Die Tochter des Fremdiji (Teil 6)

Nach der nächsten Biegung erweitert sich der beklemmende Gang zu einem weitläufigen Felsendom und der Gestank lässt nach. Spitze Felsnadeln ragen von der Decke, weitere wachsen aus dem Boden. Im oberen Drittel des vier Schritt hohen Raums klaffen schmale Spalten, durch die trübes Tageslicht dringt. Über Moraschs Kopf blickend sehe ich in der Raumesmitte grau bepelzte Leiber, die sich um irgendetwas versammelt haben. Schmatzend und nagend klettern sie übereinander. Die Wesen haben etwa die Länge eines Wolfs, ragen jedoch nicht so hoch auf. Kurze Beine enden in krallenbewehrten Füßen, die scharrend über nackten Fels kratzen. Fiepend beißt eines der Tiere seinem Artgenossen in den haarlosen Schwanz. Die Nagezähne hinterlassen zwei blutige Abdrücke. Ratten – die größten, die ich jemals gesehen habe.

Mit vorgerecktem Schild betritt Morasch den Felsendom und postiert sich links des Durchgangs. Ich ziehe den Nachtwind und begebe mich auf der rechten Seite in einen tiefen Stand. Die Laterne stelle ich am Boden ab.

Ein Pfeil Winlanjors fliegt in den Rattenpulk. Schrilles Quieken ertönt. Sechs Nagerköpfe rucken zu uns herum. Der Halbelf lässt den Bogen fallen und greift nach dem Säbel, als sich die Meute in Bewegung setzt. Ein besonders großes Exemplar hält auf mich zu, die anderen teilen sich auf, sodass jeder von uns die Gelegenheit erhalten wird, diese Sendboten des Bruderlosen von ihrer jetzigen Erscheinungsform zu erlösen.

Ich erwarte den Ansturm der Mutterratte, doch ein kleineres Biest schießt an ihr vorbei. Im letzten Moment gelingt es mir, die Klinge in einem engen Halbkreis am Körper vorbeizuführen und den Angreifer aus der Luft zu schlagen. In einem Reflex fährt mein Nachtwind nieder und durchtrennt die Wirbelsäule in Höhe des Schultergürtels. Die Mutterratte nutzt die Gelegenheit und dringt auf mich ein. Als hätte sie keine Knochen im Leib, taucht sie unter dem schlecht gezielten Konterhieb hinweg. Nadelspitze Beißer bohren sich in meine Wade. Ein kreisförmiger Tritt schmettert sie an die Wand hinter mir, doch treibt die Zähne auch tiefer in mein Fleisch. Ich steche zu und durchbohre ihren Brustkorb. Quiekend schreit der Nager auf, dann beende ich sein Leid, indem ich den Kopf vom Körper trenne.

Ich orientiere mich und stelle fest, dass auch meine Gefährten blutige Ernte unter ihren Gegnern gehalten haben. Augenscheinlich wurden sie nicht gebissen. In Gedanken schelte ich mich, wieder einmal eine Lehre meines Meisters vernachlässigt zu haben: Der erste Angriff gilt immer dem Anführer!

»Verdammtes Rattenpack!«, grummelt Morasch. »Schaut mal, was sie angenagt haben.«

Ich ergreife die Laterne und nähere mich dem Zentrum des Felsendoms, wo Morasch vor einem Körper kauert. Meine Augen suchen die zerklüfteten Wände ab, um sicherzugehen, dass sich kein weiteres Rattenwesen in einer der Nischen verbirgt. Dabei bemerke ich, dass der Boden zur rechten Seite hin, leicht abschüssig ist. Am tiefsten Punkt der Höhle tut sich eine Öffnung auf, die tiefer in den Felsen führt. Ein weiterer Gang bricht an der gegenüberliegenden Wand durch den Stein. Mit einem Handzeichen gebe ich Winlanjor zu verstehen, er solle einen der beiden Gänge sichern, während ich den anderen im Auge behalte.

