du hättest inzwischen verstanden, wie das hier funktioniert.“ Es hörte sich leicht ungehalten an. „Dann stimmt es also, was Maéra mir erzählt hat?“, Shiéllah konzentrierte sich auf die Gedanken während sie den Anhänger festhielt. „Du lernst schnell. Ja es stimmt, leider.“ „Wieso, leider?“ „Es bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Die Siegel werden erneut brüchig und noch haben wir euch nicht alle gefunden.“ „Warum zeigst Du Dich mir nicht?“ „Das ist eine lange Geschichte.“ „Na wie es aussieht, habe ich gerade nichts anderes zu tun.“, Shiéllah lächelte traurig. „Also gut, Du gibst ja sonst doch keine Ruhe. Aber ich warne Dich, es wird anstrengend für Dich werden, denn Du bist noch nicht geübt darin, in unserer Art zu reden.“ Zuerst sah sie nur eine Folge von scheinbar zusammenhanglosen Bildern – „Konzentrier Dich!“ Nein, es war eine Schlacht, gewaltig - lang vergangen – und plötzlich hatte sie das Gefühl, dabei zu sein. Sie sah das Sterben, konnte das Rufen hören und die Feuer riechen. Und dann sah und fühlte sie etwas so abgrundtief Böses, daß sie erschreckt aufschrie. Es schien alles zu überschatten und sich immer weiter auszudehnen. Es nahm ihr die Luft zum Atmen.

    Da erst bemerkte sie sie - riesige Drachen, sie spürte die Stärke ihrer Magie, ohne sie vollends erfassen zu können. Sie versuchten gemeinsam, das Böse zurück zu drängen. Angestrengt keuchte sie auf, als einer ihr den Kopf zuwandte und sie kurz ansah. Neben ihm konnte sie einen Magier stehen sehen, der in eine schwarze Kapuze gehüllt war. Nach einer schier endlosen Zeit sah sie silbrig - weiße Lichtstränge sich wie Hände um das Dunkel winden und es hinab ziehen. Dann war alles ganz schnell vorbei. Kurz bevor die Bilder verschwanden nahm sie am Rande ihres Sichtfeldes eine Bewegung wahr und als sie sich umwandte, sah sie einen Schatten verschwinden. Wie aus einem Traum zurück gekehrt flüsterte sie entsetzt: „Ihr seid verraten worden!“ „Ja wir haben einen der Unseren verloren!“ Shiéllahs Kopf dröhnte, so wütend war die Antwort gewesen. „Das war letztendlich auch der Grund, warum die Türme und wir mit ihnen verschwanden. Wir mußten uns und unsere menschlichen Verbündeten schützen.“, dies kam schon wesentlich leiser in ihrem Kopf an.

    *********

    Seien wir realistisch. Versuchen wir das Unmögliche. (Ernesto Guevara)

  • „Wie…?“, sie hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da folgte auch schon die Antwort, „Du mußt lernen, das Feuer zu beherrschen und wenn Du Dich als würdig erweist, wirst Du den Turm und damit auch mich finden. Aber denke immer daran, Du kannst das Böse nicht allein bekämpfen.“ Erschöpft schloß Shiéllah die Augen. Wie lange sie so dagesessen hatte – sie konnte es nicht sagen, doch als sie die Augen wieder öffnete dämmerte es schon. „Bist Du noch da?“, vorsichtig sandte sie ihre Gedanken aus. „Ja, ich bin jetzt immer da wenn Du es möchtest.“, kam die Antwort fast sofort. Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen, dann wurde sie wieder ernst, „Kann eigentlich jemand unsere Unterhaltung mithören? Hm, kann ich auch andere Drachen hören?“ Lange blieb es still, sie überlegte schon, wie sie ihre Frage vielleicht anders formulieren sollte, als „nun jeder Drache, wenn er in der Nähe ist, wird es verstehen. Bei euch Menschen – nun die fünf Besitzer der Amulette sollten es können. Drachen kannst Du nur hören, wenn Du ihnen verbunden bist, oder wenn sie es wollen, oder wenn Du sehr mächtig wärst. Aber wieso stellst Du diese eigenartigen Fragen?“ Jetzt war es an Shiéllah, sich in Schweigen zu hüllen. „Wie soll ich dich eigentlich anreden? Hast Du auch einen Namen?“ „Natürlich haben wir auch Namen!“, das Kichern das folgte war gewaltig, „Menschen stellen komische Fragen. Aber Du kannst mich Tamar-en-drah nennen.“

    Im Schein ihrer violetten Lichtkugel machte sie sich auf den Weg zurück ins Lager. Inzwischen spürte sie die Anstrengungen ihres Ausfluges und kam nicht sehr schnell voran, so war es bereits dunkel, als sie das Lager wieder erreichte. Ihr erster Weg führte sie zu Maéras Zelt. Sie fand sie im Gespräch mit Ilvani vertieft. „Entschuldigt, wenn ich Euch störe. Ich muß mit Euch allein sprechen.“, erschöpft stützte sich Shiéllah auf ihren Stab. „Na sieh an, wer wieder da ist und gleich schon wieder Sonderwünsche hat.“ „Ilvani es reicht! Denk an das, was wir gerade besprochen haben.“, die Warnung in Maéras Stimme war nicht zu überhören. „Laß uns allein und schicke bitte Petric her.“ Wütend verließ Ilvani das Zelt. „Du bist spät und Du siehst nicht gut aus. Gegessen hast Du sicher auch noch nichts.“, Maéra nötigte sie sich zu setzen und schob ihr einen Teller mit Essen hin. Über so viel Fürsorge mußte Shiéllah unwillkürlich schmunzeln, fing aber dankbar an zu essen.

