Die Brabakerin

Die Brabakerin

Eine knappe Stunde wanderten wir im Schatten des Todeswalls, bis wir an der Holzhütte anlangten. Von Nahem besehen, machte sie einen noch merkwürdigeren Eindruck, als von dort oben auf dem Wall. Die Lederplanen an den Seiten waren gewiss ein guter Schutz gegen Wind und Wetter. Jedoch gab es auch statt einer festen Türe einen schweren Ledervorhang. Mich beschlich ein dumpfes Gefühl dunkler Vorahnung und ich schlich mich auf leisen Sohlen in einem Bogen näher an eines der Fenster.

Sehen konnte ich nichts, das verhinderte das Leder. Doch ich hörte Klopfen und Schritte, als ob jemand im Inneren hin und her geht und dabei etwas tut. Ich passte meine Bewegungen an die Schritte an, wagte ich noch ein Stück näher und spähte durch eine Ritze in einem der verhangenen Fenster.

Drinnen sah ich einen Raum, in dem am anderen Ende ein Bett stand. Zentral befand sich ein Tisch, an dem eine Person stand. Aufgestreckt und deutlich vor mir lag ein Leichnam - männlich - auf dem Tisch. Die Person, die davor stand, war eine bucklige Frau mit strähnigen, weiße Haaren. Sie machte sich eindeutig in nekromantischer Absicht an der Leiche zu schaffen und murmelte dabei versunken vor sich hin, dass sie eine "große Aufgabe" für ihre Leiche hätte.

Der Anblick war mir so widerwärtig, dass mir übel wurde. Widerlich.

Ich hatte genug gesehen.


Zurück bei den anderen, entwarfen Donna Rahjadis und ich einen Plan: Wir wollten mit einem Zauber und einem Gebet erwirken, dass die Nekromantin in Schlaf fiel, um sie dann zu fesseln, zu knebeln und zu vernehmen. Eine sehr menschenfreundliche Herangehensweise.

Wieder schlich ich mich an die Hütte, Rahjadis folgte dicht hinter mir. Ich bewegte mich langsam, da ich bemerkte dass Rahjadis darum bemüht war, meine Bewegungen zu imitieren. Und plötzlich gab der Boden unter Rahjadis’ Schritt nach. Ein lautes “Ah!” gellte vor Überraschung aus ihrer Kehle. Sie war bis zum Knie in einer Grube eingesunken und gestikulierte wild - sie deutete auf ihre Nase und nach rechts. Ich hatte nicht darauf geachtet, aber nun fiel mir auch der faulige Geruch auf, der von dort herwehte. Ich kannte diesen Odeur, es war Verwesungsgeruch.


Der Lederlappen wurde jäh zurückgeschlagen. Heraus trat die grässliche Frau, mit einem Stecken in der Hand. Sie deutete mit ihrem Magierstab auf Rahjadis und rief ein paar bosparanische Wörter. Ich erkannte die Formel des verbreiteten Angstzaubers ("Horriphobus"). Die Al’Anfanerin zuckte zurück, der Zauber tat sichtlich Wirkung. Rahjadis hatte mittlerweile das Loch hinter sich gelassen und schlug trotzdem mit ihrem Stab auf die Nekromantin ein… allerdings daneben.

Von rechts regten sich drei Gestalten und wankten auf uns zu. Untote, die den Leichengeruch verströmten.

Ritter Paske drang mit seinem gewellten Schwert gegen die Nekromantin ein. Sie hatte ihm keinen weiteren Zauber entgegenzusetzen, sie knickte ein und grollte keuchend.


Littia, Weso und ich hatten es mit den drei Untoten zu tun. Die beiden Kundschafter erwehrten sich tapfer und mithilfe der abendlichen Sonnenstrahlen, in deren Schein die Untoten erlahmten, mit einer magischen Druckwelle von Donna Rahjadis und nicht zuletzt mit Borons Segen ("Kleiner Bann wider Untote") sandten wir sie endgültig in das Reich der Toten. Einer von ihnen hatte Littia in den Arm gebissen, ein anderer hatte sie in die Seite geschlagen. Donna Rahjadis heilte sie mit einem Zauber. Paske war damit beschäftigt, die Nekromantin zu fesseln.

Derweil trat ich in die Hütte. Auf dem Seziertisch lag ein Mann mittleren Alters. Ein zusätzlicher Arm hatte ihm die garstige Alte angenäht, neben ihm lagen noch ein weiterer Arm und zwei überzählige Beine, Nadel und Faden. Ich bedeckte seine Blöße mit der Bettdecke.

Schritte kündeten Rahjadis an. Das Magiersiegel in der Hand der Nekromantin, teilte sie mir mit, hätte sie als Brabakerin ausgewiesen. Brabak, natürlich. Die Bruststätte von Geisterbeschwörern, Leichenfledderern, Totenerhebern und anderen Unruhestiftern.

Mit einem stillen Seufzen folgte ich Donne Rahjadis wieder nach draußen. Ich sollte sie befragen. Die Leichenfledderin war hier schon seit einiger Zeit zugange. Vielleicht konnte ich ihr ein paar nützliche Informationen entlocken.

Ein netter Plausch mit einer Brabakerin. Großartig.

Comments 2

  • Sehr schön geschrieben. Deine Berichte gefallen mir immer gut, nur "geknebelte zu vernehmen" mag sehr Boron gefällig sein. Aber dient es auch der Praiosgefälligen Wahrheitsfindung? Das zuletzt ließ mich über beide Hauer grinsen.

    • Hihi... Danke sehr! Ein Orkgrinsen ist doch immer noch das beste Grinsen. Und wird die Vernehmung eher im Sinne Praios' oder Borons stattfinden? Wir werden sehen.

      Haha 1