Für die Nacht fanden sie eine kleine Baumgruppe, in deren Schutze sie ihr Lager aufschlagen wollten. Als sie jedoch den letzten Baum rundeten, sahen sie, dass sie nicht die ersten hier waren.
Ein Schneemann stand dort, bestehend auf drei kleiner werdenden, aufeinander aufgetürmten Kugeln, mit kurzen Armen aus weiteren Schneekugeln, einer Knopfleiste aus Eiskristallen auf der mittleren Kugel, Augen, Nase und Mund im Schneegesicht aus dem gleichen Material. Er blickte ihnen entgegen.
Beide Frauen zügelten ihre Stuten und starrten den Schneemann an. Der Schneemann lächelte freundlich zurück.
„Bei Rondra!“ sagte Jurina schließlich. „Was bedeutet das? Er sieht genauso aus wie der andere!“
Delara nickte. Auch ihr schien die Gegenwart des Schneemannes nicht ganz geheuer zu sein. „Ich weiß es nicht ... doch sollten wir vorsichtig sein!“
„Lass uns besser einen anderen Platz suchen“, schlug die Amazone vor. „Ich fürchte keinen Schneemann, doch müssen wir eine unbekannte Gefahr nicht herausfordern.“
„Ja“, stimmte Delara zu. Sie trieben ihre Pferde an und ritten weiter. Wieder blickten sich die Reiterinnen um, doch der Schneemann stand weiterhin unbeweglich.
Eine halbe Stunde später fanden sie einen anderen Lagerplatz, der nicht so gut geschützt war durch mehrere Bäume wie der andere, doch ein entwurzelter Baum und die dadurch entstandene Kuhle würden ein wenig den Wind abhalten und Feuerholz liefern.
Ein Schneemann, genauso aussehend wie die beiden anderen, stand neben dem Wurzelwerk und lächelte ihnen entgegen.
Jurinas Brauen zogen sich zusammen. „Ob es der gleiche Schneemann ist? Sie sehen alle so gleich aus.“ Sie stieg von Rondira und zog ihren Säbel.
„Jurina! Was hast Du vor?“ rief Delara. Auch sie stieg ab von Tiama und legte ihre Hand an den Schwertgriff an ihrer Seite.
„Ich will wissen, was es damit auf sich hat“, erwiderte Jurina entschlossen. Vorsichtig näherte sie sich dem Schneemann und drückte sacht ihre Säbelspitze in seinen Kugelbauch. Die Klinge drang problemlos ein und als Jurina sie wieder hervorzog, war auch schon im gleichen Moment keine Spur eines Eindringens mehr zu sehen. Sie runzelte die Stirn, fasste mit den Zähnen den Handschuh ihrer freien Hand, zog ihn aus und bohrte ihren Zeigefinger in den Schneemann. Der Schnee war kalt und sie hörte es leise knirschen, als sie mit dem Finger den Schnee zurückdrückte. Es fühlte sich an wie gewöhnlicher Schnee. Sie zog den Finger wieder heraus. Das Loch, das sie gebohrt hatte, war immer noch zu sehen.
Sie blickte darauf, doch es veränderte sich nicht. Dann, plötzlich, sie blinzelte, und das Loch war verschwunden.
Dieses mal schob sie ihren Säbel hinein, bis die Spitze auf der anderen Seite wieder herauskam. Doch erneut war in dem Moment, in dem sie ihn herauszog, kein Hinweis mehr darauf zu finden. Sie holte aus und schlug von rechts nach links durch den Schneemann hindurch, doch statt auseinander zubrechen, war nach Verlassen der Klinge keine Spur mehr zu finden.
„Bei Rondra, das geht nicht mit rechten Dingen zu!“ Jurina musterte den Schneemann aufmerksam und misstrauisch, doch der lächelte nur freundlich zurück..
„In der Tat. Doch da er vermutlich wieder vor uns da sein würde, wenn wir einen weiteren Lagerplatz suchen würden, und weil mir kalt ist, würde ich sagen, dass wir trotzdem hier lagern“, schlug Delara vor. Auch sie betrachtete den Schneemann misstrauisch und hatte mit Staunen die Resultate von Jurinas Versuchen wahrgenommen.
