Die Tochter des Fremdiji (Teil 3)

Einige Zeit später stehen wir in einem karg möblierten Wachraum. Eine schwarzhaarige Hünin, die wohl das Idealbild einer Garethjakriegerin verkörpert, ragt uns gegenüber auf. Ihr kritischer Blick mustert einen jeden von uns. »Habt Dank, dass ihr meiner Einladung gefolgt seid. Eure Hilfe wird benötigt.« Sie wendet sich um und läuft im Raum auf und ab. Eine Hand liegt am Knauf ihres Schwertes, die andere hält sie hinter dem Körper.

Man sagt mir eine gute Auffassungsgabe nach und daher vermute ich wohl zu recht, dass es ihr nicht gefällt, einen Auftrag an uns heranzutragen.

Ohne in ihrem Marsch innezuhalten fährt sie fort. »Ihr sollt jemanden befreien, der von räuberischen Schurken im Dunkeltann gefangen gehalten wird.« Sie ruckt zu uns herum und schaut jedem von uns in die Augen.

Ich lächle freundlich. »Preise die Schönheit, Bruderschwester. Wir helfen gerne!«

»Wenn die Bezahlung stimmt ...«, murmelt Morasch in seinen Bart. »Erklärt, wen wir suchen und was sich zugetragen hat.«

»Ich erwarte, dass ihr für euch behaltet, was ich euch nun sage.« Eindringlich mustert sie uns. »Die Tochter des Edlen Anshold Erlbrück von Wolfspfort kehrte von einem Ausritt in den Dunkeltann nicht wieder. Dann erreichte uns die Forderung: Vierzig Goldstücke für die Freiheit Eldoras.«

Ich sehe die Entrüstung in ihrem Ausdruck. Moraschs Augen hingegen bekommen dieses Glitzern.

»Das Dorf Düsterrode, nördlich von hier, wurde als Übergabeort genannt und ich schickte drei meiner besten Untergebenen dorthin, um den Austausch vorzunehmen. Sie kehrten nicht wieder. Stattdessen erreichte uns eine weitere Botschaft. Die Soldaten hätten versucht Eldora von Wolfspfort mit Waffengewalt zu befreien und seien erschlagen worden. Das Lösegeld hätte sich deshalb verdreifacht.« Ihre Faust schlägt in die Handfläche der Linken. »Dieser Forderung kann der Edle nicht nachgeben. Daher haben wir nach den Rondrianern in Reichsend geschickt. Doch Anshold von Wolfspfort bat mich, auch hier nach tapferen Streitern für das Gute Ausschau zu halten. Der Weg nach Reichsend ist weit und er fürchtet, der Bote könne nicht ankommen.«

Morasch reibt sich die Knollennase. »Was, wenn die Anderen vor uns eintreffen? Dann gehen wir leer aus!«

»Sie werden schon nicht als Erste dort sein«, frotzelt Winlanjor. »Die Anderen sind schließlich Rondrianer

Die Kriegerin wirft ihm einen abschätzigen Blick zu, wendet sich dann aber an Morasch. »Die vierzig Dukaten müssen noch bei den Schurken sein. Wenn ihr Eldora befreit, gehört das Gold euch.«

Der Zwerg wirkt nicht überzeugt. Ich lege ihm die Hand auf die Schulter. »Das ist ein gerechtes Angebot, mein grummeliger Freund. Würdest du etwa einem Schmied Gold geben, wenn die Axt, die er dir schmieden sollte, beim Herstellungsprozess zerbricht?«

Trotzig blickt er mich an. »Natürlich!«

Ich glaube ihm kein Wort. Kopfschüttelnd wende ich mich an unsere Auftraggeberin. »Wir befreien Eldora und bringen sie dir wohlbehalten zurück!«


Obwohl Morasch zum schnellen Aufbruch drängte, beschlossen Winlanjor und ich zunächst der Krämerin einen Besuch abzustatten. So stehe ich nun vor einer braunhaarigen Garethja, die munter auf Winlanjor einschwedzt. Da kommt mir ein Gedanke.

»Hilf uns unwissenden, aber tapferen Helden, Bruderschwester!«

Fragend schaut sie mich an.

»Wir brechen in den Dunkeltann auf, um eine Räuberbande zu stellen. Hast du etwas über sie gehört?«

Verschwörerisch lehnt sie sich mir entgegen. Offensichtlich eine der wenigen in diesen Landen, die den Kladj zu schätzen weiß. »Die meisten meiden den Wald. Schrecken gehen darin um und Räuber sind nicht die Schlimmsten.«

Schrecken. Kurz muss ich an Gerusab mit den krummen Beinen denken. »Welche Schrecken meinst du?«

»Bisweilen kommen Oger aus dem Finsterkamm herabgestiegen und auch Schwarzpelze. Außerdem soll es dort einen Skelettkönig geben. Seid Ihr sicher, dass ihr dorthin wollt?«

»Sogar sehr. Du musst wissen, dass die Tochter des Edlen von Wolfspfort verschleppt wurde.«

Sie schlägt sich die Hand vor den Mund und schaut mich mit aufgerissenen Augen an. Morasch räuspert sich vernehmlich.