    Nachdem sie sich gestärkt hatte, schaute sie die Alte aufmerksam an, „Ihr hattet übrigens völlig Recht mit Eurer Erzählung. Ich hatte gerade ein längeres Gespräch mit einem Drachen.“ „Du hattest ein Gespräch?“ „Ja, ich denke, ich weiß jetzt wie das funktioniert.“, Shiéllah nickte bestätigend. Nachdenklich schaute Maéra sie an, „Du lernst sehr schnell. Das Du Potential hast wußte ich ja schon, sonst hättest Du den Kampf damals nicht überlebt, aber ich ahnte nicht wie viel. Du wirst lernen müßen, es zu kontrollieren; Drachenmacht kann Dich sonst umbringen.“ „Das hört sich so an, als sprächet Ihr aus eigener Erfahrung.“ Versonnen sah die Alte ins Feuer: „Ja, in jungen Jahren hatte ich auch mal eine Begegnung mit einem Drachen. Nein, es stimmt übrigens nicht, daß jeder Drache junge Frauen verspeist.“, sie kicherte leise, „Anders als Du bin ich aber keine Kämpferin, ich bin eine Hüterin des Wissens. Ich kann Dich viele Dinge lehren, aber um in den Kampf zu ziehen bin ich inzwischen zu alt. Das wird Ilvanis Aufgabe sein, wenn sie endlich ihr Temperament unter Kontrolle bekommt.“ Shiéllah nickte bestätigend, „ Ilvani? Das könnte schwierig werden. Aus irgendeinem Grund kann sie mich nicht leiden.“ „Mach Dir nichts daraus, das wird schon. Ihr seid euch sehr ähnlich.“

    „Wir sind uns kein bisschen ähnlich!“, brauste Shiéllah auf. „Ach wirklich nicht?“, Maéra lachte nur, „Ruh Dich jetzt aus. Ich werde mal nachsehen, warum Petric nicht gekommen ist.“ Shiéllah nickte dankbar, schloß die Augen und lehnte sich müde zurück. Leise verließ die Alte das Zelt.

    „Ilvani, Du weißt doch ganz genau, daß es überhaupt keinen Sinn hat, mich belauschen zu wollen. Du wirst nichts hören, wenn ich es nicht will.“, wütend blickte Maéra in die Dunkelheit. Mit hochrotem Kopf trat Ilvani hinter dem Zelt hervor, „woher wußtest Du das?“ „Ach Mädchen, ich habe Deine Anwesenheit gleich gespürt. Jetzt geh endlich und kümmere Dich um Deine Aufgaben.“ Nachdenklich sah sie der sich entfernenden Ilvani hinterher und seufzte, dann ging sie ein paar Schritte zur Seite von dem Zelt, „Ihr könnt Euch ruhig zeigen. Meint Ihr wirklich, ich wüßte nicht, daß Ihr dort im Dunkeln steht!“ Sie hob die Hand und ein Blitz erhellte die Umgebung, „Ihr solltet in meinem Lager vorsichtiger sein, wenn Ihr keinen Ärger bekommen wollt.“ Die ganze Freundlichkeit war aus ihrem Gesicht verschwunden, „Und, habt Ihr heraus gefunden, was Ihr wissen wolltet?“ „Teilweise.“ Sie zog die Augenbrauen hoch, „Nun, dann seid Ihr gut, wenn Ihr mich belauschen könnt. Ich werde Euch besser im Auge behalten.“ Stumm sahen sie einander in die Augen – maßen einander – nach einer ganzen Weile meinte Maéra ruhig: „Es ehrt Euch, daß Ihr Euch um Eure Geliebte sorgt. Aber seid bei der Wahl Eurer Mittel besser vorsichtig, Tarson.“ Kaum merklich zuckte er bei diesen Worten zusammen. „Da habe ich wohl einen Nerv getroffen? Ich sehe mehr, als Ihr denkt.“, damit ließ sie ihn stehen und verschwand zwischen den Zelten.

    Besorgt schaute er der Alten hinterher – damit hatte er nicht gerechnet, das konnte alle Pläne zunichtemachen. Schließlich drehte er sich um und betrat leise das Zelt.

    „Ich habe mich gefragt, ob Du überhaupt noch herein kommen wirst.“ Erschrocken blickte er sich um, „Ich dachte Du schläfst.“ Shiéllah stand von ihrem Platz vor dem Feuer auf, „ Ich habe euch draußen reden hören. Was wolltest Du dort?“, langsam ging sie auf ihn zu.

    Verdammt, wie viel hat sie hören können? Ging es ihm durch den Kopf während er möglichst ruhig antwortete: „Ich habe mir Sorgen gemacht, als Du so lange unauffindbar warst. Dann hörte ich, Du seist bei der Alten und wollte nach Dir sehen.“ Er zog sie in seine Arme und küßte sie zärtlich. Shiéllah schob ihn beiseite: „Wo ist Andra? Ich habe sie überhaupt noch nicht gesehen. Ich dachte, ihr wärt zusammen gekommen.“ Tarson stöhnte auf, als hätte er einen Eimer kaltes Wasser ins Gesicht geschüttet bekommen. „Andra? Was weiß denn ich! Irgendwo da draußen im Lager vermutlich.“, antwortete er mühsam beherrscht und drehte sich von ihr weg.

    Plötzlich spürte er ein bekanntes Kribbeln am ganzen Körper, so als würden ihm sämtliche Haare zu Berge stehen. Magie hier? Nein! Nicht sie!!!

    Vorsichtig drehte er sich um. Sie stand noch wie vorher und schaute ihn an – einzig die Luft um sie herum schien zu glühen - Wut sprach aus ihren Augen. „Erst ich und dann sie, oder wie jetzt? Sie ist meine beste Freundin!“, die Worte waren nur in seinem Kopf, aber die Verzweiflung, die aus ihnen sprach tat ihm fast körperlich weh. „Was ? Ich habe nicht….“ unsicher, ob er das eben wirklich gehört hatte schüttelte er den Kopf.

    „Hör auf Menschlein! HÖR AUF! Das schaffst Du noch nicht!“ wie durch einen Nebel erreichten die Worte ihren Geist, dann brach sie bewußtlos zusammen.

    Verwundert schaute Tarson sie an und konnte sie gerade noch auffangen, bevor sie auf der Erde aufschlug. Vorsichtig legte er sie auf das Bett, da stürzten schon Petric und Maéra ins Zelt, „Zur Seite! Was habt Ihr getan? Raus jetzt!“

    „Ich werde nicht gehen, bevor ich nicht weiß, was hier wirklich los ist!“ Die Alte sah ihn eindringlich an: „GEHT! SOFORT!“ An ihrem Blick merkte Tarson, daß es besser war, der Aufforderung Folge zu leisten. Widerwillig verließ er das Zelt und wandte sich im Schein seiner silbernen Lichtkugel gen Osten, Richtung Anhöhe, um in Ruhe nachzudenken.


