Völlig DSA-freier Inhalt: (BEHIND THE) EIGHT BALL

  • Während langer, kalter Winterabende vor knisterndem Kaminfeuer ursprünglich für eine Anthologie geschrieben, wurde dieses Manuskript dann leider nicht in diese aufgenommen und fristete seitdem ein einsames Dasein in einer dunklen, feuchten und sehr zugigen Schreibtischschublade.

    Ähem. Vielleicht war es auch keine Schublade; eher waren es ein paar Cluster auf einem elektromagnetischen Datenträger. Und – wenn wir nun schonmal in so einer richtig unromantischen Phase stecken – geschrieben wurde diese Story auch nicht während langer, kalter Winterabende. Eher an einem Wochenende im September 2016. Aber immerhin, es war mit schlappen 18 Stunden Dauer eine doch recht intensive Beschäftigung für einen sehr, sehr alten Mann mit eigentlich sehr, sehr wenig Zeit, finde ich.

    Aber ich musste damals einfach diese Story schreiben. Hatte ich doch Monate zuvor, im Januar oder Februar, erstmals von der Ausschreibung zu dieser Anthologie erfahren und komischerweise sofort und fast im Wortlaut konkret noch während des Lesens der Teilnahmebedingungen jene Geschichte vor meinen geistigen Augen. Ich musste nur ein wenig in mich gehen, um den Text lesbar vor mir sehen zu können, Wort für Wort so wie er nun auch hier für diese Veröffentlichung vorliegt. Magisch, nicht wahr? Eher schon gespenstisch. Denn eigentlich war es nicht meine Absicht, auf jene – oder irgendeine andere – Ausschreibung mit einem Beitrag zu reagieren. Es war, daran gab es mit dem Intensiverwerden dieser Eindrücke in den folgenden Monaten keinerlei Zweifel mehr, die Geschichte selbst, die mich letztlich zum Niederschreiben dieses Manuskripts nötigte. Wann immer ich etwas las, eine Tastatur, einen Stift, ein Blatt Papier oder dergleichen erblickte, machte es irgendwo in mir: Schreib mich! Anfangs unbewusst, kaum wahrnehmbar, wie die kaum verständlichen Stimmen draußen an den Fenstern vorbeigehender Passanten; dann aber immer bewusster und deutlicher, dabei auch eindringlicher werdend: Schreib! Mich! Und so hockte ich mich schließlich zwei Wochen vor Einsendeschluss für diese Anthologie hin und schrieb.

    Für die Schublade, wie sich herausstellte, denn mein Manuskript gehörte dann zu jenen etwa 90, die nicht in die Anthologie aufgenommen wurden (als ich den ablehnenden Bescheid las hörte ich wieder jene Stimme in meinem Kopf, nur sagte sie diesmal nicht mehr Schreib mich, sondern Du bist aber leicht zu steuern, und lachte äußerst amüsiert).

    Die betreffende Anthologie ist jetzt seit einigen Monaten draußen.


    Hier mein Eindruck davon.


    Und während dieser Zeit seitdem vernahm ich immer lauter werdend diese klopfenden und kratzenden Geräusche von jener Schreibtischschublade Harddisk kommend. Kein Zweifel: Die Platte geht sehr bald kaputt. So wie sie damals gedrängt hat geschrieben zu werden verlangte diese Geschichte nun immer intensiver werdend nach Öffentlichkeit.

    Bevor diese andauernden, eindringlichen Aufforderungen meinen Geisteszustand in noch kritischere Verfassung bringen gebe ich ihnen hiermit nach und habe dann hoffentlich wieder etwas Ruhe. Und schnellstens eine neue Harddisk.


    Ach ja, dies noch: Das mit dem knisternden Kaminfeuer stimmt auch nicht so ganz (warum sollte auch von alledem gerade dies stimmen?) ;-)

    Ich hatte übrigens bis vor kurzem, Frühling und Sommer 2017, im Schornstein eine Dohlenfamilie als Nachbarn, und trotz der vielen laut quietschenden und tschackenden Rufe dieser sehr lebhaften Vögel und dem gelegentlichen Bombardiertwerden mit ihren Exkrementen während ihrer An- und Abflüge sollte sich eigentlich jeglicher Gedanke an Kaminfeuer und dergleichen ganz von selbst verbieten. Kann mir also gar nicht erklären, woher solche Einredungen kommen. Ist vielleicht schon wieder eine weitere Geschichte, die geschrieben werden will…


