Die Tochter des Fremdiji (Teil 4)

3. Phex 1040 BF


Als ich erwache, höre ich Flüche in einer mir unbekannten Sprache. Ich drehe den Kopf und sehe Sterne vor den Augen tanzen. Mit sanftem Druck massiere ich meinen Nasenrücken, in der Hoffnung das mich plagende Schädeldröhnen zu verringern. Langsam klärt sich meine Sicht. Der Morgen ist schon weit vorangeschritten. Statt eines Feuers sehe ich nur Asche. Es muss vollständig abgebrannt sein.

Morasch zurrt sein Gepäck am Pony fest, während er Winlanjor finstere Blicke zuwirft. »Weck Ferdijin!«

Der Elf wirkt von Moraschs Gezeter wenig beeindruckt. Seine feingeschnittenen Züge umspielt sogar ein Anflug von Belustigung.

»Bin wach«, sage ich und richte mich auf.

»Winlanjor ist auf seiner Wache eingeschlafen! Euer Glück, dass wir Angroschos so ein gutes Zeitgefühl haben. Sputet euch! Vielleicht erreichen wir Düsterrode noch vor der Nacht.«

Ich streife den Umhang ab, der mir als Decke gedient hat und betrachte meine Schulter. Der Verband ist nicht durchgeblutet, dem Wirselkraut sei dank. Die Wunde schmerzt, doch ich fühle mich in der Lage zu marschieren. »Gepriesen sei der Elf! Ich hatte die Ruhe dringend nötig. Ein Schaden ist uns auch nicht entstanden.«

»Is’n Halbelf, also sei er nur halb gepriesen«, grummelt Morasch. »Und ob ein Schaden entstanden ist, sehen wir, wenn wir am Ziel ankommen. Wehe dir, Spitzohr, die Rondrianer sind vor uns da!«


***


Tatsächlich erreichen wir den Weiler Düsterrode in der Abenddämmerung. Meine Wunden brennen und erschöpfen mich. Hätte Winlanjor nicht die Einbeeren gefunden, hätte ich das Marschtempo sicher nicht halten können. Doch dank den scharfen Augen des Halbelfs bleibt uns eine weitere Nacht in der Wildnis erspart.

Wir betreten das Tor in der Palisade, unmittelbar bevor es geschlossen wird. Der Torwächter scheint kein Krieger, sondern eher ein Bauer. Eine grüne Schärpe spannt sich über sein Leinenhemd, ein Tellerhelm ist seine einzige Rüstung. Wortlos und hinter einem Hakenspieß Schutz suchend lässt er uns passieren. Moraschs grimmiger Blick muss ihn überzeugt haben, dass die Frage nach unserem Begehr gerade nicht erwünscht ist.

Ich zähle neun Fachwerkhäuser unterschiedlicher Größe innerhalb der Palisade. Schweinepferche und kleine Felder, in denen wohl Gemüse angebaut wird, nehmen den Großteil der Dorffläche ein. Aus einem geöffneten Fenster starrt uns ein altes Mütterchen hinterher, während wir zu einem erleuchteten Fachwerkbau mit angeschlossener Scheune gehen. Stimmen dringen zu uns heraus. Ein halb verwittertes Holzschild über der Tür zeigt einen Bogenschützen. Die grüne Farbe ist teilweise abgeblättert.

Morasch wirft einen Blick in die Scheune. »Kümmer dich um mein Pony, Junge«, ruft er einem im Stroh faulenzenden Burschen zu. Dann treten wir in die Taverne ein.

»Garoschem, zusammen!«, ruft der Zwerg seinen üblichen Gruß. Während wir zum letzten der freien Tische pilgern, verstummen die meisten der fast zwei Dutzend Besucher. Einige wahren zumindest den Anstand und grüßen uns im Namen Schwester Travias.

Kaum haben wir uns niedergelassen, kommt die Wirtin an unseren Tisch. »Fremde hatten wir schon lange nicht mehr zu Gast. Willkommen im Grünen Waidmann!«

»Fremde?«, entgegne ich. »Das kommt auf den Blickwinkel an, Bruderschwester.«

»Bier und ein deftiges Mahl«, fordert Morasch sogleich. »Und drei Plätze im Schlafsaal.«

Irritiert schaut sie zwischen uns hin und her. »Einen Schlafsaal haben wir nicht. Aber für ... zwei Kreuzer pro Kopf, könnt ihr im Stall nächtigen.«

»Gut! Eilt euch, wir haben Durst!«, ruft ihr Morasch die Dringlichkeit seiner Bitte ins Gedächtnis und sie entfernt sich.

