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Durch den Dornenwall

  • Minerva Ragana
  • February 10, 2025 at 7:38 PM
  • 226 times read

Der Morgen brach an, doch das Tal lag unverändert vor uns. Ein Späher brachte Bericht: Eine Schneise führte vom feindlichen Lager bis ins Herz des Tals, und ein Trupp von Lucardus’ Heer bewegte sich dort entlang. Unser Plan war schnell gefasst - das Heer der Golgariten und des Markgrafen von Mersingen würde sich links um den Talkessel herumbewegen und dem vorrückenden Feind in den Rücken fallen.

Wir jedoch - Donna Rahjadis, Paske von Rabenmund, Alondro und ich - sollten direkt ins Zentrum des Tals vordringen, frontal auf jene zu, die sich von Lucardus’ Streitkräften abgesondert hatten und gesondert vorrückten. Auch Borondria schloss sich uns an. So waren wir nun fünf, die borongefällige Zahl.

Unser Weg führte uns durch einen dichten Blautannwald. Ihre hohen Stämmen und der würzige Duft der Nadeln ließ mich an meine Heimat in Weiden denken, doch diese Bäume waren dennoch anders. Sie wirkten, als hätten sie sich die alveransstrebende Majestät der Dschungelriesen abgeschaut. Gewaltig ragten sie empor. Ihre Nadeln waren länger und spitzer. Und das dichte Unterholz war durchsetzt von dornigen Ranken.

Wir kämpften uns voran, ließen uns von misstrauischen Blaumeisen beäugen und vermieden unter den unnatürlich starren Blicken der Vögel jede hektische Bewegung. Ich bin mir gewiss, dass uns diese Umsicht vor ihrem Missfallen bewahrte. Dann, plötzlich, ein erstickter Fluch vor mir. Ich hob den Blick und sah Alondro, der über und über von einem dunklen, krabbelnden Gewusel bedeckt war. Ein Schwarm Ameisen überfiel ihn, kroch über seinen Rücken, seine Arme, seinen Nacken. Ein Schauer lief mir über den Rücken, doch ich danke Firun, dass Alondro und Paske die Nerven behielten. Gemeinsam schüttelten sie die Insekten ab, bis sie sich wieder in den Waldboden verzogen.

Kurz darauf standen wir vor einer Rotte Wildschweine. Die Tiere hatten uns längst bemerkt, ihre kleinen, dunklen Augen aufmerksam auf uns gerichtet. Behutsam näherten wir uns, und ich betete zur Heiteren Göttin. Ehre sei Rahja! Sie erhörte meine Bitte und mit Borons Macht senkte sich der Frieden Ihrer göttlichen Harmonie auf die Tiere. Ihre Unruhe schwand, sie wandten sich wieder dem Boden zu, schnüffelten friedlich nach Wurzeln und Blättern.

Doch der Wald war voller weiterer Prüfungen. Wenige Schritte später blieb Rahjadis abrupt stehen. Ihr Arm klebte am Stamm eines Baumes fest. Ein klebriger Film spannte sich über ihre Haut und zog sich mit jedem ihrer Versuche, sich von der Rinde zu lösen, nur noch fester. Alondro griff zur Klinge, doch selbst sein scharfes Jagdmesser konnte sie nicht befreien. Erst, als er mit einem Handbeil vorsichtig die Rinde spaltete, ließ das Holz sie los.

Wir kamen nur langsam voran. Und als wäre dies der Prüfungen noch nicht genug, bewarf uns der Wald mit explodierenden Kastanien. Hier war Umsicht fehl am Platze. Mit den Armen schützend über unseren Köpfen rannten wir, so schnell es das Dickicht zuließ.

Doch schließlich, nach all diesen Widrigkeiten, erreichten wir den Dornenwall.


Rahjadis wirkte ihre Zauberkunst, hob Sumus Griff auf, und wir glitten durch die Luft, als würden wir schwimmen. So hatte es uns Rahjadis geraten, zu tun. Paske und Borondria machten es vor. Eine merkwürdige Vorstellung, zumal ich nicht schwimmen kann. Doch Alondro war bei mir und brachte mich sicher auf die andere Seite, während ich mich nur seinen Armen überlassen musste. Kein unangenehmes Gefühl.

Kaum hatten wir festen Boden unter den Füßen, da erschütterte ein urtümliches Brüllen die Luft. Die Erde vibrierte unter dem Klang. Der Drache. Das Wesen, das Zandon in Mercurios Gedanken gesehen hatte, war hier. Doch galt sein Zorn uns oder jenen Untoten, die sich ihm näherten?


Vor uns erstreckte sich eine Wiese, lebendig und voller Farben, die ich nicht sehen konnte, doch deren süßen Duft ich ebenso deutlich roch wie alle anderen. Hummeln brummten, Schmetterlinge tanzten durch die Luft. Die Pflanzen wuchsen hier wild und unberührt und ich sah Gewächse aus allen Teilen Aventuriens - eine unnatürliche Sammlung der Natur. Wunderschön.

Gegenüber lag Lucardus’ Lager. Unnatürlich und weit weniger schön. Dort, wo die Schatten schwer auf die Wiese fielen, bewegte sich etwas Grünes. Der Drache. Ein gewaltiges Geschöpf, mindestens dreißig Schritt lang. Menschen wuselten rings um ihn, doch wer sie waren, konnten wir nicht sagen. Waren es Lucardus’ Krieger? Oder Golgariten und die Truppen des Markgrafen?

Rahjadis kniete sich nieder, schnupperte an einer Lotusblüte. Sekunden später begann sie zu murmeln, von Blüten zu sprechen, die sie im Himmel sah, von gigantischen Pilzen und lilafarbenen Wolken. Ich sah, wie feiner, grauer Staub aus Alondros Fußstapfen aufstieg.

Sofort zog ich ein Tuch hervor, presste es gegen Mund und Nase. "Tut es mir gleich! Schnell!"

Wir bedeckten unser Gesicht, bevor weitere Trugbilder uns vernebeln konnten, und zogen weiter.


Dann standen wir am Rand des uralten Blutulmenkreises. Neun Blutulmen, hoch und majestätisch, streckten sich dem Himmel entgegen. Und dort, im Schatten ihrer Äste, hatte sich unser schlimmster Feind bereits auf etwas vorbereitet.

Lucardus von Kemet, der Hochverräter an Boron und am Golgariten-Orden, der Erzfeind meiner Kirche. Dort stand er, inmitten einer Handvoll Getreuer.

Egilsheim: Zuhause. In mehr als einer Welt.

"'Die Nacht ist finster', sagte die Angst. - 'Die Nacht leuchtet', sagte die Tapferkeit." I Muvrini

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