Eine Lichtung nahe einer Stadt

  • »Ehrwürden Luminifera?«


    Mit einer deutlichen Verbeugung grüßt der ältere der beiden Sonnenlegionäre Anndra.


    »Wir wussten nicht, dass auch ihr in dieser Gegend weilt. Aber der Marschall, seine Exzellenz, Illuminati Praioslob, wird froh sein, um euch als Mitstreiterin in unserem Kampfe. Bitte begleitet uns!«


    Wenn auch als Bitte vorgetragen, kann es keinen Zweifel daran geben, dass die Sonnenlegionäre eine Weigerung Anndras mit ihnen zu kommen, nicht akzeptieren würden.


    Als sie sich dem Lager nähern, bemerkt Anndra als erstes, dass sich die Sonnenlegionäre vor einem Zelt versammelt haben. Noch bevor sie das Lagererreichen, tritt ein hagerer Mann - Praioslob - aus dem Zelt. Alle Legionäre knien nieder und senken das Haupt. Auch Praioslob trägt ein langärmeliges Kettenhemd, wie die anderen, aber sein rotgrundiger Wappenrock ist wie die Triara, die er statt eines Helm trägt, mit goldenen Fäden broschiert. An seinem Gürtel hängen neben einem schweren Streitkolben vier Sphärenkugeln. Er hebt die Hände und spricht mit lauter Stimme:


    »In desperatione et tenebris«


    Wie mit einer Stimme gesprochen hallt die Antwort der Sonnenlegionäre in Anndras Ohren:


    »Lux triumphat!«


    »Contra malefi cas et mendaces«


    »Lux triumphat!«


    »Per ignem et gladium«


    »Lux triumphat!«


    Ohne den Legionären die Erlaubnis zu geben, sich zu erheben, erwartet Praioslob Anndra. Als sie sich auf zwei Schritt genähert hat, streckt er seine rechte Hand mit dem Siegelring des Greifen aus, damit sie ihm Ehre erweise und spricht sie an:


    »Ihr dürft niederknien, Luminifera.«

  • ›Rohaja‹ Wie ein leiser Hauch weht ein Name durch seine Gedanken, vergeht im Schnauben der Schlachrösser, deren Reiter ihre Lanzen senkten, während sie zu ihnen Sprach. Alle Blicke folgten ihr und ihre Worte fanden Widerhall in den Herzen der Ritter. Und dann die Schlacht, wie aufgeregt er gewesen war und welch seltsame Ruhe ihn ergriffen hatte, als er das Visier seines Helms vor dem Angriff schloss. Auf einmal war der Lärm und die Unruhe, aber auch jeder Zweifel und Angst weit weg gewesen; er fühlte wie er sein Pferd antrieb, aber es geschah von alleine, ohne sein Zutun und er wusste, dass es die anderen links und rechts von ihm ihm gleich taten, dass ihre Lanzen sich zugleich senkten, als ob sie von einer einzigen Hand geführt wurden. Er war nicht mehr er selbst, er war Teil von etwas größerem und *sie* - ihre Worte - hatte ihn dazu gemacht ...


    Als Leomar sich wieder aus seinen Gedanken löst, sich wieder der Gegenwart bewusst wird, sieht er wie Ardare, Grimheld und alle ihre Begleiter ihn anschauen. Ardare tritt einen Schritt vor und schaut Leomar prüfend in die Augen.


    »Kniet nieder, Baron«


    Und wenn Leomar ihrem Aufruf folgt, wird sie Armalion auf seine Schulter legen und dann so laut sprechen, dass es weithin zu hören ist:


    »Ihr sollt mein Marschall sein, entweder um Praioslob von Selem als Gleicher, als mein Herold gegenüber zu treten oder ums uns - so es denn sein muss - in die Schlacht zu führen. Hinfort ist die trügerische Hoffnung auf Frieden, die nie eine war, sondern nur dazu diente, uns kirre zu machen. Sprecht zu uns, Marschall, sagt uns mit euren Worten, wofür wir streiten und wie *ihr* gedenkt der Sonnenlegion gegenüber zu treten.«


    Erwartungsvoll sind alle Blicke auf Leomar gerichtet.