Der Zwerg nickt und legt die Zöpfe seines Bartes auf der Brust zurecht. Zufrieden lehnt er sich zurück. »Lange keine Fremden ..., also sind die Rondrianer noch nicht hier gewesen.«

Ich schaue ihr nach. »Und was ist mit den Bütteln, die das Lösegeld überbracht haben?«

»War vielleicht nur so dahergeplappert von ihr«, sagt Winlanjor.

Grummelnd erhebt sich der Zwerg. »Ich frag’ die Bauern.«

Armer Morasch. Sein Verlangen nach Gold trübt ihm ständig die Laune. Wie soll er so jemals Augen für die Schönheit der Welt haben? Ich wünsche ihm, dass er irgendwann erkennt, dass wir bereits alle reich beschenkt wurden.

Schon bald kehrt die Wirtin zurück und bringt Winlanjor und mir etwas zu trinken. »Ihr seht ja übel zugerichtet aus.«

»Ein Schwarzbär, der statt seinen Hunger zu stillen, sein jetziges Leben beenden musste. Ich hoffe, uns ist Ersteres hier vergönnt und Letzteres liegt noch in weiter Ferne.«

Sie furcht die Stirn. Offensichtlich ist sie nicht die Klügste, doch klug genug das Thema zu wechseln, bevor es peinlich wird. »Woher stammt Ihr?«

»Maraskan. Vierfach gepriesen sei seine Schönheit!«

»Mein Großvater war bei der Eroberung Maraskans durch Kaiser Reto dabei«, frohlockt die Madjanzigstererin.

Offenbar entgeht der Enkelin des Shazaks, dass ihr Gegenüber ein Nachfahre jener ist, denen durch die gierbehaftete Eroberung großes Leid zugefügt wurde. Ich schlucke die Beleidigungen herunter, die mir für ihren Großvater in den Sinn kommen. »Man sollte meinen, die vergangenen Jahre hätten die Garethjas gelehrt, dass Kriege keinen Anlass zur Freude geben.« Ich erhebe mich. »Wenn wir schon von eurem Kaiser Reto sprechen ...« Ich lächle sie an, während sie vergeblich versucht, meine Antwort zu verstehen. »... statte ich deinem Donnerbalken einen Besuch ab«, nehme ich den Faden wieder auf und lasse die verdutzte Frau stehen.


Ich lasse mir Zeit. Nicht nur, um mein Gedärm von unnötigem Ballast zu befreien, sondern auch um den in mir aufwallenden Zorn loszuwerden. Ich war noch ein Kind, als der Garethja Haffax zu Dharzjinion überlief und das Dämonenbanner über meinem Geburtsort Boran hisste. Hätte der verfluchte Reto den Großteil meiner Heimat nicht erobert, hätte Dharzjinion nicht so leichtes Spiel gehabt. Doch die Vergangenheit ist vergangen. Ein neues Zeitalter hat begonnen. Zumindest redet Morasch immer wieder davon.

Tief atme ich ein, bevor ich den Schankraum wieder betrete. Mein Meister Norjin mahnte, unbeherrschte Gefühle zu bekämpfen. Wut, Furcht, Trauer, Hass und Liebe vermögen den Blick auf die Wirklichkeit zu vernebeln und machen uns blind. Entscheidungen müssen immer mit wachem Verstand getroffen werden, denn Taten lassen sich nicht rückgängig machen. Ich kann mich glücklich schätzen, in einem so unbedeutenden Moment an die Weisheiten meines Meisters erinnert zu werden.

Eisiges Schweigen schlägt mir entgegen, als ich die Tür öffne. Die Düsterrodijis durchbohren Winlanjor mit ihren Blicken. Der wiederum packt seinen Rucksack und stapft in Richtung Tür. Kurz hält er inne und deutet eine Verbeugung an. Sein Gesichtsausdruck trieft vor Spott. »Mit Verlaub ziehe ich mich zurück, ihr Edlen. Mir scheint, ich bin hier nicht gelitten.«

Während er hinausläuft, begebe ich mich stirnrunzelnd zu Morasch. Der schüttelt nur den Kopf. »Abergläubisches Pack«, raunt er. »Kein Weitblick. Vor allem der Schulze.« Er deutet mit einer Kopfbewegung zu einem breitschultrigen Graubart.

»Was ist ein Schulze?«

»Ein Dorfvorsteher. Habt ihr das nicht auf Maraskan?«

»Ach so, ein Ka’Shîk.« Die Fremdijis haben wirklich seltsame Namen.