    „Du hast jetzt ein Problem. Das ist Dir doch klar?“, die Stimme in seinem Kopf klang ein wenig angespannt. Tarson lachte laut auf: „Ach Zaldur, Du meinst wohl eher, ein Problem mehr.“ „Ein bisschen ernster solltest Du das ganze schon nehmen!“ „Oh, habe ich seine Majestät Zaldur-en-drah etwa beleidigt?“ Tarson deutete eine leichte Verbeugung an. Das Fauchen, das er daraufhin vernahm, klang sehr verärgert. „Auch wenn ich Dir verbunden bin, solltest Du Deine Grenzen kennen, Menschlein.“ „Schon gut, schon gut. Ich habe wahrlich wichtigere Dinge zu tun, als mich mit einem Drachen zu streiten.“, nachdenklich starrte Tarson in die Dunkelheit. „Das stimmt allerdings – weißt Du denn, wie viel Deine Gespielin eigentlich weiß?“ Jetzt war es an Tarson wütend zu sein: „Es gibt auch für Dich Grenzen, die Du besser nicht überschreitest. Erinnere Dich daran, was damals geschah. Und um Deine Frage zu beantworten: nein, genau weiß ich das nicht. Die Barriere der Alten war zu stark.“ „Nun ich habe zumindest meine alte Freundin vernommen. Sie hat inzwischen mit ihr Kontakt aufgenommen. Deine ähm - Freundin - ist sehr fähig und sie lernt schnell.“ „Hm.“ „Du wirst Dich bald entscheiden müßen!“ „Ich weiß.“, seufzte er. Langsam wanderte Tarson wieder in Richtung Lager zurück.

    Was sollte er jetzt nur mit Andra anfangen? Warum machte sie alles so kompliziert? Verstand sie denn nicht, daß sie einfach nur gute Freunde waren? Er hoffte, daß sie es jetzt begriffen hatte.

    Als er das Lager fast erreicht hatte, bemerkte er eine ungewöhnliche Geschäftigkeit um eines der Zelte herum. Er beeilte sich näherzukommen, da lief ihm auch schon Andra entgegen. Verdammt! Schnell wollte er hinter dem nächsten Zelt verschwinden, doch sie hatte ihn schon entdeckt. „Bleib gefälligst stehen!“, fuhr sie ihn an. „Was willst Du von mir?“, gab er mürrisch zurück. „Du Dreckskerl! Was hast Du mit ihr gemacht?“, sie holte wütend aus und schlug ihn mitten ins Gesicht. „Was ist denn in Dich gefahren?“, verdutzt sah er, wie sie die Hände zu Fäusten ballte. „Halt! Was soll denn das?“, er packte sie bei den Schultern. „Shiéllah liegt im Sterben!“, presste sie zwischen den Zähnen hervor, „ und Du warst als Letzter bei ihr!“ Entsetzt ließ er sie los und eilte zu dem Zelt hinab.

    Als er eintrat kam Ilvani sofort auf ihn zu, „Was willst Du denn hier? Das ist Deine Schuld!“ „Ilvani! Tarson, kommt her. Ich muß mit Euch reden.“, Maéras Stimme war schneidend kalt. „Ilvani hilf Petric in sein Zelt. Er hat sein Bestes getan und ist doch jetzt sehr erschöpft. Ach, und nimm Andra mit.“, dabei deutete sie zum Eingang in dem diese gerade erschien. Die beiden halfen dem Heiler hoch und begleiteten ihn nach draußen. Als sie allein waren setzte sie sich auf einen Schemel ans Feuer, streckte erschöpft die Beine aus, ließ ihn aber nicht aus den Augen. Er hatte sich derweil zu Shiéllah ans Bett gesetzt und streichelte ihr heißes Gesicht.


    „Nun, wie ich sehe, ist sie Euch nicht gleichgültig.“ Tarson schluckte trocken, „Was hat sie? Was ist geschehen?“ „Das wollte ich eigentlich von Euch wissen. Ihr wart doch bei ihr bevor wir kamen.“, durchdringend sah sie ihn an. Er hielt Shiéllahs Hand in der seinen, „Andra sagte, daß sie stirbt.“ Er blickte Maéra direkt an, „Stimmt das?“ „Ich weiß es nicht.“, gab sie zurück. „Wir hatten einen kleinen Streit bevor ihr kamt.“ „Ihr hattet was? Ihr wußtet doch, das sie krank ist.“ wütend erhob sie sich, „Sie hat doch nicht etwa Magie benutzt?“ Sie trat zu Shiéllah ans Bett und untersuchte sie kurz. Tarson schaute sie verwundert an, „Es ging ihr doch augenscheinlich wieder besser. Was hat das denn mit Magie zu tun?“ „Ihr versteht nicht – sie ist richtig krank. Sie hätte nicht zaubern dürfen.“ „Könnt Ihr denn nichts machen?“ „Wir haben getan, was in unserer Macht steht. Momentan schläft sie und das ist gut. Mehr können wir jetzt nicht tun.“ Wie betäubt stand Tarson auf, „Vielleicht kann ich ja etwas machen.“, murmelte er. „Ich komme bald zurück.“, er nickte der Alten zu und verließ eilig das Zelt.

    Wenige Sekunden später war er aus dem Lager verschwunden. Sobald er weit genug entfernt war, sandte er den Ruf aus. „Ich habe schon mitbekommen, was los ist.“, wisperte es neben ihm. „Kannst Du etwas tun? Kannst Du ihr helfen?“ „Euch liegt wirklich was an Ihr. Interessant!“, die Neugier war nicht zu überhören. Mühsam beherrschte er seinen aufkeimenden Zorn, „Sie könnte für unsere Pläne noch wichtig sein. Also was ist jetzt? Oder schaffst Du so etwas Einfaches nicht?“ „Schon gut, Ihr braucht nicht gleich so unfreundlich zu werden. Wartet hier auf mich, ich bin bald zurück.“, er konnte die gespielte Verbeugung sehen, die sein Gegenüber machte.

    Vorsichtig atmete Tarson wieder aus. „Da hast Du ja hoch gepokert. Hoffentlich geht das gut.“ „Zaldur! Jag mir doch nicht so einen Schreck ein.“, Tarson entspannte sich wieder. „Ich hoffe, sie ist das Opfer wert.“ „Es wäre nett, wenn Du Dich im Hintergrund halten würdest. Ich weiß nicht wann er wieder zurück kommt.“

    Nach nicht allzu langer Zeit spürte er eine bekannte Kälte neben sich. „Das hat ja ganz schön lange gedauert. Ich wollte schon gehen.“ „Nana, ich habe was Ihr wolltet. Ich gebe mir immer die größte Mühe. Hier, gebt ihr dies zu trinken, das wird ihr für ein Weilchen helfen. Und kümmert Euch um ihre Träume.“ Tarson schaute von der Phiole in seiner Hand auf, „Was meinst Du damit?“ Aber er war wieder allein.