    Wie auch immer. Für diejenigen, die Mühe haben, solche überlangen Zeilen in unformatierten Texten richtig lesen zu können, befindet sich hier eine Datei mit – hoffentlich – ansprechend aufbereitetem Text. Vor allem sind dort auch jene – wie ich finde nicht unwichtigen – kursiven Hervorhebungen erhalten, die beim Reinkopieren von Text in einen Post dieses Forums leider stets verloren gehen und so von mir ziemlich mühsam nachgesetzt werden müssten – was sich bei einem Text mit 25.000 Zeichen und daraus resultierendem Zeitaufwand ganz von selbst verbietet.

    Rein inhaltlich hingegen wurde seit Einreichung im September 2016 nichts an dieser Geschichte verändert.


    Und nun wünsche ich ein angenehmes und unterhaltsames Lesen. Frei von jeglichen störenden Stimmen. :-)


    Timm_Sporn_EIGHT_BALL_orkenspalter.de.pdf




    (BEHIND THE) EIGHT BALL



    Seit gut zwei Jahren war ich jetzt der offizielle Leiter eines kleinen Kasinos in einer wirklich winzigen Kleinstadt weit, weit draußen, in richtig ländlicher Gegend, da wo sich eigentlich niemand freiwillig aufhält, der noch halbwegs nah dran an der hektischen Action sein und mit all seinen Sinnen den heißen Puls des Lebens verspüren will.

    Ich hatte damals schnell abtauchen müssen, da sich gewisse Dinge gegen mich entwickelt hatten, nachdem mir Hansi – ja genau, jener halbseidene Pferdchen-Hansi, der es als C-Promi immer wieder mal in die Gerüchteküche der Boulevard-Presse oder die Klatsch-Nachrichtensendungen verschiedener Fernsehsender schaffte – womöglich ein paar der speziellen Aufträge zu viel zugeschoben hatte und die Bullen so langsam aber sicher Klarheit bekamen, um wen genau es sich bei mir handelte und auf welche Art und Weise ich Punkte für mein Team machte. Davon, dass ich in Hansis Mannschaft spielte, wussten sie ja schließlich längst, denn nur wer für ihn arbeitete und somit sein Vertrauen genoss kam wie ich auf Armlänge an Hansi heran.

    Hansi hatte mich damals also sicherheitshalber abgezogen, bevor man mich hochnehmen konnte, und somit war ich hier in diesem von allem verlassenen Kaff gelandet, aus der Schusslinie raus, aber auch weit ab von jenen speziellen Aufträgen Hansis, die mir bis dahin die richtig großen Batzen auf die Schnelle eingebracht hatten. Es war so eine Art von Exil, in das man einen verdienten Vasallen, der gefährlich viel über einen selbst wusste, abschob wenn man der Meinung war, dass man diesen verdienten Vasallen auch weiterhin gewinnbringend würde einsetzen können und darauf hoffte, ihn vielleicht irgendwann nochmal als Trumpfkarte ziehen zu können. Würde eine solche Überlegung nicht existieren hätte Hansi mich ganz sicher komplett aus dem Spiel genommen, da machte ich mir keinerlei Illusionen: In unserer Branche lässt man niemanden im Spiel, der einen mit seiner Aussage für den Rest des Lebens hinter Gittern bringen kann, es sei denn man ist der Meinung, sein weiterer Nutzen wiege dieses Risiko sehr deutlich auf.

    Ich machte hier also seit über zwei Jahren den Kasinoleiter.

    Ein Kasino in einer solchen Gegend, in einem Städtchen, welches sich Kurort nennen durfte, war nun ganz und gar nicht glamourös. Hier verkehrten nicht die Reichen und Superreichen, mit riesigen Luxus-Limousinen oder lächerlich überteuerten Sportwagen vorfahrend, welche sie nach lässigem Zuwerfen der Zündschlüssel von Kasino-Angestellten zum Parkdeck fahren ließen. Nein, die Kundschaft hier bestand aus Kurgästen, welche in irgendeiner der kleinen, privaten Reha-Kliniken vor Ort versuchten, nochmal für die letzten Jahre ihres Lebens so halbwegs fit zu werden. Die kamen hierhin ins Kasino, um dem Klinikalltag mal ein wenig zu entfliehen, nicht aber, um große Geldeinsätze zu machen. Solche Kundschaft bedeutete: Um den Umsatz, den eines jener großen, glamourösen Kasinos an einem Abend erzielte, zu erreichen benötigte dieses kleine, provinzielle Kasino hier bestimmt ein ganzes Quartal.

