Auf der „Schnellen Schnegge“:
Glück im Unglück ... So könnte man die jetztige Situation sicher beschreiben. Seit Sedef ibn Marwan von seiner Magistra Salwinja Gerbersen vor ungefähr einem Götterlauf auf seine große Reise geschickt worden war, hat er schon einiges gesehen oder, besser gesagt, mitgemacht. Und welcher andere junge Mann oder welche andere junge Frau mit gerade mal ungefähr 17 Götterläufen kann von sich behaupten, schon so viel erlebt zu haben und damit bereits ein richtiger Questador zu sein? Wie anders hatte sich das wahre Leben außerhalb der Akademie doch gezeigt? Aber wer hätte auch damit rechnen sollen, dass in den Tiefen der Nostrischen Wälder, wo Sedef seine ersten Abenteuer hingeführt hatten, solche finsteren Umtriebe stattfinden? Andererseits - jeder Tag ohne persönlichen Kontakt zu Magistra Salwinja Gerbersen war ein guter Tag! Mochten die Schrecken im Firun noch so groß sein, im Praios, genauer gesagt, in der Dunklen Halle der Geister zu Brabak wartete Magistra Salwinja Gerbersen auf ihn. Und eigentlich ist es unvorstellbar, dass etwas schrecklicher als die Magistra sein könnte ... Gut, Magister Magnus Pôlberra war bestimmt noch etwas schrecklicher als Magistra Salwinja Gerbersen. Aber mit dem hatte Sedef zum Glück noch nie viel zu tun. Und sein Aussehen - zum Davonlaufen. Da war die Reise hierher eigentlich doch ein richtiges Kinderspiel. Und es war doch bestimmt im Sinne von Magistra Salwinja Gerbersen, sich um die im Praios völlig unbekannten seltsamen Dunkelelfen zu kümmern. Schon normale Elfen waren selten und benahmen sich seltsam. Sedef hatte erst vor Kurzem seine erste wahrhaftige Elfe gesehen, Schön war sie ja gewesen, aber sie hatte sich auch irgendwie komisch benommen. Ob das damit zusammenhängt, dass sie auch von arkanen Kräften durchdrungen sein sollen? Bestimmt! Schließlich waren ja auch Magistra Salwinja Gerbersen und ihre Collegas immer wieder äußerst komisch. Hoffentlich erfährt sie nie, dass er das gerade von ihr gedacht hatte. Ansonsten würde er sicherlich auch einmal als wandelnder Toter in den Gängen der Akademie enden ... Und ob dann noch alles an ihm dran sein würde - Boron bewahre.
Vielleicht würden die Dunkelelfen ja ihre finsteren Umtriebe noch weiter in Richtung Praios ausdehnen? Es wäre bestimmt äußerst interessant, das heraus zu finden. Hesinde verhindere jedoch, dass dies passiert und Phex, schau, ich reise hierher in diese Einöde und damit ich selbst etwas dazu beitragen kann, um das zu verhindern! Oh, ihr Götter, seid mit mir und unterstützt mich, wo ich zu schwach bin und eure Hilfe benötige. Mein Dank ist euch gewiss!
Während Sedef weiter gedankenverloren auf seiner Brotkante kaut, kann er dem großen weiten Weiß, das ringsum zu sehen ist, plötzlich doch etwas Gutes abgewinnen. Schließlich muss er deswegen nicht mehr das viele Wasser sehen, das ihn die ganze Reise über seit Havena begleitet hatte. Immer wieder war er ins Zweifeln gekommen, ob der Landweg nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre. Und dass sie hier gestrandet und von der Mannschaft und den übrigen Passagieren verlassen worden waren, machte die Sache auch nicht besser. Aber nun war es sowieso zu spät. Vielleicht würde sich dieser Senhor Geldon ja noch als Hilfe herausstellen? Die ganze Reise über hatten sich keine große Gelegenheiten ergeben, ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Vielleicht hätte er seine Abscheu vor dieser großen endlosen Fläche doch schon früher überwinden und öfters mal an Deck gehen sollen? Sonst hatte er doch auch nie Probleme damit, sich an fremden und ungewohnten Örtlichkeiten gut zurecht zu finden. Aber auch dafür war es nun zu spät. Diese Gelegenheiten waren vorbei. Aber so wie es aussah, gab es ja jetzt genügend Zeit, sich näher kennen zu lernen. Mit den verletzten Mannschaftsmitglieder musste man bestimmt vorsichtig sein. Wer sich und seine Fahrgäste in eine solche Situation brachte, würde gut nach Brabak passen. Aber dort versuchte man wenigstens immer, ein paar Vorsichtsmaßnahmen zu treffen. Und meistens ging es ja auch gut ...