    Schnell begab er sich wieder zurück zum Zelt, wo ihn Maéra neugierig erwartete. „Wie geht es ihr?“, fragte er beim eintreten. „Unverändert. Wo wart Ihr denn so schnell hin?“ „Das kann ich euch nicht sagen. Bitte laßt uns allein. Ich werde den Rest der Nacht bei ihr bleiben.“, Tarson bemühte sich ruhig zu sprechen, aber die Anspannung war ihm anzusehen. „Wie Ihr meint, ich hoffe, Ihr wißt was Ihr tut. Wenn Ihr mich braucht, schickt jemand zu Petric.“, Maéra sah ihn an und ging hinaus. Vorsichtig setzte er sich zu Shiéllah auf das Bett, küßte ihr Gesicht und weckte sie sanft, „trink das, bitte.“ Er hielt ihr die kleine Phiole an den Mund und sie schluckte es, ohne richtig wach zu werden. Erschöpft schlief sie in seinen Armen wieder ein. „Zaldur?“ „Ja, ich werde aufpassen. Schlaf Du jetzt auch ruhig.“ „Danke.“ Tarson zog die Decke über sie beide und war auch sogleich eingeschlafen.

    Seien wir realistisch. Versuchen wir das Unmögliche. (Ernesto Guevara)

  • Als Tarson am Morgen erwachte, lag Shiéllahs Kopf an seiner Schulter und ihre zerzausten Haare kitzelten ihn am Hals. Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, rutschte er zur Seite. Ihr Körper fühlte sich bei Weitem nicht mehr so heiß an und auch ihr Atem schien ruhiger zu gehen. Erleichert atmete er auf, küßte zärtlich ihre Stirn und zeichnete mit den Fingern sanft die Linie ihrer Schultern nach. Sie drehte sich noch halb im Schlaf um und ihre Hände berührten dabei wie unabsichtlich seinen Körper. Tarson stöhnte auf und gab ihr einen Kuß auf den Mund, den sie fast gierig erwiderte. „Du bist noch nicht wirklich gesund. Ruh Dich lieber noch etwas aus, Kleines.“, flüsterte er zärtlich in ihr Ohr und stand vorsichtig auf. „Tarson?“, sie setzte sich halb auf. „Hm?“ „Wieso bist Du hier? Und was war das eigentlich mit Dir und Andra?“ Er richtete sich kerzengerade auf und drehte sich zu ihr um, „Du warst…?“ „Ja, ich habe euch gesehen.“

    „Ja, was war das eigentlich mit Dir und mir?“, erklang es vom Eingang des Zeltes her, in dem jetzt Andra auftauchte. Entnervt sah Tarson von einer zu anderen. Andra kam auf sie zu, „Du hättest es mir auch einfach sagen können, daß Du Shiéllah liebst und nichts von mir willst.“ Verwundert sah Shiéllah die beiden an - Liebe? Er?

    „Was soll das heißen? War das etwa der Streit, weshalb sie fast gestorben wäre!“, wütend stand Maéra mitten im Zelt. Die Drei schauten sich betreten um, denn keiner hatte die Alte hereinkommen hören. Das war zu viel für Tarson, „Kommt sonst noch jemand?“, er schnappte sich seine Sachen und wollte das Zelt verlassen. „Halt! Mit Euch habe ich noch zu reden. Andra, wärst Du so nett und holst Petric her und informiere doch bitte auch Ilvani.“ Andra nickte Maéra zu und verließ das Zelt. „Hier, ich habe euch etwas zu essen mitgebracht.“, Maéra stellte Brot, Käse und einen gefüllten Tonkrug auf den Tisch. Shiéllah reichte sie eine Schüssel mit einer dampfenden Suppe. Bis der Heiler kurze Zeit später eintrat aßen sie schweigend. Er untersuchte Shiéllah, der es nach dem Essen viel besser ging und schüttelte verwundert den Kopf. Er besprach sich leise mit Maéra, dann verließ er das Zelt. Shiéllah stellte die Schüssel zur Seite, dann schaute sie Maéra an, „Warum ist er hier? Ihr hattet es mir versprochen.“ „Weil Du fast gestorben wärst. Du weißt doch, was Petric gesagt hatte: keine Magie, bis Du wieder ganz gesund bist. Und was machst Du! Das war mehr als dumm! Wie es aussieht, hat er Dein Leben gerettet, auch wenn ich nicht weiß, wie er das geschafft hat.“, fragend blickte sie ihn an. Nachdenklich starrte Tarson auf den Tisch vor sich, dann hob er den Kopf, „Was hat es mit ihren Träumen auf sich?“ „Darum geht es ja, sie sind es doch, die sie krank machen. Nur dagegen können wir hier nichts tun, da sie sind magischen Ursprungs.“, antwortete Maéra, „es gibt da allerdings jemand nicht weit von hier, der könnte helfen.“ Shiéllah nickte, „Ich habe es versprochen, also werde ich dort auch hingehen.“, dann viel ihr noch etwas ein: „Sag mal Tarson, hast Du eigentlich das Amulett von damals noch?“ Vor Schreck verschluckte er sich an seinem Getränk und mußte husten, während Maéra die Stirn runzelte und ihn beobachtete. Das ergibt allerdings einen Sinn, dachte sie, dann ist er noch stärker als ich vermutet habe. Inzwischen hatte er sich wieder gefangen, „Du meinst doch nicht etwa diese alte Kette? Nein, die habe ich vor langer Zeit verloren.“ „Er lügt.“, hörte sie die Stimme in ihrem Kopf. „Tamar-en-drah?“, fragte sie vorsichtig zurück. „Ja, aber hör sofort auf damit, sonst merkt er, wie viel Du kannst. Ich kenne den, mit dem er verbunden ist. Zaldur ist mächtig und nicht nett.“


    "Das stimmt nicht Tamar und das weißt Du auch.“, vermeinte sie von ganz aus der Ferne eine unbekannte Stimme zu hören. Shiéllah stöhnte auf und war blaß geworden - Maéra war sofort an ihrer Seite, „geht es Dir wieder schlechter?“ Shiéllah nickte wortlos. Tarson sah sie mit einem Blick an, den sie nicht zu deuten vermochte, deshalb meinte sie: „Ich würde jetzt gerne etwas allein sein, ich bin müde.“ „Dann solltest Du Dich ausruhen.“, Maéra schnappte sich Tarsons Arm und verließ mit ihm das Zelt. Nach ein paar Schritten blieb sie stehen, „Ihr habt sie gerettet - Ihr liebt sie vielleicht sogar aufrichtig, aber ich habe es Euch schon einmal gesagt: seid vorsichtig mit dem, was Ihr tut. Ihr werdet irgendwann dafür den Preis bezahlen müßen.“ Seine schwarzen Augen sahen sie undurchdringlich an. „Sie liebt Euch, auch wenn sie das nicht wahrhaben will.“, Maéra drehte sich um und ließ ihn stehen.