Ich beschließe, die Stimmung zu heben. »Einen Becher deines schärfsten Brands für jede Bruderschwester hier!«, rufe ich zur Wirtin und geselle mich zu den Dörflern. »Kennt ihr das Dorf Wirselheim? Liegt am Sichelstieg. Freund Morasch und ich haben dort gegen einen Hexenmeister gekämpft.«

Ich habe die volle Aufmerksamkeit der Bauern. Auch mein zwergischer Gefährte tritt hinzu.

Ich lege ihm die Hand auf die Schulter. »Ein Fluch des Hexenmeisters hat ihn getroffen, sodass alle Wildtiere ihn angegriffen haben.«

Durch Beschimpfung des Hexers drückt das einfache Volk seine Solidarität und Anteilnahme aus. Die Wortwahl ist derb und einfallslos, aber Morasch scheint es zu gefallen.

»Wir fanden heraus, dass seine Macht durch einen Pakt mit einem dunklen Feenwesen verstärkt wurde.«

»Vergiss den Raben nicht!«, unterbricht mich Morasch.

»Richtig. Der Rabe sprach den Fluch des Hexenmeisters. Wir stellten dem Vogel jedoch eine Falle und folgten ihm zu seinem Nest. Dort gelang es Morasch, ihn auf fünfzig Schritt Entfernung mit einem Bolzen an den Baum zu nageln. Ein meisterlicher Schuss!«

Ich hebe den Becher um auf Moraschs Wohl zu trinken und die Bauern folgen meinem Beispiel. Zwar habe ich bei der Entfernung etwas übertrieben, aber dennoch war der Schuss äußerst eindrucksvoll – im Gegensatz zu dem Gesöff der Düsterrodijis. Es schmeckt nach Birnen, aber auf eine widerliche Weise. Es fehlt ihm an Süße.

»Und die Fee?«, will der Ka’Shîk wissen.

»War ein Kerl«, ergänzt Morasch. »Wir fällten den Zauberbaum, an dem der Pakt besiegelt wurde. Dann habe ich dem Wicht klar gemacht, dass meine Axt auch ihn fällen wird, wenn er nicht das Weite sucht. Hat er auch getan. Klüger als er aussah, der Schmetterlingsmann.«

Irritiert schaue ich zu Morasch. Kennt man die Geschichten über den Schmetterlingsmann bei den Zwergen ebenfalls? Ich will jedoch nicht ablenken, weshalb ich beschließe, Morasch bei anderer Gelegenheit zu fragen.

»So beraubten wir den Hexenmeister eines Teils seiner Macht«, greife ich den Faden wieder auf. »Und nahmen ihm seine geflügelten Spione.«

Die Wirtin gießt von dem Birnenbrand nach und ich leere den Becher. Je mehr man davon trinkt, desto weniger ekelhaft schmeckt er, muss ich mir eingestehen.

»Wir suchten den Hexenmeister also in einer alten Mühle auf, erschlugen oder vertrieben die Goblins, die er sich Untertan gemacht hatte und Morasch zwang ihn in den Zweikampf. Er schlug den Hexer nieder. Dann flößten wir ihm einen Zaubertrank ein, der ihn für alle Zeiten in eine Kröte verwandelt hat. Sagt mir, meine Freunde, ... ist das nicht gerecht?«

Ich ernte laute Zustimmung und Schulterklopfen. Letzteres erinnert mich schmerzhaft daran, dass meine Wunden Ruhe benötigen. Ich lehne mich zu Morasch und flüstere: »Zeit zu gehen. Klären wir noch das mit den Bütteln.«

»Ihr sagtet doch, die drei Gardisten aus Wolfspfort wären vor einigen Tagen hier gewesen«, spricht Morasch den Ka’Shîk an. »Wohin haben sie sich gewendet?«

»Haben Düsterrode in nordwestlicher Richtung verlassen, nachdem wir ihnen die Nachricht überbracht haben, die man uns gab. Sie wollten dem Gernbach auf der Praios gelegenen Seite in Richtung des Horndrachenfelsen folgen. Mehr weiß ich leider nicht.«

»Das soll uns genügen.« Morasch nickt zufrieden. »Frau Wirtin, lasst uns bitte bei Sonnenaufgang wecken.« Er erhebt sich.

Auch ich stehe auf und folge dem Zwerg in Richtung des Stalls. »Mögen eure Traumgesichte vielgestaltig sein, Bruderschwestern!«, verabschiede ich mich.