  • Leomar kniet nieder, als Ardare ihn dazu auffordert und ihm läuft ein Schauer über den Rücken, als sie ihm das heilige Schwert seiner Kirche auf die Schulter legt. Nichtsdestotrotz bemächtigt sich ihm eine seltsame Ruhe. Und vor allem das beruhigende Gefühl sein Schicksal ein Stück weit selbst in der Hand zu haben. Sein Blick schweift über die Versammelten Schwertbrüder und -schwestern und mit ruhiger, bestimmter und von Zweifeln freier Stimme spricht er "Wir alle, Brüder und Schwestern, sind der Schwertbund. Die Diener der Donnernden und den Sterblichen Schild und Wehr gegen die Finsternis. Wir sind es, die den Schwachen beistehen, jenen die sich nicht selbst schützen können, den Fehlgehenden wieder auf den rechten Weg führen und auch der Schutz der anderen Kirchen wurde uns anvertraut.


    Der Herr Praios ist Rondras Bruder und seine Diener sind nicht unsere Feinde, doch einige von ihnen haben sich auf ihrem Weg verirrt. Die Trauer um den Tod unseres jungen Kaisers hat manchem den Geist vernebelt, womöglich auch manchem von uns. Blickt kritisch in euch selbst hinein und reinigt euch von Zorn und dem Wunsch nach Vergeltung. Wir treten ihnen heute entgegen als Gleichwertige und im aufrichtigen Willen die wahren Mörder Rudes zu finden und wieder Einigkeit und Ordnung zwischen unseren Kirchen herzustellen. Appeliert an unsere Gemeinsamen Ideale: Gerechtigkeit! Ehrlichkeit! Aufrichtigkeit! Zeigt ihnen auf, welch dunklen Pfad einige von ihnen betreten haben und reicht ihnen die Hand, zu uns zurückzukehren. Gemeinsam werden wir jene stellen, die denken sie könnten das Band zwischen den Kulten durchtrennen. Treten ihrem Verdacht mitoffenem Herzen entgegen, steht Rede und Antwort und leistet Eide auf eure Worte, wo immer Zweifel ihr Urteilsvermögen umschattet, denn so können wir diesen Zweifel aus der Welt tilgen."

    Leomar wird ruhig, geht die vorderen Reihen etwas ab, klopft hier und da auf die Schultern und bleibt schließlich stehen, sich wieder der Menge zuwendend. "So trügerisch die Hoffnung auf Frieden auch manchmal sein mag, ich glaube noch immer fest daran, dass wir ihn erringen können. Doch sollte die Finsternis schon zu tief in die Reihen derer gedrungen sein, die uns gleich gegenüberstehen, dann werden wir tun, was getan werden muss. Steht einander bei, Brüder und Schwestern, den Wunsch nach Frieden im Herzen, doch die Wehr der Schwachen und eurer Geschwister als Schild darüber. Es wurde schon zu viel unschuldiges Blut vergossen und wir werden tun was in unserer Macht steht, damit dies heute endet, auf die eine oder andere Weise"


    Noch einmal blickt er ermutigend über die versammelte Menge und schreitet dann an Ardares Seite in Richtung der Praioten.

  • Die Novizin... nein, die Luminifera grüßt die beiden Männer: "Praios der Gleißende zum Gruß!" Selbstverständlich folgt Anndra den Legionären und deren Aufforderung.

    Praioslob... Praioslob von Selem! Die junge Frau tritt vorsichtig auf, als sie auf dem Weg zu ihm - ihm! Einer der größten Feldherren Praios' und der grausamste, der den Glanz des Götterfürsten mehren wollte - Reihe um Reihe der knieenden Sonnenlegionäre passiert. Kaum wagt sie es, ihm ins Gesicht zu blicken, als sie vor ihm steht, und in dem Moment, wo er seine Hand ausstreckt, ist es für sie das Signal, auf das Knie zu sinken. Ihre Lippen zittern, als sie sie auf den Siegelring drückt, und sie wartet auf sein Wort bis sie sich wieder erhebt. - Oh Praios, lass mich keine Schwäche zeigen! Mit geraden Rücken wird sie dann wieder aufstehen und sich gerade aufrichten.

  • Anndra


    »Ihr dürft euch erheben.«


    Ernst schaut Praioslob Anndra an.


    »Dunkle Zeiten sind es, in denen wir leben. Gerade jetzt und hier. Die Widersacher unseres Herrn sind stark, selbst die Kirchen der Geschwister unseres Herrn sind nicht gefeit davor, ihrem Einfluss zu unterliegen. Wir sind auf dem Weg uns mit dem Schwert der Schwerter zu treffen. Unser Bruder Heliowar Praiotin ward als Herold ausgesandt, um das Treffen vorzubereiten, auf dem aller Zwist und jede Unstimmigkeit zwischen den Kirchen beigelegt und wir endlich gemeinsam gegen die Feinde des Reichs, ja der gesamten zwölfgöttlichen Ordnung vorgehen können. Zunächst sah es auch so aus, dass unsere Gebete erhört worden wären. Aber dann ...«


    Der Marschall schweigt und winkt dann einen der Sonnenlegionäre - der Uniform nach ein Offizier - zu sich.