    Nachdenklich blickte Tarson zum Zelt zurück – oh Rahja, Liebe – verdammt das konnte alles gefährden. Er wußte nicht, wie lange er… „Tarson?“ Shiéllah war aus dem Zelt getreten, „ich muß mit Dir reden.“ Also folgte er ihr wieder hinein.


    *****


    Nachdem Maéra ihn hatte stehen lassen, begab sie sich so schnell wie möglich zu Ilvanis Zelt. Als sie eintrat, fand sie sie vertieft im Gespräch mit Andra. „Das passt sich ja bestens. Ich wollte sowieso euch beide sprechen.“ Die beiden Frauen sahen sie neugierig an. „Wie geht es Shiéllah eigentlich wirklich?“, die Sorge in Andras Stimme war nicht zu überhören. „Es geht ihr besser als gestern, aber geheilt ist sie nicht. Sie ruht sich jetzt etwas aus. Das ist aber nicht der Grund, weshalb ich euch sprechen wollte. Setzt euch.“, nachdenklich kratzte sich Maéra am Kinn. „Ich möchte, daß ihr über alles, was wir jetzt hier besprechen Stillschweigen bewahrt. Redet mit niemand darüber, es sei denn, ich erlaube es. Habt ihr das verstanden?“, eindringlich sah sie die beiden an. Als beide gemeinsam nickten, fuhr Maéra fort: „Ilvani, als Du mit Shiéllah unten in den Höhlen warst, ist Dir da etwas Besonderes aufgefallen? Anders gefragt, was haben die Stimmen euch gesagt?“ Ilvani kniff die Augen zusammen – war ja klar, das Shiéllah geredet hatte. Irgendwie hatte sie ihr noch nie getraut. Andra blieb vor Verblüffung der Mund offen stehen, aber sie hütete sich, nur einen Laut von sich zu geben. „Nun?“, Maéra wirkte leicht ungeduldig. „Ach verdammt! Ja, ich habe da auch Stimmen gehört. Aber danach ist mir das nicht wieder passiert und ich dachte es sei nicht so wichtig.“, Ilvani zuckte mit den Schultern, „Sie sagten so etwas wie: Habt ihr uns doch noch gefunden. Das wurde ja auch langsam Zeit. Wie viele Jahrhunderte wir schon auf euch gewartet haben, das mußte ja mal ein Ende haben. Ob das genau der Wortlaut war, weiß ich nicht mehr.“ „Du hieltest es nicht für nötig, mir zu erzählen, dass du Stimmen hörst? Hast Du denn gar nichts bei mir gelernt?“, Maéra klang enttäuscht. „Ich muß Dir ja nicht alles erzählen Mutter, oder?“, Ilvani hielt ihrem Blick stand.


    Oh, Familienprobleme sind ja so gar nichts für mich, dachte Andra und versuchte sich unauffällig Richtung Ausgang zu bewegen. „Ich sagte doch, ich wollte mit euch beiden reden!“, kam es leise aus Maéras Richtung. Abrupt blieb Andra stehen. „Jetzt setzt euch beide wieder hin!“ Maéra wurde allmählich aufgebracht. Sie hatte plötzlich ein vergilbtes Pergament in der Hand, welches sie Andra zeigte, „Kennst Du dies?“ Ilvani schaute ihr interessiert über die Schulter, „Ich kenne es.“ „Das weiß ich wohl, aber ich muß wissen, ob Andra es auch kennt.“, Maéra war entnervt.

    „Ja, irgendwie schon.“, Andras Stimme klang unsicher, „Ich hatte mal einen Anhänger, der ähnlich aussah, aber das ist lange her.“ „Und wo ist er jetzt?“, die Nervosität Maéras war deutlich spürbar. Andra runzelte die Stirn, „Ich weiß es nicht. Auch sah er nicht genauso aus, sondern so.“ Sie nahm einen Stock und zeichnete etwas auf den Boden, „Ich war noch sehr jung und hatte immer wieder Alpträume und meine Tante meinte, sie kämen von diesem Anhänger, so nahm sie ihn eines Tages mit.“ Maéra nickte, „Ich möchte gerne etwas auspro­bieren. Ilvani, gib Andra bitte Deine Kette.“ Neugierig nahm Ilvani die Kette ab und reichte sie weiter. Andra nahm sie entgegen und sah unsicher von einer zur anderen, „Was muß ich denn jetzt machen?“ „Das weiß ich auch nicht, denn für mich war es immer nur eine hübsche Kette.“, antwortete Ilvani prompt. „Nimm ihn in beide Hände und hör mir zu.“, ließ sich Maéra vernehmen. So erzählte sie Andra und Ilvani die Geschichte, die sie ein paar Tage zuvor auch Shiéllah erzählt hatte. Ilvani faßte sich als erste wieder, „Drachen? Und die kichern so blöde? Können die nicht einfach sagen, was sie wollen?“ Maéra verdrehte die Augen, „Du warst schon immer sehr bodenständig. Wahrscheinlich hat Dein Drache eher was mit Wald und Erde zu tun.“ Sie wandte sich wieder Andra zu, „Spürst Du etwas?“ Sie wollte schon den Kopf schütteln, da hörten sie alle eine Stimme in ihren Köpfen sprechen, „ Ein bisschen mehr Respekt könntest Du schon zeigen, Menschlein. Auch wenn es für Dich nur eine hübsche Kette ist, hat sie doch ihren Sinn. Ihr werdet damit aber nur mich erreichen können.“ Ilvani blieb vor Verblüffung der Mund offen stehen und Andra ließ vor Schreck die Kette fallen. Maéra meinte trocken: „Interessant.“ Sie hob die Kette auf und wandte sich Andra zu, „Ich habe mir so etwas schon fast gedacht. Du wirst also Deine Kette brauchen. Deine Tante hat sie, sagtest Du?“ Andra reagierte nicht auf die Frage, „Ich habe Schneetrei­ben, Eis und Berge gesehen und Symbole glühen an steinernen Wänden.“ Andra redete mehr zu sich selbst, „Ich fühlte Kälte und ein Verlangen dort hinzugehen, das ich nicht erklä­ren kann.“ Wie aus einem Traum erwacht, sah sie die Beiden an, ihre violetten Augen waren ganz dunkel geworden. Maéra wiederholte ihre Frage, „Deine Tante hat die Kette?“ Andra nickte bestätigend. „Du mußt sie Dir so schnell wie möglich zurück holen.“, eindringlich sah sie Andra an, „Du solltest aber nicht allein gehen, das ist zu gefährlich.“ „Ich bin doch sowieso Shiéllahs wegen hier. Da können wir doch gut zusammen reisen.“, meinte Andra erfreut. „Das wird nicht gehen. Shiéllah hat einen anderen Weg vor sich. Sie muß sich vorerst um ihre Gesundheit kümmern, wie ich schon sagte. Aber Du kannst doch mit Ilvani reisen. Ihr versteht euch ja ganz gut, wie ich gesehen habe.“ „Jetzt sag nicht, Shiéllah soll mit diesem Tarson reisen, Mutter.“, Ilvani schnaubte empört. „Doch.“, kam es knapp zurück, „Ich werde meine Entscheidungen nicht vor Dir rechtfertigen. Jetzt fangt an, Reisevorbereitungen zu treffen, in zwei Tagen solltest ihr abreisen.“, damit gab sie Ilvani die Kette, drehte sich um und verließ das Zelt.

