Die ganze Nacht wachte sie bei Jurina und sorgte sich um sie. Am nächsten Morgen war Delara endgültig klar, dass sie Jurina hier nicht wegbringen konnte. Es blieb nichts anderes übrig, als den Kampf gegen Wundbrand und Schwärung hier, in der Wildnis, auszukämpfen. Ein Tag auf dem Pferd sitzend würde sie umbringen ... wenn es nicht die Wunde tun würde. Jurina würde hier entweder aus eigener Kraft fortreiten, oder gar nicht. Delara betete für ersteres, wärmte sie, so gut es ihr möglich war, sprach zu ihr, flößte ihr den Tee ein und streichelte sie. Der Pfeilblütentee half nicht gegen Fieber, aber bei die Heilung von Wunden unterstützte er üblicherweise schon und damit wirkte er auch indirekt gegen Wundfieber. Doch nicht bei dieser Wunde. Dennoch hatte Delara aus der bloßen Hoffnung heraus ihn Jurina weiterhin zu trinken verabreicht.
Sie griff zu einem weiteren Mittel, ihrer letzten Hoffnung. Jurina brauchte jedes Quäntchen Kraft. Sie legte ihre Hände sanft und leicht auf die Wunde und sprach inbrünstig: „O meine Herrin Rondra und Ihr, Herrin Peraine, und ihr anderen Herrscher Alverans, schenkt diesem Sterblichen von der Lebenskraft, für die die uranfängliche Sumu gestorben ist. Denn dieser Leib ist geschlagen mit Bitterkeit und Schmerzen und bedarf der Heilung in Eurem Namen.“2
Sie fühlte die Verbindung zu Rondra und ihre Nähe. Einen Moment lang blieb sie sitzen und betete im Stillen. Dann löste sie vorsichtig den Verband, um einen Blick auf die Wunde zu werfen. Tatsächlich nässte die Verletzung weniger und eine größere Menge Eiter war herausgeschwemmt worden. Behutsam tupfte und säuberte Delara sie und wickelte dann einen frischen Verband darum. Jurinas Fieber war nicht gesunken, das fühlte sie, als sie ihre Hand auf ihre Stirn legte. Aber die Amazone schien im Moment ein wenig ruhiger, ihr Atem war etwas kräftiger und regelmäßiger geworden.
Doch diese Fortschritt ließ nach einiger Zeit wieder nach, Delara hätte nicht sagen können, ob nach einer Stunde oder nach mehreren. Aber sie hatte Jurina etwas Ruhe geben können und hoffentlich die nötige Kraft, die sie überleben ließ.
Irgendwann wurde ihr bewusst, dass ihr Tränen über das Gesicht liefen, die auf Jurinas vom Fieber gerötetes Gesicht fielen. Jurina murmelte etwas, dass Delara nicht verstand.
„Halte durch, Jurina“, murmelte sie und strich ihr über das schwarze Haar, „halte durch. Kämpfe! Du bist eine Kämpferin, eine zähe und stolze Kämpferin. Kämpfe und streite, damit du noch viele Heldentaten begehen kannst, Heldentaten, die dir zustehen...“
Und wieder tropfte es von ihren Wangen herab, doch sie beachtete es nicht, ebenso wenig wie die Kälte, den Schmerz in ihren Knien und ihre verspannten Muskeln. Obwohl sie auch diesen Tag wieder durchwachen wollte, fiel sie irgendwann in einen unruhigen Schlaf, auf den sie wieder aufwachte, weil ihr Nacken und Rücken schmerzten, denn ihr Kopf war nach vorne auf Jurinas Brust gesunken. Als ihr bewusst wurde, dass sie geschlafen hatte, fühlte sie sofort mit den Händen nach Jurina, doch diese lag noch immer im Fieber, atmete flach und unregelmäßig und bewegte die Lippen, doch wenn überhaupt, kam nur Unverständliches heraus.
„Gib nicht auf. Noch bist du nicht zu Hause, Jurina. Halte durch. Du musst durchhalten, hörst du?!“ Wieder fühlte sie die Furcht in ihrem Herzen. Es waren schon Freunde und Mit-Geweihte von ihr gestorben, gefallen im Kampf oder erlegen an den Auswirkungen zu schwerer Verletzungen. Aber Jurina war noch so jung, stand völlig am Anfang von allem ... dies wäre kein Tod, den Delara irgendeinem Geweihten der Rondra wünschen würde, schon gar nicht der stolzen jungen Löwin, die stets so beherrscht war, aber gleichzeitig so offen und unverblümt. Jurina hatte noch gar nichts von der Welt gesehen.
Als der Abend langsam dämmerte, war Jurinas Zustand unverändert. Wieder einmal erneuerte Delara den Verband, nachdem sie die Wunde gesäubert hatte. Sie flößte ihr heißen Tee ein und achtete darauf, dass die Amazone stets bedeckt war vom Mantel, den Decken und der Kleidung, die Delara entbehrte. Sie selber fühlte die Kälte kaum noch, denn ihre Angst und die Müdigkeit schwemmten alles hinfort.
Die ganze Nacht über führte Jurina den entscheidenden Kampf um ihr Leben. Delara tat, was sie konnte, um ihr beizustehen und diesen Kampf zu erleichtern. Sie gab Jurina nicht auf, so wie diese sich selber nicht aufgab. Sie redete mit ihr, ermunterte sie, wärmte sie und betete für sie.
Stunden vergingen und mehr als einmal dachte Delara, Jurina hätte endgültig aufgehört zu atmen, doch wenn sie mit zitternder Hand nachfühlte, spürte sie den Puls und wie sich ihre Brust hob und senkte, schwach nur und unregelmäßig, aber sie lebte.
Im Laufe der Nacht wuchs Delaras Hoffnung, erst konnte sie es nicht glauben, doch ihr nach Bestätigung lauschendes Ohr und die tastenden Finger bestätigten ihr mehrmals, dass Jurinas Atem fester und regelmäßiger wurde und beim ersten Licht der kalten Wintersonne gewann sie den Eindruck, dass der Zustand der Wunde sich verbesserte und die Entzündung tatsächlich zurückging ebenso wie das Fieber.
Kurz darauf nickte sie gegen ihren Willen, neben Jurina zusammengesunken, wieder ein und erwachte erst einige Stunden später, wie ihr der Stand der niedrigen Praiosscheibe verriet. Ein schneller Blick zu Jurina verriet, dass sich ihr Zustand weiterhin verbessert hatte und sie wohl die ganze Zeit im erholsamen Schlaf gelegen hatte. Bis zum Abend war ihr Fieber völlig verschwunden. Jurina war wach und bei Bewusstsein und reagierte auf ihre Worte.
Sie lächelte schwach und fasste nach Delaras Hand. „Du warst bei mir“, sagte sie.
„Ja“, erwiderte Delara schlicht. Sie streichelte ihr erneut über das Haupt. „Du hast es überstanden. Ruhe dich jetzt aus und erhol dich.“
Jurina nickte und fiel fast sofort wieder in einen tiefen Schlaf.
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2 Raddatz, Jörg, u.a.: Kirchen, Kulte, Ordenskrieger, Erkrath, 2000, S. 15