Die Gestade des Gottwals - aus Sicht eines Gjalsker Barbaren

Jetzt ist es also offiziell: Im Frühjahr nächsten Jahres kommt die Regionalspielhilfe „Die Gestade des Gottwals“ heraus. Wie viele andere freue auch ich mich sehr darüber, insbesondere, weil der Heldentyp des Gjalskerländers nach dann fast 5 Jahren DSA5 nun auch endlich für die aktuellste Regelversion offizielle Werte bekommt. Darüber hinaus freue mich dieses Mal sehr über die zugehörige Produktflöte, wobei ich vor allem die Gjalsker Legenden-CD hervorheben möchte. Allein die Idee ist schon grandios, ich bin wahnsinnig gespannt darauf. Alles in allem verspricht das eine ausgezeichnete Investition zu werden.


Und dennoch schlagen dabei zwei Herzen in meiner Brust. Warum das so ist, dazu muss ich kurz ausholen. Wenn man sich die Entwicklung von DSA ansieht, kann man sie meiner Meinung nach mit der eines Universums vergleichen: Beide expandieren kontinuierlich in alle Richtungen und im Laufe der Jahre nimmt die Ausdehnungsgeschwindigkeit zu. So wurden bei DSA erstens die Regeln erweitert, sowohl in die Breite als auch in die Tiefe. Zweitens wurde die Welt erweitert – nach Westen (Myranor), Süden (Uthuria), Osten (Riesland) sowie nach Innen (Tharun). Drittens wurden die Weltbeschreibungen erweitert – mit jeder neuen Edition gab bzw. gibt es mehr Regionalspielhilfen. Viertens sind einzelne Komponenten wie Karten oder Waffen outgesourct worden, um sie in einer separaten Produktpalette zu vermarkten. Fünftens ist Aventurien für andere Systeme geöffnet worden (DSK, Ctulhu). Insgesamt betrachtet stelle ich fest, dass ich das Gefühl habe, dass es immer mehr wird und sich Aventurien immer weiter und schneller von dem entfernt, was es einmal war. Und dann habe ich manchmal das Gefühl, wie in einem Hamsterrad zu sein, und um mich auf dem aktuellen Stand zu halten, muss ich immer schneller rennen, in der Hoffnung, dass sich das Rad einmal langsamer dreht. Aber es dreht sich nicht langsamer.


Was mir ganz wichtig ist: Ich mache deswegen niemandem einen Vorwurf. Ich versuche lediglich zu beschreiben, was ich fühle. Ich schätze die Arbeit von Ulisses sehr und finde es genial, dass sie das System DSA pflegen und dadurch am Leben erhalten. Ich wage zu behaupten, dass DSA ohne Ulisses bereits tot wäre. Dass es das nicht ist, dafür kann man Ulisses nur großen Respekt und Dank ausdrücken. Ferner glaube ich, dass wir bzw. ich (es muss ja nicht jeder so sehen) es hier mit einer klassischen Dilemma-Situation zu tun haben. Einerseits würde ich mir wünschen, die Expansion des DSA-Universums ginge langsamer voran. Andererseits kann Ulisses das System nur pflegen, wenn es regelmäßig Produkte auf den Markt bringt, weil es selbst überleben muss. Ich denke, das Schicksal von Uhrwerk und speziell von Uli Lindner hat viele bewegt; deshalb darf man nicht vergessen, dass es trotz aller Ideen auch und vor allem um Menschen geht, auch wenn diese vielleicht nur im Hintergrund agieren.


Ich habe versucht für mich dieses Dilemma zu umgehen, indem ich mich aventurientechnisch im Gjalskerland „eingenistet“ habe. 16 Seiten aus „Unter dem Westwind“, dazu der Roman „Der Pfad des Wolfes“ von Alex Spohr (den ich übrigens sehr empfehlen kann) sowie hier und da noch ein paar Zeilen dazu (z.B. in „Wege der Götter“), dazu keine größeren Verwicklungen in den Metaplot, machen die Region zu einem Ort der Entschleunigung inmitten eines wie oben beschrieben beschleunigten Aventuriens. Das Gjalskerland ist für mich der Ort, wo man ohne großes Hintergrundwissen und ohne große Vorbereitung save Abenteuer gestalten kann, ohne Gefahr zu laufen, gegen den offiziellen Metaplot zu verstoßen. In einer bis ins fast letzte Detail ausgestalteten Welt einen Ort mit einem Maximum an gestalterischer Freiheit zu haben – das war und ist für mich bislang der größte Mehrwert des Gjalskerlandes. Ob dieser Mehrwert nach der Publikation von „Die Gestade des Gottwals“ noch da ist – das kann ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehen. Gleichwohl muss ich damit rechnen, dass er es dann ab Frühjahr 2020 nicht mehr sein wird. Der Hinweis auf einen offiziellen Plan von Niellyn lässt dies zumindest anklingen.


Nun gibt es also kein Ausweichen mehr: Ich muss mich dem oben beschriebenen Dilemma stellen. Wahrscheinlich werde ich meine persönlichen Vorstellungen von Niellyn aufgeben müssen. Das ist einerseits schade. Aber wenn es DSA hilft, zu überleben, dann soll es so sein. Sollte z.B. das „neue“ Niellyn gar nicht zu meinen Vorstellungen passen, kann sich Ifrunndoch immer noch in die Nebelzinnen aufmachen, um als „Trommvinurar“ im fjarningischen Exil weiterzuleben. Aber vielleicht ist das neue Niellyn auch einfach nur genial. Warum auch nicht? Ich will positiv in die Zukunft blicken! Und falls Ifrunndoch wider Erwarten „sein“ Niellyn dann tatsächlich nicht mehr wieder erkennt: Er wird es verkraften. Ich werde es verkraften. Das bin ich DSA und vor allem den Menschen dahinter schuldig. Das wohl!