Jeden Tag scheinen die Brotkanten aus dem Essen, das vom Capitan und dem Maat zurückgelassen worden war, mehr Widerstand zu leisten. Wenn das so weiter ging, würden sie irgendwann den Härtegrad von Granit erreicht haben. Ein interessanter Gedanke! Ob es sich lohnen würde, diesen weiter zu verfolgen? Im Augenblick wohl eher nicht. Es sind andere Prioritäten zu setzen. Aber wenn es weiterhin so viel Zeit geben würde, würde das wohl zumindest bald eine sinnvolle Beschäftigung darstellen. Ob Senhor Geldon wohl etwas dazu sagen könnte? Vielleicht kannte er sich ja damit aus. Die Seeleute machten nicht den Eindruck, als würde sie das interessieren. Er sollte Senhor Geldon einmal danach fragen. Aber warum war Senhor Geldon auch zurück gelassen worden? Nur weil er, Sedef, aus dem Praios kam, waren sie der Meinung gewesen, dass er nicht geeignet sei, die Fahrt zurück in die Zivilisation zu überstehen. So ein Unsinn! In Sedef steckte mehr und dass es hier so kalt ist, dafür konnte er ja nun nichts. Hatten die die Seeleute etwa mehr über Senhor Geldon gewusst? Vielleicht sollte er in einem günstigen Augenblick die verletzten Seeleute danach fragen?
Aber eigentlich sollten sie hier froh sein, dass es überhaupt etwas zu essen gab? Bisher hatte Sedef noch kein jagdbares Tier gesehen, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit er mittlerweile hier oben an dieser Reling gestanden hatte. Hier scheint sich alles gegen den zivilisierten Menschen verschworen zu haben. Nie mehr wird er wieder wegen ein bisschen Regen schimpfen, wenn er wieder nach Brabak zurückkehrt. Man müsste einmal nachsehen, ob es in einem bisschen Abstand zum Schiff Fährten von Wild gibt. Man konnte schließlich fast alles essen. Nur zu wählerisch durfte man dabei nicht sein. Ob sich hier in diesem weißen Einerlei überhaupt Fährten finden lassen würden? In einem Wald oder auf einer Wiese hätte Sedef sicherlich kein Problem damit, aber hier? Hier sah es doch so aus wie in Büchern. Und - da war sich Sedef sicher - man konne nicht alles glauben, was so in Büchern abgebildet war, widersprachen sich ihre Inhalte doch sogar recht oft. Und außerdem wurden sie oft von Gildenmagiern verfasst. Das sagte doch schon alles ... Hm, das könnte für die ferne Zukunft einmal ein Ziel sein, alle Erlebnisse niederzuschreiben. Sicherlich ließ sich damit bestimmt auch die eine oder andere Krone verdienen, wenn so ein Buch von einer so vertrauenswürdigen Person wie ihm verfasst worden war. Aber zunächst einmal gilt es, zu überleben. Und wer kann schon sagen, was hier alles außer den Dunkelelfen noch rumkreucht und -fleucht?
Was war noch zu tun? Sicher wäre es besser, einmal festen Boden unter den Füßen aufzusuchen und dort das Lager aufzuschlagen. Vielleicht gibt es bei den Felsen sogar eine geeignete Höhle? Und man sollte die verbliebene Ausrüstung überprüfen und erfassen. Etwas Ordnung hatte schließlich noch niemanden geschadet. Das Gleiche gilt für die Nahrung. Evtl. müsste man sich über eine möglicherweise erforderliche Rationierung Gedanken machen? Nur Hesinde weiß wohl, wie lange wir hier noch ausharren müssen. Ja, er sollte so schnell wie möglich mit Senhor Geldon das Gespräch suchen! Zum Glück hatte er seiner Empfindung nach eine fast unheimliche sprachliche Begabung, die es ihm bisher immer sehr leicht machte, fremde Sprachen schnell zu erlernen. Und das hatte sich auf den Reisen hierher schon mehrere Male als sehr nützlich erwiesen. Von daher sollte es auch mit Senhor Geldon möglich sein, ohne Schwierigkeiten zu sprechen. Woher er wohl kam?
