Die Tochter des Fremdiji (Teil 7)

Ich übernehme die Führung, da Morasch zu beschäftigt damit ist, alle Beleidigungen seiner Sprache herunterzubeten und Winlanjors Beklemmung in den engen Gängen voranzugehen offensichtlich ist. Nach einiger Zeit gabelt sich unser unterirdischer Weg. Spuren kann ich auf dem nackten Felsen keine entdecken, also folge ich meinem Instinkt und biege rechts ab.

Der Gang mündet schließlich in einem annähernd quadratischen Raum, der von einer drei Schritt hohen Steinskulptur dominiert wird. Der Kopf ist der eines Stieres mit mächtigen, geschwungenen Hörnern. Die Kieferpartie wirkt jedoch eher wie die eines Keilers und weist auch ebensolche Hauer auf. Der Körper ist menschenähnlich, gedrungen und muskulös.

»Ein Orkgötze?«, frage ich.

Morasch nickt. »Begabte Bildhauer sind die Schwarzpelze wahrlich nicht. Ein Steinmetz meines Volkes würde sich dafür schämen. Aber was will man erwarten. Sie hauen ihre Gänge ja auch zu dicht an fließendes Wasser.«

Ein Stiefeltritt des Zwergs befördert einen kleinen Stein gegen die Wand hinter der Statue. Dort klafft ein Loch im Felsen, kaum breit genug, um hindurchzuschlüpfen. Gesteinsbrocken liegen davor. Seitlich davon entdecke ich verblasste Malereien. Die rote Farbe ist kaum noch zu erkennen. Kreise und Stierköpfe. Orks scheinen die Schönheit der Welt nicht in der Vielfalt zu suchen.

Morasch deutet auf die Felsbrocken und dann auf den Spalt in der Wand. »Der Durchbruch ist von der anderen Seite erfolgt.«

»Wie vorausschauend von diesen Bruderschwestern! Preiset die Schönheit meine Freunde, wir kommen unserem Ziel näher.«

Winlanjor betrachtet die enge Breche mit Skepsis. Sein Blick wandert den umgebenden Felsen entlang, dann verharrt er. »Ein Handabdruck. Blutig.« Deutlich zeichnen sich die Finger ab. Im Gegensatz zu den Malereien ist der Farbton dunkler und zeigt keine Spuren der Verwitterung. Winlanjor berührt ihn. »Kann noch nicht alt sein. Ein paar Tage höchstens.«

»Das, was dahinter ist, ist in der Karte nicht verzeichnet«, sagt Morasch. »Sollen wir erst den Rest der Höhle erkunden?«

Ich leuchte mit der Laterne in den Spalt. Ein Gang führt tiefer. Deutlich sind die Spuren von Werkzeug erkennbar. Stützbalken kleiden Wände und Decke aus. »Sieht anders aus als bisher.«

Der Halbelf schaut ebenfalls ins Innere. »Verflucht ist das eng. Die Balken sind auch ganz krumm. Der da hat sogar einen Riss!«

»Kein Zwergenwerk! Wir Angroschos ...«

Ich lege Morasch eine Hand auf die Schulter. »Lasst mich mal nachschauen. Ihr wartet hier und ich hole euch, wenn ich etwas finde.« Mittlerweile bin ich bestens im Bilde, dass das Zwergenvolk seinesgleichen in der Bearbeitung von Erz, Stein und Metall – und natürlich der Braukunst sucht. Wiederholung ist die Mutter des Lernens, doch irgendwann ist man ihrer überdrüssig. Die Aussicht, durch einen dunklen Tunnel zu kriechen, wirkt dann wie die Verlockung eines heißen Bades im Beisein einer hübschen Begleitung.

Immer wieder zweigen schmale Seitenschächte von dem Stollen ab, die jedoch an massiven Felswänden enden. Der Hauptstollen hingegen mündet in einer riesigen Kaverne, die von Tageslicht erhellt wird. Ich blende die Laterne ab, halte mich im Schatten und spähe vorsichtig hinter einem Stützbalken hervor.

Zu meinen Füßen fällt der Grund fast einen halben Schritt ab. Licht dringt durch Spalten in der Decke und einen Höhleneingang auf der mir gegenüberliegenden Seite. Der Durchbruch böte genug Platz, um ein Ochsenfuhrwerk passieren zu lassen. Er liegt oberhalb der eigentlichen Höhle auf einem Sims, dass sich zwei Manneslängen über dem Grund erhebt. In den Fels geschlagene Stufen bilden eine flache Treppe, die am Rand der Kaverne entlang hinaufführt.