Ich nicke. »Sogar drei Gardisten hat man erschlagen. Weißt du etwas darüber?«

»Das gibt Ärger ...«, flüstert Winlanjor. Irritiert schaue ich ihn an, da zieht mich Morasch bereits ins Freie.

»Wir sollten Stillschweigen bewahren, Ferdijin«, grummelt er. »Es ist dumm, seinen Auftraggeber zu verärgern. Wirkt sich schlecht auf den Sold aus.«

Ich bin ein zuversichtlicher Mensch, weshalb ich mir kaum Sorgen mache. »Solange wir seine Tochter zurückbringen, wird der Garethja keinen Grund haben, wütend zu sein. Brechen wir auf.«


***


Die Dunkelheit des Tannichts wird nur dort unterbrochen, wo Eichen und Buchen ihre noch blattlosen Kronen über uns entfalten. Umgestürzte Bäume, dichte Brombeerhecken und morastige Stellen erschweren das Vorankommen, doch entlohnt uns der Wald mit der Schönheit aufblühenden Lebens. Morasch hat freilich kein Auge dafür. Verwünschungen ausstoßend drängt uns der Zwerg zur Eile.

Ein Knacken im Unterholz bringt uns zum Aufhorchen. Etwas Großes, Behäbiges nähert sich dem Wildwechsel, dem wir folgen. Winlanjor lässt den Bogen von der Schulter gleiten und legt einen Pfeil auf die Sehne. Auch Morasch und ich ziehen die Waffen.

Schwarzes Fell ist das Erste, was wir sehen, dann schält sich der Umriss eines riesigen Bären aus den Schatten. Gut sieben Schritt trennen uns von dem Ungetüm. Es verharrt auf dem Wildwechsel und drückt die Nase zu Boden. Die Schulterblätter und Beckenknochen sind unter dem Fell deutlich zu erkennen. Die letzte Mahlzeit muss lange zurückliegen und ich gedenke nicht, den Hunger des Tieres mit meinem eigenen Fleisch zu stillen.

»Gerade aus dem Winterschlaf erwacht«, flüstert Winlanjor. Tatsächlich wirkt der Pelzträger verschlafen.

Langsam setze ich einen Fuß nach hinten, weg von dem Bären. »Zurück.« Der Wind steht günstig. Die Brise ist schwach und kommt aus Südost, sodass er uns nicht wittern kann.

Meine Gefährten folgen dem Rat. Winlanjor und ich setzen die Schritte behutsam. Fast geräuschlos entfernen wir uns von dem Ungetüm, das seinen Durst in einer Pfütze stillt. Die riesige Zunge fährt immer wieder in die trübbraune Brühe. Die schmatzenden Geräusche vermögen zwar nicht Moraschs Gestampfe zu übertönen, doch scheinen Durst und Müdigkeit des Bären ihn davon abzuhalten, der Quelle des Zweigeknackens nachzugehen. Wir schlagen uns seitlich in das Unterholz und erst als wir den Sichtkontakt verloren haben, beschleunigen wir unsere Schritte wieder.


***


Mitten in der Nacht weckt mich ein leichter Stiefeltritt. »Wach auf, Junge«, raunt Morasch, der für die zweite Wache eingeteilt war. Sofort geht mein Griff zum Nachtwind, den ich aus der Scheide ziehe, während ich mich aufrichte. Bereits als Winlanjor den Lagerplatz gesucht hatte, war mir aufgefallen, dass der Wind gedreht hatte. Da ich ein weitsichtiger Mensch bin, habe ich entgegen meiner Gewohnheit die Lederrüstung anbehalten und preise diese Entscheidung nun vierfach.

Vielleicht ein Dutzend Schritt von uns entfernt raschelt es hinter einem Stechginsterstrauch. Ein Schnauben ist zu hören.

»Der Bär!«, flüstert Winlanjor. »Verhaltet euch ruhig!«

Das Raubtier kommt hervor. Sein Kopf ruckt in unsere Richtung. Die kleinen Augen mustern uns, die Nase bebt. Beinahe achtsam setzt er eine der Pranken vor die andere.

Moraschs Pony schnaubt unruhig. Es zerrt an dem Strick, mit dem der Zwerg es an einen Stamm gebunden hat. Doch zu seinem Glück und unserem Unglück stehen wir zwischen Räuber und Beute.

Langsam gehe ich neben meinem Rucksack in die Hocke, während Winlanjor einen Pfeil zieht und nach hinten weicht. Vielleicht gelingt es, mir Bruder Bär mit Proviant milde zu stimmen. Mit der Linken nestle ich an der Schnürung und verfluche meine ungeschickten Finger, da schreckt mich das Gebrüll Moraschs auf. Breitbeinig steht er da, schlägt die Axt gegen den Schildbuckel und schreit unartikuliert zum Bären hinüber.

