Die Alte Zwingfeste

„Warst du schon mal in Thorwal?“, fragte Partach den Barbaren. „Das wohl“, antwortete Ifrunndoch ruhig wie die Strömung der Gjalska, die gerade an den beiden am Ufer Sitzenden vorbeifloss.

„Ich muss sagen“, erwiderte der Yalding, „die Alte Zwingfeste finde ich beeindruckend. Ich wünschte mir ein solches Bauwerk auch für Niellyn.“

„Bist du auch bereit, den Preis dafür zu zahlen?“

„Das wohl.“

„Dann geh‘ zu den Zwergen und hole die besten Mechaniker, aufdass sie Gefängnisschlösser anfertigen mögen. Und begib‘ dich in die Länder des Südens, um Sklaventreiber anzuheuern.“

„Ich verstehe nicht…“, stammelte Partach.

„Höre, Partach“, setzte der Barbar an. „Du willst den Ruhm der Thorwaler. Doch dabei vergisst du, dass dieser Ruhm auch einen Preis hat. So sind unsere einstigen Brüder und Schwestern über Monde hinweg von den Menschen des Südens beherrscht worden, während wir hier an den Ufern der Gjalska in Freiheit haben leben dürfen. Inzwischen haben sie diese Fremdherrschaft abgeschüttelt und die Alte Zwingfeste sehen sie als Symbol ihrer Freiheit an. Und dennoch blutet die Wunde ihrer Gemeinschaft, wenn sie an diese schmerzhafte Zeit denken. So sage mir, Yalding: Wolltest du auch jedes Mal beim Anblick von Niellyns Zwingfeste an eine solche Zeit der Unterdrückung zurückdenken müssen?“

„Naja…so gesehen…lieber nicht.“

„Höre und lerne, Partach. Vieles auf Dere mag glanzvoll sein – aber nur von außen betrachtet. Majestätisch wirkt das Meer im Norden – und dennoch beherbergt es Zwanfir, unseren größten Widersacher. Eine Jägerin möge damit angeben, dass sie das größte Mammut oder Wollnashorn unseres Zeitalters allein erlegt habe – jedoch wird sie bestimmt nicht damit angeben, dass sie dafür Monate lang in Einsamkeit umhergestreift und jegliche Gemeinschaft vermisst hat. Ein Stammeskrieger möge sich ob seiner Kampfeskraft und Tapferkeit rühmen – allerdings wird er es wohl tunlichst vermeiden, seine jammerhaften Schreie und seine wie Feuer brennenden und nicht enden wollenden Schmerzen, die er durch mehrere Gemetzel erlitten hat, in Liedern bis ins Letzte auszuschmücken. Und ein Yalding, der im sicheren Haerad sitzt, wird sich bei seinen Erzählungen am Feuer wohl eher auf die Jahre konzentrieren, in denen die Tätowierungen, die von seinen Heldentaten berichten, entstanden sind, als er noch kein Yalding war, anstatt von den langweiligen und satten Jahren danach, die das Leben eines Yaldings mit sich bringt.“

„Und was ist jetzt die Lehre aus alldem?“

„Baue nicht eine äußere Alte Zwingfeste, sondern eine innere. Blicke nicht auf die Trugbilder der anderen, deren Hintergründe du nicht kennst, denn jedem Ruhm gehen Schmerzen voraus. Die Summe meiner Lehre lautet: Höre auf, dich mit anderen zu vergleichen. Stattdessen ziehe Kraft aus deinen eigenen Schmerzen und lerne daraus. Dann werden sie dir zu echtem Ruhm und tiefer Zufriedenheit werden. Eine solche innere Zwingfeste, die baue wohl.

… Und noch etwas: Halte heute einen Moment inne und genieße die Wintersonnenwende.“