Mit gezückter Klinge stehe ich neben Morasch und werfe einen flüchtigen Blick auf den Leichnam, der den blutbefleckten Wappenrock der Wolfspforter trägt. Ob die arme Bruderschwester einmal Mann oder Frau war, ist nicht mehr zu erkennen. Die Ratten haben von dem Gesicht nur die Knochen übrig gelassen.

Rasch wende ich den Blick ab. »Mögest du in deinem nächsten Leben die Fehler deines letzten vermeiden«, bleibt mein einziger Rat. Ich bin selbst etwas enttäuscht von mir, bin ich doch sonst nie um gute Ratschläge verlegen.

»Den haben nicht die Ratten erledigt. Da ist ein Schnitt im Brustkorb. Und schau dir mal an, was er dabei hatte.« Morasch hebt ein blutbesudeltes Pergament in die Höhe.

Ich nehme es an mich und bin erstaunt. »Eine Karte dieses Höhlensystems?« Mit gerunzelten Brauen betrachte ich die Zeichnung. Vier weitere Höhlen ähnlichen Ausmaßes, sowie zwei kleinere sind durch schmale Gänge verbunden. Zwei von ihnen wirken durch ihren rechteckigen Grundriss so, als seien sie unmöglich natürlichen Ursprungs. »Wie kommt die Bruderschwester an diese Karte? Sieht so aus, als sei sie schon älter.«

Morasch zuckt die Schultern. »Is’ was nachträglich eingezeichnet worden?«

»Hoffst du auf ein X, dass dir den Weg zu einem Schatz zeigt, Bruderschwester? Nein, nichts dergleichen.«

Der Zwerg rümpft die Nase und reißt mir das Pergament aus der Hand. »Ihr Großlinge findet euch unter der Erde ohnehin nicht zurecht!«

»Ich höre Wasser!«, ruft Winlanjor uns zu. Der Halbelf deutet in Richtung des südlichen Ganges.

»Kein gutes Zeichen«, grummelt Morasch. »Die Wände sind aus Kalkgestein. Wasser spült die Mineralien aus. Die Höhle verliert an Stabilität.«

Wasser, das Stein aufzulösen vermag. Die Welt ist voller Überraschungen und gerade deshalb schön! Gut gelaunt laufe ich dem von Winlanjor gewiesenen Gang entgegen. »Gehen wir dort zuerst entlang.«

Murrend folgt mir Morasch, während der Halbelf wieder das Schlusslicht bildet.

Der Gang ist kurz und abschüssig, die Höhle dahinter etwas größer als der Felsendom zuvor und von einem kalten Leuchten erfüllt. Der hintere Teil ist abgerutscht und überflutet. Zu unserer Linken ergießt sich ein kleiner Wasserfall sprudelnd in das klare Becken. Dort ist auch ein breiter Gang, der sich trotz des Wassers problemlos passieren ließe.

Fasziniert trete ich an das Ufer des Höhlensees. An den Wänden wachsen schwammartige Pilze, von denen das Leuchten ausgeht. Dünne Fäden entspringen ihnen und reichen bei den größeren Exemplaren etwa einen Spann in die Tiefe. Im spiegelklaren See schwimmen winzige Fische. »Preiset die Schönheit!«, entfährt es mir. Ich kann bis zum Grund sehen. Der Boden ist an der tiefsten Stelle über drei Schritt in die Tiefe gesackt, die Abbruchkante gut sichtbar.

»Da sollte noch ein Gang sein!«, höre ich Morasch.

»Ist auch so.« Ich deute zum westlichen Ende des Sees. »Die Karte muss gezeichnet worden sein, bevor das Wasser die Gestalt der Höhle so trefflich umgeformt hat. Der Gang liegt unterhalb der Oberfläche. Wir müssen tauchen!«

Voller Vorfreude auf die nächste Entdeckung drehe ich mich zu meinen Gefährten und blicke in ungläubige Gesichter.

»Ein Angroscho taucht nicht! Ich bin doch kein Fisch!«

»Ich ebenso wenig«, pflichtet Winlanjor ihm bei. »Außerdem kann ich nicht schwimmen.«

Morasch nickt. »Wenn Väterchen Angrosch uns hätte schwimmen sehen wollen, hätte er uns Flossen gegeben!«

Fassungslos schaue ich vom einen zum andern. Den wilden Tieren haben sie sich mutig entgegengestellt, doch vor etwas Wasser fürchten sie sich. Fremdijis sind wahrlich verrückt!