    Aber immerhin gab es tatsächlich ein Parkdeck hinterm Haus. Wenn es auch keines exklusiv für die Kasinogäste war, nein, es war öffentlich, für jeden zugänglich, der bereit war, für einen Parkplatz zu bezahlen statt seinen Wagen einfach irgendwo am Bordstein irgendeiner der Nebenstraßen hier in Nähe des Kasinos zu parken. Kasinogäste konnten dieses Parkdeck erreichen, wenn sie sich hier die Tür hinaus auf die durch diese Stadt führende Hauptstraße begaben, zehn Meter weiter rechts rein in eine Nebenstraße gingen, wo sie dann nach weiteren vielleicht 20 Metern auf die große, rot leuchtende Anzeigetafel des Parkdecks trafen, welche in digitalen Lettern und Ziffern verkündete, dass dieses Parkdeck vor fünf Jahren erbaut worden sei und die fotovoltaische Anlage auf dessen Dach nicht nur sämtliche benötigte elektrische Energie für dieses Parkdeck erzeuge sondern seit Erbauung bereits über 360 Megawattstunden überschüssige Energie ins lokale Stromnetz eingespeist habe – etwas, das mich damals, vor zwei Jahren, als ich hierhin gekommen war, doch ein wenig zum Staunen gebracht hatte, da bis dahin meine Vorstellungen vom Leben draußen auf dem Lande doch deutlich andere gewesen waren.

    Ich selbst parkte meinen Wagen übrigens auch immer dort, bei jenem Parkdeck. Und ich musste nicht vorne rum gehen um hin zu kommen, ich konnte hier den Hinterausgang durch den Treppenflur nehmen, um mir diesen Umweg die Hauptstraße entlang zu sparen, und genau so machte ich es auch immer. Vorne ging eigentlich nur die Kundschaft ein und aus, hintenrum das Personal: Ich und die vier Angestellten, deren Chef den Verträgen nach ich war.

    Aber dies, was ich Ihnen hier erzähle, soll keine Doktorarbeit über die Parkmöglichkeiten in einer 12000 Einwohner zählenden Kleinstadt sein, nein. Ich erwähne dies nur deshalb so im Detail weil diese Beschreibung zum Ende hin für Ihr Verständnis wichtig sein wird, vor allem was diesen modernen Fotovoltaik-Kram angeht, den ich rückblickend nämlich in Verdacht habe, dass er verantwortlich ist für diese – aber mehr dazu doch besser später, wenn es wirklich an der Zeit dafür ist…

    Muss ich hier wirklich noch erwähnen, dass dieses Kasino mit seinen täglichen paar knauserigen Kurgästen als Besuchern keinerlei Gewinn machte, dieser in den Büchern aber trotzdem so hoch war, dass wir sogar richtig was an Steuern zu entrichten hatten? Genug jedenfalls, dass mich der Bürgermeister immer lächelnd mit einem Kopfnicken grüßte, wenn wir uns irgendwo mal über den Weg liefen. Natürlich diente dieses Kasino nur als Waschmaschine und Bargelddepot, hatte zusammen mit anderen Waschmaschinen einzig den Zweck, Pferdchen-Hansis Geld aus seinen wirklichen Einnahmequellen zu waschen, damit er es anschließend ganz legal so einsetzen konnte wie er wollte.

    Ich half ihm dabei, genau solches war mein Job seit über zwei Jahren: Nach außen einen unabhängigen Kasinoleiter abgeben, aber im Hinterzimmer gleichzeitig Zahlen zu frisieren und Bücher umzuschreiben.

    Der Grund, warum Leute wie ich mit Methoden wie dieser ihren Lebensunterhalt verdienen, ist der, dass wir es zu Wohlstand bringen wollen und nicht daran glauben, diesen durch ehrliche Arbeit erreichen zu können.