Vor der Treppe und dem Sims stehen fünf einfache Holzhütten mit flachen Dächern. Ein breitschultriger Kerl in abgewetzter Leinenkleidung bewacht eine von ihnen. Sichtlich gelangweilt lässt er eine eisenbeschlagene Keule vor der Brust kreisen. Er ist weder aufmerksam noch stellt er sich sonderlich geschickt mit der Hiebwaffe an. Gepriesen sei die Unfähigkeit meiner Gegner!

Vier ähnlich abgerissene Gestalten hocken vor einer anderen Hütte auf dem Boden und würfeln. Zwei weitere sind in ein Gespräch vertieft. Ich frohlocke bereits innerlich, dass wir – mit dem Überraschungsmoment auf unserer Seite – keine großen Probleme mit ihnen haben werden, da öffnet sich die Tür einer der Hütten. Eine Frau in Lederrüstung, ein Geckenbart in grünem Gambeson und Jägersmütze, sowie ein Ork mit blauschwarzem Fell treten heraus. Alle drei tragen lange Klingen an ihrer Seite.

Zwar sagt man mir nach, meine Kampfeskunst bisweilen zu überschätzen, doch hier sehe ich klar. Unsere Feinde sind uns drei zu eins überlegen und zumindest drei von ihnen scheinen vom Kriegshandwerk etwas zu verstehen. Ohne einen klugen Plan werden wir bei der Befreiung Eldoras scheitern und unserer baldigen Wiedergeburt entgegentreten.

Ich schätze die Abmessungen der Kaverne ab. Die eigentliche Höhle ist gut zwanzig Schritt breit und vierzig lang. Von meiner Position aus befindet sich das Gefängnis der Edlen in der entgegengesetzten Ecke, was einer Laufstrecke von gut und gerne fünfzig Schritt entspricht. Ein schmaler Bach, dessen Wasser kaum knöchelhoch fließt, teilt die Kaverne etwa in der Mitte. Ein Hindernis stellt er nicht dar, aber der Weg ist schlicht zu weit. Selbst wenn wir wie König Dajin persönlich kämpften, wir könnten nicht verhindern, dass diese Strauchdiebe Eldora aus der Hütte zerren und uns mit einer Klinge am Hals der Edlen zur Aufgabe zwingen.

Über eine umsichtige Strategie nachsinnend mache ich mich auf den Rückweg zu den Gefährten.


Nachdem ich Bericht erstattet habe und wir dank Moraschs Beharrlichkeit Winlanjor davon überzeugen konnten, uns durch die engen Stollen zu folgen, erreichten wir gemeinsam den Eingang der Kaverne.

Während der Halbelf und ich ein Stück hineinkriechen, macht Morasch seine Eisenwalder schussbereit. Die Kämpferin in der Lederrüstung hat sich mittlerweile zu den Würfelspielern gesellt. Mit in die Hüften gestemmten Armen sagt sie etwas, das wir nicht hören können, woraufhin verhaltenes Gelächter unter den Spielern aufkommt.

Der Grüngewandete und der Ork wechseln Worte mit dem Wächter vor Eldoras vermutetem Gefängnis, wenden sich dann ab und verschwinden in einer der anderen Hütten.

»Zehn sind ganz schön viele«, flüstert Winlanjor. Die ebenmäßigen Züge des Halbelfen wirken angespannt, aber entschlossen. »Keine Schützen. Wir nehmen sie unter Beschuss und erwarten die, die noch ankommen, hier auf erhöhter Position.«

»Oder im Stollen.« Morasch lugt um die Ecke. »Dort nützt ihnen die Überzahl nichts.«

»Sie werden Eldoras Leben als Pfand verwenden«, gebe ich zu bedenken.

Einen Moment herrscht Schweigen, dass kurz darauf von Winlanjors Wispern unterbrochen wird. »Nicht bewegen!«

Der Grüne und sein Orkfreund treten aus der Hütte und für einen Moment schaut der Mensch in unsere Richtung. Die Anspannung, die auf mir und meinen Gefährten lastet, ist greifbar. Doch kein Alarmruf erklingt. Stattdessen schreiten die beiden gemessenen Schrittes die Hütten in Richtung des Treppenaufgangs entlang. Sie tragen breite Rucksäcke. Möglicherweise ziehen sie aus, um Vorräte zu besorgen, geht es mir durch den Kopf, während sie die Stufen hinaufsteigen. Mein Blick folgt ihnen. Sie erreichen das Plateau, an das sich die Hüttenwände schmiegen. Direkt zu ihren Füßen schickt der Wächter seinen Finger auf Erkundung in die Nasenhöhle und fördert einen Fund zu Tage. Mit einem dreckigen Grinsen schnippst er ihn in Richtung der Anführer. Schade, dass der Ork ihn wegen des Winkels nicht sehen kann. Es würde unsere Probleme lösen, wenn er herunterspränge und dem Nasenschürfer eine Abreibung verpassen würde.

Ich lege den Kopf schief, was ich zu tun pflege, wenn mir ein spontaner Gedanke kommt. »Wir gehen folgendermaßen vor«, flüstere ich den Gefährten zu. »Ich schleiche zur Treppe und klettere auf das Dach der Hütte. Dann lasst ihr eure Pfeile fliegen. Während ihr euch um die anderen kümmert, hole ich mir den Wachmann.«

Ich reibe den Umhang mit dem Staub des Höhlenbodens ein und ziehe die Kapuze über den Kopf, damit mein weißes Haar den Garethjas nicht ins Auge sticht.

Vorsichtig lasse ich mich in die Kaverne hinab, und schleiche geduckt die Wand entlang. Hinter einem Felsen auf halbem Wege zur Treppe gehe ich in Deckung. Morasch und Winlanjor kauern ihre Fernwaffen in Händen haltend auf dem Boden. Der Schild des Zwerges lehnt hinter ihm an der Wand, sodass er ihn schnell ergreifen kann.

Die Entführer sind arglos. Ein Lederschlauch kreist zwischen ihnen und die Augen des Wächters ruhen auf dem Gesöff. So gelingt es mir, ohne aufzufallen, die Treppe zu erreichen und auf das Plateau zu gelangen. Ich schleiche an das Dach der Gefängnishütte heran, lasse mich herab und lege mich flach auf den Boden. Die Gespräche der Garethjas zu meinen Füßen drehen sich um irgendwelche vergangenen Liebschaften. Die plumpen Beschreibungen lassen eher an das Paarungsverhalten von Hunden denken.

Ich schaue zu den Gefährten. Morasch und Winlanjor erheben sich, Bogen und Eisenwalder sind auf die Räuber gerichtet. Sirrend verlassen die Geschosse die Waffen. Mit einem Schrei geht einer der Schurken zu Boden, ein anderer hält sich den Arm – wohl nur ein Streifschuss.

»Tötet sie!«, brüllt die Garethja in der Lederrüstung und zeigt auf meine Freunde.

Ich bin überrascht, dass diese zerlumpten Schläger dem Befehl so rasch folge leisten. Brüllend und die Keulen schwenkend rennen die fünf, die dazu noch in der Lage sind, meinen Gefährten entgegen. Ihre Anführerin hingegen zieht ein Langschwert und geht auf die Hütte zu, in der ich Eldora vermute. Der dort postierte Wächter hat seine Lethargie abgeschüttelt und wirkt, als könne er es kaum erwarten, sich mit uns zu messen. Offensichtlich überschätzt er sich da. Maraskanische Schwertkunst ist dem Gehaue der Garethjas überlegen und ich danke der stürmischen Schwester, dass ich ihm dies bald beweisen kann. Allerdings muss er warten, denn diesmal werde ich Meister Norjins Rat beherzigen und zunächst die Anführerin ausschalten.

Lautlos gleitet mein Nachtwind aus der Scheide. In einer fließenden Bewegung richte ich mich auf, mache einen Schritt auf den Rand des Daches zu und springe ihr entgegen. Im Flug greife ich das Schwert mit beiden Händen. Ihr entgeht mein Angriff nicht, doch ihre Bewegungen sind steif. Langsam. Meine Klinge trifft knapp unterhalb des Halsansatzes, wo die Lederrüstung keinen Schutz bietet. Die Wucht des Sprungs treibt die Waffe durch Muskeln und Knochen tief in den Körper. Sie sackt blutspuckend auf die Knie, während ich den Aufprall mit angewinkelten Knien abfedere.

»Bastard!«, schreit mir der Wächter entgegen und führt seine Keule mit einem wuchtigen, waagrechten Hieb nach meinem Kopf. Mit einem Ruck befreie ich den Nachtwind und nutze die Bewegung, um die heransausende Keule über mich hinweg zu lenken, während ich einen tiefen Schritt zur Seite mache. Lächelnd bringe ich etwas Distanz zwischen uns, was seine Wut anstachelt. Er schlägt zwei unbeherrschte Hiebe, denen ich mit einem Satz nach hinten entgehe. Der nächste Angriff ist ebenso berechenbar. Mein Konter für den Garethja jedoch nicht. Rückwärtsschritt, Schlag nach der waffenführenden Hand, Schlag auf die Waffe. Ein paar Finger und die Keule fliegen durch die Luft. Mein nächster Hieb beendet sein Leben. Dumpf schlägt die Keule auf den Boden, dann folgt sein Leib.

Ich schaue zu meinen Gefährten am gegenüberliegenden Ende der Kaverne. Gerade durchbohrt Winlanjors Säbel einen der Entführer. Moraschs Gegner rennt in Richtung der Treppe, auf der ein weiterer Halunke nach oben hinkt. Ein Bolzen ragt aus seinem Oberschenkel. Die Übrigen sind bereits vor Bruder Boron getreten.

Ich gehe zu der Anführerin. Sie zittert krampfartig. Der Boden ist voll ihres Blutes. Ihre Wiedergeburt steht kurz bevor. Mit einem raschen Hieb beende ich ihren Schmerz und wünsche ihr in Gedanken, dass sie ihr nächstes Leben weiser führen möge.

Das Feuer des Kampfes lodert noch in meinen Adern. Ich atme bewusst langsam und beruhige mich. Nachdem ich meine Klinge an dem Leinenhemd des ehemaligen Wächters abgewischt habe, hebe ich den groben Balken herunter, der die Hütte versperrt.

»Preise die Schönheit ...« Ich blicke in braune Augen, die sowohl Sinnlichkeit als auch Stärke versprechen, verliere mich einen Moment an dem schlanken Hals, der in vollendete Schultern übergeht. »... Bruderschwester«, setze ich meine Begrüßung nach kurzer Pause fort.

Eldora von Wolfspfort ist eine Augenweide. Ihr dunkles Haar umrahmt feingeschnittene Züge, ihr Körper ist grazil, ohne zerbrechlich zu wirken. Mir wird bewusst, dass ich schon seit Monden nicht mehr bei einer Frau gelegen habe. Leider sagt man mir zu recht nach, dass ich meine Fähigkeiten, andere mit Worten zu beeindrucken, verliere, wenn eine hübsche Frau vor mir steht.

»Wir sind gekommen, um dich zu befreien.« Mehr fällt mir nicht ein. Ich bin ein Schwedzdummsterer. Das Offensichtliche auszusprechen, ist die Zuflucht vor Schlimmerem.

Winlanjor tritt ebenfalls in die Hütte. »Und das ist uns ja auch gelungen!«

Während ich vergeblich nach Worten ringe, die mich nicht wie einen Madjanzigsterer wirken lassen, überschüttet uns Eldora mit ihrem Dank. Mir entgeht nicht, dass der Halbelf die liebliche Gestalt der Edlen mit Interesse wahrnimmt.

»Wo ist das Gold?« Morasch erscheint in der Tür. Er nickt Eldora kurz zu. »In der Hütte, aus der der Schwarzpelz und der Mensch mit dem Kinderbart gekommen sind, ist nichts.«

Ich sehe dem Zwerg an, wie er damit ringt, seiner Wut nicht freien Lauf zu lassen. Offensichtlich beherrscht er sich wegen der Edlen. Meinen scharfen Augen entgeht die pulsierende Ader an seinem Hals jedoch nicht.

Eldora zieht die geschwungenen Brauen in die Höhe. »Thimorn und Blaufell sind entkommen?«

Winlanjor nickt. »Und haben die Dukaten wohl mitgenommen.«

Ich lächle, doch es fühlt sich gekünstelt an. »Wir werden sie finden und ihrer Strafe zuführen.« In einem zweiten Versuch meine Mimik unter Kontrolle zu bringen, bemühe ich mich um eine entschlossene Miene. »Weißt du, wo sie hingegangen sein könnten?«

»Sie haben von einem Versteck im Nebelmoor gesprochen.«

Morasch grummelt vor sich hin, dann schnauft er. »Wir geleiten Euch nach Reichsend. Das liegt ohnehin auf dem Weg ins Moor. Und dann, beim Barte meiner Vorväter, holen wir uns dieses Gold!«

"Die Kinder des 23. Ingerimm"

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