Die Tochter des Fremdiji (Teil 2)

2. Phex 1040 BF


Es ist Mittag, als wir wieder auf eine Ansiedlung der Garethjas treffen. Von einer kleinen Erhebung aus blicke ich auf den Weiler. Er liegt am Fuß eines langgestreckten Hügels, auf dem sich ein Turm aus dunklem Gestein erhebt. Dieser scheint bewohnt, denn eine blauweiße Fahne, die einen schwarze Wolfskopf zeigt, flattert auf seinen Zinnen.

Das Dorf selbst hat knapp dreißig Holzhäuser. Eine Palisade und vier niedrige Wachtürme bilden seine Wehr. Die Felder, die ringsum liegen, sind nichts als hellbraune Erde. Dahinter schlucken dichte Nadelwälder das Licht.

»Schau«, brummt Morasch, während wir auf das offene Tor zulaufen. »Der Finsterkamm.«

Mein Blick folgt der ausgestreckten Hand des Zwerges. Er zeigt zum Horizont, wo sich ein Gebirgsmassiv erhebt. Die schneebedeckten Hänge funkeln silbern im Sonnenlicht. Unwillkürlich fahre ich mir durch mein weißes Haar und richte den Zopf. Ich bin nicht alt. Mein jetziges Leben begann ich mit dieser Farbe. Sabidja mit den bunten Fingern hält dies für ein Zeichen. Was es bedeuten soll, ließ sie mich jedoch nicht wissen. Möglicherweise hielt sie den Zeitpunkt noch nicht für gekommen oder sie kennt die Wahrheit ebenso wenig, wie ich es tue.

Als wir das Tor fast erreicht haben, tritt eine hagere Frau in einem blauweißen Wappenrock heraus. Sie schultert einen Spieß und schaut uns mit zusammengekniffenen Augen an.

Ich schaue ebenfalls an mir herab. Staub, getrockneter Schlamm und Grasflecken verschmutzen das einst leuchtende Gelb meiner Hose. Das Lila des verspielten Rankenmusters ist nur noch zu erahnen. Auch das hellgrüne Hemd, das ich unter der Lederrüstung trage, hat gelitten. Flecken getrockneten Blutes, mit braunem Leinen geflickte Risse ... Erst jetzt fällt mir auf, wie erbärmlich meine Garderobe ist.

»Söldner?«, will die Torwächterin wissen.

»Garoschem!«, antwortet Morasch. »Die Besten, bei Angroschs Hammer!«

»Preise die Schönheit, Bruderschwester! Wie lautet der Name dieses vierfach gesegneten Ortes?«

Sie zieht die Brauen zusammen. Kurz frage ich mich, ob ich zu schnell für die Garehtja gesprochen habe, dabei bemühe ich mich, so langsam zu reden, dass auch die Fremdijis meinen Worten folgen können.

»Wolfspfort«, erlöst mich die Dürre.

»In welcher Richtung liegt Nachtschattensturm?« Ich versuche mich an einem gewinnbringenden Lächeln, doch ernte ich nur einen abschätzigen Blick.

»Bei Moosgrund. Südöstlich von hier.«

Morasch verdreht die Augen. »Wo kann man hier denn einkehren?«, grummelt er. Mein Versuch Konversation zu betreiben missfällt ihm wohl ebenso sehr wie der Gardistin. »Wir haben Hunger und Durst!«

»Der grüne Waidmann. Nahe dem Perainetempel.«

Wir lassen diese Schwester der Einsilbigkeit stehen und folgen einem Pfad aus festgestampfter Erde. Das Gackern einiger Hühner begleitet unseren Weg, ebenso die neugierigen Blicken zweier Greise, die auf einer Bank hocken. Angesprochen werden wir nicht. Ich frage mich, ob die Menschen hier keine Neugier kennen, und bedaure sie für all den Kladj, der ihnen in ihrem Leben schon entgangen sein muss.

Vor mir betritt Morasch die Tavern’uuzak. »Garoschem, zusammen!«, schmettert er, als wolle er auch noch im Finsterkamm gehört werden. »Bringt Bier, ein deftiges Mahl und kümmert euch um mein Pony!«

Ich folge ihm und muss schmunzeln. Außer dem Wirt, einem kurz geratenen Mann mit beachtlicher Leibesfülle, befindet sich nur eine weitere Person hier. Er sitzt im hintersten Eck des Schankraums. Über einen der freien Stühle hat er einen Kurzbogen samt Köcher gehängt. Daneben baumelt ein Waffengurt mit einem breiten Säbel, der in einer schmucklosen Scheide steckt. Seine abgewetzte Lederrüstung verfestigt mein Bild, es mit einem Söldner zu tun zu haben. Die fein geschnittenen Züge hingegen wirken edel und auch der Glanz der blauschwarzen Haare, die ihm bis über die Schultern fallen, lässt mich an meiner Einschätzung zweifeln. Dann bemerke ich, dass sich seine Augen weiten, als er Morasch sieht. Kurz darauf landet sein Blick auf dem Waffengurt und ruckt dann zum Fenster. Dabei wehen die Haare des Schönlings in sanften Wellen um sein Haupt, sodass ich für einen Moment erkennen kann, dass er spitze Ohren hat. Ein Elf. Hatte ich mir beeindruckender vorgestellt. So groß wie in den Honinger Geschichten sind weder die Augen noch die Ohren. Auch die Statur kommt mir etwas zu kräftig vor, wenngleich er eher athletisch schlank, als gedrungen muskulös wirkt.

