Die Tochter des Fremdiji (Teil 5)

5. Phex 1040 BF


Gegen Mittag des zweiten Tages nach unserem Aufbruch aus Düsterrode schlägt das Wetter um. Ein heftiger Wind aus Nordost treibt dunkle Wolkentürme vor sich her. Eisig fährt er mir in den Umhang. Fernes Donnergrollen weist auf ein baldiges Unwetter hin. Mit dem Kinn auf der Brust und der Kapuze tief im Gesicht, nehme ich die Landschaft um mich herum kaum wahr. Doch zum Glück ist Winlanjor aufmerksamer.

»Wartet«, ruft uns der Halbelf über den durch die Zweige brausenden Wind zu. Er tritt an eine Hecke heran, deren Äste grob abgeknickt wurden und geht in die Hocke. Sein Blick ist auf den Erdboden geheftet. »Fußspuren ... von etwas Großem.« Er entfernt sich weiter von uns.

Morasch schaut missmutig zum Himmel. »Die Wolken stehen tief und dicht. Kein gutes Zeichen, Junge.«

»Angst, nass zu werden?«

Der Zwerg wirft mir einen finsteren Blick zu, bevor er sich an Winlanjor wendet. »Was ist los, Spitzohr? Wir müssen fast da sein. Spuren suchen kannst du auch, wenn der Auftrag erledigt ist!«

Der Halbelf kommt wieder hervor. Seine gefälligen Züge wirken angespannt. »Oger. Mehr als einer, aber ich kann nicht genau sagen, wie viele es waren. Ihr Gestank haftet noch an den Büschen.«

Einen Oger habe ich noch nie gesehen. »Laufen sie in dieselbe Richtung wie wir?«

Winlanjor schüttelt den Kopf, doch die Sorge in seinen Zügen weicht nicht. »Führen sie ihren Weg so fort, könnten sie auf Düsterrode treffen.«

»Ach was«, brummt Morasch. »Dann hätten sie uns doch begegnen müssen.«

Winlanjors rechte Braue wandert in die Höhe. »Äh, ... nein. In einem Wald wie diesem kannst du in hundert Schritt Entfernung an einem Oger vorbeilaufen, ohne ihn zu bemerken. Es sei denn, der Wind steht günstig und du riechst ihn. Sofern dein eigener Geruch nicht alles andere überdeckt.«

»Sollen wir etwa umkehren? Weil da ein Ogerpaar vielleicht nach Düsterrode kommt? Gut möglich, dass sie die Richtung erneut ändern. Dann laufen wir den ganzen Weg umsonst zurück. Zwei Tage nach Düsterrode und dann wieder zwei Tage hierher. Das ist doch Wahnsinn! Bis dahin haben die Rondrianer längst die Edle befreit und unser Lohn wären Löcher in den Stiefeln und Blasen an den Füßen!«

»Morasch hat recht«, seufze ich. »Es ist nicht sicher, ob Düsterrode eine Gefahr droht. Und falls doch, wäre es nicht sicher, ob sie sich nicht selbst zu verteidigen wissen. Was aber sicher ist: Eldora braucht unsere Hilfe.«

Grinsend schlägt mir Morasch auf den Rücken. »Sag ich ja, du bist nicht auf den Kopf gefallen, Junge!«


***


Grell leuchtende Blitze tanzen über den dunkel verhangenen Himmel, als wir wenig später am Rande einer weitläufigen Lichtung ankommen. Stürmische Böen spielen mit unseren Haaren und Moraschs Bart. Das Geräusch, das sie in den zerklüfteten Felsen erzeugen, die eine Seite der Lichtung begrenzen, erinnert mich an Wolfsgeheul.

Einem vielarmigen Monster gleich ragt eine abgestorbene Eiche in der Mitte der Lichtung auf. Die runzlige Borke ist beinahe schwarz, die weit verzweigten Äste streben in alle Richtungen. In einer Vertiefung prangt ein gelblich angelaufener Stierschädel.

»Eine Höhle«, flüstert Winlanjor und deutet an dem toten Baum vorbei zu der aufragenden Felswand. Wie das Maul eines Monsters klafft ein gezacktes Loch – so breit wie ein Mann hoch – in dem Gestein.

Aus dem Augenwinkel nehme ich eine Bewegung im Astwerk der Eiche wahr. Eine Elster sitzt auf einem der toten Äste. Das Blau und Weiß ihres Gefieders leuchtet auffällig inmitten des dunklen Holzes. Ich kneife die Augen zusammen. Etwas kleines, Metallisches befindet sich in ihrem Schnabel.

Auch Morasch hat den Vogel und seine Beute bemerkt. »Vielleicht ein Hinweis. Schießen wir das Federvieh runter.«

Während der Zwerg die Armbrust spannt und Winlanjor die Bogensehne einhakt, beobachte ich die Szenerie. Kein Fackelschein dringt aus dem Höhleneingang. Kampfspuren sind ebenfalls keine zu erkennen, doch vielleicht finden wir etwas, wenn wir die Lichtung betreten.

»Auf mein Zeichen«, sagt Winlanjor zu Morasch.

Die beiden Gefährten legen auf die Elster an. Nichtsahnend hockt sie dort oben, bleibt regungslos, als wolle sie ihren Jägern den Schuss nicht noch zusätzlich erschweren.

