Dämmerstunden

  • Sein Gegenüber blickt ihn unverwandt an, seine dunklen Augen mustern das Zeichen der Marbiden auf Wanjas Gewand, die Sanduhr, bevor er entgegnet: "Pater Golgorian. ...Gerbor Utharis, hat vielleicht Arbeit für Euch." Er deutet über die Schulter zum hinteren Bereich des großen Raumes, wohin die Gebeinmauern den Blick versperren.

    Wenn Wanja die Mauer umrundet, hinter der die Gestalt des Mannes bislang verborgen war, sieht er einen hageren Alten, der in einem guten, aber abgetragenen Gewand eines Hohepriesters des Herrn Boron einen kleinen Berg Knochen neben sich aufgeschichtet hat. Mit Maurerwerkzeug, Kelle und einem Eimer Mörtel ist er gerade dabei, sorgsam die Mauer weiter wachsen zu lassen.

  • Zwischen Notacker und Warunk


    Die letzten ärmlichen Häuser, die hier am Rande von Notacker leerstehen und in Ruinen liegen, ziehen an der Reisegruppe vorbei. Die einzige Bewegung im Dorf war der Leichnam von Burgol, der für seine Schandtaten zum Tod durch den Strang verurteilt worden war. Sachte schwingt er an der alten Dorflinde - Noiona schlägt im Vorbeireiten das Zeichen des gebrochenen Rades - und verschwindet dann aus dem Blick.

    Die beiden Boronis reisen schweigend, doch auch dem Rest scheint nicht nach Unterhaltung zumute zu sein. Alrico holt bald seinen Kautabak und spuckt immer wieder schwarze, weichgekaute Klumpen über seine Schulter. Dragomir blickt stumpf und manchmal sabbernd vor sich hin. Wulfbrand hockt neben Boronifatius und einmal beginnt er, eine langsame Melodie zu brummen, bricht aber bald wieder ab.

    Der Karren und die Pferde passieren verschneite Wiesen und Felder im dämmrigen Nachmittagslicht, das durch die bleiernde Wolkendecke dringt. Nach einiger Zeit beginnt der Wald und die Schläge und Stöße vom ungefederten Wagen werden schlimme und treiben ihnen Schmerzen in die Beine und den Rücken hinauf. Sobald sich die Schatten Bäume um sie schließen, wird es noch eine Spur dunkler.

  • Sumudai versucht, sich etwas bequemer hinzusetzen. Leider hat sie fast alles, was sie an Kleidung besitzt, am Leib, aber ihre Schlafdecke ist noch da, wird gefaltet und unter das Hinterteil gequetscht, um die Stöße etwas abzupolstern. Es nützt nur nicht viel, und so lässt sie die Zähne fest aufeinandergepresst, damit sie sich nicht versehentlich auf die Zunge beißt. Sie späht in den Wald hinaus. Aberglaube ist ihr zwar fern, aber sie weiß nur zu genau, was es alles an realen Wesen in diesen immer noch von Untoten verseuchten Landstrichen gibt. Einmal mehr ist sie froh, mit den Geweihten mitzufahren, auch wenn es ungemütlich auf dem Wagen ist und jeder Knochen durchgeschüttelt wurde und schmerzt.

  • Da Noiona sich hinter den Wagen fallen lässt, lenkt er sein Pferd vor den Wagen. So sollten die Insassen eigentlich gut genug vor weiteren Gefahren aus dem Wald geschützt sein, zumindest falls Alrico sie nicht versehentlich nebenbei umbringt. Der zweite Vorteil ist natürlich auch, dass er Alrico so nicht die ganze Zeit sehen muss. Hoffentlich würde der Priester sich möglichst bald von ihnen verabschieden.


    Xanderan behält den Wald um sie herum im Auge, reitet aber bei Kurven auch gerne etwas weiter voraus, um mögliche Gefahren vielleicht noch entdecken zu können, bevor der Wagen in Sicht kommt.

  • Die Gruppe um die beiden Borongeweihten Boronifatius und Noiona, der abgehärmte Golgarit und die sanfte Dienerin Bishdariels, befindet sich nun also auf dem Rückweg von Notacker zurück nach Warunk. Tarja, Xanderan und Alrico sind dem Auftrag der Boronkirche treu geblieben, und sie haben ihn zum jetzigen Zeitpunkt mehr als zur Hälfte ausgeführt: die zwei Borondiener sind sicher in dem vom Krieg und Terror gezeichneten Dorf angekommen, der Boronanger wurde wieder geweiht. Nun müssen sie nur noch dafür sorgen, dass die Boronis wohlbehalten den Warunker Borontempel erreichen.

    Doch es lag noch einiges im Argen in diesem vernachlässigten Flecken der Markgrafschaft: Der Dorfvorsteher Burgol Warunker hat sich seit Jahren an den Armen in seinem Dorf bereichert, Morde beauftragt und seine eigene kleine Despotie errichtet. Eine Bande Ghule treibt ihr Unwesen im Wald und beraubt den Knochenhändler der Leichname, die er bislang nach Warunk brachte. Krüppel wurden von abergläubischen Dörflern auf dem Dorfplatz erschlagen. Die zerstörten Kapellen von Praios' auf der Feste Kaltenstein und Borons auf dem Totenanger modern vor sich hin. Hinterlassenschaften des Nekromantenrats lagen bislang unbeachtet in staubigen Obergeschossen und harrten ihrer Entdeckung.

    Die Arbeit der Helfer und der Geweihten war mehr als nur Aufräumarbeit: Sie taten ihr Möglichstes, um den alten Götterglauben zu seinem Recht zu verhelfen, Burgol wurde nach einem Prozess zum Tode verurteilt, vielen wurde die Beichte abgenommen und ein Strafmaß für ihre Kollaboration mit den Totenbeschwörern und Dämonenbündlern gefunden. Den Knochenhändler Dragomir, ein Schwachsinniger, und Burgols Knecht Wulfbrand nahm Schwester Noiona in ihre Obhut.


    Nun ist es in Satinavs und Borons Hand, den Schrecken vergessen zu machen, und am guten Willen der Dorfbewohner Notackers, einen besseren Weg zu beschreiten.