Winlanjors Fluch bestärkt mich in der Vermutung, dass dies die denkbar schlechteste Möglichkeit ist, einen hungrigen Schwarzbären zu vertreiben. Jener richtet sich auf die Hinterbeine auf, um meine Ahnung in Gewissheit zu wandeln, und brüllt seinerseits. Mein Atem stockt, als er sich nähert. Mindestens drei Schritt ragt die Bestie auf. Die langen Klauen und Fangzähne sind beachtliche Waffen. Rurs Schöpfungen sind schön, aber das macht diese hier nicht weniger angsteinflößend.

»Hör auf!«, ruft Winlanjor im Rückwärtsgehen, doch dafür ist es zu spät.

Als der Bär sich auf alle Viere fallen lässt, erzittert zwar nicht der Boden, wohl aber meine Knie. Schritt für Schritt schiebt sich der Koloss auf Morasch zu. Lange Speichelfäden ziehen sich zwischen den Fangzähnen, als er ein letztes Mal brüllt.

Mit einem Satz überbrückt er die restliche Strecke. Die Pranke schlägt nach Morasch, der zurückweicht und so dem Hieb entgeht. Ein Pfeil pfeift am Kopf des Bären vorbei.

Tief atme ich ein und springe vor. Zwei über Kreuz geführte Hiebe schlitzen die Flanke des Tieres auf. Blut spritzt mir entgegen. Brüllend fährt der Bär zu mir herum. Sofort stoße ich zu. Einen Spann tief bohrt sich der Stahl in die Schulter. Der Schmerz scheint ihn rasend zu machen. Im Rückwärtsfallen reiße ich den Nachtwind aus seinem Körper. Geifernd schnappen die Kiefer nach meinem Waffenarm, doch verfehlen mich. Sofort rolle ich mich über die Seite ab. Moraschs Axt schlägt in den Hinterlauf, doch die Bestie scheint keinen Schmerz zu spüren und hält weiter auf mich zu. Ein Pfeil Winlanjors dringt in den Rücken des Bären ein.

Ich springe auf, nutze die Kraft der Bewegung und führe den Nachtwind in einem Aufwärtsschwung. Tief schneidet die Klinge in die Brust des Biests. Eine Pranke fliegt auf mich zu. Ich versuche mit einer Körperdrehung dem Schlag zu entgehen, doch zu langsam. Es fühlt sich an, als würde meine Wange zerrissen. Die Wucht fegt mich zur Seite und mir wird kurz schwarz vor Augen. Morasch Kampfschrei dringt an mein Ohr. Das Surren der Bogensehne. Das schmatzende Geräusch, der in Fleisch fahrenden Axt. Ich sehe verschwommen. Recke die Klinge vor, um das Tier auf Abstand zu halten, während ich mich aufrichte. Meine Sicht klärt sich. Direkt vor mir ragt der Bär auf. Auf zwei Beinen stehend wirft er sich auf mich. Mein Nachtwind bohrt sich durch den pelzigen Körper. Messerscharfe Zähne stoßen auf mein Gesicht zu. Ich drehe den Oberkörper zur Seite. Morasch steht seitlich der Bestie, schlägt die Axt in ihre Kniekehle. Wie ein Schraubstock schließen sich die Kiefer um meine Schulter. Zähne bohren sich durch das Leder der Rüstung. Die Masse des Raubtiers reißt mich zu Boden. Hart schlägt mein Kopf auf. Dunkelheit umfängt mich.


Ein Schmerz, als würde mir glühendes Eisen ins Gesicht gedrückt, bringt mich wieder zu Bewusstsein. Schreiend bäume ich mich auf, doch jemand hält mich bei den Schultern. Der Geschmack von Blut und Schnaps läuft mir in den Mund.

»Die Wunden müssen gesäubert werden«, brummt Morasch. Dann schüttet er weiteren Fusel über mich – diesmal auf meine Schulter. Scharf atme ich ein. Winlanjor kniet hinter mir und stützt mich, sodass ich aufrecht sitze. Die Rüstung und das Hemd haben mir die Gefährten ausgezogen. Ich drehe den Kopf, betrachte die Wunde. Vier kreisrunde Löcher, aus denen beständig Blut läuft, zieren sie. Das erste Fingerglied könnte man ohne weiteres darin versenken. Die ganze Schulter ist bläulich verfärbt, die Finger taub. Morasch holt saubere Leinen hervor.

»In meinem Rucksack ...« Ich beiße die Zähne zusammen. Jedes Wort jagt Schmerzen durch meine Wange. »Wirselkraut.«

Morasch nickt und durchwühlt mein Gepäck. Zögerlich taste ich nach meinem Gesicht. Unterhalb des Jochbeins ist alles voller Blut. Mein ganzer Körper ist voll davon.

»Sieht schlimmer aus, als es ist«, versucht Winlanjor mir Mut zu machen. Sein anschließendes Gähnen ist der Situation hingegen nicht angemessen.

Endlich kommt Morasch mit der Heilpflanze zurück und verbindet meine Wunden. Die Schulter pocht, als würden Hunderte kleiner Moraschs mit glühenden Hämmern von innen gegen sie schlagen. Bruder Boron sei gepriesen, falle ich dennoch alsbald in einen tiefen Schlaf.