Jurina ihrerseits suchte einen der Übungsräume, die den Novizen und Geweihten zur Verfügung standen, auf, um dort einen meditativen Säbelkampf zu zelebrieren. Bis zur Messe war noch etwas Zeit. Grüßend hob sie ihren Säbel und begann mit langsamen Bewegungen. Sie war sich jeder ihrer Bewegungen, der Fußstellung, Körperhaltung und Bewegung des Reitersäbels bewusst. Einen Herzschlag, bevor sie ihre Stellung und Haltung veränderte, stellte sie sich vor dem inneren Auge vor, wie ihre Haltung abschließend sein sollte und erst dann führte die Amazone sie auch aus. Sie atmete bewusst ruhig und gleichmäßig, durch die Nase ein und durch den Mund aus. Ihre Umgebung verschwamm zunehmend, wurde unwichtiger und schließlich ausgeblendet. Ihre Verletzungen, die zu schmerzen begonnen hatten, wurden unbedeutend, der Schmerz existierte nicht.
Ganz allmählich steigerte sie nach wenigen Minuten die Geschwindigkeit der Bewegungen, ließ sich selber weniger Zeit zum Denken, ging immer mehr dazu über, sie durch ihre eigenen Reflexe und Fähigkeiten zu steuern. Nicht denken, sondern handeln! hörte sie die Stimme ihrer Ausbilderin. Spüre den Kampf, gib dich Rondra hin!
So zog sie sich während dieser Übungen in sich selber zurück, reduzierte sich selbst auf Reflexe und Instinkte, schaltete jegliches Denken und Fühlen, Sorgen und Hoffnungen aus. Eins werden mit dem Willen der Göttin, das war das Ziel einer Meditation. Sie war ein leeres Gefäß, bereit, Wesen und Willen der donnernden Löwin in sich aufzunehmen.
Irgendwann wurde Jurina langsamer, ihre Bewegungen und Manöver wurden bewusster und bedächtiger und als sie nach einigen weiteren Minuten den Säbel in die Scheide zurücksteckte, atmete sie mittlerweile wieder ruhig und gleichmäßig, doch ihr ganzer Köper war in der kalten Höhle mit Schweiß bedeckt. Sie musste sich kurz orientieren, um sich darüber klar zuwerden, wo sie gerade war.
Sie fühlte sich besser, freier im Geist und körperlich angenehmen entspannt und etwas erschöpft. Jetzt merkte sie wieder die Schmerzen in ihrer Schulter und dem Bein, die Übungen hatten den Wunden nicht gut getan, aber sie würden heilen.
Langsam, um nicht zu hinken, ging Jurina in die Hauptkavernen zurück. Sie suchte eine, die leer war und versenkte sich dort in das Gebet.
Rechtzeitig zur abendlichen Messe fand sie sich in der großen Grotte mit dem steinernen Altar ein. Dutzende von männlichen wie weiblichen Geweihten der Rondra hatten sich hier zum Gebet eingefunden zusammen mit Kriegern und Kriegerinnen. Sie entdeckte Delara unter ihnen und nickte ihr zu. Die Geweihte hob grüßend die Hand zurück. Zu einem Gespräch kam es nicht, denn die Messe begann.
Aldare VIII, Meisterin des Bundes, Verwalterin der Senne des Nordens, die 27. Fürst-Erzgeweihte der Freien Stadt Donnerbach, hielt die Messe. Ihr Stimme hallte deutlich und klangvoll in der Grotte wieder, als sie die Predigt hielt. Dazwischen erfüllten Choräle die Jahrtausendealte Höhle.
Auch wenn keine ihrer Schwestern hier war und sich gar Männer hier aufhielten und am Gebet teilnahmen, so erinnerte diese Abendmesse Jurina doch an Keshal Rondra. Es musste die felsige Umgebung sein und das Wissen darum, dass dies ein für Rondra wichtiger Ort war.
Nun war es Zeit, Rondira zu versorgen. Wieder schaffte sie es, den Pfad zu überqueren ohne in das kalte, wirbelnde Nass zu stürzen. Rondira erwartete sie schon freudig und während sie malmend ihren Hafer fraß, putzte Jurina sie und ließ ihr anschließend einige Streicheleinheiten zu kommen, bevor sie wieder in den Tempel zurückkehrte.
Wieder suchte sie sich eine leere Grotte und versenkte sich in ein Gebet. Für mehrere Stunden verharrte sie so, betend, in sich versunken.
Trotzdem es bereits auf Mitternacht zuging und trotz ihrer Verletzungen fühlte sie sich noch nicht müde, denn sie hatte heute bereits ausgeruht. Auch wenn die Kälte ihrer Kammer trotz des Kaminfeuers sie nicht wirklich abschreckte, verlangte es sie heute danach, nicht allein zu sein und körperliche Nähe zu spüren.
Unwillkürlich dachte sie an Delara, die ihr besonnen zugehört hatte, die eine Geweihte wie sie war. Ihre Bewegungen sprachen von mehr Geschmeidigkeit als Kraft und sie hatte ein Jurina ansprechendes Gesicht. Vielleicht hatte auch sie Lust auf eine Nacht zu zweit?
Tatsächlich fand sie Delara im Tempel. Direkten Schrittes ging sie ohne zu zögern auf sie zu und fragte, wie es unter ihren Schwestern Brauch war: „Möchtet Ihr Euer Lager mit mir teilen heute Nacht?“
Delaras Mundwinkel zuckten etwas bei dieser erneuten Direktheit Jurinas. Sie blickte die junge Frau vor sich einige Sekunden lang schweigend und mit unbewegtem Gesicht an. „Ja“, antwortete sie schließlich und lächelte etwas.
Der Aspekt, dass Jurina eine Geweihte der Amazonen war, hatte sie von Anfang an sehr interessant gefunden, denn wenig war bekannt über Amazonen und noch weniger über ihre Geweihten, von denen es nur eine Handvoll gab. Ihr war nicht entgangen, dass Jurina eine gutaussehende Frau war, die sich mit Eleganz und Stolz bewegte, doch wäre sie bis gerade eben selbst nicht auf die Idee gekommen, da eine körperliche Anziehungskraft oder Begierde zu sehen. Doch Jurinas unverblümte Frage, mit der größten Natürlichkeit gestellt wie es schien, sprach sie an. Ja, sie wollte sie tatsächlich.
„Gehen wir auf mein Zimmer“, meinte sie und ging voran.