Vom Umgang mit Niederlagen - Gauklerparabel

Wieder einmal ist es Gon Partach bren Yarrodh, Yalding von Niellyn, der den Barbaren um Rat fragt. Das Gon‘da Gon Palenkel, die Gjalsker Wettkämpfe, die jährlich hier ausgetragen werden, sind zu Ende und mal wieder heißt der Sieger Gon Bartakh bren Yuchdan vom Haerad Mortakh. Niellyn hingegen ist erneut leer ausgegangen.

Partach tobt vor Wut.

„Ifrunndoch, du bist doch auch von Niellyn. Wie kannst du angesichts unserer Niederlage dermaßen gelassen bleiben?“

„Von welcher Niederlage sprichst du?“, will der Barbar wissen.

„Sag‘ bloß, du hast das Gon’da Gon Palenkel verpasst!“

„Wie hätte ich das verpassen können? Bartakhs Schreie waren ja nicht zu überhören.“

„Dann hast du es ja doch mitbekommen“, stellt der Yalding irritiert fest.

„Auf meinen Wanderungen“, führt der Barbar aus, „bin ich viel herumgekommen. Einmal war ich sehr weit im Süden, in einem Haerad, in dem man Sindarra als Hesinde und Fekorr als Phex verehrt. Und selbst Makka wird dort Mada genannt. Müde von der Reise bezog ich eine Unterkunft und nachdem ich meine Sachen abgelegt hatte, machte ich mich auf, den Ort zu erkunden. Ein Stimmengewirr, das nicht zu überhören war, führte mich auf einen großen Platz, über den zwei Gaukler ein geradezu mickrig wirkendes Seil in gewaltiger Höhe aufspannten.“

„Gaukler?“, unterbricht der Yalding den Barbaren fragend.

„Umherziehende Menschen, die mit dem Aufführen von Kunststücken ihren Lebensunterhalt verdienen“, erklärt der Barbar. „Jedenfalls spannten die beiden ein Seil über den großen Platz und zum Schutz ein großes Netz darunter, damit sie, im Falle eines Falles, auf alle Fälle abgesichert wären. Nun kletterte der erste Gaukler nach oben und lief ganz vorsichtig, Stück für Stück, die Menschen im Süden nennen das „balancieren“, über das Seil. Mit Erfolg. Kurz darauf folgte ihm der zweite, jedoch mit weit weniger Geschick. Er glitt aus und fiel in das Netz. Als die beiden später dann ihre Vorführung beendet hatten und in den Tempel gingen, um Fekorr, der dort ja Phex heißt, seinen Anteil zu geben, verspürte einer von ihnen das Verlangen, dieses Mal ein größeres Opfer zu geben als sonst. Sage mir, Partach, welcher der beiden wird das wohl gewesen sein?“

Der Yalding verzieht die Stirn und überlegt. „Nun, ich denke, derjenige, der ins Netz gefallen ist.“

„Du denkst richtig, Yalding“, urteilt der Barbar. „Wie kommst du darauf?“

„Für den ersten war es nur ein Tag wie jeder andere – also fiel auch sein Opfer aus wie jedes andere. Der zweite hingegen ist mit dem Schrecken davon gekommen. Aber darüber hinaus hat er gelernt, wie es ist, hinzufallen.“

„Deine Begründung überzeugt mich nicht vollständig“, stellt der Barbar fest. „Für das Hinfallen hätte ich Fekorr nicht eine einzige Münze gegeben.“

„Wofür denn dann?“, will Partach wissen.

„Für das Aufstehen.“

„Schön“, entgegnet Partach wortkarg. „Und was hat das jetzt mit mir zu tun?“

„Du bist der Gaukler, Partach. Ifrunn hat dich, hat Niellyn heute wieder aufstehen lassen. Und nun geh‘ hin zu den Kreidefelsen und gib dem Meister des Überlebenskampfes, gib Ifrunn doch ein besonderes Opfer. Denn Niellyn hat heute keine Niederlage erlitten, sondern ist nach einem harten Fall in einem weichen Netz gelandet. Und wieder aufgestanden.“