7. Kapitel
Zwei Tage später verdichtete sich der Wald zusehends mehr. Der Weg – kaum mehr als ein Karrenpfad – war nur als solcher zu erkennen, weil er nicht mit Bäumen bewachsen war. Ausgeruht, wie sie waren, kamen die beiden Reiterinnen gut voran. Ihre Gespräche drehten sich um den nun kleinen Schneemann, der den Tag über einige Male zu sehen war, mal auf dem Boden aber auch häufig auf Ästen stehend, den Stier und sein Verhalten, die unbekannte Magierin und ob es Zusammenhänge gab, und wenn, welcher Art sie sein mochten.
Ihr Ziel war Wehrheim und von dort wollten sie der Reichsstraße weiter nach Süden folgen, Richtung Punin und Raschtullswall. Waren sie erst einmal auf der Reichsstraße nach Wehrheim, würden sie ihre Geschwindigkeit erhöhen können und je weiter nach Süden sie vordringen würden, um so wärmer würde es werden.
[EDIT Beginn] Die erste Nacht verbrachten sie an einem kleinen Wildbach, der so schnell floss, dass er nicht zugefroren war. Der Morgen dämmerte klar und kalt herauf, als Jurina und Delara an das Wasser traten, um sich zu waschen und ihre Wassersäcke zu füllen. Der Bach war sichtlich nicht tief, etwa einen halben Schritt nur und auch nicht besonders breit.
Jurina beugte sich, im Schnee kniend, vor, um mit dem eisigen Wasser ihr Gesicht zu benetzen, als plötzlich zwei Hände aus Wasser aus dem Bach hervorschossen, sie mit gewaltiger Kraft am Hals packten und hinab ins Wasser rissen.
Jurina gelang es gerade noch, etwas Luft zu holen, bevor sie auch schon bis zur Hüfte im Wasser verschwand. Einen Moment war sie orientierungslos über den plötzlichen Angriff und die fast betäubende Kälte des Wasser, aber fast sofort fing sie sich und wollte mit dem Oberkörper hochfahren, doch die Kraft, die sie hielt, ließ dies nicht zu. Starke Hände und Finger, die sie wie in einem Schraubstock hielten, umklammerten ihren Hals und hielten sie unter Wasser. Mit beiden Händen griff sie an ihren Hals, doch zu ihrem Erschrecken fühlte sie damit nichts außer ihrem eigenen Hals, der jedoch die fremden Hände eindeutig signalisierte!
Rasch drückte sie von daher beide Hände fest auf den kiesigen Grund des Wildbaches, um sich diesmal mit großen Krafteinsatz nach oben zu drücken, aber zu ihrem erneutem Entsetzen bewegte sie ihren Körper kaum einen Halbfinger damit. Mit einer Hand wischte sie vor sich durch das Wasser, um den Angreifer zu fühlen, um ihn packen zu können, doch außer dem von der Strömung dahin getragenem Wasser fühlte sie nichts.
Verzweifelt grub sie ihre Hände in den Grund und versuchte auch mit ihren Stiefeln am Ufer Halt zu finden. Ihre aufgerissenen Augen nahmen nichts außer dem durch den aufgewirbeltem Grund trüben Wasser war – es war auch kein Gegner zu sehen!
Noch einmal stieß sie sich mit viel Kraft ab während sie gleichzeitig Delaras kräftigen Griff um ihre Beine spürte.
Dieses Mal schafften sie es gemeinsam, dass sie Jurinas Körper etwas aus dem Wasser hob - doch nicht genügend, dass Jurina hätte nach Luft schnappen können.
Der Bach war nur etwa einen halben Schritt tief. In einem flachen Gewässer ertrinken?! Bei Rondra, nein! Was ein schmachvoller, unrondrianischer Tod!
Doch sie brauchte dringend Luft, ihre Lungen verlangten nach Luft! Jurina biss die Zähne zusammen, strengte sie all ihre Muskeln in einem erneutem Versuch an, sich aus dem eisernen Griff zu lösen. Wieder wurde ihr Körper zusammen mit Delaras Ruck etwas emporgehoben und wieder reichte es nicht. Bis zu ihren Schultern wurde sie dieses Mal herausgezogen, doch dann gab es einen kräftigen Gegenzug und sie und Delara konnten nicht mehr standhalten und ihr Körper wurde wieder hinab gezogen.
Vor Jurinas Augen begann es zu flimmern, doch sie unterdrückte das Verlangen, einzuatmen.
