Wieder brachte Jurina den gefährlichen Steg durch den Wasserfall sicher hinter sich und ging ausschreitenden, stolzen Schrittes in die Stadt Donnerbach hinein. Es war schon dunkel, doch das Licht des Madamals und der Schnee spendeten genügend Licht. Im Hintergrund, wenn sie sich umdrehte, konnte sie die Gipfel der Salamandersteine sehen, hingegen vor ihr zwischen den Häusern der Neunaugensee hindurch schimmerte. Auch hier war das Donnern des mächtigen Wasserfalles zu vernehmen. Aus den meisten der Häusern fiel Lichtschein, so dass es ihr keine Schwierigkeiten bereitete, nach einem Schild, dass einen Laden kennzeichnete, Ausschau zu halten. Tatsächlich fand sie ein Händlergeschäft, aber das hatte in der Tat schon zu und auch auf ihr Klopfen hin geschah nichts.
Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, als sie weiter ging. Der Umhang über ihren Schultern gab ihr nur wenig Schutz vor der Kälte, aber wie immer riss sie sich innerlich zusammen. Niemand sollte sie vor Kälte zittern sehen, auch, wenn ihr Körper sich ihrem Willen nicht beugte und eine Gänsehaut hatte.
Sie ging recht ziellos umher, die Häuser standen nicht geordnet und sie ging zwischen ihnen einher. So fand sie ein weiteres Haus, dass ein Holzschild über der Tür trug. Sie klopfte an und als sie sich schon abwenden wollte, näherten sich von Innen Schritte und die Tür wurde geöffnet. Ein großer Norbarde stand vor ihr, mit Glatze und Schnauzbart, und sah sie fragend an.
„Der Donnernden zum Gruße! Ich brauche warme Kleidung für eine Reise“, sagte Jurina knapp.
Ein breites Grinsen erschien auf des Norbarden Gesicht. „Phex zum Gruße! Kommt doch herein, so können wir uns auf einen Handel einigen“, erklärte er in einem Akzent, den Jurina bereits von Skasgej kannte. Er hielt die Tür auf und Jurina trat ein. Sie fand sich einem Raum wieder, vollgestellt mit Regalen voller Ware, Fässern und Kisten. Auf der Rückwand war eine Tür, durch die Licht hineinfiel.
Der Norbarde ging zu einer Theke, griff sicher dahinter und holte eine Öllampe hervor, die er anzündete. „Was braucht Ihr denn?“
Bevor Jurina antworten konnte, zeichnete sich ein großer Schatten in dem Durchgang nach hinten ab. „Ihre Gnaden Jurina von Keshal Rondra!“ rief Skasgej freudig aus und trat in den Raum ein. „Was macht Ihr denn hier?“
„Der Donnernden zum Gruße, Skasgej Iwan Trepolov!“ erwiderte Jurina gemessenen Tonfalles. „Ich brauche warme Kleidung für den hiesigen Winter.“
„Das ist die Rondrageweihte der Amazonen, von der ich dir erzählte, Sergej: Jurina von Keshal Rondra. Und dies ist mein Cousin Sergej Trepolov.“ Skasgej lächelte breit.
„Ich bin eine Löwin der Donnernden“, stellte Jurina klar. Sie nickte Sergej einmal zu.
„Erfreut“, erwiderte Sergej. „Skasgej hat mir von dem Werwolf und den Goblins erzählt – auch ich habe Euch zu danken, habt Ihr doch geholfen, meinen Cousin zu retten. Leider hat unsere Sippe Onkelchen verloren“, fügte er traurig hinzu. Er und Skasgej schwiegen einige Herzschläge lang, dann sagte Sergej: „So, dann wollen wir mal schauen.“
Er ging zielgerichtet mit der Lampe in der Hand auf ein Regal zu und stellte die Lampe auf ein Regalbrett. Mit einem geübten Auge schätzte er Jurinas Größe ein und holte entsprechende Kleidung heraus. Im Endeffekt kaufte Jurina einen bis zu den Füßen reichenden, gefütterten Reitermantel und warme Handschuhe. Sergej nannte einen Preis und Jurina wollte gerade das Geld aus ihrer Gürteltasche holen, als Skasgej seine große Hand auf Sergejs Schulter legte und leicht den Kopf schüttelte. Sergej nickte. „In Gedenken an Onkelchen und der Rettung meines Cousins, sagen wir zwei Silberlinge weniger.“
Jurina nickte und gab ihm das Geld. „Kehrt Ihr nach Hause zurück?“ fragte Skasgej dabei.
„Nein“, antwortete Jurina. „Ich begleite die Meisterin des Bundes nach Lowangen. Sie bat mich um diese Ehre, und ich willigte ein.“
„Lowangen?“ wiederholte Skasgej. „Ich will auch bald aufbrechen in diese Richtung. In Lowangen hoffe ich, bald meine Sippe zu treffen und ihnen vom Verlust des Wagens und von Onkelchens Tod zu berichten. Könnte ich wohl meinerseits um die Ehre bitten, euch begleiten zu dürfen und euren Schutz genießen zu können?“
„Ich werde dies nachfragen“, erwiderte Jurina. „Doch es soll bereits morgen aufgebrochen werden.“
Skasgej fuhr sich mit einer Hand über seinen rasierten Schädel. Die blauen Flecken vom Kampf mit der Magierin waren noch immer zu sehen. „Ich kann bis morgen fertig sein, daran soll es nicht liegen“, sagte er nach kurzem Nachdenken. „Doch sagt, was machen Eure Verwundungen?“
„Sie wurden gut versorgt und machen mir kaum noch zu schaffen.“ Da sie sehen konnte, dass seine Beulen und Prellungen abklangen, fragte sie nicht zurück. Sie verabschiedete sich von den beiden und trat, mit dem Mantel und den Handschuhen über dem Arm, nach draußen.