Boroni unter sich

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Zum Orkenspalter Jubiläum habe ich eine kleine Aktion gestartet, an der ihr hier teilnehmen könnt.
  • In einem Borontempel einer mittelgroßen Stadt mitten im Mittelreich.


    Marbiona betritt lautlos die Halle der Träume. Ihre Augen sind an Dunkelheit gewöhnt, daher ist es kein Problem für sie, die Umrisse der Liegen auszumachen. Ein leichter Hauch aromatischer Kräuter liegt in der Luft, vielleicht noch vom Vortag, doch heute wurde noch kein Räucherwerk verbrannt. Es ist noch früh am Tag.


    Sie setzt sich auf eine der Liegen, schließt die Augen und lässt die Stille auf sich wirken.

    The woods are lovely, dark and deep

    But I have promises to keep

    And miles to go before I sleep

    And miles to go before I sleep.

    (Robert Frost)

  • Mitten im Borontempel... ist es düster. Eine Kerze brennt geräuschlos in einem roten Windlicht vor einem Bild der Heiligen Etilia, der Hoffnungsspenderin. Ein weiteres rotes Kerzenlicht brennt an der Stelle im Tempel, an der die Reliquie aufbewahrt wird, die dieses Gotteshaus eingesegnet hat. Das morgendliche Licht sickert sparsam und blass durch die schmalen Fenster, die hoch in den Wänden liegen und wie Schießscharten außen sehr klein sind und sich nach innen verbreitern. Die Wände sind dick, damit sie den Lärm der Stadt aussperren. Dicke, schwere, schwarze Vorhänge hängen außerdem vor jeder Türe, die nach draußen führt, sodass selbst wenn die Türe geöffnet wird und ein Besucher eintritt, hereindringender Lärm gedämpft wird.

    In den Seitenwänden gibt es viele Nischen, in denen kleine Schreine mit dem Bildnis eines der Heiligen oder einer Statuette der rabengestaltigen Alveraniare Borons untergebracht sind. In anderen Nischen, vor denen wiederum samtige Vorhänge angebracht sind, befinden sich die Liegen. Zwei der Vorhänge sind zugezogen, auf einer anderen Liege hat sich ein alter Mann gebettet, ohne sich diese Privatsphäre zu verschaffen. Auf einer weiteren Liege schließlich hat sich eine Frau im Sitzen niedergelassen, eine Boroni offenbar, ihrem Gewand nach zu urteilen.

    Schweigen herrscht, aber keine vollkommene Stille. Kleidung raschelt leise, als sich einer der Träumenden auf die andere Seite dreht. Aus einem Alkoven erklingen stetige, rasselnde Atemzüge.


    Die fast vollkommene Stille wird durchbrochen, als sich die Türe des Tempels öffnet und wieder geschlossen wird. Die Füße der Frau stecken in abgestoßenen Lederschuhen, auf dem Rücken sitzt ein kleiner Rucksack. Sie trägt das schwarze Habit einer Boroni und dazu die dunkelviolette Schärpe der Noioniten um den Leib. Sie ist sehr blass. Auf den ersten Blick hält man sie wohl für eine alte Frau, da sie weiße Haare hat, die im Nacken zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengefasst sind. Ein zweiter Blick lässt den Betrachter jedoch feststellen, dass sie nicht mehr als fünfzig und auch noch keine vierzig Götterläufe gesehen haben mag. 30 Götterläufe mag sie ungefähr zählen. Und die Priesterin hat sehr helle Augen und die farblose Haut eines Albinos.

    Die Noionitin bleibt nach zwei Schritten in das Innere stehen, sieht sich um und betrachtet vor allem den Raum, die Architektur und die spärliche Einrichtung. Dann, als sich ihre Augen ein wenig an das Dämmerlicht angepasst haben, ist ihr erster Gang zum Hauptaltar, wo sie sich abkniet und dann in der nächsten Bank Platz nimmt. Sie faltet die Hände im Schoß und neigt den Kopf. Manchmal blickt sie auf und schaut auf den Altar.

  • Marbiona, die Frau, die auf der einen Liege sitzt, ist sichtlich Dienerin Bishdariels, erkennbar an der Gestalt des Rabens auf ihrer Robe. Sie ist eine junge Frau von um die 25 Sommern, mit langen, glatten, schwarzen Haaren, die sie ordentlich zu einem Dutt aufgesteckt trägt, und ist klein und zierlich.


    Bei Noionas Eintreten sieht sie kurz auf, nickt der eintretenden Priesterin freundlich zu und schließt dann wieder die Augen, um ihre Meditation zu beenden.


    Nun herrscht wieder Stille, abgesehen vom Geräusch der Atemzüge, die zunehmend etwas unregelmäßig werden.

    The woods are lovely, dark and deep

    But I have promises to keep

    And miles to go before I sleep

    And miles to go before I sleep.