    »... Bruder, berichte besser du.«


    Der Angesprochene verbeugt sich.


    »Ja Herr, wie ihr befehlt.«


    Und schaut dann Anndra an.


    »Schwester Luminifera, das Schwert der Schwerter, Ardare von Gareth war schon fest entschlossen, sich unserem Kampf anzuschließen, aber dann tauchte ein fremder Ritter auf, was niemanden zu verwundern schien und legte einen Bann über sie und alle ihre Begleiter und verstockte ihr Herz. Wo zuvor Friedfertigkeit herrschte, zeigte sich nun falscher Stolz und sie rüsteten sich und legten ihre Waffen an. So reiten sie uns entgegen, kampferprobt und kampfeswillig.«


    »Danke Bruder. Aber Praios lässt die, die in seinem Namen streiten nicht im Stich und deshalb sandte er euch, uns zu Hilfe und ich, Praioslob von Selem, vom Bote des Lichts zum Marschall wider alle Feinde unseres Herrn eingesetzt, mache euch zu meinem Hauptmann. Heliowar sandte ich aus als meinen Herold, aber seine Worte blieben unerhört, ihr aber sollt mein Favorit und Hauptmann sein und mein Befehl an euch lautet: Rüstet euch und tötet den fremden Ritter, damit das Schwert der Schwerter von seinem üblen Einfluss frei werde!«


    Auf einen Wink des Marschalls treten zwei Legionäre vor und halten Anndra Kettenhemd, Helm, das blankpolierte Schild der Legion und einen Streitkolben hin.


    »Nehmt und macht euch bereit!«

  • In direkter Nähe neben dem Illuminatus vermeint Anndra, das überwältigende Charisma dieses Mannes körperlich spüren zu können. Die Ausstrahlung dieses Mannes ist wörtlich zu nehmen - seine Persönlichkeit und die Strahlkraft seines heiligen Amtes erheben ihn förmlich jeglichen Irrtums und Dunkelsinns.

    Wäre ein zweites Treffen unter der Parlamentärsflagge nicht angebracht? Eine offizielle Beschuldigung des Ritters? - Diese Fragen schwirren wie Fliegen hinter Anndras Stirn wirr im Kreis. Ihr Herzschlag verfällt in Trab als ihr das Kettenhemd, Schild und die Waffe, diese ungeschlachten Kriegswerkzeuge, hingehalten werden und ihr Denken verwirrt sich zu einem Knäuel, ihre strukturierten Gedanken zerfließen in ihrem Kopf zu einem Summen, das in ihren Ohren dröhnt. Sie will nicht kämpfen - sie kann nicht kämpfen - ist dieser Ritter denn Leomar? - Ardare von Gareth! Oh Praios, das Erntefestmassaker war ein Unrecht! - muss ich ihn, den Ritter - Leomar? -, töten? - wie kann ich denn diesen direkten Befehl verweigern? Es geht nicht! - Was passiert, wenn ich ihn töte? Was, wenn er mich tötet? - Soll ich alles annehmen und den Befehl später missachten? - Was tut er, wenn ich es zurückweise? Wird er mich einsperren? - ES GEHT NICHT! ICH MUSS GEHORCHEN!

    Ich kann ihn doch nicht töten!

    Ich bin hier, um das Unrecht zu verhindern!


    Ihre Beine knicken unter dem Dilemma ein. Auf beiden Knien, wie es nur der Ehrerbietung des Götterfürsten gebührt, kniet sie vor ihm im Staub und ringt die Hände. "Erleuchtete Exzellenz! Eure Ernennung ehrt mich und erhebt mich. Wie jedes Geschöpf auf Dere strebe ich immer danach, ein Werkzeug für Praios den Höchsten zu sein. - Exzellenz! Meine Hände haben noch nie solch eine Waffe geführt!

    Aber... mit Praios' Mut im Herzen werden meine Hände das Werkzeug sein, um Recht zu üben." Sie erhebt sich wieder, erst auf ein Bein, dann steht sie wieder und nimmt das Rüstzeug entgegen.

    Recht statt Unrecht! Mut im Herzen, Anndra, um einen anderen Weg zu finden, sogar einen neuen Weg zu bahnen!, spricht sie sich zu.