    Seien wir realistisch. Versuchen wir das Unmögliche. (Ernesto Guevara)

  • Aufbruch


    „Was ist denn? Ich dachte, Du wolltest Dich ausruhen, weil es Dir nicht gut geht.“, Tarson sah sie fragend an. „Es geht schon wieder.“, Shiéllah nahm seine Hand und zog ihn mit sich Richtung Feuer. „Ich werde in zwei, drei Tagen aufbrechen, um Petrics Rat zu befolgen. Er kennt jemand, der mir helfen kann.“, Shiéllah hatte sich derweil auf einen der Schemel ge­setzt.

    „Du solltest auf keinen Fall alleine reisen. Ich werde Dich begleiten.“, er setzte sich neben sie, legte seinen Arm um ihre Schulter, und sie ließ es geschehen. „Vielleicht können wir ja sogar zu Viert reisen. Ich habe Andra allzu lange nicht mehr gesprochen.“, antwortete sie nachdenklich. „Nun, wie Du willst.“, enttäuscht stand er auf, „Wenn wir in drei Tagen aufbrechen wollen, dann werde ich für uns besser Reisevorbereitungen treffen.“ „Passt Dir das nicht, wenn die anderen mitkommen?“, sie hielt ihn am Ärmel zurück. „Nein nein, schon gut. Ich weiß einfach nicht, was ich von dieser Ilvani halten soll. Aber natürlich ist es in diesen Zeiten besser, wenn man zu mehreren reist. Wenn Du magst, werde ich mit den Beiden reden.“, er war hinter sie getreten und sie lehnte den Kopf gegen seine Beine. „Mach das, ich habe mit Maéra auch noch einiges zu besprechen, bevor wir los können.“, dankbar sah Shiéllah zu ihm hoch. Er küßte sie auf den Scheitel und verließ das Zelt endgültig. Nach­dem er gegangen war sandte sie vorsichtig einen Gedanken aus, „Tamar-en-drah?“ „Ja, Du solltest hier aber besser vorsichtig sein.“, kam es leise zurück. „Dieser Zaldur ist sein Drache? Wieso konnte ich ihn dann hören?“ „Wie Du hast ihn gehört?“, die Stimme klang leicht irritiert. „Na, er hat Dir doch widersprochen. Wieso eigentlich?“ „Ach das ist eine längere Geschichte. Aber wir sollten hier nicht weiterreden.“ „Tamar-en-drah?“, aber Shiéllah bekam keine Antwort mehr. Also haben Drachen auch ihre Schwachstellen dachte sie, bevor sie sich aufmachte, Maéra zu suchen. Sie verließ das Zelt, blickte sich suchend um und sah gerade noch am Rande des Lagers Tarson zwischen den Bäumen verschwinden. Sie überlegte kurz, ob sie ihm folgen sollte, da sprach sie Maéra von der Seite an, „Wenn Du Dich vor Deinem Aufbruch noch mit Deiner Freundin unterhalten willst, solltest Du es gleich tun. Sie ist in Ilvanis Zelt.“, Maéra deutete mit der Hand in die entsprechende Richtung und ging weiter. Nachdenklich machte sich Shiéllah auf den Weg und wenig später saßen die drei Frauen zusammen in Ilvanis Zelt am Feuer. Das Andra und Ilvani sich ganz gut verstanden war sofort zu spüren, aber Shiéllah war es ganz Recht, denn sie hatte im Moment ganz andere Sorgen. „Ihr werdet also zusammen Deine Tante aufsuchen. Ich wußte gar nicht, daß Du auch so eine Kette hattest.“, Shiéllah war neugierig geworden, „Hast Du auch eine?“ Sie drehte sich zu Ilvani um, die bestätigend nickte. „Dann sind wir also in diesem Rätsel gemeint gewesen. Das ergibt allerdings einen Sinn.“, versonnen nickte sie vor sich hin. Jetzt sahen die beiden anderen sie neugierig an, „Welches Rätsel denn?“, meinten Andra und Ilvani wie aus einem Mund. Da mußte Shiéllah laut lachen und die zwei stimmten mit ein. „Schade, dass ich nicht mit euch kommen kann, aber ich muß mich erst um meine Gesundheit kümmern.“ „Welches Rätsel denn jetzt?“, allmählich wurde Andra unruhig und so erzählte ihnen Shiéllah, was sie gehört hatte, als sie mit Ilvani allein im Wald unterwegs gewesen war. „Hm, Türme, etwa so wie in der Legende?“, Ilvani dachte laut nach, „Es scheint so, als hätten wir noch eine längere Reise zusammen vor uns.“ „Meine Mutter meinte, wir beide sollen in zwei Tagen aufbrechen. Sie schien es damit sehr eilig zu haben.“ Shiéllah sah Ilvani erstaunt an, „Deine Mutter?“ „Ja, genau deswegen erzähle ich das nicht überall herum. Jeder sieht mich dann so an.“, meinte Ilvani entnervt. Die drei saßen noch eine Weile zusammen und besprachen ihre Reise, bis Shiéllah aufstand und endlich Maéra suchen ging.


    Es dunkelte bereits bevor sie sie schließlich in ihrem Zelt fand. „Ich habe mich gerade mit Andra und Ilvani unterhalten. Es sieht so aus, als würde von der alten Geschichte doch etwas mehr stimmen.“, Shiéllah setzte sich Maéra gegenüber ans Feuer und sah die Alte direkt an.