»Jetzt!«

Moraschs Bolzen schlägt krachend in den Stamm der Eiche, doch Winlanjors Pfeil findet sein Ziel. Durchbohrt fällt der Vogel zu Boden, wo er dumpf aufschlägt.

»Guter Schuss, Junge!«, brummt Morasch und verstaut die Armbrust wieder auf seinem Pony.

Winlanjor und ich betreten derweil die Lichtung. Der Halbelf legt einen weiteren Pfeil auf die Sehne. Aufmerksam sichert er nach allen Seiten, während er sich der Elster nähert.

Derweil suche ich den Boden ab. Einzelne Stiefelabdrücke sind schwach zu erkennen. Hinweise auf einen Kampf kann ich zwar keine entdecken, doch finde ich einen Lederhandschuh. Ich meine mich zu erinnern, dass die Büttel in Wolfspfort ebensolche trugen.

In der Zwischenzeit ist Morasch zu Winlanjor gestoßen. Der Halbelf hält einen silberglänzenden Ring zwischen den Fingern. Er spricht leise, doch ich glaube, dass er Morasch erklärt, dass Elstern glänzende Dinge sammeln.

Ich finde weitere Spuren. Sie führen auf den Höhleneingang zu. Ich winke die Gefährten heran. »Jemand ist dort hinein. Verlassen wurde die Höhle in letzter Zeit aber nicht.«

Morasch reibt sich die Hände. »Dann hat die Sucherei ein Ende. Holen wir uns die vierzig Dukaten!«

»Du meinst die Edle«, entgegnet Winlanjor spitz.

Kopfschüttelnd kommt mir der Zwerg entgegen. »Als ob das nicht selbstverständlich wäre.« In einer Hand hält er seine Repetierarmbrust, in der anderen eine Blendlaterne, die er mir nun reicht. Dann befestigt er die Eisenwalder mit zwei Lederschlaufen an seinem Rucksack, schnallt den Rundschild an den Arm und schaut mich erwartungsvoll an. »Gehen wir!«

Während wir auf den Eingang zulaufen, schiebe ich unschlüssig die Blende etwas weiter zu, dann wieder auf. Zwar will ich die Entführer nicht frühzeitig auf uns aufmerksam machen, doch in der Dunkelheit eine Gefahr zu übersehen, wäre ebenfalls fatal. Der Dualismus aller Entscheidungen. So hat Rur die Welt gefügt - und sie ist schön. Ich öffne also die Blende zur Hälfte und betrete hinter Morasch den Spalt im Felsen. Winlanjor sichert mit gezücktem Bogen unseren Rücken.

Moraschs breiter Körper wirft im Schein der Laterne groteske Schatten an die zerklüfteten Felswände. Ein bestialischer Gestank schwappt uns aus den Tiefen entgegen. Zu Moder und Fäulnis gesellt sich ein stechender Geruch. Winlanjor hinter mir hustet. Ich werfe ihm einen Blick zu und sehe in angstgeweitete Augen. Feine Schweißperlen stehen auf Stirn und Oberlippe. Seine Hände zittern leicht und auch wenn der Bogen nicht gespannt ist, bekomme ich ein unwohles Gefühl. Die Wiedergeburt anzutreten, weil die Furcht des Halbelfen einen unkontrollierten Pfeil in meinen Rücken jagt, wäre eine arge Verschwendung dieses Lebens.

Der Gang windet sich wie eine Schlange, wird dabei immer schmaler. Ein schrilles Fiepen, kaum wahrnehmbar erklingt. Weitere folgen. Flügelschlagen – und dann jagen uns Hunderte Fledermäuse entgegen. Sofort werfe ich mich zu Boden und bedecke den Kopf mit den Armen. Obwohl es nur wenige Herzschläge dauert, bis der Schwarm über mich hinweggezogen ist, kommt es mir wie ein Äon vor. Mein Gesicht liegt im Kot dieser geflügelten Kreaturen. Überall krabbeln kleine Asseln und Schaben herum. Doch ich will mich nicht beklagen, habe ich doch vor Kurzem erst festgestellt, dass in Weiden ein Mangel an Krabbala zu herrschen scheint. Den Atem einhaltend preise ich die Schönheit, bevor ich mich aufrichte und die Fledermausexkremente von meinem Körper klopfe.

Mit Erstaunen stelle ich fest, dass Morasch scheinbar die ganze Zeit aufrecht gestanden hat. Sein Bart ist zerzaust, ein dünner Blutfaden rinnt von seiner Wange und seine Augen funkeln vor Zorn. Eine Fledermaus liegt vor ihm auf dem Boden. Zappelnd dreht sie sich im Kreis, bis Moraschs Tritt ihr jetziges Leben beendet. Grimmig wendet sich der Zwerg ab und stapft tiefer in die Höhle. Ich folge ihm. Lausche auf das leise Knacken der Chitinpanzer unter seinen Stiefeln und das Schnauben seines Atems. Da ich ein umsichtiger Mensch bin, beschließe ich, Morasch nicht darauf hinzuweisen, dass die Fledermäuse keine Schuld an diesem Zusammenstoß trifft. Schließlich waren wir es, die die Tiere aufgeschreckt haben

"Die Kinder des 23. Ingerimm"

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