Mit brennenden Augen und zusammengepressten Lippen blickte Jurina ihr nach. Die Magierin durfte nicht entkommen. Sie würde nicht entkommen. Auch wenn es ihr schwer fiel es nicht zu tun, war sich die Geweihte bewusst, dass es sinnlos und sogar völlig falsch war, jetzt einfach hinter der Frau herzustürmen. Zurück zu Rondira, an den Untoten vorbei, und durch den gefrorenen, aber nicht ungefährlichen Sumpf, der das Tempo ihrer Stute hemmen würde, würde Zeit kosten, so dass sie die Magierin nicht innerhalb von Minuten einholen würde. Um schneller zu werden, würde sie Skasgej hier lassen müssen, und das Nebelmoor war zur Zeit ein gefährlicher Ort. Mit ihm auf Rondira würde es das Tempo noch mehr verlangsamen. Dazu kam, dass hier augenscheinlich ein übler Zauber gewirkt worden war, dessen Vorbereitungen noch immer vorhanden waren. Sollte sie nicht die eingeritzten Zeichen und den Fackelkreis zerstören?
Dies alles ging Jurina binnen Herzschlagbruchteilen durch den Sinn.
Noch einmal blickte sie zu dem Kreis. Die Untoten und die Skelette fingen an, sich zu regen, schweigend, wie sie gekommen waren, verteilten sie sich wieder und verschwanden allmählich, langsam, wieder im Moor. Es dauerte einige Minuten, bis auch der letzte außer Sicht war. Jurina erhob sich aus ihrer niedergeduckten Position, den blanken Säbel noch immer in der Hand, und schritt aufmerksam auf den Kreis der langsam niederbrennenden Fackeln zu. Skasgej folgte ihr, seine Molokdeschnaja ebenfalls blank gezogen. Kurz davor blieb sie stehen, ließ ihren Blick noch einmal darüber schweifen und trat dann hinein, bis sie erneut vor dem siebenzackigen Stern stehen blieb, denn sie aufmerksam begutachtete. Der gefrorene Boden lieferte keine Spuren im dürftigen Lichtschein für Jurinas eher ungeübtes Auge. Der Stern war wohl mittels eines Dolches, schätzte Jurina, in den kalten Moorboden geritzt worden. Knochensplitter lagen an der Stelle, an der das Große Skelett in seine unheilige Existenz gerufen worden war.
Noch einmal blickte sie sich sichernd um, dann steckte sie den Säbel in die Scheide zurück, zog ihr Jagdmesser und machte sich daran, die Markierungen des siebenstrahligen Sternes mit der Klinge ihres Messers wegzukratzen. Skasgej tat es ihr gleich und begann an einer anderen Stelle mit seinem Messer zu arbeiten. So ging es schneller, aber es dauerte in Jurinas Augen noch immer zu lange, obwohl es nur einige Minuten waren, dazu mussten sie wachsam sein, dass sie nicht von Untoten oder Skeletten überrascht wurden, doch glücklicherweise war von diesen nichts mehr zu sehen oder zu hören.
Die Amazone fragte sich, wie sie entstanden waren und warum sie gekommen waren. Die Magierin schien sie nicht gerufen zu haben, sie hatte diese seltsamen Zuschauer scheinbar gar nicht beachtet. Sie hatten nichts getan, hatten nur still verharrt und waren nach dem Zauber wieder gegangen. Wieder zurück in ihre kalten Gräber? Sie konnte gerade noch ein leichtes Schaudern unterdrücken. Sie verstand nichts von Magie, schon gar nichts von der, die damit zu tun hatte, in totes Gerippe wieder Leben einzuhauchen, aber es war ihr klar, dass dies unheilig und wider Rondra und ihrer elf Geschwister war.
Als die Umrisse des Sternes vernichtet waren, machten sich die beiden daran, die Überreste der Fackeln zu löschen. Dann gingen sie zu Rondira zurück, die folgsam sich nicht weg bewegt hatte. Schweigend stiegen sie auf, sie hatten sich nichts zu sagen, denn beiden war klar, was sie zu tun hatten. Jurina lenkte Rondira in die Richtung, in der die Magierin auf ihrem Schimmel verschwunden war. Obwohl es sie danach drängte, die Fuchsstute anzutreiben und der Frau nachzueilen, tat sie es nicht. Es war dunkel und sie befanden sich in einem Sumpf und obwohl der Boden gefroren war, mochte doch das eine oder andere Sumpfloch, womöglich noch unter Schnee versteckt, unter dem Gewicht des Pferdes und der beiden Reiter aufbrechen. Lahmte Rondira, hätten sie keine Möglichkeit mehr, die Magierin einzuholen. Und es waren viele Untote in dieser Nacht unterwegs, Menschen, die im Laufe unzähliger Götterläufe einen frühzeitigen Tod im Nebelmoor gefunden hatten und durch die unheilige Magie der Magierin zu etwas gefunden hatten in dieser Nacht, das kein Leben war, aber auch kein Tod...
Im Schnee hinterließen das Pferd und vor allem das Skelett Spuren, aber es war dunkel. Sicherlich würde die Verfolgte sich nicht durch dichtestes Gebüsch kämpfen und sowohl das Pferd als auch das Große Skelett brauchten Platz. Des weiteren war es naheliegend, dass auch sie über den Pfad reiten würde. Unter diesen Gesichtspunkten vermutete Jurina, dass die Magierin ihr Pferd sich den Weg hatten suchen lassen, aber in Richtung auf den Pfad hin. So hielt sie es genauso.
Als sie den Pfad erreichten, ging es etwas schneller voran. Jurina trieb Rondira etwas an, aber in Hinsicht auf das mehr als doppelte Gewicht, dass die Stute nun trug, nicht zuviel. Vielleicht würde die Verfolgung länger dauern, und Rondira sollte sich nicht zu früh verausgaben. Aber die Geweihte kannte ihr Pferd und ging davon aus, dass der Schimmel ein weniger gutes Tier war.
Aufmerksam spähte Jurina nach vorne, ob sie nicht die andere Reiterin sehen oder hören konnte. Sie und Skasgej sprachen kaum miteinander. Schließlich kündete ein heller Streifen am Horizont davon, dass die Morgendämmerung nahte und mit zunehmendem Licht wurde klar, dass sie nun den Rand des Moores erreichten und vor ihnen freie Ebene lag. Und noch etwas zeichnete sich ab vor dem Horizont: eine große, etwas ungelenke Gestalt, die hinter einem Pferd herlief ...