»Dann preiset Ferdijin, der sich mutig in die Fluten wagt«, lache ich und entkleide mich. Mit nichts als meinem Lendenschurz und Kurzschwert steige ich in das frostige Nass. Die Kälte schmerzt beinahe, doch nun einen Rückzieher zu machen, würde mich dem berechtigten Spott meiner Gefährten ausliefern. Langsam presse ich die Luft zwischen den Zähnen hervor und gehe tiefer.

»Du wirst nix sehen, dort drinnen!«, ruft mir Morasch hinterher. »In eine dunkle Höhle zu tauchen, ist noch dümmer als überhaupt in eine Höhle zu tauchen!«

Kurz halte ich inne. »Rur hat die Welt so erschaffen, dass sich uns immer eine Lösung bietet!« Ich schwimme zu der Wand und stemme mit dem Kurzschwert einen der Leuchtpilze heraus. Gerne würde ich dem Zwerg noch etwas zurufen, doch das Wasser ist so eisig, dass ich mir sicher bin, mein Zähneklappern würde die Worte zur Unkenntlichkeit zerteilen.

Soweit es geht, schwimme ich an den unter Wasser liegenden Gang heran, hole tief Luft und tauche ab. Das schwach bläuliche Glimmen des Pilzes offenbart mir, dass der Gang bis zur Decke überflutet ist. Bizarr geformte Gesteinsbrocken erschweren mein Vorankommen und ich verfluche mich, das Kurzschwert mitgenommen zu haben. Ch’azuul! Mit jedem Schwimmzug schabt das Metall über Fels und in der Enge des Gangs kann ich keine kräftigen Bewegungen ausführen. Bereits nach wenigen Herzschlägen krampfen meine Muskeln in der Kälte. Die Finger werden taub und ich hoffe, dass mir der Leuchtpilz nicht entgleitet.

Zwar sagt man mir nicht zu unrecht nach, ein guter Schwimmer zu sein, doch die Eiseskälte zehrt an meinen Kräften. Die Furcht legt ihre klammen Finger um mein Herz. Was, wenn der Eingang verschüttet ist? Mein Atem wird für den Rückweg nicht reichen. Meine Bewegungen werden hektischer. Angst lähmt Verstand und Körper!, ermahne ich mich selbst. Mühsam unterdrücke ich die aufsteigende Panik, mache mich frei von Gefühlen, zwinge mich zur Ruhe. Langsam zähle ich im Geiste mit. Bei jedem vielfachen der heiligen Zwei, führe ich einen kontrollierten Schwimmzug aus. Meine Lunge brennt. Dann sehe ich ein Loch in der Decke und tauche prustend auf.

Nachdem ich Kurzschwert und Leuchtpilz über den Rand geschoben habe, ziehe ich mich unter Aufbietung meiner letzten Reserven am glitschigen Fels empor. Würde mich hier der Tod erwarten, so hätte ich ihm in diesem Moment nicht viel entgegenzusetzen. Doch die Welt ist schön und so bleibt mir dieses Leben noch eine Weile erhalten.

Mit angewinkelten Beinen hocke ich auf dem klammen Stein und versuche wieder Wärme in meine Muskeln zu reiben. Im spärlichen Licht erkenne ich Gerippe, die auf steinernen Bänken ruhen. Die tobrischen Geschichte über wandelnde Tote gehen mir durch den Kopf, doch diese Skelette hier verhalten sich so, wie es Rur in seiner Weisheit für sterbliche Überreste vorgesehen hat.

Ich schließe meine Hand um den Griff des Kurzschwerts, nehme den Leuchtpilz auf und schreite den Raum ab. Die Zahl der Toten ist bruderlos. Breite Schädel und Hauer, sowie die fliehende Stirn, lassen mich vermuten, dass es sich um Orks handelt. Ich habe zwar noch nie welche gesehen, aber Morasch meinte, sie würden aussehen wie Goblins – nur größer, kräftiger und mit schwarzem Pelz.

Von Letzterem ist freilich nichts mehr übrig. Selbst die Waffen sind bis zur Unkenntlichkeit verrostet. Ich erkenne zwar noch, dass es Krummsäbel und doppelblättrige Äxte gewesen sein müssen, doch mehr bleibt meinem kundigen Auge verborgen.

Stutzig machen mich die Edelsteine, die sich in den Augenhöhlen der Schädel befinden. Da ich ein nachdenklicher Mensch bin, frage ich mich, welchen Zweck diese erfüllen sollen. Glauben Orks in ihrer Einfalt, Schwester Tsa bestechen zu können, damit die Wechselhafte ihnen ein besseres nächstes Dasein ermöglicht? Oder sind das die Überreste eines finsteren Rituals? Ich beschließe, nichts zu berühren, da fällt mein Blick auf einen Stierschädel, der vor einer grün angelaufenen Kupferscheibe prangt. Rubine funkeln in den leeren Augenhöhlen. Kein Weg ist umsonst, heißt es, doch hier gibt es für mich nur Fragen, keine Antworten.

Ein eisiger Hauch streift mich. Ich rede mir ein, dass es nur die Kälte sei, doch ein ungutes Gefühl bemächtigt sich meiner. Hastiger als nötig durchquere ich den Raum und steige erneut in das kühle Wasser.


Nachdem ich wieder bei den Gefährten bin und zitternd meinen Bericht über das Grab abgeschlossen habe, bemerke ich Moraschs Unruhe. Sein flackernder Blick geht immer wieder zu dem überfluteten Gang.

Er beißt sich auf die Lippe, dann seufzt er auf. »Wie groß waren die Edelsteine? Waren sie geschliffen?«

»Etwas größer als ein Daumennagel, Bruderschwester und ungeschliffen. Spielt das eine Rolle?«

Der Zwerg tritt an das Wasser heran und wirft einen misstrauischen Blick hinein. »Dreizehn Schädel und der Stier ...«, murmelt er vor sich hin. »Achtundzwanzig Edelsteine, bei meinem Bart ...« Erneut seufzt er auf.

Winlanjor wird ebenfalls unruhig, doch aus gänzlich anderen Gründen als Morasch. »Lasst uns endlich weitergehen! Es missfällt mir, unnötig viel Zeit in einem Loch zu verbringen, das jederzeit über unseren Köpfen einstürzen könnte.«

»Nicht so ungestüm, Junge. Ich muss nachdenken.« Morasch nähert sich dem überschwemmten Gang so weit, wie es möglich ist, ohne nass zu werden. Mit einem gequälten Stöhnen fährt er sich durch den Bart.

»Was gibt es da zu überlegen, Bruderschwester? Du kannst doch gar nicht schwimmen.«

»Muss ich vielleicht nicht. Wenn mich das Gewicht meiner Ausrüstung nach unten zieht und ich über den Grund laufe ...« Er macht ein paar Schritte ins Wasser hinein. Als es ihm bis zu den Knien reicht, hält er inne. »Wie weit ist es? Wir Angroschos haben eine breite Brust. Den Atem anzuhalten fällt uns leicht.«

»Du bist verrückt!«, ereifert sich der Halbelf. »Du wirst jämmerlich absaufen!«

»Mit dem Kettenhemd kommst du am Ende des Ganges nicht nach oben, Bruderschwester. Deine Aussichten stünden besser, wenn du versuchtest, den See leer zu trinken.«

Der Zwerg scheint uns nicht hören zu wollen. Vorsichtig setzt er einen weiteren Fuß nach vorne.

»Morasch!«

»Verdammtes Drachenwerk!« Er dreht sich um, schnauft wie ein Wal nach einem Tauchgang und stapft uns entgegen. Verzweiflung und Wut spiegeln sich in seinen Zügen wieder. »Einen Stollen so dicht an einem Bachlauf zu graben ...«

In seiner Muttersprache fluchend folgt der Zwerg uns in den östlichen Gang hinein