    „Wie viel wißt Ihr eigentlich wirklich?“, Shiéllahs graue Augen verfolgten jede ihrer Bewegungen. Nachdenklich blickte Maéra sie an, so als wollte herausfinden, wie viel sie ihr schon zumuten könne, „Ihr Drei habt eine schwierige Aufgabe vor euch und ihr müßt noch viel lernen.“ Zustimmend nickte Shiéllah, „Das stimmt, aber das war nicht meine Frage.“, und nach kurzem Nachdenken fügte sie hinzu: „Und was wißt Ihr über Tarson?“ Nach einer Weile, in der sie mit sich zu ringen schien antwortete die Alte schließlich: „Es stimmt, an der alten Geschichte, wie Du es nennst ist mehr dran. Ihr seid zu Dritt – das was Du bereits kannst, müßen Andra und Ilvani erst noch lernen. Aber um die Bedrohung endgültig zu besiegen werden drei nicht reichen. Vertrau mir, das Wichtigste ist jetzt Deine Gesundheit. Danach sehen wir weiter.“ Unzufrieden schüttelte Shiéllah den Kopf, doch Maéra blieb hart, „Mehr habe ich Dir im Moment nicht zu sagen und jetzt laß mich allein.“

    Verärgert verließ sie das Zelt – Vertrau mir. Vertrau mir! – Ha, das sagt man immer, wenn man sich vor der Antwort drücken will. – Kriege ich denn hier von niemandem die Wahrheit zu hören? - Ich hab es ja so satt. Ganz in Gedanken ging sie zurück zu ihrem Zelt und stieß dort mit Tarson zusammen. „Pass doch auf, wo Du hinläufst, Du Ratte!“, schnappte sie ohne aufzusehen. „Welcher Zwerg hat Dir denn ins Essen gekotzt?“, schoss er zurück. Erst da bemerkte sie, mit wem sie geredet hatte und wurde rot bis unter die Haarspitzen. „Ach geh mir aus dem Weg. Ich muß meine Sachen packen, wenn wir morgen loswollen.“, und schob sich an ihm vorbei ins Zelt. Sprachlos sah er ihr hinterher – Frauen! Wer sollte die schon verstehen. Da ließ er sie vorerst lieber in Ruhe.

    Leise vor sich hin fluchend packte Shiéllah ihre Sachen für die Reise zusammen und legte sich danach, nicht mehr ganz so aufgebracht schlafen. Lange konnte sie nicht einschlafen und so bemerkte sie, wie Tarson nach einiger Zeit leise herein kam und sich zu ihr unter die Decke legte. Ohne etwas zu sagen lehnte sie sich an ihn und war bald darauf eingeschlafen.

    Nach einem Frühstück früh am nächsten Morgen verabschiedeten sich Andra und Ilvani von Shiéllah und Tarson und alle vier machten sich auf den Weg, nicht ohne vorher einen Treffpunkt für später abgemacht zu haben.

    Nach vier ereignislosen Tagen der Reise erreichten Shiéllah und Tarson am Morgen des fünften Tages endlich das dreihundert Seelendorf in welchem Petrics Bekannter zu Hause war. Sie mieteten sich in dem einzigen Gasthaus am Ort ein Zimmer - viel war hier nicht gerade los und so gab der Wirt auch bereitwillig Auskunft, wo dieser verschrobene Magier, wie er sich ausdrückte, zu finden sei. Das Haus, etwas außerhalb des Dorfes, war leicht zu finden und wegen des Empfehlungsschreibens, welches Petric ihnen mitgegeben hatte, wurden sie auch sofort herein gebeten. Tarson jedoch verabschiedete sich noch an der Haustür wegen dringender Angelegenheiten und ließ Shiéllah verwundert zurück.

    Der Magier war ein freundlicher weißhaariger alter Mann, dessen Haus so aufgeräumt wirkte, als sei gerade eine Horde Orks hindurch marschiert. Seine Augen jedoch blickten klar und schienen alles zu sehen. „Einen interessanten Freund, den Ihr dort habt.“, meinte er und blickte Tarson hinterher, „Nun denn wollen wir uns mal um Euer Problem kümmern.“ Er schloß die Tür endgültig und studierte Petrics Brief aufmerksam, „Das wird eine längere Angelegenheit werden. Ich werde einen Boten zum Gasthaus senden, daß Ihr die nächsten Tage hier mein Gast seid. Böse Träume, hm, so einen Fall hatte ich in meiner Jugend schon einmal. Das wird interessant werden.“ Unaufhörlich weiter redend zog er Shiéllah mit sich fort und begann mit der Arbeit.


    Nach vier Tagen war, früher als gedacht, alles erledigt und Shiéllah verabschiedete sich dankbar aber gleichzeitig froh, dieses seltsame Haus wieder verlassen zu können. Er gab ihr noch ein paar Ratschläge mit auf den Weg, wie sie sich zukünftig besser vor so etwas schützen könnte.

    Da es erst Nachmittag war, beschloß Shiéllah sich etwas im Dorf umzusehen, bevor sie in das Gasthaus zurück kehrte. Da sah sie Tarson in einiger Entfernung das Dorf verlassen und wurde neugierig genug, um ihm zu folgen. Sie mußte sich nicht einmal besonders anstrengen unauffällig zu sein, denn er sah sich nicht ein einziges Mal um, rechnete er doch frühestens morgen erst mit ihrer Rückkehr. Der Weg führte sie eine Weile vom Dorf weg Richtung eines kleinen Wäldchens in einiger Entfernung. Allmählich begann es zu dämmern und sie sah eine silberne Lichtkugel weiter weg erscheinen, die sich dann nicht mehr bewegte. Jetzt vorsichtig, versuchte sie den Abstand zu verringern, was bei den Lichtverhältnissen gar nicht so einfach war. Schließlich war sie weit genug herangekommen, so daß sie zwei Stimmen miteinander sprechen hörte. Wen könnte er hier denn treffen wollen? Ganz vorsichtig schlich sie näher heran, um auch etwas sehen zu können und hätte vor Schreck beinahe laut aufgeschrien! Sie preßte die Handflächen vor den Mund, dort im Schein der silbernen Lichtkugel standen auf einer Lichtung Tarson und eine Gestalt in einen dunklen Umhang mit Kapuze gehüllt. Gerade erhaschte sie noch die Wortfetzen der Gestalt: „… habe es verloren…da… im Feuer…sie gefunden…wiederhaben…“ Und dann hörte sie Tarsons wütende Stimme: „Du warst das also doch! …“ Dann hörte sie ein Rauschen, wie von gewaltigen Schwingen, die schneller näher kamen. Sie hatte genug gesehen - so schnell es ging machte sie sich wieder auf den Rückweg ins Dorf.

