
Am nächsten Tag setzten wir unseren Weg fort, bis wir schließlich wieder nach Altzoll kamen. Ein fast schon heimeliges Gefühl stellte sich bei mir ein, als wir das Stadttor passierten.
Rahjadis war fest entschlossen, den Markgrafen zur Rede zu stellen. Sie stieg zur Burg hinauf, um Gernot mit den Entführungen der Kinder zu konfrontieren. Doch sie wurde vor den Toren abgewiesen, trotz ihrer lauten Worte. "Wir wissen, dass Ihr Kinder entführt!", deklamierte sie. "Ihr missbraucht den Orden des Heiligen Golgari, um Mädchen ihren Familien zu entreißen!" Die Burggarde war ratlos und wurde unruhig. Die Leute, die uns passierten, fingen an zu tuscheln. Bis schließlich ein Gesicht zwischen den Zinnen erschien, das uns bekannt war. Zu unserer Enttäuschung war es nicht Gernot von Mersingen. Es war Welfert von Mersingen, der Bruder des Markgrafen. Rahjadis' öffentliche Anprangerung war zu ihm durchgedrungen und er ließ sich herab, mit ihr zu sprechen. Oder vielmehr zu ihr. Er wies sie scharf zurecht und verbot ihr jedes weitere Wort. Das Wohl der gesamten Rabenmark führte er an, aber er bat die Grandessa nicht zu einem Gespräch unter vier Augen. Doch sie erfuhre, dass Gernot und Borondria nicht mehr in der Stadt waren. Es überraschte mich keineswegs, als ich hörte, wohin sie abgereist waren.
Alondro und ich gingen unterdessen zu Igrima Vegensen, um einen Kurier zu beauftragen, der meine Briefe an Gernot und Borondria nach Burg Mersingen überbringen sollte. Er kostete mich ein halbes Vermögen.
Später, unter Zandons Führung, kehrten wir zum Siechenhaus zurück. Es war immer noch genauso überwuchert wie bei unserer Abreise, die Dornenhecke umschloss es wie eine zweite, äußerst wehrhafte Mauer. Sie war noch höher und dichter gewuchert. Doch dieses Mal bahnte Zandons Präsenz für uns auf wundersame Weise einen Weg. Der Dschinn, Dornblatt, erschien erneut - ein Rosendschinn, wie uns Zandon mitteilte. Seine stachelige Gestalt raschelte, obwohl hier innerhalb des Hauses kein Wind ging. Sein Name – Dornblatt – trug die Drohung in sich, die in der Luft lag.
Mit Zandons Hilfe erwies er sich als gesprächiger als bei unseren ersten Besuch. Wir befragten ihn zu Al'Zul und er enthüllte uns, dass eine Armee aus Untoten am Heiligtum lagerte. „Geht nicht dorthin,“ warnte er uns mit einem unheilvollen Lächeln. Doch wir beharrten darauf, das Heiligtum zu besuchen. Dort war Lucardus von Kémet, ohne Frage. „Wenn ihr unbedingt hinwollt,“ sagte er schließlich, „werde ich euch als ein Lüftchen den Weg dorthin weisen, wenn ihr meinen Namen ruft.“ Wir akzeptierten sein Angebot – es war vielleicht die einzige Möglichkeit, das Heiligtum zu erreichen. Wer wusste schon, welche magischen Mittel uns den Zugang versperrten? Es war möglich, dass wir es ohne seine Führung nicht einmal finden würden.
Bevor er verschwand, sprach Dornblatt noch mit großer Freude über die Kreaturen, die bald in die Stadt kommen würden – Kreaturen, die er „Dornenwölfe“ nannte. Seine Worte klangen wie eine Vorfreude auf die Herrschaft des wuchernden Wachstums, das er willkommen hieß. „Sie kommen bald!“, lachte er, und die Kälte seiner Worte kroch uns unter die Haut. Es ließ mich nichts Gutes für die Menschen in der Stadt erahnen.