Die Tochter des Fremdiji (Teil 1)

Die Tochter des Fremdiji


1.Phex 1040 BF


Tief atme ich die kühle Luft ein, während ich zwischen den Stämmen kahler Buchen und dunkler Tannen nach dem Ursprung des hämmernden Geräuschs suche.

»Specht«, brummt Morasch und fährt sich über einen der geflochtenen Zöpfe seines Bartes. Seine schweren Stiefel zertreten die glockenförmige Blüte eines kleinen Pflänzleins, das die ersten Strahlen der Frühlingssonne zum voreiligen Wachstum genutzt hatte. Leben, Vergehen, Wiedergeburt – so hat es Rur gefügt. Nur dass hier alles langsamer abläuft. Es sei denn die Unachtsamkeit eines Zwerges beschleunigt den Kreislauf.

Schönheit offenbart sich in Weiden auf gänzlich andere Weise als auf meiner Insel. Verglichen mit Maraskan gibt es hier kaum Leben. Seit vier Tagen zähle ich die Vögel, die unseren Weg kreuzen. Bislang waren es neun Arten, zehn, wenn man die Hühner im letzten Dorf in die Rechnung einbezieht. Zuhause findet man mehr Arten in einem einzigen Baum. Auch das Brummen der Käfer fehlt hier. Überhaupt habe ich in den Ländern der Fremdijis kaum Krabbala gesehen. Zwar hat man mir versichert, dass sich dies ändern wird, wenn die Tage länger werden und diesem Teil des Weltendiskus’ mehr Wärme geschenkt wird, doch vermute ich, dass es sich ähnlich verhalten wird, wie bei den Vögeln. Doch wenn ich mir das Aufblühen rings um mich betrachte, erkenne ich die Schönheit dieses Landstrichs: eine Wiedergeburt der Natur. Verblüffend, dass gerade die Garethjas nicht an ihre eigene Wiedergeburt glauben, wo sie doch jährlich Zeuge dieses Spektakels werden. Ich bin ein nachdenklicher Mensch und nehme an, Rurs Idee dahinter zu erkennen. Der Jahresverlauf bringt die Vielfalt, nicht die Artenzahl. Und die Schönheit des Frühlings gewinnt durch den Kontrast mit dem Winter. Gror, die seine Schwester und ihr Bruder ist, wird sich gewiss daran erfreuen.

Gerade will ich meinem zwergischen Freund diese Erkenntnis mitteilen, da bemerke ich, dass er wohl schon einige Zeit am Reden ist. Das ist der Nachteil der Nachdenklichkeit. Man wird unaufmerksam. Der Dualismus aller Dinge. Nichts kommt für sich allein.

»... wie meine Zwergenskraja hier.« Liebevoll fahren die dicken Finger über das Blatt der kurzstieligen Axt, die in einer Lederschlaufe an seinem Gürtel baumelt. Erwartungsvoll mustern mich die blauen Augen unter den buschigen Brauen.

Ich lächle ihn an und klopfe ihm auf die Schulter. »Schon recht, Morasch. Das dachte ich auch gerade.«

»Bist ja auch nicht auf den Kopf gefallen, Junge. Deswegen sind wir Angroschos auch so gut gebaut. So können wir für jede Gelegenheit das passende Werkzeug mit uns führen.«

Nun, die einen sagen so, die anderen so. Ich bin ein kluger Mann und sage deshalb nichts dazu, während ich meinen kurzbeinigen Gefährten mustere. Die Axt am Gürtel ist nicht seine einzige Waffe. Eine schwere Armbrust und eine Eisenwalder führt er auf dem Pony mit sich, das genügsam hinter uns trottet. Der Rundschild ist an den Rucksack geschnallt, unter dem er wiederum einen langstieligen Hammer trägt. Es muss der niedrige Schwerpunkt sein, der verhindert, dass der Zwerg einfach hinten überkippt.