    Zitternd vor Aufregung, aber froh nicht entdeckt worden zu sein, erreichte sie das Gasthaus, setzte sich an einen der freien Tische und bestellte sich ein Bier und etwas zu essen. Sie war inzwischen beim vierten Bier angelangt, als Tarson endlich den Schankraum betrat. Bleich und angespannt schaute er sich nicht um, sondern verschwand sofort die Stiegen hinauf Richtung Zimmer. Nun gut, dann eben anders, dachte sie, leerte den Krug und ging kurze Zeit später auch hinauf. Im Zimmer brannte kein Licht als sie es betrat, Tarson lag im Bett und schien schon zu schlafen. Unschlüssig und durch den Alkohol müde, zog sie noch die Stiefel aus und legte sich auch ins Bett. Schon halb am schlafen spürte sie seinen warmen Atem in ihrem Nacken, sein warmer Körper rückte näher an sie heran und seine Hände versuchten ihre Kleidung loszuwerden. Sie stöhnte auf – verdammt, genau das hatte sie vermeiden wollen – doch da war sie schon nackt und das Denken fiel vorerst aus.

    Am nächsten Morgen wurde sie als erste wach und während sie noch liebevoll seinen nackten Körper betrachtete, drängte sich mit aller Gewalt die Szene im Wald dazwischen. Wie ein heftiger Stich durchfuhr es sie – ich muß das klären – scharf atmete sie ein und weckte Tarson damit auf. „Geht es Dir gut? Ist alles wieder in Ordnung? Bist Du wieder ganz gesund?“, besorgt sah er Shiéllah an. Sie nickte und zog sich ihre Kleidung an und er tat es ihr gleich. „Du bist früher zurück.“, meinte er. „Das hat Dich letzte Nachte aber nicht gestört.“, schnappte sie zurück. „Was ist denn los? Ich dachte, es hätte Dir auch gefallen.“, verwirrt blickte er sie an und wollte sich wieder in seine Arme ziehen.


    „Ja, hat es ja auch.“ – jetzt oder nie dachte sie, drehte ihm den Rücken zu und schluckte trocken, bevor sie mit möglichst unbeteiligter Stimme meinte: „Woher hattest Du eigentlich das Mittel bekommen, daß Du mir zu trinken gegeben hast? Von Petric oder Maéra doch nicht.“ Tarson runzelte die Stirn, „Ich kenne einen Heiler ganz in der Nähe des Lagers, der sich mit so etwas auskennt.“, antwortete er lahm. „Soll ich vielleicht Zaldur fragen wo Du es her hattest?“, meinte sie gefährlich leise während sie sich zu ihm umdrehte. „Du…“, mühsam beherrschte er seine Stimme. „Da ist noch etwas, auf das ich eine Antwort möchte! Dies habe ich in den Trümmern meines Dorfes gefunden!“, raunte sie heiser und hielt ihm einen silbernen Anhänger entgegen, „Das ist Deiner! Ich kenne ihn genau. Erkläre es mir!“ Ihre Augen waren vor Verzweiflung dunkel wie die Nacht, dann nahm sie den Anhänger in beide Hände, konzentrierte sich und sandte den Gedanken aus: „Zaldur?“ Tarson starrte sie entgeistert an, dann wurde ihm schlagartig klar, was sie dort gerade versuchte. Er wollte ihr den Anhänger weg nehmen, doch es war schon zu spät. Eine ihr unbekannte Stimme antwortete postwendend, „Du bist stärker, als ich dachte, Menschlein. Nur wenigen gelingt es zwei Drachen zu rufen.“ Dann hörte sie ein lautes, wütendes Brüllen und die Erde schien zu erbeben. Tamar und Tarson sprachen fast zeitgleich und ihr Kopf schien schier zu platzen, „Hör auf damit! Wen hast Du da gerufen?“, Tamar klang eindeutig besorgt. „Nein Zaldur!“, donnerte Tarsons Stimme durch ihren Kopf, „Halt Dich zurück! Die Zeit ist noch nicht reif. Ich werde dafür sorgen, daß sie das nicht wieder tut.“ Bevor sie den Anhänger losließ erhaschte sie ganz kurz einen Blick auf einen dunklen Schatten, der irgendwie menschlich aussah. Geschockt sah sie Tarson direkt an: „Wer war das dort?“ Er war bleich geworden und versuchte ihr den Anhänger vorsichtig aus der Hand zu nehmen, „Das ist nicht mein Anhänger.“ „Lüg mich nicht an!“, schrie sie ihm ins Gesicht. „Laß es auf sich beruhen.“, hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf. So aufgewühlt wie sie war, konnte sie nicht unterscheiden, ob es Zaldur oder Tamar war, die dort zu ihr sprachen. Es war ihr auch egal. „Ich will eine Antwort. Sogleich!“, es hallte in ihrer aller Köpfe wider – hart und kalt war ihre Stimme – sie atmete tief ein und verwob die uralten Linien der Magie miteinander – die Luft um sie herum verdichtete sich und wurde zu weißen Nebelfetzen. Tarson schnappte nach Luft – er mußte das irgendwie aufhalten – wenn sie so weitermachte, wäre alles verloren. „Ich weiß, wem der Anhänger gehörte.“, sagte er schließlich tonlos, während er seinen Stab fest in der Hand hielt. Sie war dadurch nur ganz kurz ab­gelenkt, aber das reichte ihm, um den Zauber zu sprechen - er fing sie auf, als sie bewußtlos zusammenbrach. Jetzt hörte er ein fremdes wütendes Brüllen in seinem Kopf und dann die Antwort Zaldurs darauf – angestrengt meinte er: „Kläre Du sie auf Zaldur-en-drah, ich habe im Moment wichtigeres zu tun.“ Endlich herrschte Stille, er legte Shiéllah vorsichtig auf das Bett und lehnte sich aufatmend zurück. Verdammt! Er hätte sich dafür ohrfeigen können, dass er nicht früher bemerkt hatte, was sie plante. Er hob den Anhänger vorsichtig mit einem Stück Stoff vom Boden auf und steckte ihn eingewickelt in einen leeren Lederbeutel, sorgsam darauf bedacht, ihn nicht mit der bloßen Hand zu berühren. Er hatte nicht gewußt, daß dieser Anhänger überhaupt noch existierte. Das änderte einiges und nicht gerade zum Guten. In Gedanken ging er die Möglichkeiten durch, die im jetzt noch blieben und keine davon stimmte ihn fröhlicher. Sollte er ihr die Wahrheit sagen? Dann würde sie nicht nur ihn hassen. Die Auswirkungen, die das hätte mochte er sich nicht vorstellen. Er hatte ansatzweise erlebt, wozu sie jetzt schon mit ihrer Magie fähig war.

    Seien wir realistisch. Versuchen wir das Unmögliche. (Ernesto Guevara)