Jurina starrte noch einen Moment ins das Gesicht mit den Eiskristallen, dann schob sie den Säbel in seine Scheide zurück, zog sich den Handschuh wieder über und griff nach Rondiras Zügeln.
Schweigend machten sie sich daran, die Stuten abzusatteln. Während diese den Hafer aus den Futtersäcken fraßen, sammelten die beiden Frauen soviel Holz wie möglich, beförderten den Schnee aus der Kuhle und machten dort ein Feuer. Während Schnee in den Zinnbechern durch die Wärme schmolz, bürsteten die beiden Geweihten die dichten Felle der Stute und kratzten die Hufe aus.
Der Schneemann wandte ihnen den Rücken zu und blickte weiterhin in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
Nach dem Essen erhob sich Jurina, nahm einen brennenden Ast aus dem Feuer und hielt die Flamme nah an den Schneemann. Die Flamme leckte am Schnee, aber nicht ein Tropfen entstand, der Schneemann schmolz nicht, löschte aber auch nicht die Flamme. Sie hielt sie noch näher dran, aber wieder hinterließ die Hitze keine Spuren. Entschlossen drückte sie den brennenden Ast tiefer hinein. Als sie ihn wieder hervorzog, war das Feuer aus und nach ihrem ersten blinzeln war das Loch verschwunden.
Jurina ließ den Ast fallen und betrachtete den Schneemann mit zusammengekniffenen Augen. Dann fasste sie mit beiden Händen den Kopf des Schneemannes, hob die Kugel hoch und ließ sie auf den Boden fallen. Der auf dem Boden liegende Schnee war weich und tief, so dass der Kopf unbeschädigt blieb. Mit der Ferse trat die Amazone einmal zu, doch der Kopf des Schneemannes gab kaum nach und es blieb nur der Abdruck ihres Stiefels zurück.
Sie machte einen Schritt zurück und beobachtete den kopflosen Schneemann und den neben ihm liegenden Kopf, doch der Anblick, der sich ihr bot, veränderte sich nicht.
Nach einigen Minuten ging sie rückwärts zum Feuer zurück. Delara sah fragend zu ihr hin, als sie sich setzte. Obwohl sie es vermeiden wollte, konnte Jurina es nicht vermeiden, einmal kurz wegzuschauen beim niederlassen und als sie einen halben Herzschlag später zum Schneemann hinblickte, saß dessen nun wieder makelloser Kopf auf der mittleren Kugel.
Gemeinsam verrichteten sie das Abendgebet nach dem Essen und fochten dann zwei Übungskämpfe aus. Delaras Schulter hatte sich soweit erholt, dass für nicht zu schnelle Bewegungen einsatzfähig war. Doch der Präsenz des Schneemannes waren sie sich bewusst. Nebeneinander saßen sie am Feuer und tranken etwas heißen Tee. Sie sprachen wenig und immer wieder gingen ihre Blicke zu der weißen Gestalt, die regungslos nach Norden sah.
Jurina machte die erste Wache. Manchmal stand sie auf, sah nach den Pferden, legte etwas Holz nach, damit das niedergebrannte Feuer nicht gänzlich ausging und zog eine Runde um ihr kleines Lager. Doch die Pferde zeigten keine Anzeichen von Nervosität und der Schneemann verharrte still an seinem Platz.
Sie streichelte Delara, die sich in Mantel und Decken eingewickelt hatte, sanft über die Wange und weckte sie mit einigen sanften Küssen. Erst lächelte Delara verschlafen, doch dann erwiderte sie den Kuss und erhob sich. Ihr Blick ging zum Schneemann.
„Alles ruhig“, sagte Jurina. „Als wenn er ein normaler Schneemann wäre. Die Pferde wittern nichts.“
„Dann schlafe du jetzt, die Decken sind noch warm“, erwiderte Delara. Sie gab ihrer Gefährtin einen Kuss, den Jurina mit Freuden erwiderte, bevor sie begann, ihre Schienen und die Brünne wie jeden Abend abzulegen, wieder in den Mantel schlüpfte und sich in die Decken wickelte.
Einen Moment sah Jurina Delara noch zu, wie sie aufstand und eine Runde um ihren Lagerplatz drehte, bevor sie sich neben ihr am Feuer niederließ. Ihre Hand lag auf Jurinas Schulter, als diese einschlief.