Unwillkürlich muss ich schmunzeln und lege die Hand auf den Griff meines Nachtwinds. »Du sagst Werkzeuge, meinst aber Waffen.«

»Wo ist der Unterschied? Werkzeuge, um den Willen Väterchen Angroschs zu vollstrecken. Das sind Waffen!«

Wieder komme ich ins Grübeln, während Morasch ausschweifend und mit glänzenden Augen über Waffen und zwergische Schmiedekunst schwedzt.

Waffen! »Nur wer die Waffe besitzt, kann Frieden schaffen!«, sagte mein Meister Norjin der Wendige zu mir, als wir mit gezückten Klingen bei der Befreiung Tuzaks gegen die Haffajas kämpften. Kurz darauf trat er vor Bruder Boron.

Seit jenem Moment beschäftigt mich eine Frage: Was ist diese Waffe? Blanker Stahl kann nicht gemeint sein, denn den besitzen auch unsere Feinde. Offenkundig handelt es sich um ein Gleichnis. Damals hatte ich das nicht verstanden. Erst ein Jahr später kam ich der Antwort näher.

»Hörst du mich, Junge?« Morasch schüttelt den Kopf, sodass sich einige Haare seines pechfarbenen Bartes in den Ringen des Kettenhemdes verfangen. Beiläufig wischt er mit dem behandschuhten Handrücken über die Rüstung. »Die Drachen, Junge ... und ihre geschuppten Diener!« Misstrauisch gleitet sein Blick zum Blau des Himmels, als könne sich jeden Moment etwas auf uns herab stürzen.

Ich nicke nur, während ich über den Zorn meines Gefährten auf alles echsische nachsinne. Da ich wie gesagt ein äußerst nachdenklicher Mensch bin, grübele ich, ob mich das Schicksal mit Morasch hat zusammentreffen lassen. Echsen ... zum Teil hatte ich ihretwegen meine Insel verlassen. Auf der Suche nach Antworten und der Waffe.

Fast genau sechzehn Monde waren seit jenem schicksalhaften Tag vergangen. Ein gutes Zeichen. Vier mal vier Monde der Suche ... ich komme der Antwort näher, das spüre ich. Damals kehrte Gerusab mit den krummen Beinen, eine frühere Kampfgefährtin, die im Dschungel verschollen gewesen war, unerwartet zurück. Irgendetwas hatte sie gesehen. Furcht stand in ihren Augen. Furcht, die in wilde Panik umschlug, sobald sie auch nur eine Eidechse sah. Und als einmal eine harmlose Natter ihren Weg kreuzte, wollte sich Gerusab sogar in ihr Schwert stürzen.

Balziber mit dem Kupferkessel, der für seinen scharfen Verstand bekannt ist, folgerte, dass, was immer für ihren Zustand verantwortlich sei, die Gestalt einer Schlange haben müsse. Nie wieder würde sie die Schönheit meiner Insel genießen können. Rur hat in seiner Weisheit Maraskan als einen Ort vielgestaltigen Lebens erschaffen. Balziber meinte, auf jeden Menschen dort kämen vier mal vier Schlangen und vierzig mal vierzig Echsen. Um Gerusabs Leid zu mindern, setzten wir sie in ein Schiff mit dem Ziel Festum, denn im Norden gibt es kaum schuppiges Leben, sagt man. Traurig, dass nur ein Mangel an Vielfalt ihr Linderung bieten kann. Arme Gerusab. Möge sie bald vor Bruder Boron treten und in ihrem nächsten Leben befreit von ihren Ängsten sein. Als guter Freund pilgerte ich schon bald nach ihrer Abreise zu einem Tempel, um Schwester Tsa eine Reihe sinnvoller Vorschläge für das nächste Leben Gerusabs zu unterbreiten.

»Es dämmert«, reißt mich die Brummstimme des Zwerges erneut aus meinen Gedanken.