    Verwundert es also, dass ich nach einigen Monaten in diesem Job hier anfing, regelmäßig die von mir geänderten Zahlen noch ein weiteres Mal umzuschreiben? Die auf diese Weise zusätzlich entstehende Differenz zwischen Schein und Sein landete in meiner Tasche. Eine nicht unbeträchtliche Summe, von Anfang an. Und sie wurde monatlich größer und größer. Tja, das war eben der Unterschied zwischen Hunger und Gier: Einmal mit dem Notwendigen gesättigt verschwindet Hunger wieder, Gier jedoch ist nahezu unabhängig von jeglicher Sättigung. Und ich war ja noch sowas von weit weg von jenem Wohlstand, den zu erreichen ich mir einst vorgenommen hatte. Es war wirklich höchste Zeit geworden, meine Ziele etwas energischer anzugehen. Außerdem würde Hansi ganz sicher irgendwann zu der Überzeugung gelangen, dass jene Trumpfkarte, die er so lange Zeit für einen überraschenden Stich in der Hinterhand hielt, dann doch ganz schön alt und abgegriffen wirkte, und so würde er sie eines Tages in den Müll werfen, vielleicht mit einem wirklich bedauernden Seufzen dabei, aber letztlich würde es Müll sein, zwischen dem ich enden würde, wenn ich die Dinge und mein Leben einfach so laufen lassen würde wie von anderen geplant. In unserer Branche bewahrt man sich einen von keinerlei Sentimentalitäten getrübten Blick auf die Dinge so wie sie sind. Verliert man irgendwann diese Sichtweise ist man bald darauf aus dem Spiel.

    Meine Gier hatte mich aber mit der Zeit doch unvorsichtig werden lassen, wurde mir schließlich immer deutlicher bewusst.

    Erst war es nur eine unbestimmte Ahnung. Ein komisches Gefühl, das mich beschlich, wenn ich mich mit Pferdchen-Hansi oder seinen Gorillas unterhielt: Eine gewisse Art von Blick, der einen ganz kurzen Moment länger als üblich auf mich ruhte. Eine Betonung einzelner Wörter, die mir im Nachhinein betrachtet seltsam vorkam. Kurz: Ich war mir verdammt sicher, dass man zumindest Verdacht geschöpft hatte. Also musste ich schleunigst schauen, dass ich noch so viel wie möglich abgreifen konnte, um dann hier zu verschwinden. Es würde sonst nicht mehr sehr lange dauern, bis Hansis Gorillas vorfahren und mich zu einer sehr ernsten – und höchstwahrscheinlich letzten – Unterredung mit unserem Boss einladen würden.

    Und genau dieser Tag schließlich kam dann leider noch viel früher als befürchtet.


    Es war am späten Abend einer jener ersten unangenehmen Regentage, die darauf hinwiesen, dass dieser Herbst einer von der sehr unschönen Sorte werden würde.

    Alina, eines von Pferdchen-Hansis reiferen Pferdchen, welches sich unter anderem dadurch ein Zubrot verdiente, dass sie dem einen oder anderen Kurgast hier spezielle Dienste verkaufte, eilte mühsam beherrscht wirkend ins Kasino.

    »Kann ich dich kurz hinten im Büro sprechen?«, meinte sie lediglich knapp und in Eile. Die Blicke der Gäste und Angestellten, die wegen dieses ungewöhnlichen Vorfalls neugierig rüber sahen, schienen ihr egal, jedenfalls schob sie mich fast schon vorwärts zur Bürotür.

    Kaum waren wir drinnen und die Tür hinter uns von mir verschlossen worden sprudelte es aus Alina heraus: »Hansi weiß, dass du was von seinem Geld abzweigst! Er will dir noch heute seine Gorillas vorbeischicken! Dir ist klar was das bedeutet, oder!«

    Ich spürte, wie mein Herz seine Schlagzahl erhöhte.

    Früher mal war Alina Hansis Geliebte gewesen, war von ihm oft und regelmäßig ausgeführt worden. Aber mittlerweile war sie ihm zu alt und er hatte sie abgeschoben, zu einer seiner gewöhnlichen Angestellten degradiert, während längst eine Jüngere an seinem Arm ausgeführt wurde.

    So weit ich es wusste stand Alina sich aber noch ganz gut mit einem der Leibwächter Hansis, einem jener Gorillas also, die dieser mir nun auf den Weg schicken sollte. Das war also Information aus erster Hand, die ich sicher nur deshalb erhielt, weil ich mich noch besser mit Alina verstand als jener Gorilla.

    Ich unterdrückte einen Fluch und begann sofort, mit einem schnellen Aufreißen der ersten Schublade vom Tisch meine Flucht in die Wege zu leiten.