Noch einmal strengte sie sich an, doch wieder vergebens. Sie merkte, wie sie schwächer wurde, wie die Kräfte anfingen sie zu verlassen. Doch sie würde nicht aufgeben! Nicht sie, nicht unter solchen Umständen!
Die Lippen fest zusammengepresst, darauf bedacht, nicht einmal reflexartig einzuatmen, sammelte sie ihre letzten Kräfte voller Entschlossenheit und Kampfgeist. Aufgeben und sich ihrem Schicksal ergeben würde sie nicht, wie es sich einer Löwin der Donnernden geziemte! Noch einmal drückte sie sich hoch, während Delara wieder zog, doch wieder vergebens.
Sie hörte, wie Delara ihren Namen rief, zum wiederholten Male. Zu gerne würde sie antworten, erwidern, dass sie nicht aufgeben würde, doch das Flimmern vor ihren Augen, das Verlangen nach Luft und die Schwäche in ihren Gliedern wurde größer und größer.
Lange würde sie nicht mehr kämpfen und standhalten können ... Ein weiterer, deutlich schwächerer Versuch, sich hoch zu stemmen. Jurina merkte, wie ihre Beine unkontrolliert und ungezielt sich bewegten, krampfhaft nach einem Halt suchten, wie sie blindlings ihre Arme versuchte durchzustrecken ... doch vergebens.
Sie konnte kaum noch etwas sehen und hörte nur noch Brausen in ihren Ohren, wie laut doch die Strömung war ... ihre Bewegungen wurden langsamer, ohne dass sie es merkte ... Dann hörte sie Delaras Stimme, vermeinte den Namen ihrer beider Herrin zu vernehmen und mit einer gewaltigen Kraft, in einer einzigen, fließenden Bewegung wurde sie den so starken, unsichtbaren Händen, die sie mit aller Gewalt unter Wasser halten wollten, entrissen und flog mit viel Schwung auf das schneeige Ufer, wo sie, mit ihrem Kopf fast einen Schritt vom Bachlauf entfernt, heftig auf dem Bauch aufprallte, was ihr, hätte sie noch Luft in den Lungen gehabt, diese zweifelsohne heraus gepresst hätte. Delara kniete sogleich bei ihr, während Jurina nach Luft schnappte – endlich Luft! - und gleich darauf in einen Hustenanfall ausbrach. Delara klopfte ihr auf den Rücken, blickte dabei jedoch nach vorn zum Fluss.
Es dauerte mehrere Herzschläge, bis Jurinas Blickfeld sich klärte, sie sich der Luft zum atmen und des Atmens selber sicher sein konnte und sie den Kopf hob.
Der Wildbach floss weiterhin vor sich hin, sie konnte das Wasser hören, wie es das Bachbett entlang rauschte.
Noch einmal atmete sie tief ein, um zum sprechen anzusetzen, als plötzlich das Wasser sich veränderte, obwohl es weiter floss, schien es sich auch zu sammeln, zu formen und anzuheben.
Vor Jurinas und Delaras staunenden Augen – Delara sprang sofort auf, während Jurina es nur schaffte, sich auf ihre Unterarme zu stützen – erhob sich aus dem Wasser und aus dem Wasser bestehend eine annähernd humanoide Gestalt. Sie bewegte sich nicht, obwohl das Wasser, aus dem sie bestand, beständig floss innerhalb dieser Form. Genaue Konturen waren nicht zu erkennen, aber die Struktur der menschengroßen Gestalt war in seiner äußeren Form fest genug. Es schien, als blickte sie auf die beiden Geweihten herab, ehe sie sich, unten beginnend, wieder auflöste und der Wildbach nach wenigen Herzschlägen wieder wie zuvor da lag.
Delara half Jurina beim aufstehen und brachte sie zu ihrem Lagerplatz zurück. Sie schürte das Feuer, setzte Tee auf und entkleidete Jurina, massierte ihre Glieder, um die Blutzirkulation anzuregen.
„Was kann das gewesen sein?“ fragte Jurina mit rauer Stimme. „Was war das für ein Wesen? Ich spürte seine Hände, konnte aber mit den meinen nichts fühlen!“
„Ich bin mir nicht sicher“, erwiderte Delara nachdenklich, während sie die in Decken gewickelte Jurina massierte. „Es könnte vielleicht ein Wassergeist gewesen sein. Dem Äußeren nach könnte es so sein, aber ich habe noch nie davon gehört, dass ein Geist des Wasser jemanden angegriffen hätte! Vielleicht war es auch etwas anderes ...“ [EDIT Ende]
An diesem Tag brachen sie von daher mit Verspätung auf, doch auch ohne diese würden sie noch eine weitere Nacht hier im Wald nächtigen müssen, ehe sie auf die Reichsstraße stoßen würden. Kurz vor Einbruch der Dämmerung wurde der Wald noch dichter, die Bäume rückten rechts und links des Weges immer näher an ihn heran, als wollten sie ihn einengen. Zuerst fiel es Jurina und Delara nicht auf, sie machten die einsetzende Dunkelheit für die sinkende Temperatur verantwortlich und dachten sich nichts bei den vereinzelten knorrigen und verwachsen wirkenden Bäumen. Jurina meinte, ein leichtes Prickeln auf der Haut zu spüren und wickelte sich fester in ihren Mantel. Tiama und Rondira spitzten die Ohren und tänzelten leicht. Sie wirkten etwas nervös, was Jurina und Delara sich aufmerksam umblicken ließ, doch bemerkten sie nichts.
Der Schneemann stand auf einem Ast und blickte ihnen entgegen. Im Gegensatz zu seiner sonstigen Gewohnheit, freundlich zu lächeln, waren seine Mundwinkel diesmal deutlich nach unten gezogen und verliehen seinem Gesicht einen ungehaltenen und traurigen Ausdruck.
Jurina zügelte Rondira und blickte den Schneemann, der sich in etwa auf ihrer Augenhöhe befand, an. Wie immer sah der Schneemann unbeeindruckt zurück. Auch Delara betrachtete die kleine Gestalt. Sie schüttelte den Kopf. „Lass uns weiterreiten.“
Jurina zögerte einen Moment, dann gab sie Rondira wortlos einen leichten Schenkeldruck und setzte die Fuchsstute wieder in Bewegung.
Sie begannen, nach einem geeigneten Lagerplatz Ausschau zu halten. Dabei fiel ihnen auf, dass immer mehr Bäume verwachsen waren, ihre knorrigen Gestalten verliehen ihnen unheimliche Konturen. Das Prickeln bemerkte Jurina bald nicht mehr.
Sie wählte einen Lagerplatz aus, da sie darin mehr Erfahrung hatte. Der Schneemann war bereits da und erwartete sie wie jeden Abend. Womöglich wirkte er noch unzufriedener und trauriger als vorhin. Noch immer waren die Stuten ein wenig aufgeregt, doch waren sie in den letzten Minuten ein wenig ruhiger geworden.
Jurina betrachtete den Schneemann misstrauisch. Das Lager bauten sie auf wie ihre vorherigen Lagerplätze ebenfalls und zelebrierten dann das abendliche Gebet. Als sie sich wieder am Feuer niederließen, wanderten Jurinas Augen wieder zu dem Schneemann. „Ich traue ihm nicht“, meinte sie zu Delara. Sie stand auf und ging zu der Gestalt aus Schnee hinüber, ergriff sie und ging zurück zum Feuer. Sie hielt den kleinen Schneemann darüber und ließ ihn in die Flammen fallen.
Etwa drei Herzschläge lang geschah nichts, sie hätte meinen können, sie hätte ihn nicht ins Feuer fallen gelassen. Dann zischte es und innerhalb einiger weniger Herzschläge breitete sich unter dem Schneemann Schnee aus. Schnell erreichte er die Ränder des Feuers im Umfang, während er etwa knöchelhoch in die Höhe wuchs. Der Schneemann saß auf der Spitze des kleinen Hügels und wurde von ihm emporgetragen. Noch immer sah er traurig und ungehalten aus.
Sprachlos sahen Jurina und Delara auf ihr erloschenes Feuer, das nun unter dem Schnee begraben lag. Dann beugte Jurina sich vor, ergriff den Schneemann, holte aus und warf ihn zwischen die Bäume. Sie hörten den leichten Aufprall und da, wo das Geschoss Äste berührte, fiel Schnee herab. Jurina wandte sich Delara zu – und vor ihr stand der kleine Schneemann mit einem unzufriedenen Gesichtsausdruck.
Die Amazone schnaubte einmal, drehte ihm den Rücken zu und half Delara, ihr gesammeltes Holz etwas beiseite zu rücken, um eine erneute Feuerstelle zu schaffen und das Holz zu entzünden. Delara warf ihr einen Blick zu.
„Es tut mir leid“, entschuldigte sich Jurina. „Aber ich hätte nicht gedacht, dass er das Feuer löscht.“
Delara schüttelte den Kopf. „Vielleicht solltest du die Versuche nicht abends machen.“