»Wir hätten auf der Straße bleiben sollen. So müssen wir im Freien nächtigen, statt in einer Tavern’uuzak einkehren zu können.«

»Pah, das Bier der Großlinge ist nicht besser als Wasser, ihre Essen mager und ihre Betten zu weich. Dafür werfe ich ihnen nicht mein sauer verdientes Silber in den Rachen.«

Ich zucke die Schultern. Zwar hat uns der Garethja namens Kolebrander in Olat reichlich entlohnt, aber ich habe gelernt, dass mein Gefährte von einem einmal gefassten Entschluss nicht abweicht.


Wenig später habe ich einen geeigneten Lagerplatz gefunden. Der orangefarbene Schein des Feuers wirft tanzende Schatten auf die Felswand in unserem Rücken. Moraschs dröhnendes Schnarchen übertönt das Knacken der Äste. Er klingt wie ein Baumwürger, der einen Rivalen vertreiben will. Ansonsten liegt er völlig reglos. Würde sich nicht der breite Brustkorb heben und senken, könnte man ihn für eine Statue halten. Da ich im Gegensatz zu dem Zwerg nicht in Rüstung zu schlafen gedenke, öffne ich die Riemen meines Kurbuls. Während ich den Panzer ausziehe, muss ich wieder an Gerusab denken. Wie es ihr wohl in Festum ergeht? Ich habe eine Tante dort, der ich bei nächster Gelegenheit einen Brief schreiben sollte.

Ich bette den Kopf auf die Lederrüstung, breite den Umhang aus Wolfsfell über mich und schaue zwischen den blattlosen Kronen zu den Sternen hinauf. Die Nacht ist klar und kühl. Das Einschlafen fällt mir schwer. Aber das fiel es mir auch in den Dschungeln meiner Insel, wo einen die Schwüle niederdrückt. Maraskan! Vierfach werde ich deine Schönheit preisen, wenn ich zurückkehre. Doch noch ist es zu früh. Mein Onkel Balziber mit dem Kupferkessel gab mir den Rat in die Ferne aufzubrechen, um meine Antworten zu finden.

Beinahe ein Jahr suchte ich zuvor in den Dschungeln nach dem Schrecken, der Gerusabs Geist in ein Gefängnis aus Angst eingeschlossen hatte – doch ich fand ihn nicht. Eine andere Erkenntnis errang ich jedoch. Die Schönheit meiner Insel in all ihrer Vielgestaltigkeit war durchsetzt von einzigartig Hässlichem. Besonders im Landesinneren wucherte es wie ein Geschwür. Von Haffajas, die wir gefangengesetzt hatten, wusste ich, dass sie weder verantwortlich dafür waren, noch davon profitierten. War es das Schlangenwesen, dass dem Dschungel die Schönheit raubte? Maraskan blieb mir die Antwort schuldig. Wenn das Jetzt keine Erkenntnis liefert, reise zum Ursprung, hatte mir Sabidja mit den bunten Fingern geraten. Da Sabidja, die Frau meines Vetters Hadrijian, eine noch nachdenklichere Person ist, als ich es bin, folgte ich diesem Rat. Ich setzte mich auf die Spur von Dharzjinion, den die Garethjas Borbarad nennen. Dragenfeld, der Ort, an dem er aus dem Äthrajin gerissen wurde, war eine Sackgasse. Doch immerhin erfuhr ich, dass er seinen Leib erst an einer anderen Stelle erhalten hatte: Nachtschattensturm. Morasch zu liebe reisten wir zunächst nach Olat, um die Belohnung, die uns dieser Kolebrander versprochen hatte, in Empfang zu nehmen. Nun sind wir auf dem Weg zu diesem Turm, aber mein Orientierungssinn sagt mir, dass wir in die falsche Richtung laufen. Andererseits – auf Umwegen wächst die Ortskenntnis. Alles hat seinen Sinn in Rurs Schöpfung!