    »Scheiß auf das Geld!«, zischte Alina und schmiss energisch jenes Geldbündel, das ich ihr als Dank für ihre Information zugeworfen hatte, auf den Tisch. Sie blickte mir eindringlich in die Augen, so sehr, dass ich für einen Moment lang alles andere vergaß und innehielt. »Die anderen da im Spielsaal haben vorhin gesehen, wie ich dich hier ins Büro reinscheuchte. Glaubst du wirklich, ich will dann solches Geld hier bei mir haben wenn Hansi damit beginnt, mir irgendwelche Fragen zu stellen? Mach lieber, dass du deinen Arsch rettest indem du schleunigst von hier verschwindest, Idiot!«, sagte sie leise und angestrengt, mit heiserer Stimme scheinbar gegen einen trockenen Hals ankämpfend. Dann wandte sie sich schnell ab und eilte aus dem Büro. Auf dem Bildschirm am Tisch konnte ich noch sehen, wie sie das Kasino verließ und eilig Richtung Fußgängerzone ging, mich dabei mit einer kurz Richtung Überwachungskamera gehobenen Hand ein letztes Mal grüßte.

    Keine zwei Minuten vergingen, während derer ich hektisch dabei war, einen Aktenkoffer mit verschiedenen Dokumenten, vor allem aber mit weiteren Geldbündeln zu füllen, als das Wahrnehmen einer Bewegung meinen Blick erneut zum Bildschirm zwang.

    Armin und Ronnie, zwei von Hansis Gorillas, da sind sie schon, verdammt!, schrie es alarmiert in mir, während ich einen schnellen Faustschlag auf die Tischplatte knallen ließ.

    Nur noch wenige Schritte, und diese Jungs würden vorne den Eingang erreicht haben!

    Ich stieß zischend einen knappen Fluch aus. Ich hatte nicht alles einpacken können, hatte zu viel Zeit damit verplempert, ziemlich ziel- und planlos in diesem Büro auf und ab zu eilen! Doch ich musste los, jetzt sofort, alles andere würde hier zurück bleiben müssen! Noch bevor diese beiden Gorillas da draußen ihre Hände zur Eingangstür ausstreckten musste ich es durch den Treppenflur hindurch und zur Hintertür raus geschafft haben, um dann schnellstens zu meinem Wagen beim Parkdeck zu kommen!

    Schnell zog ich mir noch meinen Mantel über, schnappte mir dann den Aktenkoffer, brauchte eine gefühlte Ewigkeit, um diesen richtig zu verschließen. Ein letzter Blick zurück. So endet also auch diese Karriere, dachte ich, irgendwie seltsam erheitert. Dann schloss ich sowohl den Wandsafe als auch das Geldfach des Bürotischs ab – warum auch immer; vielleicht ein letztes Bemühen um einen ordentlichen Abgang?

    Ich schaffte es tatsächlich zur Hintertür hinaus, noch bevor die beiden Jungs vorne das Kasino betraten.

    Die kühle Luft hier draußen, obwohl von mir erwartet, traf mich irgendwie, verletzte mich beinahe schon. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich schweißgebadet war. Und auf diesen Schweiß auf meiner Haut traf nun diese kühle, feuchte Herbstluft. Nun, die Aussicht auf eine drohende Erkältung war jetzt sicherlich meine geringste Sorge. Fast hätte ich aufgelacht, während ich eilig durch die Dunkelheit hastete, wie eine Motte magisch von der Beleuchtung des Parkdecks dort hinten gesteuert. Die ersten Schritte schaffte ich noch mittels eiligem Gehen, dann aber rannte ich. Mochte dies von irgendwem durch eines der Fenster der anliegenden Wohnhäuser gesehen werden, sollte sich dieser Jemand von mir aus dabei denken dürfen was immer er wollte, hier jedenfalls würde er mich kein zweites Mal mehr wiedersehen.

    Ich hingegen blickte mich im Rennen immer wieder nach hinten um, hielt die Hintertür zum Kasino im Auge. Offenbar war noch niemand nach mir durch diese hinaus gekommen. Sah doch so aus, als könnte ich es schaffen!

    Ich erreichte die Treppen des Parkdecks, eilte diese hinauf nach oben, gleich unter das Dach, zu meinem Wagen.