Nun scheint auch Morasch zu bemerken, dass da jemand sitzt. Er kneift die Augen zusammen, sodass ich fast Angst habe, die buschigen Brauen könnten ihm jegliche Sicht nehmen. Dann gibt er ein eigenartiges Geräusch zwischen Schnaufen und Grunzen von sich. »Da schlag’ mir doch einer ’nen Funken in die Esse!« Lächelnd stapft er auf den Tisch des Fremden zu, der dem Zwerg wohl doch nicht so fremd ist. »Ich kenne dich aus der Legion, Junge! Bist im elften Rudel, oder? Winlanjor ist dein Name.«

Der Angesprochene nickt zögerlich. Seine Körperhaltung verrät Anspannung. »Du bist Morak Sohn des Morasch.« Für einen Herzschlag ruht sein Blick auf mir und geht dann zu meinem zwergischen Freund zurück. »Kommst du, um mich nach Uhdenberg zurückzuholen?« Seine Verunsicherung schwindet, seine Stimme wird fester. »Ich bin nicht länger bei der Legion!«

Während der Zwerg sich seines Gepäcks entledigt, schüttelt er den Kopf. »Wieso sollte ich dich dann zurückbringen?« Beinahe sanft lehnt er den Zwergenschlegel gegen die Wand. »Morasch Sohn des Morak, Spitzohr. Merk dir das!«

Auch ich stelle mich vor und lasse mich am Tisch nieder. Der Wirt bringt unser Bier und Winlanjor einen Wein, was den Zwerg dazu veranlasst die Vorzüge vergorenen Gerstensafts anzupreisen. Im Anschluss berichtet Morasch noch von unseren Erlebnissen in Tobrien und ich beobachte, wie Winlanjors anfängliches Misstrauen zunehmend schwindet. Der Inhalt meines Bechers ebenso.

In dem Moment, als mein Gefährte dabei ist zu erzählen, wie wir mit einem leibhaftigen Werwolf im Schlepptau Perainefurten betreten haben, wird die Tür der Tavern’uuzak aufgerissen und ein blondes Mädchen stolpert hinein. Ihr Atem geht schnell und sie heftet ihren Blick auf uns. Doch statt sich uns zuzuwenden, eilt sie zum Wirt. Während sie miteinander tuscheln, schauen sie immer wieder herüber, was ich relativ unhöflich finde. Ich bin schließlich ein neugieriger Mensch und offensichtlich sind wir Inhalt ihres Gesprächs.

Mit einem Kopfnicken weise ich meine Tischgenossen auf das ungleiche Pärchen hin, da eilt die Kleine hinter den Tresen und verschwindet in einem offenen Durchgang. Der Wirt hingegen watschelt auf uns zu.

»Meine Herren!« Seine Stimme knarzt wie ein schlecht geöltes Kerkertor. »Der edle Anshold Erlbrück von Wolfspfort sucht nach tapferen Recken.« Er schaut ein wenig missmutig. Vermutlich, weil er gerne noch ein paar Heller an uns verdient hätte. »Leutnant Hohenwald erwartet euch«, seufzt er. Mit gesenkten Schultern watschelt er von dannen.

»Prächtig«, brummt Morasch. »Da können wir bestimmt ein paar Dukaten gut machen.«

Missmutig leert Winlanjor seinen Becher. »Ich bin kein Söldner mehr.« Er hat den Blick eines Suchenden, das erkenne ich sofort und fühle mich ihm dadurch verbunden.

Morasch schaut auf die wenigen Habseligkeiten unseres Gegenübers. Außer den Waffen scheint er kaum etwas zu besitzen. »Hör’s dir doch erstmal an, Spitzohr. Kannst bestimmt ein paar Silbertaler gebrauchen.«

Überrascht ziehe ich eine Braue hoch. Morasch scheint den Elfen zu schätzen, sonst würde er einen voraussichtlichen Sold nicht teilen. Winlanjor wirkt jedoch wenig überzeugt. Da ich mich für einen philosophischen Menschen halte, denke ich, dass ich ihm helfen kann.

»Dich rufen andere Dinge, doch du weißt noch nicht, wohin sie dich rufen.«

Winlanjor schaut mich an, sein Blick sagt mir, dass ich auf der richtigen Spur bin.

»Mein Vetter Derbold mit der gespaltenen Lippe sagte, dass man das, was man begehrt, nicht findet, wenn man stur danach sucht. Man begegnet ihm nur auf anderen Pfaden.« Als nachdenklicher Mensch komme ich nicht umhin, diese Weisheit ebenfalls auf mich selbst zu beziehen. Auch wenn Vetter Derbold dies damals nur als Ausrede gebraucht hat, wohnt seinen Worten große Weisheit inne. Er hatte sich betrunken, statt wie von seiner Frau gefordert, den entlaufenen Hund zu suchen. Weitreichende Erkenntnisse findet man eben auf verschlungenen Wegen.

Zögerlich nickt Winlanjor und erhebt sich. Vetter Derbold sei gepriesen!