Im Heiligtum

Im Heiligtum

Donna Rahjadis, der Ritter von Rabenmund wie auch Littia und Weso - die zwei Geschwister und Kundschafter - wahrten respektvollen Abstand, als ich durch das breite Portal ins Innere des Heiligtums trat.

Die Ruhe, die ein Borontempel ausstrahlt, da alle ihre Stimmen dämpfen und sich leise bewegen, hatte ich erwartet. Nicht erwartet hatte ich den überwältigenden Anblick - und Duft! - der Boronien. Sie blühten in Töpfen und Kästen, die entlang jeder Wand standen. Sie schmückten die Altäre. Sie wuchsen in Schalen, die an Ketten von der hohen Decke hingen, und griffen mit ihren Wurzeln in die Luft. Diese Gefäße enthalten normalerweise glimmenden Weihrauch, hier diese Orchideen. Ihr schwerer Duft war omnipräsent.


Es gab keine Bänke, keine Sitzmöglichkeiten. Der zentrale Tempelbau war rund und von einer weiten Kuppel überspannt. In der Mitte stand die Statue einer Geweihten. Ich wusste nicht, wen sie darstellte, und leider waren bei meinem Eintreten keine Boronis in Sicht, die ich hätte fragen können.


Die Statue zog meinen Blick und meine Schritte auf sich. Abermals ließ ich mich auf ein Knie nieder, zum Zeichen der Ehrerbietung. Dann umkreiste ich dieses detailverliebte Abbild der unbekannten Schwester in Boron. Sie hatte eine sehr gerade Nase, eine strenge Mundpartie und eine hohe Stirn. Sie trug einen Schleier, der anders aussah als der, den ich als geweihte Jungfrau getragen hatte. Ihre Hände hielt sie mit den Handflächen nach oben auf Brusthöhe gen Alveran und zur gewölbten Kuppel erhoben.


Auf der anderen Seite der Halle bemerkte ich Donna Rahjadis und Ritter Paske, die immer noch auf Distanz blieben, bis ich meine Runde vollendet hatte. Ich setzte einen Fuß vor den anderen und mit einem Mal verschwamm die Tempelhalle vor meinen Augen. Die Statue wurde kleiner und kleiner, sie entfernte sich, während ich immer höher in die Luft stieg. Keine Decke, keine Kuppel behinderte meinen Flug. So erhob ich mich und flog auf den Todeswall zu. In atemberaubender Geschwindigkeit, viel schneller noch als auf einem gallopierenden Pferd, raste die dämonische Mauer auf mich zu und mir stockte der Atem vor Furcht, dass ich an ihm zerschellen würde. Kurz vor dem Aufprall bog mein rasanter Flug nach Norden ab. Ich erkannte ein paar Einzelheiten in dieser Gegend aus der Karte, die Littia gezeichnet hatte: Dort war etwa ein hoher Turm am Ende der zinnenbewehrten Mauer. Nördlich davon sah ich einen Weg, der von unserer, diesseitigen Seite auf die jenseitige Seite der Mauer führte.

Das Bild verschwamm. Ich blinzelte und stand ungefähr an der Stelle, an der ich meinen Kreis um die Statue begonnen hatte. Ich hatte ihn während meiner Vision vollendet.


Ich sah noch nicht ganz klar und fühlte mich orientierungslos. Mit unsicheren Schritten taumelte ich zu meinen Reisegefährten. “Norden… Wir müssen nach Norden”, murmelte ich. Ich war mir sicher, dass dies die Botschaft war, die mir die Vision mitteilete, und dass ich dies an die anderen weitergeben musste. Paskes Verwirrung war ihm deutlich anzumerken, als er nachfragte: “Aber dort ist nichts…?!” Beseelt von meiner frischen Erfahrung der Nähe Borons bekräftigte ich: “Dort liegt unser Weg.”

“Wer bin ich, Euch an diesem Ort anzuzweifeln. Ich vertraue Euch.”, erwiderte der Ritter und verneigte sich. Leise, aber nicht minder überzeugt, brachte ich mein Boronsvertrauen zum Ausdruck. Dann verstummte ich. Das Sprechen wurde mir müßig.

Mir schien, dass dies Rahjadis nicht verborgen blieb. Sie verabschiedet sich in die Pilger-Gaststube. Paske musterte mich besorgt, als könnte ich jeden Moment umfallen. Ich schickte ihn mit Donna Rahjadis fort. Er sollte sich ausruhen und wo wäre ich sicherer als hier, mitten im Heiligtum meines Gottes?


Ich verweilte ein wenig im der Tempelhalle und richtete schließlich das Wort an eine Priesterin, die mir sympathisch war. Sie vermittelte mir einen Einblick in die Stimmung im Kloster: Es war ein Ort, in dem viel Innenschau betrieben wurde - auf die Kirche, auf den Menschen, auf unser Verhältnis zu den Göttern und im Speziellen zu Boron, auf alle denkbaren Gefüge zwischen dem Diesseits und dem Jenseits. Eine Stätte, von der Denkströmungen ausgehen, welche die anderen Tempel und Ordenshäuser staunen lassen und bisweilen herausfordern. Denn diese entrückte Einsiedelei war von vielen störenden Einflüssen von außen geschützt, eingebettet in den göttlich gesandten Nebel wie ein kostbares Ei in einem Nest. Hier konnten die Mystiker meiner Kirche in aller Abgeschiedenheit wahrlich den Geist Borons ergründen.

Hier könnte ich meinen Lebensabend verbringen.

Meine Gesprächspartnerin vertraute mir als Dienerin Bishdariels ihre Träume der vergangenen drei Tage an. Drei Nächte in Folge hatte sie von einem weißen, blinden Raben geträumt. Vielleicht hatte sie mir auch davon erzählt, weil ich nicht nur eine Traumdeuterin meines Ordens bin, sondern auch Albino.

Wir sprachen über die Symbolik ihres Traumgesichts. Es war das heilige Tier Borons und auch ich hatte von einem weißen Raben geträumt. Aber die Details waren ungewöhnlich: Das weiße statt rabenschwarze Gefieder; dass der Vogel mit Blindheit geschlagen ist, der doch für Weitblick und Einsichten in verborgene Welten steht. Ist es vielleicht ein wenig bekannter Diener Borons, der mich führt?