    Ist es manchmal nicht seltsam, welch eigenartige Gedanken man in extremen Situationen haben kann? Diese Beleuchtung hier, dachte ich oben, auf meinen Wagen zueilend, war die eigentlich immer so stark oder kommt mir das nur jetzt so vor? Und ist diese Fotovoltaik denn eigentlich so ergiebig, dass man sich von der so in Elektrizität transformierten Sonnenenergie eine dermaßene Verschwendung wie die Beleuchtung des Decks über die ganze Nacht hinweg erlauben kann? Jetzt lachte ich wirklich kurz auf, während ich den Koffer auf das Wagendach legte und schnell nach meinen Schlüsseln suchte. Wenn die sich jetzt tatsächlich noch im Büro befunden hätten, dachte ich, erneut merkwürdig erheitert, das wäre jetzt aber wirklich was gewesen!

    Klimpernd holte ich sie hervor, wollte den passenden Schlüssel ins Türschloss einführen – da vernahm ich dieses Geräusch hinter mir, ein wiederholtes Schnalzen mit der Zunge!

    »Langsam umdrehen, und vor allem deine Hände dabei ruhig halten, und zwar so dass wir sie sehen können!«, knurrte da jemand mit tiefer Stimme.

    Ich tat wie verlangt, während mir zugleich mein Herz in die Hose zu rutschen schien.

    Als ich mich mit langsam erhobenen Händen umgedreht hatte blickte ich in die Gesichter von George und Kalle, zwei weiteren von Hansis Gorillas, die da mit gezogenen Kanonen ein paar Schritte rechts und links vor mir standen. Natürlich, ich Idiot, hatte ich denn wirklich geglaubt, Hansi würde nur zwei seiner Jungs losschicken um mich holen zu lassen, und diese würden zur Vordertür rein, ohne dass jemand weiteres die Hintertür im Auge behalten würde? Die kannten doch meinen Wagen, also hatten diese beiden einfach hier auf mich gewartet, zack und aus!

    Fast das tollste an meiner Lage war dabei noch: Zwar hatte man mehrere tausend Euros in jene Digitaltafel da vorne an der Straße investiert, die jedem Vorbeikommenden sagte, wie viel Megawattstunden Energie mit der tollen Anlage auf dem Dach von Sonnenlicht in Elektrizität umgewandelt worden waren, aber irgendwelche Kameras hatte ich hier noch nie bemerkt, wahrscheinlich gab es auch überhaupt gar keine. Wenn George und Kalle sich nun mal so richtig gehen lassen wollten, bitteschön, nichts davon würde für die Nachwelt aufgezeichnet werden.

    Ein letzter Versuch blieb mir noch, um meine Haut zu retten. Ich nickte kurz in Richtung des Aktenkoffers auf meinem Wagendach. »Wir hatten schon viel Spaß zusammen, nicht wahr, Jungs? Da drin im Koffer befindet sich fast eine Viertelmillion.«, sagte ich. »Ihr könnt dies jetzt gleich bequem durch zwei teilen, während ich…« Ich verstummte. Schon an den Ausdrücken ihrer Gesichter konnte ich zweifelsfrei erkennen, dass ich verloren hatte.

    »Weißt du, das Problem ist«, meinte Kalle mit einem langsamen Kopfschütteln, »dass wir beide viel zu blöd und phantasielos sind, um uns auszumalen, was wir mit so viel Geld anfangen könnten. Unsere Phantasie reicht gerade mal für die Vorstellung, was Hansi mit uns machen ließe, wenn wir ihn hintergingen. Und genau darum bleiben wir lieber Hansi gegenüber loyal und erledigen weiter unsere Jobs, ohne die wir ganz sicher auf Hartz IV angewiesen wären oder so.«

    So sieht also mein Ende aus, dachte ich. Ich werde genau von den Leuten erledigt, mit denen ich in den letzten Jahren immer wieder gemeinsame Sache gemacht habe. Ein Witz, ein schlechter Witz!

    In ihren Gesichtern stand unmissverständlich: Ganz egal was mal war, es wird keine Gnade geben.