    (Robert Frost)

  • Noiona bedenkt im Gebet den Weg, den sie von Warunk bis hierher zurückgelegt hat: Durch die Rabenmark mit ihren Burgen und Garnisonen unter dem allgegenwärtigen schwarz-weißen Rad-und-Schwingen-Wappen des Golgaritenordens, vorbei an Sancta Boronia hinter seinem ewigen Nebelschleier, vorbei an Schlachtfeldern längst und jüngst vergangener Tage - und den Weg, der noch vor ihr liegt, bis sie ihr Ziel erreicht: Punin, das Gebrochene Rad, eine Audienz beim Raben von Punin.
    Die wandernde Priesterin betet darum, dass der Heilige Golgari auch weiterhin seine schützenden Schwingen über ihr ausbreite und sie betet weiter zu ihrer Namens- und Ordenspatronin: Sancta Noiona, spende denen deinen Segen, die ich in Warunk gelassen habe: Gib Dragomir ein heiteres Gemüt, gib Korissa und Junivera Stärke, gib Zholfried und Lolinde Zuversicht. Gewähre Schwester Rugosa und Jonas die Kraft und Gelassenheit, die sie während meiner Abwesenheit brauchen.

    Sie versucht, sich keine Sorgen um ihre Patienten zu machen. Zwar war Jonas jung, tollpatschig und unerfahren und Schwester Rugosa war alt und hatte erst im letzten Jahr die Weihe erhalten, sie konnte ihr noch nicht durch die Hilfe der Götter eine Botschaft zukommen lassen. Aber Pater Golgorian und Pater Gerbor Utharis waren ja eigentlich immer bei ihnen in der Nähe.


    Nachdem einige Minuten verstrichen sind, steht sie von der Bank auf und lässt ihren Rucksack stehen. Mit leisen Schritten geht sie zum Altar und die zwei flachen Stufen hinauf, die erhöht liegt. Über dem Altar aus glattem, schwarzen Granit ist ein filigran aus Holz geschnitztes, dreiflügeliges Altarbild. Links stürzt Golgari nieder und Szenen mit dem Seelenraben füllen diesen Flügel des Tryptichons aus, rechts sind es Schnitzereien mit dem aufstrebenden Bishdariel, dem Traumboten. Noionas farblose Augen bewundern das Kunstwerk und wandern dann nach unten. Dort auf dem Steinblock liegt das Schwarze Buch des Tempels. Das Gebrochene Rad ist groß auf den schwarzen Einband aus Rindsleder eingeprägt. Falls es einmal versilbert war, ist keine Spur davon mehr zu sehen. Ehrfürchtig bleibt Noiona stehen, aber von dem Praetor - oder der Vorsteherin - des Tempels ist auch nicht zu sehen. Niemand, der es ihr ausdrücklich erlauben kann. Oder verwehren. Und immerhin ist sie Priesterin.

    Und im Herzen immer noch Skriptorin.

    Noiona tritt den letzten Schritt vor, der sie vom Altar trennt. Sie hebt ihre Hände mit den Handflächen nach oben, schließt die Augen und betet im Stillen die Formel: Dies, Herr, ist Dein Wort. Lob sei Dir, Boron. Danach streichen ihre weißen Finger sanft über den Rand des Ledereinbands, fühlen über einen kleinen Riss am Rücken und die abgeschlagenen Kanten. Erst jetzt öffnet sie die Augen wieder und sie schlägt die erste Seite auf.

  • Marbiona öffnet die Augen und erhebt sich. Lautlos geht sie zu dem Alkoven hinüber, wo eine alte Frau liegt, dem ewigen Vater schon ganz nah. Ihre knochige Brust hebt und senkt sich nur noch mit Mühe, und teilweise nur noch ganz flach. Ihr Gesicht ist eingefallen und bleich, an Kinn und Kehle beginnen sich bereits Boronangerrosen abzuzeichnen.


    Die Priesterin schließt den schweren schwarzen Vorhang des Alkovens, zieht sich einen Schemel herbei und setzt sich neben die Sterbende, nimmt ihre Hand. Sie öffnet nicht mehr die Augen, aber Marbiona spürt einen leichten Druck. So beginnt sie, leise zu summen, ein altes, bekanntes Schlaflied - gerade so, dass die alte Frau sie hören kann, dass die letzten Minuten ihres Lebens von Schönheit und Musik erfüllt sind, aber die Ruhe der Halle der Träume nicht gestört sind und dass sie die letzten Worte noch vernehmen kann. Mit diesem Lied hat sicher auch diese alte Frau damals ihre Kinder in den Schlaf gewiegt, und ihre Mutter sie selbst. Eine Melodie, die Frieden spendet.


    Im schwachen Licht der Kerze in einer Nische sieht Marbiona, wie sich die Züge der Sterbenden entspannen. Ihr Atem wird ruhiger, flacher. Frieden tritt auf das faltige Antlitz, und Frieden breitet sich auch im Gemüt der Priesterin aus. Mein Herr Boron, nimm dich der Seele dieser Frau gnädig an, und wäge sie gerecht, betet sie stumm. Golgari, gewähre ihr dein Geleit. Bishdariel, lass sie einen sanften Übergang haben, vielleicht mit einer letzten Erkenntnis an der Schwelle des Überganges. Sie beugt sich zum Gesicht der alten Frau hinunter, berührt sanft die kalte Stirn mit den Lippen. "Mein Kind. Der Ewige ist mit dir", flüstert sie.

    The woods are lovely, dark and deep

    But I have promises to keep

    And miles to go before I sleep

    And miles to go before I sleep.

    (Robert Frost)