Von Perricum nach Devensberg - Teil 2

Nach Gallys und Devensberg

Der Kutscher Alrik kündete uns an, dass dieser siebente Tag unserer Kutschreise unser vorletzter Reisetag sei. Übermorgen würden wir demzufolge unser Ziel Devensberg erreichen. Wir nächtigten in Gallys, ohne viel von der Stadt zu sehen, und kehrten danach in der Kleinstadt Poppenricht für die Nacht in einer Herberge ein.

In meinem Buch der Träume schilderte ich in einem gewissenhaften Bericht die Vision, welche mich in dieser Nacht ereilte.


Mit dem erträumten Schrei erwachte ich und versenkte meinen Geist im Gebet. Die Zeichen im Traum erschienen mir von zwei- oder gar vieldeutiger Gestalt. In stummer Zwiesprache brachte ich meine Unsicherheit vor meinen Herrn Boron, doch eines war ich mir gewiss: meine Reise nach Devensberg und zu Rudger von Mersingen würde schicksalshaft werden.

Donna Rahjadis bemerkte, dass ich in mich gekehrt war, aber insbesondere in dieser Stimmung war ich außerstande, mich ihr mitzuteilen. Stattdessen traute ich ihr nach einem frugalen Morgenmahl meinen niedergeschriebenen Traumbericht an, den sie in der Kutsche las. Sie wusste den Traum jedoch auch nicht zu deuten und bestärkte mich in meiner Interpretation.

Wir fuhren zwischen zwei Hochgebirgen dahin. Das Land stieg nach Norden und Süden hin an, im Norden waren die Felsen dunkel und gezackt - aus schwarzem Schiefer -, während das Gebirge im Süden aus weißem Kalkfels bestand. In einer Pause erzählte uns Kutscher Alrik auf unsere Fragen hin, dass Devensberg weder klein noch groß ist. Es gäbe aber viele Menschen, die aus den Gebieten im Osten flohen und in wodurch sich in Devensberg ein ganzes, neues Stadtviertel aus Hütten und Zelttuch gebildet hatte.


Es war später Nachmittag, als wir hielten. Alrik lenkte die Pferde an den Straßenrand. Für gewöhnlich passen auf dieser Straße zwei Karren aneinander vorbei. Warum machten wir dann Halt? Donna Rahjadis und ich stiegen aus und sahen sogleich den Grund für die Unterbrechung unserer Fahrt: Ein Zug aus Menschen kam uns auf der gesamten Breite der Straße entgegen, mitsamt vier abgedeckten Karren. Ein knappes Dutzend Personen ging links und rechts der Karren, alle in Schwarz gekleidet. Eine langsame Prozession, ich sah hängende Schultern und trübe Blicke. Sie waren in Trauer.

Donna Rahjadis erspähte, was meinem Blick verborgen blieb: Auf den Karren lagen Tote, säuberlich aufgebahrt, jeweils zwischen drei und fünf Leichnamen pro Karren.

Der Zug näherte sich. Ein Bürgersmann war wohl der Sprecher der Gruppe. Er stellte sich meinen Fragen nach dem Woher und Wohin. Die Leichen waren dazu bestimmt, verbrannt zu werden. Es gäbe nicht genügend geweihte Boronanger hier in diesem Landstrich, um die Toten zur Ruhe zu betten - denn der Boden nahm sie nicht gnädig auf. Sie würden nicht begraben bleiben. Stattdessen wurden diese Totenzüge organisiert, um die Toten gen Westen zu fahren und sie dort dem Boden zu übergeben.

Er erzählte mir auch, dass die Herrschaft der Golgariten die Bedürfnisse des einfachen Volkes außer Acht ließe. Die Rückeroberung und Bekämpfung der Untoten werden ohne Rücksicht vorangetrieben, sagte er, sie nahmen und hielten das Land mit harter Hand. Selbstverständlich war es besser, unter der Herrschaft der Ordenskrieger zu leben als unter der Knute der Dämonenbeschwörer und Totenschänder. Aber leicht war es nicht.


In nachdenklicher Stimmung fuhren wir weiter. Durch das Kutschfenster fiel mein Blick auf Rabenstatuen und Boronräder, die wie Vogelscheuchen und Grenzsteine eines eifrigen Grenzers aufgestellt waren. Sichtbare Zeichen der neuen Herrschaft... Ich hatte Mitleid mit den Leuten, die immer noch Furcht im Herzen trugen und diese Furcht nun unter den neuen Herren, den Golgariten, weiter genährt wurde. Hatte sich für so manche Dorfgemeinschaft etwa nichts geändert, seit der untote Kaiserdrache besiegt wurde?


Schließlich erreichten wir die Trollpforte, diesen geschichtsträchtigen Engpass, der das zentrale Aventurien mit dem östlichen Teil des Kontinents verbindet. Uns wurde ein erster Blick auf Devensberg gegönnt, während die Praiosscheibe sich im Westen zum Horizont neigte, und auf die bedrohliche, schwarze Mauer im Osten. Ein eisiger Wind kam aus dem Osten auf, schüttelte die Kutsche und peitschte unser Gefährt mit Nieselregen. Armer Alrik, der draußen auf dem Kutschblock ausharren musste. Nur noch ein dunkles, hohes Gebäude, das im Dunst hinter Devensberg zu erahnen war, erregte meine Aufmerksamkeit: Dies war das Heiligtum Sancta Boronia, das fortwährend hinter Nebelschleiern dem Blick verborgen lag.

Im Regen fuhren wir in Devensberg ein. Viele der Gebäude waren mit einem Rabensymbol verziert. Das gefiel mir. Alrik steuert auf ein gepflegtes, zweistöckiges Fachwerkhaus mit schwarzem Holz zu und verabschiedete sich von uns. Dies war das Gasthaus “Ochs und Rabe”, das er uns empfahl. Hier würden wir für die Dauer der Behandlung von Rudger von Mersingen unser Heim haben.