    Ich nickte langsam, resigniert. Ich wusste was mich erwartete. Wenn Pferdchen-Hansi jemanden seinen Zorn zeigte wurde dies eine sehr, sehr grausame Sache, das war mir klar. Einmal hatte ich dabei zusehen müssen, wie Hansi jemanden auseinandergenommen hatte. Dieser Jemand selbst war zuvor ein richtig harter Hund, am Ende aber war da nur noch ein jammerndes Etwas übrig gewesen, das jaulend und heulend um seinen baldigen Tod gefleht hatte. Es würde vielleicht das beste sein, wenn ich mich jetzt einfach umdrehte und losrannte. Ein paar Schüsse von hinten in den Rücken, vielleicht in den Kopf…

    Ich machte mich gerade tatsächlich daran, meine Arme einfach langsam sinken zu lassen, da bemerkte ich etwas sehr seltsames, das da hinter George und Kalle geschah.

    Halluzination, dachte ich zuerst nur.

    Erwähnte ich, dass ich glaube, diese komische Technik der Fotovoltaik… Hm, nein, ich kriege es so nicht erzählt, also lasse ich lieber alle diese Mutmaßungen und bleibe besser bei der Schilderung dessen, was ich wahrnahm.

    Eine Wand befand sich da plötzlich hinter diesen beiden Jungs mit ihren auf mich gerichteten Knarren. Nein, wohl eher keine Wand, keine wirkliche jedenfalls. Es war ein Licht, ein eigenartig bläuliches Licht, vielleicht wie der Lichtbogen beim E-Schweißen, nur dass es sich irgendwie nicht nach allen Richtungen hin ausdehnte sondern auf ein Rechteck von mehreren Quadratmetern Größe begrenzt blieb, wie eine kleine Wand eben, die sich da plötzlich aufgebaut hatte, eine Wand aus bläulichem Licht.

    George und Kalle waren Profis genug um zu wissen, dass man sich nicht umzudrehen hatte, wenn der vor einem stehende Gegner plötzlich vorgab, etwas aufregendes hinter einem zu sehen. Demnach muss mein Gesicht wohl viel zu viel echte Überraschung ausgedrückt haben, so dass sich die Aufmerksamkeit der beiden immer mehr und mehr nach hinten richtete. Vielleicht bemerkten sie ja auch aus den Augenwinkeln heraus das plötzliche Vorhandensein dieses unnatürlichen Lichtes?

    Ich weiß es nicht, werde es niemals erfahren. Jedenfalls: Noch bevor sich auch nur einer von den beiden gänzlich nach hinten umwenden konnte gab es ein ziemlich lautes Geräusch aus Richtung dieses Lichtes, etwas da in dieser Lichtwand machte Fummph! Ich verbinde dieses Geräusch auch heute noch mit einem knallenden Sektkorken. Flasche und Korken jedoch würden verdammt groß und sehr viel Kraft würde nötig sein, um auf diese Weise ein solch lautes Geräusch erzeugen zu können.

    Kaum sichtbar, so schnell war es, vernahm ich eine huschende Bewegung. Etwas kam da heraus gerast aus diesem bläulichen Licht und dann – kurz hintereinander – kam es zu zwei weiteren Geräuschen. Das eine war ein lautes Schlaggeräusch, als würde jemand mit einem dicken Hammer oder ähnlichem auf eine Skulptur aus Eis schlagen, die dabei berstend auseinander flog. Direkt darauf ertönte grell lärmend ein Schuss.

    George und Kalle fielen langsam zu Boden, während irgendetwas von der Größe eines Apfels oder so ähnlich aus Georges Richtung kommend recht langsam über den Boden rollte und genau unter meinem Wagen verschwand.

    Mit wiederholtem Schlucken bei offenem Mund bemühte ich mich, den laut fiependen Schmerz wieder aus meinen Ohren zu verbannen, während ich – die Hände nun endgültig wieder unten – versuchte, die Situation hier zu verstehen.

    Ich bemerkte wie sich die Dinge im Kopf zu drehen anfingen und mir die Knie weich wurden. Knalltrauma, überlegte ich, reiß dich zusammen, das stehst du durch, halt dich auf den Beinen!

    Diese Wand aus bläulichem Licht war genau so plötzlich wieder verschwunden wie sie erschienen war, stellte ich als nächstes fest.

    Dann sah ich, dass sich langsam größer werdende Blutlachen am Boden bildeten, in denen reglos George und Kalle lagen. Kalle schien es irgendwo vorne am Rumpf, in Bauch oder Brust erwischt zu haben, denn da verfärbte sich seine Kleidung am meisten. George hingegen war von diesem Etwas, das da aus dem Licht heraus gerast war, am Kopf getroffen worden. Da, wo sich eigentlich die Schädeldecke seines Hinterkopfes befinden sollte, fehlte das meiste, befanden sich nur noch irgendwelche wabbelig wirkenden, wie auseinander geplatzt aussehende graue Klumpen, während aus diesem riesigen Loch im Hinterkopf das Blut genau so schnell heraus strömte wie aus Kalles Rumpfverletzung.