Gerade, als Sedef sich umdrehen will, fällt ihm sein Brotkanten aus der Hand. Ein Blick nach unten bestätigt seine Befürchtungen. Wie sollte es auch anders sein, der Brotkanten war über Bord gegangen. Es hätte doch wirklich gereicht, wenn er auf die Schiffsplanken gefallen wäre. Aber wenigstens ist unten kein Wasser. Vielleicht ist das Eis ja doch nicht so schlecht, wie es aussieht und wie es sich anfühlt? Da würde ihm wohl nun nichts anderes übrig bleiben, wie nach unten auf das ungemütliche Eis zu klettern, um den Brotkanten zu retten. Schließlich will er ja, nachdem er sich schon Gedanken über eine mögliche Rationierung gemacht hat, mit gutem Beispiel vorangehen. Nachdem Sedef über die Reling gestiegen ist, was für ihn bei seiner Größe von ca. 1 Schritt, 4 1/2 Spann und 1 Finger kein großes Problem darstellt, beginnt er nach unten zu klettern. Zu Hause würde man sagen, dass er ziemlich groß gewachsen ist, hier im Firun hat er aber schon deutlich größere Leute gesehen. Diese Größe scheint hier wohl sogar eher normal als die Ausnahme zu sein. Vielleicht hätte sich Sedef doch etwas mehr mit dem Abstieg beschäftigen sollen? Jedenfalls kurz bevor er den Boden oder, genauer gesagt, das Eis erreicht, rutscht er ab und schafft es nicht mehr, sich festzuhalten. Zum Glück war es nur ca. 1 Schritt, den es noch nach unten ging ... Da hat Sedef schon deutlich Schlimmeres mitgemacht! Ob der Sturz mit seiner als schlaksig zu bezeichnenden Figur - sein Gewicht könnte man auf ca. 85 bis 90 Stein schätzen, es düfte aber wohl irgendwo in der Mitte davon liegen - oder mit seiner dicken Winterkleidung, die er trägt, zusammenhängt, wäre für einen hoffentlich nicht vorhandenen Beobachter vermutlich schwer zu erkennen gewesen. Vielleicht hat sich Sedef ja aber auch einfach (mal wieder ?!?) ungeschickt angestellt ... Dieses Mal ist es jedenfalls glimpflich abgegangen. Und der Brotkanten ist auch da, wie Sedef nun schmerzhaft unter seinem linken Oberarm spürt. Nichts desto trotz, Peraine sei Dank! Für die Rettung des Essens kann man auch einmal etwas Unbillen auf sich nehmen. Es war ja schließlich nicht das erste Mal ...
Nachdem Sedef wieder aufgestanden ist und den Brotkanten in eine Tasche gesteckt hat, macht er sich an den Aufstieg. Er braucht deutlich länger wie für den Abstieg, schafft es aber, schon beim ersten Mal gesund oben anzukommen und ist darüber wirklich froh. Ein Sturz am Tag ist nun wirklich ausreichend. Hoffentlich hatte es niemand gesehen.
Wenn jemand an Deck sein sollte, könnte er bei Sedefs Rückkehr aufs dieses sehen, dass sein Aussehen, wenn man von seiner Größe und seiner Kleidung absieht, dem eines typischen Tulamiden entspricht. Unter der warmen Mütze sieht man, dass seine Gesichtshaut hellbraun ist. Einige Haarsträhnen haben sich wohl nicht unter die Mütze bändigen lassen und stehen in alle Richtungen hervor. Sie wirken etwas ungepflegt und schmierig, aber wer würde sich bei diesen Temperaturen schon gerne waschen? Dafür ist es nunmal einfach zu kalt. Wenn Senhor Geldon während der Reise hierher schon einmal in der Nähe von Sedef gewesen ist, hat er sicherlich schon bemerkt, dass diesen auch ein etwas strengerer Geruch umgibt. Es könnte sogar durchaus sein, dass Sedef einen leicht verwahrlosen Eindruck auf ihn gemacht hat. Vielleicht hängt das mit dem (Nicht-)Waschen doch nicht alleine mit der Kälte zusammen? Und wie Sedef es auf der Reise geschafft hat, so viele Flecken in seine dicke Pelzjacke und seine warme Hose zu bekommen, wird wohl für immer sein Geheimnis bleiben. Auch seine Fellstiefel und -handschuhe sehen so aus, als könnten sie schon einiges zu erzählen haben. Dabei hat Sedef die Winterkleidung, als es während der Reise immer kälter wurde, erst gekauft. Schaut man Sedef allerdings genauer ins Gesicht bzw. in seine braune Augen, wird man feststellen können, dass er über einen wachen Verstand und einen scharfen Intellekt zu verfügen scheint.
Nach diesem kleinen Abenteuer hat Sedef erst einmal die Nase voll von dieser ungarstlichen Umgebung. Wenn es hier nur nicht so kalt wäre. Vielleilcht findet sich ja in diesem Schiff noch etwas, das groß genug ist, um es noch oben drüber zu ziehen. Und, wo er sich das jetzt überlegt, war bestimmt auch Eis daran schuld, dass er vorher ausgerutscht und das letzte Stück gefallen ist. Beim nächsten Mal würde er wieder besser aufpassen! Sedef begibt sich jetzt wieder nach unten, um sich aufzuwärmen und nach seiner Ausrüstung zu sehen. Zuerst einmal ist eine Bestandsaufnahme bei den eigenen Sachen erforderlich. Danach wird diese auf das ganze Schiff ausgedehnt. Die Ausrüstung hat Sedef, als er an Deck gegangen ist, in seinem großen Rucksack in der Kajüte zurückgelassen.
Eine alte Weisheit der Dakota-Indianer sagt: Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab!