Der Held, der sich nicht traute- oder: Schwächen und Macken und ihre Geschichten

  • Wenn ich einen neuen Helden ins Leben rufe, halte ich mich immer wieder an dem Nachteil "Angst vor..." auf, nicht weil ich ihn als einfache Punkte-Quelle betrachte, sondern weil ich einerseits Charaktere mit Tiefe und Hintergrund mag und mich andererseits jedes mal freue, wenn ich am Spieltisch ein verblüfftes Lachen ob des Helden unerwarteter tiefer Ängste ernten kann.

    Ich bin bestimmt nicht der einzige, der sich gerne besondere Schwächen für seinen Helden ausdenkt und weil ich mit der SuFu nichts entsprechendes gefunden habe, hoffe ich, dass ihr Lust habt, hier zu erzählen, was euren Helden so das Blut in den Adern gefrieren lässt; woher diese Ängste kommen und zu was für witzigen, absurden oder sonst erzählenswerten Situationen das schon so geführt hat!

    Edit:
    Schattenkatze hat ganz recht: man braucht das Thema nicht auf Ängste beschrenken! Immer her mit den witzigen Geschichten der kleinen und größeren Schwächen eurer Helden und ihren spannenden Ursachen :D

    Bei der Schönheit der Welt

    Edited 2 times, last by necorst: s. Edit ().

  • Ich habe mal einen Medicus gespielt, der hatte Angst vor Schmerz und Leid. Sichtbaren Schmerzen. Sichtbarem Leid. Dem anderer. Schreie waren für ihn kein Problem, Blut und Leichengeruch auch nicht. Aber sichtbares Leid machte ihm zu schaffen.


    Er konnte andere einfach nicht leiden sehen.


    Das bedeutete natürlich auch das er sie nur behandeln konnte, wenn zumindest das Gesicht bedeckt war. Das der Patienten, nicht seines. Er musste ja sehen. Manchmal reichte es den zu Behandelnden ein Tuch über den Kopf zu legen. Bei größeren Eingriffen musste schon jemand ein großes Tuch als Sichtwand halten.


    Es half nicht das er eine große Vorliebe für Amputationen hatte. Er hielt sie für sehr nützlich, betreffend der Rettung seiner Opf... Patienten. Lieber einen Arm opfern und dafür ein Leben retten. Auch das fußte in einer großen Angst die er mit sich trug: Der Angst Patienten an Sepsis und Wundbrand zu verlieren. Verschmutzte Wunden wurden also wann immer möglich sauber amputiert.


    Er bekam schnell einen sonderbaren Ruf und böse Spitznamen, die ihm schwer zu schaffen machten. Doktor Säge zum Beispiel. Dennoch zog er eine lange Spur lebendiger Krüppel durch Aventurien von denen viele ein zwar beeinträchtigtes aber immerhin fortlaufendes Leben genossen.

  • Ich habe einen Söldner, der Angst vor Feuer hat. Die ist so hoch, dass ich nicht mal eine Fackel oder ein Lagerfeuer entzünden kann. Das führt immer wieder zu sehr lustigen Situationen, beispielsweise wenn ich in eine Höhle muss. Mein Charakter geht lieber blind in die Höhle als Feuer zu benutzen.

  • Meine SCs bekommen bei der Generierung meistens ein-zwei verbreitete Ängste oder schlechte Eigenschaften mit auf den Weg. Kleine Statistik: 9 SCs, davon 2 x Höhenangst, 2 x Angst vor tiefen Gewässern, 1 x Raumangst, 1 x Aberglaube, 2 x Vorurteile, 9 x Neugier. Die jeweiligen Werte liegen im Bereich 5-7.


    Im Spiel versucht der SC vorausschauend, Situationen zu vermeiden, in denen er sich seiner Angst stellen muss. Zum Beispiel wird er frühzeitig die Vorteile des idyllischen und abwechslungsreichen Landwegs herausstreichen gegenüber dem langweiligen und faden Seeweg. Wenn es unvermeidlich wird, dann hatten wir schon alle Lösungen, von "der Held reisst sich zusammen", über "nach gutem Zureden überwindet er sich", bis "der SC wird durch Gabe einer passenden Droge angstfrei (oder schläfrig) und wird dann mitgeschleppt". Die Ängste bauen sich üblicherweise im Verlauf des Abenteuerlebens etwas ab. Gelegentlich kommen neue Ängste hinzu, mir fallen gerade ein Mühlenangst, Vorurteile gegenüber Magiern, und Vorurteile gegenüber Elfen.


    SC mit zu vielen oder mit sehr hohen Ängsten / schlechten Eigenschaften können im Rollenspiel ganz schön nerven, wenn sie den Spielfluss zum Stocken bringen oder sich dauernd alles um ihre Macken drehen muss. Mir fällt hier ein Held mit Goldgier 12 ein, der endlos mit Auftraggebern feilscht, an keinem Wertgegenstand vorbeigehen kann, und ständig aus der Beute der Gruppe klaut. (Wir verteilen die Beute am Ende des Abenteuers, wobei es gleichmäßig zugeht und jeder was passendes bekommen soll).

  • Nur nach Ängsten zu fragen finde ich schon etwas eng gesetzt, es gibt so viele schöne Nachteile die auszuspielen Spaß macht, aber oft nicht konkrete Ängste sind.

    Zwar habe ich halt auch einen höhenängstigen Ritter, oder eine Jahrmarktskämpferin, die Angst vor Feuer hat.


    Persönlich habe ich öfter etwas für Jähzorn als Nachteil übrig, oder Weltfremd, oder Vorurteile. Die können zu OT wie IT durchaus amüsanten Reaktionen führen, geben dem Charakter markante Züge, lassen aber nun mal nicht das Blut in den Adern gefrieren.


    Zusätzlich gibt es weitere Züge, die sich in keinen regeltechnischen Nachteilen wiederfinden, aber dennoch prägend sein könne, wie z.B. explizite Ungeduld. Unter Umständen kann man andere SC damit nerven, wenn man ungeduldig ständig und lange auf und abläuft, und so etwas kann bei Spielern in langer (und guter) Erinnerung bleiben.

  • Mein SC hat die Schlechte Eigenschaft Naiv was sich schön ausspielen lässt. Einmal haben wir zB einen Händler gerettet der meinte ihm wurde sein Honig geklaut, der aber der Beste von ganz Dere wäre. "VON GANZ DERE?!" Da war der SC aber dabei und die eigentlich wichtige andere Aufgabe war zweitrangig. Naja ob es dann tatsächlich der beste Honig von ganz Dere war konnte der gute Tobius dann nicht wirklich beurteilen weil er zusätzlich auch noch Eingeschränkter Sinn Geschmack hat^^

    "Nie. Ohne. Seife... Nie. Ohne. Seife... Nie. Ohne. Seife..."
    "WESTEN IST LINKS, MANN!"

  • Eingeschränkter Sinn Geschmack ist vermutlich mit Abstand der belangloseste "Nachteil" von dem ich außerhalb einer Parfümeristenkampagne je gehört habe. Das erinnert mich an SR2.01D, als plötzlich jeder Alf und seine Omma eine Erdbeerallergie hatte.


    Könnte sich ein Thread über belanglose Vor- und Nachteile als produktiv erweisen?

  • Mmmhhh
    Ich hatte tatsächlich schon Abenteuer, in denen der Geschmackssinn von Relevanz war (der Char hat nicht gemerkt, dass ein Mittelchen in sein Getränk gemischt war), aber das passiert natürlich nicht besonders oft.
    Als Meistere versuche ich trotzdem darauf zu achten, dass die Spieler die Nachteile ihrer Helden auch zu spüren bekommen, damit sie nicht nur GP-Quellen sind.
    Andere Folgen eines schlechten Geschmackssinn könnten sein, dass der Char nicht merkt, dass er verdorbenes Essen isst, woraufhin er sich eine Krankheit zuziehen könnte.
    Man kann da schon ein bisschen mit arbeiten!

    Bei der Schönheit der Welt

  • Ja, aber wenn das verdorbene Essen nur vorkommt, weil ein Charakter keinen guten Geschmackssinn hat, ist das auch blöde. Das Ding ist einfach ein schlecht bepreister Nachteil.


    Persönlich nehme ich gern Neugier (das kann durchaus sehr nachteilhaft sein, wenn man jetzt unbedingt rauskriegen muss, was in dem versiegelten Brief steht oder lauschen muss, wo es Konsequenzen hat, erwischt zu werden, taugt aber auch, um sich auf Abenteuer einzulassen, bei denen man eigentlich keinen guten Grund findet) und Arroganz ( Stolz und übersteigertes Selbstwertgefühll liefert immer wieder mal Ergebnisse, die zwar nicht vorteilhaft sind, aber im Sinne des Abenteuers sinnvoll sind : zusätzliche Konflikte einerseits und riskante Handlungen andererseits.)


    Ansonsten mag ich Nachteile mit klaren Regeln : Ungebildet, Unfähigkeiten, schlechte Regeneration, niedrige MR/LE usw. Da muss man weder groß rumdiskutieren, was es bedeutet, noch muss der SL dafür sorgen, dass die Dinger genau wichtig genug sind, indem er sie triggert oder nicht. Auch muss er sie nicht immer im Kopf behalten.

  • Ich finde besonders Schwächen schön, die sich erst im Abenteurerleben zeigen. Mein thorwalischer Seemann hat glaube ich noch nicht eine Schleichen- oder Sich-Verstecken-Probe geschafft. Und das, ohne dass er dafür einen dedizierten Nachteil bekommen hätte. Nur miese Werte. Das hat schon so manchen Hinterhalt/Überraschungsangriff deutlich erschwert.;)

  • Meine Zwergin hat in einem Abenteuer extra sicherheitshalber das Kettenhemd ausgezogen, dass ist ihr nicht leicht gefallen. Sie trennt sich nur am Wasser davon und trotzdem hat sie die Schleichenprobe nicht geschafft. Meister war der Meinung sie ist so viel Krach gewöhnt und ihre Ohren sicher ein wenig taub von der Schmiede, dass sie es nicht schaffen kann. Nach dem ersten Fehlversuch bei dem noch nichts passiert ist, hat sie ihr Kettenhemd wieder angezogen und die Wache übernommen, schmollend.

    Nachteile die eigentlich keine sind wie zum Beispiel niedriger Charismawert ist auch toll zum Ausspielen. Da lasse ich als Spielerin auch gern mal meinem Held etwas Ekeliges machen damit so ein eingebildeter Meisterchar sich schütteln kann, nur so zum Spaß.

  • Andere Folgen eines schlechten Geschmackssinn könnten sein, dass der Char nicht merkt, dass er verdorbenes Essen isst

    Oder in schlechtes Essen beißt, es für gut befindet, die werten Kameraden auch zubeißen und angeekelt das Gesicht verziehen.


    Eher belanglose oder zumindest extrem selten getriggerte Nachteile gibt es einige, wobei es durchaus auf Art des AB, Setting und Kreativität des SL ankommt, ob und wie belanglos etwas ist.


    Nachteils-Wahl ist bei mir ohnehin charaktergebunden, nicht jeder Nachteil (so sehr ich ihn an sich auch zu schätzen weiß) passt für mich zu jedem Charakter, zuweilen hat ein Charakter auch einen Nachteil, den ich bei keinem anderen habe/hatte, weil er mir spontan als passend ins Gesicht sprang und unbedingt zu diesem einen Charakter wollte.

    Eine gute Wahl ist es dann, wenn auch über einen langen Zeitraum hinweg andere Spieler Nachteile explizit mit einem SC verbinden und sie als charakaterisierend bezeichnen und dass etwas ohne diesen Nachteil/Nachteile etwas fehlen würde.

  • Also ich bespiele meinen Al'Anfanischen Kundschafter mit Angst vor Feuer 8. Mittlerweile aufgrund der langen Spieldauer lang und brutal erkämpft auf Angst vor Feuer 5.

    Lagerfeuer? Ich sitz mindestens 10 Schritt davon entfernt. Wenn mir jemand eine Fackel ins Gesicht hält, renn ich schreiend davon. Ich würfel nich' mal drauf, ich renn einfach weg. Praktisch das ich der Naturkundige bin und mittlerweile Gwen-Petryl-Steine besitze um mir die Nacht zu "erhellen" ;)


    Es gab einen Moment, wo mein Charakter gezwungen wurde an einer Lava-Grube entlang zu gehen, als er die brennende Hitze am Körper verspürte und das Lava was empor stieg, war das einer der größte Angstzustände die ich ausspielen musste: Weg rennen, Angst vor allem kriegen, panisch reagieren, Sachen nach Mitspielern werfen, einfach weg wollen.

    Blöd nur das man wegen dem Plot da lang musste und ein Mitspieler musste mich dorthin zerren, mich ständig mit Wasser versorgen und auf mich einreden (da half tatsächlich der Heilkunde: Seele Wurf etwas!)


    Neugierde ist auch toll. Mein besagter Kundschafter fraß einfach einen unbekannten Strauch von Beeren, 5 Stück mit jeweils 4 Schadenspunkte und 2 stündigen Erbrechen, paar Proben erschwert um 3. War schon durchaus lustig!


    Ich überlegte mir einen wahnsinnigen Charakter zu erstellen mit Angst vor "Spiegelnden Flächen", da dort ja Kobolde drin hocken und mir das Gesicht klauen wollen, um Schabernack zu treiben. Da mal ins Horasreich zum Adligen Ball. Sooo viele Kobolde... :P

  • Ich erinnere mich noch heute mit Freude an meinen ungeduldigen DSA3-Thorwaler, der schon mal genervt eine klemmende Truhe (Inhalt zerbrechlich) oder ein Tür (laut fluchend) mit seiner Axt einschlug.

    Nach diese Erfahrung würde ich nie wieder einen "perfekten" Helden spielen.

    Pflicht des Historikers:
    das Wahre vom Falschen, das Gewisse vom Ungewissen, das Zweifelhafte vom Verwerflichen zu unterscheiden.

    (nach Johann W. von Goethe)


    Kinder deuten ohne Furcht in die Sterne, während andere, nach dem Volksglauben, die Engel damit beleidigen.

    (Vorrede der Grimms Märchen 1819)

  • Mein gespielter Achaz musste sehr oft beim Essen auf Selbstbeherrschung Würfeln... da kam es schon manchmal vor, dass er die Soße an einen verrosteten Eimer genüsslich abschleckte, oder sich im Fressrausch über den reich gedeckten Tisch des Jarl's hermachte.. :D (Was die Gruppe in mach verlegende Situation brachte)