    Verdammt, was war hier geschehen?

    Etwas ist direkt an meinen Füßen vorbei unter mein Auto gerollt, erinnerte ich mich. Ohne groß drüber nachzudenken bückte ich mich runter und sah nach. Tatsächlich, irgendwas rundes lag da. Kurz zögerte ich, dann streckte ich einen Arm aus, um nach diesem Etwas zu greifen und es hervor zu holen.

    Nur nebenbei, wie durch einen Filter, bemerkte ich die breiigen Reste von Georges Hirn, die da an der Oberfläche des schwarzen, runden Dings in meiner Hand klebten, sah ich rotes Blut, wie es von dieser perfekt runden Kugel abtropfte, die ich dann schließlich mit ungläubigem Staunen auf den Innenflächen meiner beiden Hände hielt und dabei ein wenig hin und her rollen ließ. Es handelte sich offenbar um eine Billardkugel, und zwar die schwarze Acht, jene Kugel, die man als letztes einlochte, um das Spiel für sich zu entscheiden!

    Noch einmal holte ich mir das Geschehene vor Augen, ließ es wie auf einer Filmspule wieder und wieder vor meinen Augen ablaufen, bis ich es so vor mir hatte, wie es wohl wirklich geschehen sein musste: Da war diese Wand aus blauem Licht erschienen und aus dieser heraus geknallt kam mit einer Wahnsinnswucht jene schwarze Acht, die sich jetzt blutverschmiert in meinen Händen befand. Sie traf George am Hinterkopf und dieser gab in einer letzten Zuckung einen Schuss ab und traf so Kalle.

    Und nun lagen sie beide tot vor mir, diese Arschlöcher!

    Am Rande vernahm ich, dass diese Ereignisse hier nicht unbemerkt geblieben waren. Ich konnte Fenster hören, die irgendwo geöffnet wurden.

    »Ein Schuss, das war doch ein Schuss!«, rief irgendwer. Eine andere Stimme: »Ja, ein Schuss, von wo kam das?«

    Ich war froh, dass sich über mir dieses Dach mit der Fotovoltaikanlage befand. Ohne dieses Dach wäre das Parkdeck hier viel leichter einzusehen gewesen. So aber war es auch bei dieser Beleuchtung sicherlich nicht einfach, aus der Ferne Details hier oben zu erkennen.

    Aber wie auch immer, es war jedenfalls allerhöchste Zeit, von hier zu verschwinden, noch bevor Ronnie und Armin, die anderen beiden Gorillas, hier auftauchen würden.

    Mit einem Kopfschütteln blickte ich nochmal auf die beiden Leichen vor mir, dann auf die Billardkugel in meinen Händen. Die schwarze Acht. Spielernaturen trugen kleinere Nachahmungen einer solchen schwarzen Acht oder zwei Würfel als Schlüsselanhänger mit sich, oder ließen solche als Glücksbringer vom Innenspiegel in ihren Autos herab hängen. Und diese schwarze Acht hier – woher auch immer sie gekommen sein mochte – würde fortan mich begleiten, denn Glück, das war doch soeben sehr deutlich bewiesen worden, vermochte sie mir durchaus zu bringen. Was für ein Idiot wäre ich, würde ich mich von einem solchen Glücksbringer trennen!

    Bestätigend nickte ich mir selbst zu und ließ die Kugel in eine der Außentaschen meines Mantels sinken. Dann nahm ich den Koffer vom Dach meines Wagens, stieg ein und fuhr eilig aber ohne quietschende Reifen davon, weg von diesem Parkdeck mit seinem Hightech-Dach.

    Vielleicht dank Fotovoltaik nochmal davongekommen, dachte ich schmunzelnd, was für ein Scheiß, aber wirklich!

    Im Rückspiegel sah ich Ronnie und Armin, wie sie – mit ihren Fäusten drohend – immer kleiner werdend auf der Straße hinter mir zurück blieben.

    Genau das war es: Dies alles sollte fortan hinter mir zurück bleiben. Denn von nun an würde ich – mit etwas Glück – alles anders angehen.