Capitulum I Almada, 2. Aufzuge: Ein Tag der Göttin

Ein Tag der Göttin


Morgendlicher Dunst umwaberte den Yaquir, dessen Ufer vom Schein der aufgehenden Sonne in ätherisches Zwielicht getaucht waren. Peleus stand knietief im kalten Wasser, nur mit einem Lendenschurz bedeckt. Nachdem er sich gewaschen hatte, kleidete er sich an und nahm den Pailos fest in beide Hände. Sein Blick erhob sich gen Alveran, als er zu sprechen begann. »Herrin Rondra, Wächterin auf Alverans Zinnen! Dieser Tag soll nur der deine sein. Was ich Gutes tue, verrichte ich in deinem Namen. Verfehlungen hingegen ahnde ich in deinem Namen. Mit meinen Taten will ich dir zur Ehre gereichen, deinen Namen will ich preisen und deine Gebote getreu befolgen. Diesen deinen Tag, Unbesiegte, will ich in deinem Namen meistern – zu deiner Ehre allein!« Peleus spürte, wie sich sein Geist von allen schweren Gedanken befreite, wie sich seine Sinne schärften und wie ein wohliger Schauer durch seinen Leib fuhr. Mit großen, kraftvollen Schritten nahm er die Böschung.

Einige Zeit später erspähte er einen Weidezaun, an dem sich zwei mit Mistgabeln bewaffnete Almadaner gegenüberstanden, die sich gegenseitig Drohgebärden zuwarfen. Peleus blickte himmelwärts und lachte auf. »Zwei streitende Bauern …? Nun Herrin, ich habe es versprochen, es ist dein Tag!«

Die Bauern zankten wild. Es waren rechte Heißsporne, das almadanische Blut in ihren Adern glühte. Sie waren mit ihren Flüchen derart ineinander verkeilt, dass sie Peleus nicht einmal bemerkten, als er bereits auf wenige Schritte heran war. Er verstand nur Bruchstücke des schnell gesprochenen, almadanischen Dialekts. »Mein … Grenzverwirrung … ehrloser Hund … schon dein Großvater …allesamt gierige Strauchdiebe!« Peleus’ Augen blitzten für den Bruchteil eine Sekunde auf, als er sah, wie einer der Bauern unvermittelt zum Schlag ausholte. Der andere riss vor Schreck die Augen auf. Überrascht über den plötzlichen Angriff sah er dem Tod ins Auge, als die Mistgabel auf seinen Kopf herabfuhr. Doch urplötzlich stieb grobes Eisen über zyklopäischen Stahl. Die Mistgabel glitt an Peleus’ Pailos ab, der seine Waffe gedankenschnell zwischen die beiden Streithähne getrieben hatte, sodass die Forke krachend auf dem Weidezaun aufschlug. Mit entsetzter Miene blickten die Kontrahenten zu Peleus auf.

»Das sind Mistgabeln, ihr Herren.« Peleus strafte die Bauern mit ernstem Blick. »Die göttergewollte Ordnung fügt es, dass damit Peraines Gaben bestellt und nicht Mord und Totschlag verübt werden.« Peleus lupfte eine Augenbraue und rechnete mit einer Erwiderung. Doch die eingeschüchterten Bauern senkten den Blick betreten zu Boden und schwiegen.

»Heute Mittag. Zur Rondrastunde werde ich dort sein.« Er deutete mit dem linken Arm auf ein malerisches Dorf, das sich an einen nahegelegenen Weinberg schmiegte, »Wenn ihr euren Zwist endgültig entscheiden wollt, dann werde ich in Rondras Namen über euer Duell wachen. Mit Schwertern oder Säbeln. Nicht mit Mistgabeln!« Peleus schürzte die Lippen.

»Falls ihr nicht erscheint, werde ich mir einen Krug Yaquirtaler gönnen und mir die Sonne auf den Bauch brennen lassen. Euch jedoch rate ich, achtet die Gebote der Götter! Der Zorn der Unsterblichen ist gewaltiger, als der Ärger über irgendeine ...«, Peleus durchforste seinen Geist fieberhaft nach dem Wort, das er eben aus dem Streit herausgehört hatte, »… Grenzverwirrung!« Peleus reckte das Kinn vor und verlieh seinen Worten mit einem markanten Nicken Nachdruck. Die beiden Bauern ließen die Schultern hängen und blickten sich zaghaft einander an.

Als Peleus den Weg hinauf zum Dorf wiederaufgenommen hatte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Er wusste, dass ein lauschiger Mittag mit einem vollmundigen Krug Wein und ein paar saftigen, gebratenen Lammspießen vor ihm lag.